01.11.2004

Die Postmoderne und der Krieg

Essay von Philip Hammond

Die visionslose Politik ist mindestens ebenso realitätsfremd wie die postmoderne Kritik.

Als 1991 der französische Philosoph Jean Baudrillard erklärte, der Golfkrieg habe nicht stattgefunden, waren sich viele Kritiker einig – das postmoderne Denken hatte sich endgültig ins geistige Abseits begeben. Inzwischen sind solche Interpretationen jedoch Mainstream geworden. Der stellvertretende britische Verteidigungsminister Robert Cooper nannte Großbritannien einen „postmodernen Staat“, der einen „postmodernen Imperialismus“ betreibt. Und in Parameters, der Zeitschrift des US-National War College, las man schon 2001: „Das Konzept des Postmodernismus, das sich von absoluten Werten verabschiedet hat, lässt sich mehr und mehr auch auf das Militär anwenden.“


Die Attentate vom 11. September 2001 lösten eine neue Diskussion über den Postmodernismus aus. In der New York Times schrieb Edward Rothstein am 22. September 2001, die Angriffe stellten den Postmodernismus in Frage, denn „diese Zerstörung ruft geradezu nach einer transzendentalen ethischen Perspektive“. Im Magazin Time war kurz danach zu lesen, die Ära der Ironie sei nun vorbei: „Suchen Sie nach etwas, das man noch ernst nehmen kann? Wie wäre es mit der Macht des Bösen?“ Doch war die Ironie wirklich am Ende? An amerikanischen Universitäten, so John Leo, der Herausgeber von US News and World Report, wurden die Attentate mit dem üblichen kulturellen Relativismus diskutiert, urteilsfrei und vor dem Hintergrund der postmodernen Überzeugung, dass es keine moralischen Normen oder Wahrheiten gebe, da sie allesamt von den Mächtigen konstruiert seien.
 

„Wie kam es dazu, dass eine vormals abseitige Kulturtheorie heute im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion steht?“



Auch der „Krieg gegen den Terror“ wurde häufig als postmoderner Krieg bezeichnet. Für den Linken Douglas Kellner war die Bombardierung Afghanistans 2001 „ein weiterer Schritt auf dem Weg zum postmodernen Krieg“, und Victor Davis Hanson schrieb in der konservativen Zeitschrift National Review, dass mit dem Krieg gegen den Irak 2003 der Krieg „endgültig postmodern geworden“ sei.
Wie kam es dazu, dass eine vormals abseitige Kulturtheorie heute im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion steht? Könnte es sein, dass diese Theorie die Wirklichkeit moderner Kriege treffend beschreibt?


1991 schrieb Baudrillard darüber, wie Saddam Husseins Gefährlichkeit groß geredet wurde: „...die Gefahr von chemischen Angriffen, eines blutigen Krieges, eines Weltkrieges – jeder hatte etwas beizutragen –, als sei es notwendig, uns zu erschrecken, um jeden im Zustand einer Angsterektion zu belassen, um nur nicht den Penis des Krieges abschlaffen und fallen zu sehen.“ Seine Beschreibung dieser „sinnlosen Masturbation“ scheint auf den letzten Krieg, auf die angeblichen Massenvernichtungswaffen und die vermeintlich überall lauernden Al-Qaida-Terroristen sogar noch besser zuzutreffen.
Baudrillard schrieb weiter, dass „der Krieg in allgemeiner Langeweile endete, oder schlimmer noch, im Gefühl, hintergangen worden zu sein“. Trifft das nicht sehr genau die Dossiers, die 2003 aufgeregt präsentiert wurden – und die seither wieder und wieder Lügen gestraft wurden?


Baudrillard bezeichnete den Irakkonflikt von 1991 als „Nicht-Krieg“, als Krieg, der nie begann und dessen Ausgang von vornherein feststand. „Wir hätten Verdacht schöpfen müssen, als die Kriegserklärung ausblieb – der symbolische Übergang zum Handeln. Hierdurch zeichnete sich bereits das Verschwinden des Kriegsendes ab, dann verschwand die Unterscheidung zwischen Siegern und Besiegten (der Sieger wird rasch zur Geisel der Besiegten…).“ Im jüngsten Irakkrieg war der Sieg noch fadenscheiniger. Präsident Bush erklärte zwar am 1. Mai 2003 das „Ende größerer Kriegshandlungen“, aber für viele bezeichnete der Fall von Saddams Statue am 9. April den Endpunkt. Diese symbolische Aktion wurde vor einem Hotel, in dem Journalisten untergebracht waren, sorgfältig in Szene gesetzt. Nur ein Jahr danach mussten die Koalitionstruppen eingestehen, dass sie die Kontrolle über einige Teile des Landes verloren hatten. Der Sieg hatte nur im Fernsehen stattgefunden.


War Baudrillard also mit seinen Essays über den Golfkrieg von 1991 einem neuen Phänomen auf der Spur? Der Ausdruck „postmodern“ wird häufig sehr unpräzise verwendet. Oft bedeutet er nicht viel mehr, als dass sich heute die Dinge anders verhalten als früher. Versucht man dem Phänomen auf den Grund zu kommen, stößt man rasch darauf, dass die wichtigsten Veränderungen, auf die die Postmodernisten verweisen, sich im Bereich der Politik vollzogen haben.


Meist wird Baudrillards Analyse des Golfkriegs von 1991 auf zwei Punkte reduziert: Erstens, dass die technische wie militärische Überlegenheit der USA zu einer derart einseitigen Auseinandersetzung führte, dass es kein Krieg im herkömmlichen Sinne war; und zweitens, dass die Informations- und Bildflut nicht die Wirklichkeit des Krieges abgebildet habe, sondern ein Medienspektakel gewesen sei, in dem sich das Tatsächliche vom Virtuellen nicht mehr unterscheiden ließ.


Douglas Kellner versuchte, Baudrillards Thesen weiter auszuführen. Für ihn war der Golfkrieg von 1991 aus drei Gründen postmodern: Erstens wurde die Kriegsbegeisterung in den USA mit sorgfältig produzierten spektakulären Bildern geschürt – mit Bildern, die an Spezialeffekte von Hollywoodfilmen oder an Videospiele erinnerten. Zweitens bekamen wir vor allem Hightech-Bilder zu sehen – digitale Bilder von Zielapparaten, die an Videospiele erinnerten. Hierdurch wurde die Grenze zwischen Handeln und Zuschauen verwischt. Drittens war der Konflikt eine Art von Cyberkrieg, in dem die USA all ihren neusten Techniken vorführten, um zu beweisen, wie überlegen sie seien.
 

„Der Marxismus hatte sich als der wahre Erbe der Aufklärung verstanden, als der Wahrer von Vernunft, Fortschritt und Befreiung. Die Postmodernisten lehnten diese Werte ab. Für sie waren sie kompromittiert, da mit der Macht verschwistert.“



Trotz des viel benutzten Wortes „Cyber“ klingt alles das doch wie ein moderner Krieg mit neueren Waffen. Und in Kellners Beschreibung zeigt sich auch, dass die Unterscheidung zwischen dem, was tatsächlich geschieht, und dem, was wir sehen, noch voll und ganz intakt ist. Der Krieg ist kein Videospiel; der Krieg im Fernsehen sieht nur so aus.


In seinem 1997 erschienen Buch Postmodern War bezeichnet Chris Hables Gray den postmodernen Krieg als „widersprüchlich“ und „paradox“. Zwar sind die Waffen tödlicher als je zuvor – sie könnten die Erde zerstören –, aber eben das macht ihren Einsatz unmöglich. Krieg nimmt deswegen weiterhin Formen an wie die eines „Konflikts mit niedriger Intensität“, eines kalten Krieges und so weiter. In Anlehnung an Baudrillard schreibt er: „Heute wirkt die Abschreckung besonders effektiv als Selbst-Abschreckung ... einer tiefgreifenden Selbst-Abschreckung amerikanischer und westlicher Macht im Allgemeinen, die, von ihrer eigenen Stärke gelähmt, nicht dazu in der Lage ist, sie in Gewalt umzusetzen.“ Hier gibt es jedoch einen bedeutenden Unterschied zu Baudrillard, für den die Lähmung des Westens nicht, wie Gray schreibt, sich vom Militärischen herleitet, sondern von der Verunsicherung im politischen Bereich.
Das Wesen des postmodernen Krieges lässt sich besser begreifen, denkt man an Jean-Francois Lyotards Diktum: „Postmodernismus definiere ich als den Unglauben an alle Meta-Erzählungen.“ Möglicherweise erklärt sich die Eigenart von Kriegen heute tatsächlich aus dem Fehlen solcher Meta-Erzählungen.


Lyotards Definition des Postmodernismus drückt die ironische Haltung gegen alle politischen und moralischen Werte aus. Lyotards Unglaube richtete sich anfangs gegen das Versprechen der Freiheit, wie es die „große Erzählung“ des Marxismus verkörperte: „Die Vernunft regiert bereits im Kapital. Wir wollen das Kapital nicht vernichten, weil es vernünftig ist, sondern weil es ist. Vernunft und Macht sind identisch ... der Sozialismus, das ist inzwischen allen klar, ist identisch mit dem Kapitalismus. Alle Kritik überwindet ihn nicht, sie stärkt ihn nur.“


Der Marxismus hatte sich als der wahre Erbe der Aufklärung verstanden, als der Wahrer von Vernunft, Fortschritt und Befreiung. Die Postmodernisten lehnten diese Werte ab. Für sie waren sie kompromittiert, da mit der Macht verschwistert. Dem schließt sich auch Baudrillard an. Die Desillusionierung, die sich daraus ergibt, lässt als einzige Möglichkeit die ironische postmoderne Haltung zu, die alles, was sie umgibt, als bloße Bilder abtut. Baudrillard empfiehlt: „Man muss der Wahrscheinlichkeit jedes Bildes, jeder Information widerstehen. Seid virtueller als die Ereignisse selbst, versucht nicht, die Wahrheit wieder herzustellen – uns fehlen die Mittel dazu; aber lasst euch nicht hereinlegen…“


Wenn die Mittel fehlen, die Wahrheit zu ermitteln, kann die Haltung des ‚Sich-nicht-hereinlegen-Lassens’ nur bedeuten, nichts mehr zu glauben. Während des Golfkrieges von 1991 konnte Baudrillard keine große Erzählung ausmachen, die die Vorherrschaft des Westens hätte in Frage stellen können. In seinen Essays finden sich zahlreiche Verweise auf den Niedergang des arabischen Nationalismus, die Eindämmung des radikalen Islamismus, den Zusammenbruch des Kommunismus und die Niederlage der algerischen Unabhängigkeitsbewegung der 50er-Jahre.


In The ‚Death of the Subject’ explained hat James Heartfield nachgezeichnet, wie der Algerienkrieg zum formativen Erlebnis des postmodernen Denkens wurde. Im Frankreich der 50er-Jahre traten sowohl Konservative als auch Linke im Namen der Aufklärung für die Niederschlagung der algerischen Unabhängigkeitsbewegung ein. Für Denker wie Lyotard und Baudrillard bedeutet dies, dass der Humanismus der Aufklärung faul war. Als Lyotard 1979 das Credo der Postmodernisten formulierte – den Unglauben an Meta-Erzählungen –, war dies noch die Ansicht einer sehr kleinen Minderheit. Mit dem Ende des Staatssozialismus Ende der 80er-Jahre erhielt es etwas Auftrieb, aber selbst 1991 waren Baudrillards Ansichten zum Golfkrieg für die meisten kompletter Unfug – waren denn nicht zehntausende Iraker getötet worden?


Es bleibt die Frage, warum der Postmodernismus, der doch als Kritik der „großen Erzählung“ Marxismus begann, Konservativen heute so großes Bauchgrimmen bereitet. Gerade in den USA wurde viel darüber diskutiert, ob der 11. September ein Ende des ironischen Zynismus der Intellektuellen herbeiführen könne. Um die Zusammenhänge hier zu verstehen, müssen wir zu einem anderen Krieg zurückgehen – dem Vietnamkrieg.


Die Reaktion der US-amerikanischen Linken auf den Vietnamkrieg ähnelte der französischen Reaktion auf den Algerienkrieg. „Der Vietnamkrieg war ein hochmoderner Krieg, der zeigte, wie falsch und verfehlt das Projekt der Moderne war“, schrieb Douglas Kellner. Für ihn zeigte der Vietnamkrieg auf, wie „begrenzt das moderne Paradigma war, demzufolge die Natur und andere Menschen durch die Anwendung von Wissenschaft, Technik und kybernetischen Kontrollsystemen beherrscht werden können“.


Als Reaktion auf den Vietnamkrieg wurden Werte der Aufklärung wie der Glaube an die Vernunft und den Fortschritt immer weiter zurückgedrängt, was sich in der Umweltbewegung, die ebenfalls in den USA entstand, ausdrückte. Nach dem Vietnamkrieg begannen die „Kulturkriege“. Der Chefredakteur von Sp!ked, Mick Hume, beschrieb die Entwicklung wie folgt: „Die gesamte Vergangenheit der Nation wurde in Frage gestellt, da sie eine Geschichte des Rassismus und Kolonialismus ist… Diese hart ausgetragenen Kulturkriege zerstörten alte Gewissheiten darüber, was wahr, was gerecht, was amerikanisch ist. Ohne innenpolitischen Konsens in Wertfragen wurde es dann zunehmend schwieriger, Amerikas Politik nach außen zu rechtfertigen.“


Es war nicht allein die militärische Niederlage; das Vietnam-Syndrom besteht vielmehr darin, dass die USA eine moralische Niederlage erlitten. Nach dem Vietnamkrieg verloren die USA ihre Vision der Zukunft, große Projekte wurden nicht mehr angegangen, stattdessen wurde die Gegenwart verwaltet.
 

„Die westlichen Eliten haben keine Meta-Erzählung, die ihnen erlaubt zu formulieren, was sie mit ihrer Macht anfangen wollen. Ohne eine große Erzählung wird der Krieg bedeutungslos, leer, ein bloßes Bild.“



Diese Entwicklungen verschärften sich noch mit dem Ende des Kalten Krieges. Zwar schien es anfangs, als könne dessen Ende dazu dienen, das Vietnam-Syndrom zu überwinden, da der Kapitalismus nun ohne Systemkonkurrenz und die USA ohne militärische Konkurrenz dastanden. Bald zeigte sich jedoch, dass die USA nun zwar ihre Interessen militärisch mit weniger Rücksicht verfolgen konnten, gleichzeitig aber auch der Grund dafür, militärisch zu handeln, abhanden gekommen war.


Im Moment seines Sieges verlor der Westen auch seinen ideologischen Zusammenhalt. Innenpolitisch geriet die rechte Wirtschafts- und Sozialpolitik der 80er-Jahre aus dem Tritt, da ihr die Linke als Gegner nun fehlte. Außenpolitisch zeichnete sich bald Ähnliches ab. In der Zeit nach dem Kalten Krieg werden militärische Eingriffe von labilen „Koalitionen der Willigen“ durchgeführt und nicht mehr von einem festen Block unter Führung der USA.


In dem Maße, in dem der Verlust von Vision und Zusammenhalt es schwierig macht, nach außen hin nationale Interessen zu vertreten, nimmt in den Eliten die Versuchung zu, diesem Zerfall mit dem Mittel des Krieges Einhalt zu gebieten. Ein Krieg, so hoffte man beim Golfkrieg von 1991, könnte dem westlichen Lager wieder eine Mission und damit Zusammenhalt geben und gleichzeitig innenpolitisch die Bevölkerung gegen einen äußeren Feind zusammenschweißen. Dies gelang jedoch bestenfalls kurzfristig. Kaum hatte George Bush sr. die „Neue Weltordnung“ ausgerufen, da merkten schon zahlreiche Kritiker an, es sähe eher nach einer neuen Weltunordnung aus.


Der Westen verfügt zwar über den mächtigsten Militärapparat aller Zeiten, aber die Eliten haben keine Meta-Erzählung, die ihnen erlaubt zu formulieren, was sie mit dieser Macht anfangen wollen. Baudrillard hat auf diesen Punkt immer wieder hingewiesen: „Im Unterschied zu früheren Kriegen, die politische Ziele wie Eroberung oder Vorherrschaft hatten, dreht sich dieser Krieg um den Krieg – seinen Status, seine Bedeutung, seine Zukunft. Er gehorcht keinem Ziel als dem, sich seine Existenz selbst zu beweisen… Seine Glaubwürdigkeit hat er größtenteils verloren.“


Ohne eine große Erzählung, die dem Krieg Sinn verleiht, kann ein Krieg auch keine Begeisterung auslösen. Der Krieg wird bedeutungslos, leer, ein bloßes Bild. Baudrillard merkt an, dass der Krieg „nicht mehr vom politischen Willen des Herrschenwollens ausgeht, keine vitalen Interessen vertritt, nicht Gewalt ist, die sich aus Gegensätzen entlädt. Statt ein Mittel zu sein, das klaren politischen Zielen oder Interessen dient, ist der ‚Nicht-Krieg’ die ‚Abwesenheit von Politik, umgesetzt mit anderen Mitteln’.“


Die Abwesenheit eines politischen Ziels führt zu Erscheinungen, die oft mit dem postmodernen Krieg in Zusammenhang gebracht werden – den intelligenten Waffen, der Medieninszenierung. Die Propaganda des Westens betont immer wieder, dass menschliche, intelligente Waffen eingesetzt werden, um „Kollateralschäden“ zu vermeiden. Wichtiger aber noch ist, dass möglichst eigene Verluste vermieden werden. Baudrillard merkte 1991 an, die amerikanischen Soldaten seien im Irak sicherer als in den USA – anteilig stürben weniger Soldaten im Irak als Amerikaner in den USA in Folge von Verkehrsunfällen.
 

„Konservative in den USA prügeln gerne auf die postmodernen Relativisten an den amerikanischen Universitäten ein. Die Schärfe ihrer Attacken zeigt aber vor allem, dass sie selbst keine klare Vision haben, kein politisches Projekt, das die Menschen begeistern könnte“



Die Angst vor einem „neuen Vietnam“ taucht überall auf, wo US-Truppen im Einsatz sind. Colin Powell erklärte mit Bezug auf Somalia, von wo man sich 1994, nachdem 18 Soldaten getötet worden waren, zurückgezogen hatte, die Öffentlichkeit sei „bereit, Opfer hinzunehmen“, aber nur dann, „wenn sie weiß, dass es aus gutem Grund geschieht, für eine Sache, die man begreifen kann – für eine Sache, die etwas mit unseren eigenen Interessen zu tun hat“. Da so eine Sache, ein solcher Grund heute fehlt, wird peinlich darauf geachtet, eigene Opfer zu vermeiden.


Auch George W. Bush hat versucht, mit dem Irakkrieg das Vietnam-Syndrom zu überwinden. Sein ehemaliger Berater Richard Perle sagte: „Wenn wir nur unsere Vision in die Welt tragen, wenn wir ganz dazu stehen, und wenn wir nicht versuchen, diplomatisch geschickt zu sein, sondern einfach auf den totalen Krieg setzen, dann werden unsere Kinder einst lange Lieder über uns singen.“ Es fragt sich, was die Vision hinter Perles „Just do it“-Politik ist. Sicher verbinden einige der Neo-Konservativen im Weißen Haus damit eine Art von Vision, aber kaum jemand außer ihnen hat sie verstanden oder scheint sie zu teilen.


Konservative in den USA prügeln gerne auf die postmodernen Relativisten an den amerikanischen Universitäten ein. Die Schärfe ihrer Attacken zeigt aber vor allem, dass sie selbst keine klare Vision haben, kein politisches Projekt, das die Menschen begeistern könnte. Die Postmodernisten überschätzen andererseits regelmäßig die Kohärenz der Elite mit ihren vermeintlich absoluten Werten und Sicherheiten. Tony Blair erklärte am 5. April dieses Jahres: „Es ist die beste Verteidigung unserer Sicherheit, wenn wir unsere Werte exportieren… Wir können diese Werte aber nur dann verbreiten, wenn es in einem Rahmen geschieht, der ihre Universalität anerkennt.“ Das deutet schon darauf hin, dass es weniger darum geht, westliche Werte in alle Welt zu tragen, sondern im Westen selbst den Glauben an diese Werte zu festigen.


Auch dem Terrorismus fehlt heute die große Erzählung. In der Vergangenheit war Terror politische Gewalt, die sich mit konkreten Zielen oder Forderungen verband. Heute werden Terroranschläge von nur lose zusammenhängenden Gruppen mit vagen Zielen ausgeführt – es geht um das Image, nicht um politische Ziele. Die Angriffe vom 11. September auf symbolische Ziele in den USA waren postmoderne Terroranschläge – mangels politischen Inhalts wird der symbolische Akt, wird das Bild zum Selbstzweck.


Die Reaktion des Westens sah ähnlich aus: Man versuchte, ein Bild entschlossenen Handelns zu malen. Die US-Spezialeinheiten, die im Oktober 2001 in Kandahar landeten, waren in erster Linie Schauspieler. Der Einsatz hatte kaum militärischen Sinn, da, wie Seymour Hersh im New Yorker berichtete, zuvor schon Pioniere das Terrain gesichert hatten. Ziel der Operation war, die Soldaten beim Einsatz zu filmen, um den Medien Material zu liefern. Ähnlich verhielt es sich mit der „Rettung“ der Soldatin Jessica Lynch im Irak, einem durch und durch inszenierten Einsatz.


Der amerikanische Vormarsch im Irak zeichnete sich vor allem durch die zahlreichen Bilder von zerstörten Saddam-Statuen und übermalten Saddam-Bildern aus. Auch diese Bilder entstanden nicht zufällig; sie wurden inszeniert, um die Befreiung des Landes symbolisch in Szene zu setzen. Ein Iraker sagte kürzlich der BBC: „Das einzige, das sich seither wirklich verändert hat, sind die Bilder. Die Saddam-Bilder sind weg.“


Die Fixierung auf die Bilder geht leicht nach hinten los. Bush ließ sich als Co-Pilot in einem Kampfjet filmen und stolzierte in Armeekluft über das Deck eines Flugzeugträgers (die Aufnahmen dafür kosteten etwa eine Million Dollar). Hinter den Bildern geriet die tatsächliche Lage aus dem Blick.


Dass die Bilder zu schön waren, um wahr zu sein, fiel vielen bald auf. Rasch war in den Medien zu lesen, dass hier Hollywood Regie führt, um so Bushs Chancen auf die Wiederwahl zu erhöhen. Politiker werfen in solchen Fällen den Medien gerne Zynismus vor; das eigentliche Problem sind jedoch die hohlen Bilder, die sie uns liefern. Nach dem 11. September beauftragte die US-Regierung die Werberin Charlotte Beers damit, der Marke „Amerikanische Außenpolitik“ ein neues Image zu verschaffen. Dies scheiterte, weil die Kampagne die Gründe dafür, warum die USA in der islamischen Welt nicht gut angesehen sind, ignorierte, mehr aber noch, weil nicht klar war, was diese Marke eigentlich ausmachen sollte – es fehlten die grundlegenden Werte.
 

„Vielleicht haben die postmodernen Ironiker die Beziehung zur Wirklichkeit verloren, die politische und militärische Elite steht aber keinen Deut fester auf dem Boden der Realität.“



Und auch nach dem 11. September sprachen die Tatsachen nicht für sich. Einige Beobachter hatten gehofft, dass die Anschläge endgültig der postmodernen Haltung, derzufolge „nichts echt ist“, den Wind aus den Segeln nehmen würden. Das war nicht der Fall. Bush und auch Tony Blair mussten wiederholt beteuern, man stände einer echten Bedrohung gegenüber, im Irak gebe es tatsächlich Massenvernichtungswaffen. Diese wiederholten Behauptungen klangen von Anfang an hohl und haben sich mittlerweile als leer herausgestellt.


Das amerikanische Militär ging sogar so weit, sich von Filmregisseuren beraten zu lassen, wie mit der Bedrohung durch den Terror umzugehen sei. Das Institute for Creative Technologies (ICT) erhielt 45 Millionen Dollar, um mit Kreativen aus der Unterhaltungsbranche unkonventionelle Ideen zu entwickeln. Die ICT beschäftigt sich mit Computer- und anderen Simulationen, die dann im Film, in Spielen, Erlebnisparks, der IT-Branche – oder eben beim Militär – zur Anwendung kommen. Dass die politische Elite diese Firma bat, ihr Ideen zu liefern, zeigt, wie sehr es ihr an jeder Orientierung gebricht. Vielleicht haben die postmodernen Ironiker die Beziehung zur Wirklichkeit verloren, die politische und militärische Elite steht aber keinen Deut fester auf dem Boden der Realität.


Ideologische Symbolik, die einst ihren festen Platz hatte, sorgt heute im Westen für nervöses Hufescharren. So sah man, wie nach der Eroberung der Stadt Umm Qasr die US-Flagge gehisst – und wie sie kurz darauf wieder eingeholt wurde. Dies geschah, weil die Verantwortlichen befürchteten, der symbolische Akt könne zu Ressentiments führen.


In Großbritannien wurde lange diskutiert, ob eine Siegesparade abgehalten werden solle oder auch ein spezieller Gottesdienst. Schließlich einigte man sich auf einen „multi-religiösen Gedenkgottesdienst“ in St. Paul’s, um so auszudrücken, dass man „anderen Traditionen, anderen Erfahrungen und Glaubensrichtungen gegenüber aufgeschlossen“ sei. Gedacht wurde gleichermaßen der irakischen wie der britischen Toten. Der Dekan von St. Paul’s erklärte: „Ich denke nicht, dass wir in der Welt, in der wir heute leben, einen nationalen Gottesdienst abhalten dürfen.“


Wie sehr es den Eliten an Selbstvertrauen mangelt, zeigt sich in ihrer Unfähigkeit, einen Sieg zu feiern. Der kulturelle Relativismus geht heute nicht so sehr von einigen postmodernen Intellektuellen aus. Gerade die Führer der „Koalition der Willigen“ waren es, die immer wieder ihren großen Respekt vor dem Islam beschworen. Präsident Bush besuchte nach dem 11. September eine Moschee, Tony Blair behauptete, er würde den Koran lesen, und Silvio Berlusconi musste sich öffentlich entschuldigen, nachdem er gesagt hatte, die westliche Zivilisation sei dem Islam überlegen. In seinem neuen Statement beteuerte Berlusconi, der Islam sei eine großartige Religion, der er jeden nur möglichen Respekt entgegenbringe.


Auch die Militärs haben diese Veränderungen bemerkt. Die Zeitschrift der US-Armee Parameters merkte dazu an: „...dem Militär fehlt heute ein gemeinsamer interpretativer Rahmen mit der Öffentlichkeit. Daraus folgt, dass postmoderne und gegen Institutionen gerichtete kulturelle Verschiebungen der öffentlichen Meinung und Haltung militärische Institutionen mit ihrem absoluten Ethos zunehmend entwerten“ („The Future of Army Professionalism: A Need for Renewal and Redefinition“, Herbst 2000). In einem anderen Artikel in Parameters wurde das „Fehlen absoluter Werte“ im Militär mit einer Reihe von Anekdoten illustriert:
 

  • 1997 stellte die Armee einen Berater ein, der empfahl, die „männliche“ Kultur des Militärs in eine „geschlechtslose Kultur“ umzuwandeln.
  • 1999 erkannte die Militärseelsorge der US-Armee den neuheidnischen Wicca-Kult offiziell als Religion an. Über 40 „Hexen“, männliche wie weibliche Soldaten, feierten darauf in Fort Hood, Texas, ihren Frühlingsritus.
  • Die American Federation of Government Employees reichte eine Beschwerde ein, nachdem ein Geschwaderführer einem männlichen Angestellten befohlen hatte, sich umzuziehen. Der Mann hatte Kleid, BH und Make-up getragen.



Nachdem Flugzeugcrews in Afghanistan beleidigende Sprüche auf Bomben geschrieben hatten, wurde angeordnet, dass in Zukunft nur noch „positive Botschaften“ erlaubt seien. Eine Armee, die Verständnis für fremde Kulturen hat, die nicht männlich ist, cross-dressing und den Wiccakult respektiert und nur positive Botschaften auf Bomben schreibt, die sie dann abwirft, um den Feind aus großer, sicherer Entfernung zu töten, wird zum Symbol für den ideologischen Wirrwarr, der im Westen vorherrscht.


Mit Baudrillard könnte man zu dem Schluss kommen, dass der „Krieg gegen den Terror“ kein richtiger Krieg ist und dass er nie gewonnen werden wird. Christopher Coker schreibt in „The United States and the ethics of post-modern war“: „...postmoderne Gesellschaften sind niemals am Sieg, sondern immer nur an Sicherheit interessiert. Sie wollen nicht das Gute erreichen, sondern nur das Schlimmste abwenden. Entsprechend werden sie von Risiken und Bedrohungen heimgesucht.“ Der Kollaps der großen Erzählungen macht aus dem Krieg Risikomanagement und erhöht dadurch zugleich das Gefühl, verletzlich und bedroht zu sein. Da die Gesellschaft durch keine Vision, kein zukunftsweisendes Projekt zusammengehalten wird, verliert der Krieg jeden Sinn – wird aber gleichzeitig immer wahrscheinlicher, da die Eliten hoffen, durch dieses letzte Mittel ließen sich doch wieder gemeinsame, verbindende Werte entdecken.