01.11.2004

Die Ölkrisenmacher

Analyse von Joe Kaplinsky

Teuer ist nicht das Öl, sondern unsere Zukunftsangst.

Warum steigen die Ölpreise? Glaubt man dem Präsidenten der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), Purnomo Yusigiantoro, ist der Auslöser keine Ölknappheit: „Die OPEC liefert mehr, als nachgefragt wird, doch die Ölpreise sind zu hoch…. Das ist kein Problem von Angebot und Nachfrage. Hier spielen fundamentalere Faktoren eine Rolle.“[1]


Er hat zweifellos Recht, denn das Problem liegt darin, dass sich die Märkte durch die Krisen im Irak, in Venezuela, Russland, Nigeria und anderenorts verunsichern lassen. Das hat mit mangelnder Ölförderung nichts zu tun. Und wenn die tatsächlichen Risiken weitaus geringer sind als befürchtet – warum lassen sich die Märkte dann so stark verunsichern?


Zunächst einmal ist festzuhalten, dass sich der Ölpreis, anders als die Schlagzeilen suggerieren, nicht auf historischem Höchststand befindet. Diese Alarmmeldungen lassen durchweg die Inflation außer Betracht – was nicht gerechtfertigt ist, wenn man sinnvolle Vergleiche anstellen will. Rekordpreise auf dem Ölmarkt waren eine Folge der beginnenden Revolution im Iran: im Jahre 1981 lag der Durchschnittspreis für einen Barrel Öl bei 31,77 US-Dollar, was heute etwa 60 US-Dollars entspricht. Der Höchstpreis im Februar 1981 lag bei 39 US-Dollar oder 73,50 US-Dollar nach heutigem Stand. Das ist bedeutend mehr, als wir heute für Öl zahlen.

„Die entwickelte Welt ist heute weniger abhängig von Energieexporten als früher, weniger abhängig vom Öl und weniger abhängig vom Nahen Osten als Erdöllieferant.“

Die Ölpreise sind zurzeit trotzdem hoch und reflektieren generelle Unsicherheit in Hinblick auf die Energieversorgung. Die unmittelbarste Sorge betrifft die Instabilität in Mittleren Osten, speziell im Irak. Es herrscht allgemeine Übereinstimmung darüber, dass die Abhängigkeit von Ölimporten aus dem Mittleren Osten ein großes Problem sei: US-Präsident George W. Bush wie auch sein demokratischer Rivale John Kerry streben die Unabhängigkeit Amerikas von ausländischen Energiequellen an.


Die Sorge um die Stabilität im Nahen Osten ist Teil einer umfassenderen Unsicherheit um die Energieversorgung in einer von Energieimporten abhängigen Welt. Doch muss eine Welt, in der Abhängigkeiten größer sind, nicht zwangsläufig riskanter sein. Außerdem trifft zumindest in Bezug auf die Energieversorgung ohnehin rein faktisch das Gegenteil zu. Die entwickelte Welt ist heute weniger abhängig von Energieexporten als früher, weniger abhängig vom Öl und weniger abhängig vom Nahen Osten als Erdöllieferant.


Seit Beginn der Industrialisierung hat der für weiteres Wirtschaftswachstum erforderliche Energieverbrauch in den Industriestaaten kontinuierlich abgenommen. So ist die Energieintensität (Energie pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts) in den USA seit ihrem Höchststand im Jahre 1920 bis 2000 um 40 Prozent gesunken.[2] Durch Steigerung der Effizienz fiel der Anteil des US-amerikanischen BIP, der für Energie ausgegeben wurde, von 13,7 Prozent im Jahre 1981 auf 7,2 Prozent im Jahre 2001.[3]


Außerdem gewinnen wir mittlerweile einen größeren Energieanteil aus anderen Quellen. Die größten Wachstumsraten gab es beim Erdgas (dessen Quellen überschneiden sich zwar mit denen von Öl, sind aber nicht identisch) und bei der Atomkraft.



Weltweite Energieversorgung (in Prozent)

                                                                                               

  1973 2001
Öl 45,1 35,0
Gas 16,2 21,2
Kohle 24,8 23,3
Atomkraft 0,9 6,9
Sonstige 13,0 13,6

Quelle: International Energy Agency: „Key World Energy Statistics“, S. 6 (http://library.iea.org)


Noch deutlicher ist diese Veränderung in den der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zugehörigen Staaten:


Energieversorgung in der OECD (in Prozent)

                                                                                               

  1973 2001
Öl 53,1 40,8
Gas 18,8 21,3
Kohle 22,4 20,8
Atomkraft 1,3 11,2
Sonstige 4,4 6,0

Quelle: International Energy Agency: „Key World Energy Statistics“, S. 7 (http://library.iea.org)


Zudem ist die Abhängigkeit von Öl aus dem Mittleren Osten von 36,9 Prozent im Jahre 1973 auf 28,5 Prozent im Jahre 2002 zurückgegangen. Zwar hat die Abhängigkeit der USA von Ölimporten zugenommen, jedoch nicht der aus instabilen Regionen. So sind die Erdölimporte aus Afrika, Südamerika und Asien geringfügig gewachsen; den höchsten Anstieg verzeichneten aber die Importe aus anderen OECD-Ländern. Insbesondere wuchs in diesem Zeitraum der Anteil von Öl aus der Nordsee und aus Kanada von 23,7 auf 28,4 Prozent.

„Die Ölpreise werden heute nicht durch reale Probleme in die Höhe getrieben, sondern durch die unablässige Antizipation von Krisen.“


Regionale Verteilung der Rohölförderung

                                                                                               

  1973 2002
Naher Osten 36,9 28,5
OECD 23,7 28,4
Ehem. UdSSR 15,0 13,1
Afrika 10,0 10,6
Südamerika 8,6 9,5

Quelle: International Energy Agency: „Key World Energy Statistics“, S. 12 (http://library.iea.org)


Die Langzeitbetrachtung liefert demnach wenig Hinweise für eine Zunahme der Risiken der Ölbevorratung. Tatsächlich werden die Vorteile der Globalisierung und Entwicklung oft ignoriert, die Nachteile dagegen ständig übertrieben. Die Ölpreise werden heute nicht durch reale Probleme in die Höhe getrieben, sondern durch die unablässige Antizipation von Krisen.


Das Referendum im Zuge der Wiederwahl von Präsident Hugo Chavez in Venezuela ist ein bezeichnendes Beispiel. Im Vorfeld des Referendums wurde die Gefahr von Unruhen und einer Unterbrechung der venezolanischen Öllieferungen in den Mittelpunkt einer aufgeregten Berichterstattung gestellt. Doch selbst als das Referendum einen friedlichen Verlauf genommen hatte, erholten sich die Preise kaum. Es scheint, als seien tatsächliche Ereignisse weniger wert als angstgetriebene Negativerwartungen.

„Ein Hurrikan im Golf von Mexiko, ein Feuer in einer Raffinerie, Unruhen in Nigeria – wer weiß, was nächste Woche als Erklärung für höhere Preise herhalten muss?“

Die rechtlichen Probleme der russischen Ölfirma Yukos sind ein weiteres Thema, das Anlass zu wilden Spekulationen und überzogenen Ängsten bietet. Worin auch immer die persönlichen Auseinandersetzungen zwischen dem russischen Präsidenten Vladimir Putin und dem ehemaligen Yukos-Vorstand Michail Khodorkowsky bestehen mögen: Die Wahrscheinlichkeit, das Russland seine Ölexporte stoppen könnte, geht gegen Null.


Sogar im Irak, wo der Krieg tatsächlich für eine Unterbrechung der Ölexporte gesorgt hatte, ist fraglich, ob die Risiken so hoch sind wie vermutet. Die größte Pipeline des Irak wurde zwar längst wieder repariert, blieb jedoch seit dem 9. August aus Furcht vor weiteren Angriffen geschlossen. Mit einer Kapazität von 1,5 Millionen Barrel pro Tag könnte allein diese 48-Zoll-Pipeline über ein Prozent des globalen Ölbedarfs decken.


In einem derart von Unsicherheit geprägten Klima kann bald jedes Phänomen als Begründung für höhere Preise herangezogen werden: ein Hurrikan im Golf von Mexiko, ein Feuer in einer Raffinerie, Unruhen in Nigeria – wer weiß, was nächste Woche als Erklärung herhalten muss. Das Resultat ist eine finanzielle Blase auf dem Ölmarkt, die zwar möglicherweise eine Weile anhalten, ebenso schnell aber auch wieder platzen kann.


Die Bedingungen, die das Entstehen solcher Finanzblasen wahrscheinlicher werden lassen, sind hausgemacht. Seit die New Yorker Handelsbörse 1983 mit dem Handel von Rohöl-Futures begann, wurden die Energiemärkte zunehmend finanzbasiert. Die Ölkontrakte belegen, dass für jeden Dollar, der heute für Öl ausgegeben wird, Mittelsmänner immer mehr Dollars in den Derivatenhandel und in Versicherungen investieren. Typisch ist der Fall Enron, wo im Zuge immer komplexerer finanzieller Transaktionen Betrug florieren konnte. Die Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass die Energiepreise stärker von den Finanzmärkten als von der Energieerzeugung abhängen, wodurch mehr Spielraum für Preisschwankungen und Finanzblasen entsteht.


Für die wachsende Finanzabhängigkeit gibt es zwei vorrangige Gründe[4]: Zum einen ist es heute einfacher, an den Finanzmärkten als in die Produktion und in Dienstleistungen zu investieren, da diese zunehmend reguliert und als riskant eingestuft werden. Zum anderen gelten Investitionen in Finanzderivate als gute Form des Risikomanagements. Schließt man zum Beispiel Verträge über Futures ab, kann man sich für einen geringen Aufschlag den Vorteil langfristig konstanter Preise sichern – wodurch weitere Finanzrisiken eliminiert werden. Andere Kontrakttypen fungieren gewissermaßen als komplex strukturierte Versicherungen.


Die Konsequenzen sind unterschiedlich. Einerseits ist die Verfügbarkeit verschiedener Optionen und Futures für viele Unternehmen ein Vorteil, da sie damit Absicherungen gegen unerwartete Preis- oder Nachfrageschwankungen erwerben können. Das damit verbundene Entstehen von Finanzblasen bewirkt jedoch andererseits, dass die Ölindustrie und ölproduzierende Staaten enorme Einnahmeschwankungen einkalkulieren müssen. Wer in jedem Fall immer profitiert, ob die Preise nun steigen oder fallen, sind die Zwischenhändler an den Finanzmärkten. Und das erhöht wiederum den Anreiz, finanziellen Aktivitäten größere Bedeutung beizumessen als dem eigentlichen Energiegeschäft.


Der Einschnitt, den die Ölhändler dabei hinnehmen müssen, ist effektiv eine Umverteilung von Ressourcen aus anderen Wirtschaftssektoren in das Risikomanagement und in die Versicherungsbranche. Angetrieben wird dieser wirtschaftliche Prozess durch die weit verbreitete Skepsis gegenüber den Folgen der Globalisierung, die ständig deren Risiken und Negativaspekte hervorhebt. Je mehr dieser Trend zur Risikowirtschaft sich institutionalisiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass echte Wachstumschancen übersehen werden.