01.09.2006

Die Geister, die Campina rief

Essay von Thomas Deichmann

Wie es Gentechnikgegner immer wieder schaffen, ihre Kontrahenten mit haltlosen Kampagnen weich zu kochen.

Knapp zwei Jahre lang stand der Milchgigant Theo Müller im Zentrum einer inhaltlich mehr als fragwürdigen Kampagne von Greenpeace. Reizthemen waren und sind gentechnisch veränderte Futtermittel, die dem Hamburger Verein nicht schmecken, aber auf den internationalen Agrarmärkten längst Standard sind. Theo Müller ließ sich von Greenpeace nicht ins Bockshorn jagen. Statt auf Konsens zu ökologistischen Weltanschauungsfragen setzte er auf Wissenschaft und Markteffizienz – und auf seine Anwälte, die den Verein mit einstweiligen Verfügungen überzogen. Greenpeace musste reichlich Federn lassen, riskierte gar die Aberkennung der Gemeinnützigkeit und verlor erst vor wenigen Wochen die erste Instanz im gerichtlichen Klageverfahren der Müller-Gruppe. Deren Molkereiprodukte dürfen nun nicht mehr als „Gen-Milch“ verunglimpft werden. Greenpeace ist in Berufung gegangen, die Entscheidung im Hauptsacheverfahren steht folglich noch aus. Doch die Widerspenstigkeit des Familienunternehmens aus Aretsried war den Hamburger Kampagnenprofis alsbald ein Dorn im Auge. So machte man sich schon im vergangenen Jahr auf die Suche nach einem besser geeigneten „Sparringspartner“. Mit dem niederländischen Unternehmen Campina, dessen Landliebe-Produkte sich hierzulande großer Beliebtheit erfreuen, hat man nun offenbar einen kampagnentauglichen Ersatz gefunden.

„Campina ließ sich von Greenpeace weit mehr gefallen als der Müller-Konzern und übernahm zusehends die Rolle des vermeintlichen Übeltäters.“

Im Sommer 2005 kam dieser Rollenwechsel langsam in Gang. Bei einer Protestaktion am 23.8.05 stellten Greenpeace-Aktivisten erstmals eine „Kuh-Attrappe“ auf das Feld eines Campina beliefernden Landwirts im brandenburgischen Seelow. Er hatte im Rahmen eines wissenschaftlich begleiteten Versuchsanbaus Mais mit einer gentechnisch erzeugten Schädlingsresistenz kultiviert (Bt-Mais). Greenpeace beklagte, „Müllermilch und Landliebe/Campina“ würden den Anbau „genmanipulierter Pflanzen“ fördern, da sie Milch von „Gen-Milchbauern“ bezögen. „Auch Landliebe/Campina wollen Gen-Pflanzen bei der Milchherstellung nicht ausschließen“, hieß es. Wenige Tage später, am 5.9.05, protestierte Greenpeace nun direkt vor der Campina-Firmenzentrale in Heilbronn und forderte eine öffentliche Distanzierung vom „Gen-Mais-Anbau“ sowie ein GVO-Anbauverbot für Campina-Vertragslandwirte. Am 12.11.05 schlossen sich neue Proteste mit ähnlichem Inhalt in Supermärkten an.
Campina ließ sich von Greenpeace offenbar weit mehr gefallen als der Müller-Konzern und übernahm zusehends die Rolle des vermeintlichen Übeltäters. Im Rahmen der Aktion im November 2005 wurde von Greenpeace nun auch die Nutzung von handelsüblichem und weit verbreitetem GV-Sojafutter in der Milchproduktionskette kritisiert. Campina wurde vorgeworfen, für „die rasante Umweltzerstörung und den erhöhten Einsatz von giftigen Spritzmitteln“ in Südamerika mitverantwortlich zu sein.

Öffentliche Reaktionen des Unternehmens gegen derlei Anschuldigungen waren nicht zu vernehmen. Eine undatierte Pressemeldung zu den Greenpeace-Vorwürfen wurde an Journalisten nur nach expliziter Nachfrage verteilt, und einzelne Verbraucher, die um Aufklärung baten, wurden mit persönlichen Schreiben beruhigt. Der von den Vertragslandwirten angebaute GV-Mais diene nur Versuchszwecken und würde nicht an Milchkühe verfüttert, wurde erklärt. Aber Greenpeace ließ nicht locker – auch dann nicht, als der Bt-Mais Ende 2005 schließlich vom Bundessortenamt seine vollständige Sortenzulassung für den unbegrenzten Vertrieb und Anbau in Deutschland erhielt. Seither gibt es keinerlei Auflagen mehr für seine Nutzung als Futtermittel. Die schon vor der Sortenzulassung grundlos suggerierte Unterstellung, Campina-Landwirte in Brandenburg hätten gegen geltende Regeln verstoßen, verlor damit endgültig jegliche Basis.

Offenbar verspürte Greenpeace trotzdem immer mehr Gefallen an der Intensivierung der Kampagne gegen Campina. Denn der Konzern zeigte Nerven und war offenbar außerstande oder nicht willens dagegenzuhalten. So wurden im Frühjahr 2006 die Zügel noch straffer gezogen. Im Februar verschickte eine Greenpeace-Ortsgruppe zunächst Briefe an Schulen und Kindergärten in Nordrhein-Westfalen mit altbekannt haltlosen Angstmeldungen über vermeintliche Risiken der Biotechnologie und der Aufforderung, den Schutzbefohlenen im Hause nicht mehr länger „Milch- bzw. Milchprodukte von Campina“ anzubieten. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU), der von dieser Aktion Wind bekam, beklagte in einem Schreiben, „dass mit der genannten Kampagne Tatsachen verzerrt und Ängste geschürt“ würden. Aber Greenpeace ließ sich nicht beirren. Die Kampagne gegen das Unternehmen, das immer noch stillhielt, kam jetzt erst richtig in Fahrt.
Am 3.3.06 protestierten zahlreiche Aktivisten in 41 Städten und in „über 130 Supermärkten gegen Gen-Futter bei Landliebe“. Begleitend wurden Analyseergebnisse eines Labors, das bei Campina-Milchlieferanten GV-Futter festgestellt hatte, als Skandalmeldung publiziert. Am 4.4.06 drangen Greenpeace-Aktivisten schließlich (offenbar zum zweiten Mal) bei einem Campina-Milchlieferanten bei Neutrebbin im brandenburgischen Oderbruch ein. Ziel war erneut die Entnahme einer Futterprobe in den Milchviehstallungen des Bauern. Ein Schnelltest in den Stallungen ergab wie erwartet einen positiven Befund für die Existenz zugelassener GV-Futtermittel. Greenpeace bauschte dies in typischer Manier zu einer Sensation auf. Durchgeführt wurde der Schnelltest von Martin Hofstetter, der erst seit kurzem als Greenpeace-Mitarbeiter fungierte. Zuvor war er an der Universität Kassel am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften tätig gewesen, der gemeinhin als Nachwuchsschmiede für die deutsche Ökologisten-Szene bekannt ist. Das Testergebnis wurde als Bestätigung der Futterprobe vom Frühjahr präsentiert, und das Ergebnis samt Prüfbericht der Firma GeneScan Analytics GmbH in Freiburg im Internet publiziert.Mit dieser Aktion zeigten die Hamburger Kampagnenprofis nicht nur, dass sie ihr Geschäft mit der Verunsicherung und mit der Angst der Verbraucher verstehen. Sie machten sich auch ihren Einfluss in den Medien zunutze. So wurde die Aktion gut vorbereitet, um Campina möglichst hart zu treffen. Greenpeace nahm hierfür sogar Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruch und Diebstahl in Kauf. Die Stallbegehung in den frühen Morgenstunden wurde nämlich für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins gefilmt – mit von der Partie war auch ein Team der Monitor-Redaktion des WDR. In der von Greenpeace verbreiteten Meldung mit Bildern der Probeentnahme wurde Campina vorgeworfen, „Verbraucher zu täuschen“. Das Unternehmen sei unglaubwürdig, bis die „Milchlieferungen von Gen-Bauern eingestellt“ würden, hieß es weiter.
Zwei Tage später wurde zur besten ARD-Sendezeit der Beitrag der Monitor-Redaktion ausgestrahlt. Die Greenpeace-Kampagne erreichte damit erstmals ein Massenpublikum. Von der Heilbronner Campina-Zentrale gab es jedoch wieder keine Stellungnahme. So folgte am 28.6.06 die nächste Attacke: Greenpeace bemängelte nun auf einmal die Fettsäurezusammensetzungen diverser Milchprodukte und platzierte Campina „auf den hinteren Rängen“.

Es scheint, dass diese Aktionen im Frühjahr 2006 die Verantwortlichen bei Campina zum Einlenken bewegt haben. Die jüngsten Unternehmensmeldungen deuten jedenfalls darauf hin, dass sich die Geschäftsführung in den Niederlanden entschlossen hat, vor der PR-Maschine von Greenpeace zu kapitulieren und weiterreichende Forderungen von Nicht-Regierungs-Organisationen (NROs) zu akzeptieren, um aus deren Fadenkreuz zu kommen. In zwei Pressemeldungen vom 12.7.06 kündigte Campina an, man gedenke, die Milchproduktion in den kommenden Monaten umzustellen.[1] Einerseits geht es dem Unternehmen darum, die Fettsäurezusammensetzung der hauseigenen Premiumprodukte, die Greenpeace bemängelt hatte, zu verbessern und laut Justinus Sanders, Vorsitzender der Campina-Hauptgeschäftsführung in der Agrarzeitung Agra-Europe vom 17.7.06, eine „Revolution“ im „Milchglas der Verbraucher“ auszulösen. Zu diesem Zweck soll ab Frühjahr 2007 ein neues Viehfutter eingesetzt und der Weidegang der Milchkühe erhöht werden.
Die Revolutionsankündigung wirkt allerdings vorgeschoben. Zeitgleich ist von Campina nämlich angekündigt worden, schrittweise ein neues Qualitätssiegel „Grüne Soja“ einzuführen. Hierfür hat Campina eine Vereinbarung mit dem WWF und zwei weiteren niederländischen Nicht-Regierungs-Organisationen (Solidarität und Stiftung Natur & Umwelt) getroffen. Um einen Beitrag zum Schutz des tropischen Regenwaldes zu leisten, soll mit sofortigem Implementierungsbeginn schrittweise bis 2011 die Molkereiproduktion in Deutschland, Belgien und in den Niederlanden vollständig auf den Einsatz von Sojafutter aus „kontrolliertem Anbau“ in Südamerika umgestellt werden.
Aus dem Hause Campina heißt es zwar ausdrücklich, der Einsatz von GV-Futtermitteln solle auch zukünftig nicht ausgeschlossen werden. Bei näherem Hinschauen wird man jedoch eines Besseren belehrt – was das Gesamtbild wieder abrundet, denn es erscheint illusorisch, dass sich die Organisationen, mit denen Campina wegen des Grüne-Soja-Siegels kooperiert oder „im Dialog“ steht (zu Letzteren zählt laut Agra-Europe vom 17.7.06 auch Greenpeace) auf etwas anderes als einen GV-Futterverzicht einlassen werden.

Dass der Zug nun in Richtung „Gentechnikfreiheit“ fährt, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass in der Vereinbarung mit den niederländischen NROs bereits weitgehend die einseitig alarmistische Risikorhetorik der globalen Gentechnikgegner übernommen wurde. So heißt es, man sei sich mit den Partnerorganisationen nicht nur darin einig, den tropischen Regenwald schützen zu wollen. Darüber hinaus sei explizit auch der GV-Sojaanbau abzulehnen, wenn sich negative Nebeneffekte wie die Gefährdung der Biodiversität, ein erhöhter Pestizideinsatz oder eine Abhängigkeit der Kleinbauern von großen GV-Saatgutherstellern zeigen.
Dass ein Gentechnikverzicht für Brasilien zukunftsweisend ist, erscheint jedoch geradezu absurd. Offenbar werden hier politische und soziale Probleme auf Technologien projiziert. Der Schutz des Regenwaldes ist ein Ziel, dem sich verstärkt die brasilianische Regierung und neuerdings auch westliche Unternehmen verschrieben haben. Vor allem geht es darum, illegale Brandrodungen, die es in Brasilien schon lange gibt, in den Griff zu bekommen. Diese Herausforderung kann man jedoch nicht meistern, wenn moderne Agrartechnologien verboten werden.
Was den Schutz von Kleinbauern in Entwicklungsländern angeht, zeigt sich im globalen Maßstab sogar, dass sie von den modernen Biotechnologien erheblich profitieren können, weshalb sie (wie auch in Brasilien) GV-Sorten, die der Markt bietet und die niemandem aufgezwungen werden, mitunter stark nachfragen. Weltweit handelte es sich 2005 bei 60 Prozent aller angebauten Sojapflanzen um GV-Sorten. Allein in Brasilien ist ihr Anbau seit dem Jahr 2004 um 4,4 Mio. auf 9,4 Mio. Hektar explodiert, nachdem die GVO-Kultivierung legalisiert worden war. Aber auch zuvor gab es in Brasilien bereits groß flächigen, illegalen Anbau von GV-Soja – betrieben nicht zuletzt von vielen Kleinbauern, die das vorteilhafte Saatgut aus Argentinien und Paraguay über die Grenzen schmuggelten, um ebenfalls davon profitieren zu können. Die Existenz brasilianischer Kleinbauern zu sichern und faire Bedingungen im Landbau herzustellen, ist ein hehres Ziel, das sich gewiss nicht über Technologieverbote regeln lässt. Oder wollen Campina und der WWF brasilianischen Landwirten in Zukunft verbieten, auf GV-Sorten zurückzugreifen?

„Erwägt Campina nun, sich mit einer Positionierung gegen die Gentechnik im Schlepptau von Greenpeace und anderen NROs kurzzeitige Vorteile im hart umkämpften Markt für Molkereiprodukte zu sichern?“

Mehrere unabhängige Studien über den Anbau von Soja mit gentechnisch erzeugten Herbizidresistenzen haben zudem ergeben, dass bei ihrer Kultivierung die Biodiversität auf dem Ackerland in der Tendenz eher ansteigt, weil als Folge der neuen Technologien die Ausbringung ökologisch bedenklicher selektiver Pflanzenschutzmittel zum Teil erheblich reduziert werden kann. Von Gentechnikgegnern wird dies notorisch bestritten und fundiertes Wissen dazu ignoriert. Es bleibt abzuwarten, welche Sicht sich in der neuen Campina-NRO-Allianz durchsetzen wird.
Unglaubhaft erscheint die präsentierte Anti-GVO-Stoßrichtung auch deshalb, weil sich der Schutz des Amazonas wohl ganz generell besser dadurch erreichen lässt, wenn die globalen Ackerflächen zur Versorgung mit Futter- und Lebensmitteln intensiver und effektiver genutzt werden als bisher. Die Förderung und Anwendung neuer Technologien im Landbau sind deshalb auch unter dem Gesichtspunkt des Umweltschutzes von Vorteil.
Anders formuliert: Wer eine Verknappung des Angebots eiweißreicher Futterstoffe auf dem Weltmarkt vermeiden und dadurch auch den Rodungsdruck auf den tropischen Regenwald vermindern möchte, sollte nicht gegen moderne Biotechnologien Position beziehen, sondern gegen den Beibehalt konventioneller, ertragsärmerer Agrarsysteme oder gar die Umstellung auf „Ökolandbau“, der keine besseren Produkte hervorbringt, aber einen deutlich höheren Flächenverbrauch hat.

Mit derlei schwammigen Formulierungen im Handgepäck dürfte es Campina zukünftig kaum mehr gelingen, eine balancierte Position zur grünen Gentechnik aufrechtzuerhalten. Doch es ist zu fragen, ob dies überhaupt gewünscht ist oder ob man derzeit nicht viel eher erwägt, sich mit einer Positionierung gegen die Gentechnik im Schlepptau von Greenpeace und anderen NROs kurzzeitige Vorteile im hart umkämpften Markt für Molkereiprodukte zu sichern. Für letztere Option spricht, dass in den so genannten „Basel-Kriterien“, auf dessen Einhaltung sich Campina in der Vereinbarung mit den niederländischen NROs ausdrücklich verpflichtete, im Abschnitt über „Technical Management“ nachzulesen ist, dass „gentechnisch veränderte Materialien“ nicht den „Basel-Kriterien“ und damit folglich auch nicht dem Siegel „grüne Soja“ genügen.[2]
Zweifel ob der neuen Zielrichtung der Campina-Unternehmenspolitik zerstreute ein Telefonat mit der Pressestelle im niederländischen Zaltbommel. Mit befremdlich wirkendem missionarischem Eifer wurde verkündet, offenbar die ganze Welt vor den „Exzessen von gentechnisch veränderten Organismen“ retten zu wollen. Durch die folgende Ankündigung, Campina wolle eine „Bewegung“ in Gang setzen und andere Unternehmen „unter Druck setzen“, sich ihr anzuschließen, fühlte man sich an die oben zitierte Revolutionsverheißung von Justinus Sanders erinnert. Man darf gespannt sein, wie die anderen „global players“ der Molkereibranche auf derlei Aussagen reagieren.

Campina versuchte im Schwitzkasten gentechnikfeindlicher NROs mit dieser Initiative allem Anschein nach die Flucht nach vorne. Dabei war zu erwarten, dass das Unternehmen nicht aus dem Kreuzfeuer genommen, sondern dass Kampagnen wie die von Greenpeace weitergehen und als logische Fortsetzung des angekündigten Verzichts auf GV-Soja alsbald auch wieder der Bt-Mais auf die Tagesordnung kommen würde. So ging das Kampagnenspiel in Deutschland schon kurz vor der Ankündigung von Campina in den Niederlanden, auf NRO-Forderungen einzugehen, in die nächste Runde. Am 1.7.06 kennzeichneten Greenpeace-Aktivisten „Landliebe-Produkte wegen der Verwendung von Gen-Futter“ in über 100 Supermärkten in 33 deutschen Städten mit dem Hinweis „Gentechnik – Hände weg“ – eine Aktion, die dem Hamburger Verein im Rahmen der Kampagne gegen Müller-Milch angelastet worden waren. Am 9.8.06 wurde dann erneut ein Campina-Milchlieferant im brandenburgischen Wölsickendorf drangsaliert. Auch dieser Landwirt hatte regulär zugelassenen Bt-Mais kultiviert. Etwa 15 GP-Aktivisten machten sich über seinen Acker her, um Pflanzenteile zu entwenden, die tags darauf bei Campina in Heilbronn, in Mülltonnen verpackt, vor der Firmenzentrale abgeladen werden sollten. Die Aktion wurde jedoch von der Polizei beendet und das Diebesgut sichergestellt, der Landwirt hat Anzeige gestellt. Davon unbeeindruckt kamen Aktivisten in der Nacht zum 10.8.06 wieder, entwendeten Maispflanzen und vollendeten damit ihr Werk. So wird es nun wohl eine ganze Weile weitergehen.

Campina hat sich unterm Strich eindeutig gegen die Gentechnik positioniert. Mit der neuen Dialogbereitschaft gegenüber WWF und Greenpeace, vor der die deutschen Molkereiverbände Deutscher Raiffeisenverband (DRV) und der Milchindustrieverband (MIV) seit Jahr und Tag mit gutem Grund warnen, wurden zudem die zumeist rein spekulativen Kritikerpositionen weiter aufgewertet. Campina steht jetzt folglich unter noch größerem Zugzwang, NRO-Forderungen nach dem Verzicht moderner Technologien zu erfüllen. Es bleibt abzuwarten, wie die hierdurch zwangsläufig entstehenden Mehrkosten bei der Herstellung hauseigener Molkereiprodukte kompensiert werden, und ob oder wie lange die Verbraucher bereit sind, hierfür tiefer in die Tasche zu greifen. Erfahrungsgemäß ist der Preis für Massenmilchwaren ein ganz entscheidendes Kriterium für ihren Markterfolg.

Greenpeace hingegen kann dieses Spiel nur zum eigenen Vorteil gereichen: Tanzt Campina nach der Pfeife der Hamburger Kampagnenchefs, lässt sich dies gut als Erfolgsstory verkaufen, die Menschheit, oder zumindest die Landliebe-Konsumenten, wieder einmal vor der Apokalypse gerettet zu haben. Besteht Campina hingegen doch auf autonomen Unternehmensentscheidungen ohne Gentechnikverbote, kann Hamburg umso wirksamer das „David-gegen-Goliath-Spiel“ aufleben lassen und Campina wahlweise als Verbrauchertäuscher, Umweltzerstörer oder Agent der GV-Saatgutmultis an den Pranger stellen. Wer einmal die vermeintliche moralische Autorität solcher NROs anerkannt und ihre Vertreter an den runden Tisch gebeten hat, wird diese Geister nämlich nur schwer wieder los – auch wenn es um ganz andere Themen geht. So ist ein weiterer Dorn im Auge einiger NROs die hohe Milchleistung, die auf Höchstertrag gezüchtete Kühe (auch bei Campina-Landwirten) heutzutage bringen müssen, um nicht frühzeitig auf der Schlachtbank zu landen. Diese enormen Ertragssteigerungen sind ein weiterer Fortschritt für die Landwirtschaft und die Lebensmittelproduktion. Doch auch hieraus kann leicht ein neues Kampagnenthema kreiert werden, um angezählte Unternehmen unter Druck zu setzen.

Dass die Anpassung an fortschrittsfeindliche NRO-Weltanschauungen, die weder wissenschaftlich noch wirtschaftlich fundiert sind, gewaltig nach hinten losgehen kann, zeigte sich schon früher. So geriet ein deutscher Geflügelspezialist vor einigen Jahren in ganz ähnliche Schwierigkeiten wie jetzt Campina, nachdem er sich im naiven Glauben, eine vernünftige Einigung erzielen zu können, auf einen „Dialog“ mit Kampagnenprofis eingelassen hatte. Mit nahezu erpresserischen Verhandlungsmethoden und breiter Meinungsmache wurde dem Unternehmen, obwohl es seinerzeit führend im Bereich der Bio-Putenherstellung war, Druck gemacht, einen Teil der Produktion auf „extensive“ Bodenhaltung umzustellen und auf GV-Futter zu verzichten. Parallel zu einer hitzigen Kampagnenschlacht wurden fast 20 Einbrüche in Ställen von Geflügelbauern gezählt. Zudem wurden Ergebnisse von Probeentnahmen, die keiner wissenschaftlichen Prüfung standgehalten hätten, in Umlauf gebracht, und die beklagten Produkte wurden in Supermärkten mit Warnhinweisen beklebt. Das Unternehmen ging schließlich in die Knie, ließ sich auf die Umstellung der Geflügelhaltung ein und verpulverte im wahrsten Sinne des Wortes rund eine Million Euro. Die Widersacher konnten dies als Erfolg feiern, und ihre Positionen wurden im öffentlichen Bewusstsein gestärkt. Das betriebswirtschaftliche Ergebnis war allerdings, dass die verteuerten Puten kaum mehr Absatz fanden. So musste die Produktionsumstellung nach einem Jahr wieder rückgängig gemacht werden. Kein NRO-Hahn krähte mehr danach, weil längst neue Angriffsziele gefunden worden waren und der Spendenrubel weiter rollte. Man darf gespannt sein, welche Erfahrungen Campina in den nächsten Monaten ins Haus stehen.