01.11.2000

Die Feigheit der Partydödel

Jugendlichkeit ist kein Programm. Von Ingo Schramm

Beim Flanieren durch die Shopping Malls unserer begüterten Welt ist es leicht, sich mit den Scheuklappen des Konsumfetischisten ausgestattet zu der Behauptung zu versteigen, es gäbe längst schon kein Elend mehr, wer vom Leiden redet, der sei ein Ewiggestriger. Die Halbblindheit vieler der alimentierten jugendlichen Hoffnungsträger, die mit dem notwendigen Mangel an Erfahrung noch zu entschuldigen wäre, wird von den Fürsprechern der neuen, globalen Unordnung zur einzig wahren Avantgardehaltung hochstilisiert und für zukunftsverbindlich erklärt.
Ein mit Jugend noch entschuldbarer Egozentrismus wird, einmal zur Mode gemacht, zur unentschuldbaren, juvenilen Marotte. ”Ich bin Ich”, das ist die tautologische Denkstruktur eines Subjekts, das sich um der Illusion von Freiheit willen eilfertig noch einmal zu dem Objekt macht, das es als Tauschware auf dem Arbeits- und Konsumentenmarkt längst schon ist. Sein Solipsismus verhindert nicht nur echte Selbsterkenntnis, sondern ebenso die Entwicklung der Fähigkeit, den Clochard neben dem Juweliergeschäft als Zeitgenossen wahrzunehmen.


Das Gerede vom ”Ende der Arbeitsgesellschaft”, vom ”postindustriellen Zeitalter” und dem Anbrechen eines wissenszentrierten Paradieses der ewigen Lernbereitschaft (sprich: ewigen Jugend) verrät nur die Engstirnigkeit der Theoretiker. Zwar wird allgemein anerkannt, dass die Wirtschaft sich globalisiert, dabei wird aber in erster Linie über die Globalisierung der Profitmöglichkeiten nachgedacht. Ungesehen bleibt: Die offenbare Entindustrialisierung der westlichen Welt (keineswegs so flächendeckend, wie die Propaganda weismachen will) ist Folge einer globalen Umorganisation der alten Industriegesellschaft, ermöglicht durch moderne Kommunikations- und Verkehrsmittel. Die Arbeiter verschwinden tendenziell nur in den reichen Ländern, sie verschwinden nicht aus der Wirtschaft (ganz abgesehen vom neuen IT-Proletariat und der Industrialisierung der Wissensproduktion). Die Turnschuhe, mit denen die hiesige Jugend durch ihre Dauerparty tänzelt, werden irgendwo in Südostasien oder in Lateinamerika hergestellt, und das oft unter Arbeitsbedingungen, die es tatsächlich gerechtfertigt erscheinen lassen, unsere neue Wirtschaftsordnung als einen globalen Manchesterkapitalismus zu bezeichnen.


Die zum Nonplusultra erklärte Tellerrandweltsicht der Popmoderne will – und kann – davon nichts wissen. Fit for fun ist der hiesige Mainstream, was seine Weltkenntnis betrifft, bedauernswert sehbehindert. Es gehört inzwischen ein geradezu wahnwitziger Mut dazu, auf die ins Transnationale exportierten Fährnisse des Kapitalismus hinzuweisen. Weil, wer hier lebt, immer schon auf der Seite der Gewinner steht, muss Kritik notwendig zur Selbstkritik werden. Der Kritiker handelt sich damit den Ruf des ”Nestbeschmutzers” ein. Insofern die juvenile Viertelerkenntnis, hier sei doch alles Prima-Klima, marketingtechnisch zur letzten Weisheit verklärt wird, erscheint der Kritiker im Blick der auf ewigjung gelifteten Gesellschaft immer auch als nörgelnder Tattergreis, der es einfach nicht mehr lernen will.
Durch die Projizierung des Geflechts der Widersprüche auf die eindimensionale Zeitachse scheint die Zusammenschrumpfung der komplexen Problemlage des neuen Kapitalismus zum bloßen Generationskonflikt endgültig gelungen. Wer kritisiert, der führt – so die Botschaft – den Dolchstoß gegen die eigenen Kinder aus. Das einzige wirklich Jugendliche an dieser Argumentationsregression ist die Frechheit, mit der sie betrieben wird.


So gesehen ist die totale Affirmation des Konsumenten-D-Day, wie sie zum Beispiel von Teilen der neuesten Popliteratur zelebriert wird, ein Ausdruck der Feigheit ihrer Protagonisten. Entweder sind sie tatsächlich unfähig, jenseits des eigenen Kleiderbügels, den sie möglicherweise mit Rückgrat verwechseln, überhaupt noch etwas wahrzunehmen, oder sie wissen, was sie tun und beweisen damit ihren tiefen Zynismus.
Es geht nicht darum, der Jugend den Spaß zu verderben. Soll sie feiern! Es geht darum, endlich wieder den Mut zum Erwachsensein aufzubringen und jenseits irgendwelcher überflüssiger Generationsscharmützel mit pragmatischer Nüchternheit die Welt zu sehen, wie sie ist. Slavoj Zizek plädierte in seiner Rede zur Verleihung des Forschungspreises von Nordrhein-Westfahlen dafür, die ”großen, naiven Fragen” wieder zu stellen. Zu dieser Naivität scheint der offiziell hofierte Teil der Youngster, denen Jugendlichkeit als Programm genügt, nicht in der Lage.
Naivität im besseren Sinn ist ein Vorzug, den nur erwachsene Menschen entwickeln können. Durch ihre Erfahrung sind sie befähigt, notwendige von überflüssigen Kämpfen zu unterscheiden. Erst wenn diese wieder den Mut finden, sich zu ihrer Erfahrung zu bekennen – ohne mit falscher Besserwisserei das echte Innovationsvermögen der Jugend zu beschneiden –, kann es gelingen, die wirklich drängenden Zukunftsfragen zu formulieren und zu beantworten.