01.01.1999

Desinformation der Medien führte zur Intervention in Bosnien

Von George Kenney

George Kenney war in der Jugoslawien-Abteilung des State Department tätig, als die ITN-Aufnahmen aus Trnopolje erstmals ausgestrahlt wurden und beschreibt deren Einfluss auf die amerikanische Außenpolitik.

Im Drama der Ereignisse in Bosnien, die die westliche Öffentlichkeit so beunruhigen, haben gelegentliche Stürme unsere diffuse Wahrnehmung des Geschehens zu Bildern geprägt: Der Fall von Srebrenica, die Marktplatz-Massaker in Sarajevo, Bilder ausgemergelter Männer und Frauen, die hoffnungslos hinter Stacheldraht stehen. In diesen Augenblicken moralischer Empörung wurden viele bis heute unbelegte Anschuldigungen geboren, die die westliche Außenpolitik aber dennoch in völlig neue Richtungen lenkten. War es unvermeidlich, dass der Westen militärisch im bosnischen Bürgerkrieg eingriff, gegen die Serben Partei ergriff und dann das Land besetzte? Ich bezweifle das. War es richtig? Nein, da sorgfältige, objektive Nachuntersuchungen entscheidender Medienereignisse fehlten, und höchst fragwürdige Motive hinter einer aalglatten Desinformation außerordentliche Wirkung entfalteten.

Der erste Wendepunkt, der direkt zur Entsendung westlicher Truppen führte, traf mit der Ausstrahlung von Bildern von Holocaust-Qualität durch den britischen Fernsehsender ITN zusammen, die sich als Darstellung eines Konzentrationslagers im serbischen Flüchtlings-Sammellager in Trnopolje im August 1992 ausgaben. Nun hat Thomas Deichmann entdeckt, dass ITN diese Bilder fabrizierte. Aber warum?

Um diese Frage zu beantworten, muss man die Atmosphäre in Washington im Juli/August 1992 betrachten. Beginnend mit seinen Artikeln vom 19. Juli über serbische Gefangenenlager in Manjaca und Omarska veröffentlichte der Newsday-Reporter Roy Gutman eine Reihe von Berichten. Sie beruhten – was er seinerzeit in einem kleinen Hinweis anerkannte – ausschließlich auf Berichten aus zweiter und dritter Hand, also nicht auf direkter persönlicher Kenntnisnahme, und kulminierten in seiner zwischen dem 2. und 5. August mehrfach veröffentlichten Anschuldigung, die bosnischen Serben unterhielten nazi-artige (seine Worte) Todeslager für nicht-serbische Kriegsgefangene.

Als ehemaliger Chef der Jugoslawien-Abteilung im State Department kannte ich diese Storys, bevor sie veröffentlicht wurden, weil Gutman mit dem damaligen amerikanischen Generalkonsul in Zagreb Kontakt aufgenommen hatte, um US-Beamte über seine Mutmaßungen zu unterrichten und um Hilfe bei der Überprüfung seiner Entdeckungen zu erbitten. Insbesondere wollte er durch amerikanische Spionagesatelliten feststellen lassen, ob ein "Todeslager" in Betrieb sei. Niemand nahm diese Anfrage sonderlich ernst, aber ich wusste, dass solche Berichte einen "public relations"-Sturm auslösen könnten. Also bemühte ich mich, die höchsten Ebenen der Leitung des State Department, einschließlich des Büros seines stellvertretenden Direktors Eagleburger, über Gutmans Arbeit auf dem laufenden zu halten. Ich glaube allerdings nicht, dass die Leitung des State Department ihr viel – oder ausreichend – Aufmerksamkeit schenkte, bis Gutmans Bericht schließlich an die Öffentlichkeit gelangte.

Ich war unter anderem dafür zuständig, Informationen für die Presse vorzubereiten. In der Hauptsache ging es darum, die Sprecherin des State Department, Margaret Tutwiler, für ihre tägliche Pressekonferenz am Mittag vorzubereiten. Tutwiler, die engste Vertraute des State Department-Direktors Howard Baker und inoffiziell zweitwichtigste Persönlichkeit des Department, war der Ansicht, die USA hätten wesentlich mehr tun sollen, um den Bürgerkrieg in Bosnien zu beenden oder mindestens zu mäßigen. In dieser Auffassung stand sie unter den führenden Beamten des Department allein und machte ständig auf die schlimmsten Aspekte des Krieges aufmerksam, in der Hoffnung, die Regierung zu stärkerem Eingreifen zu bewegen, wobei der ausschlaggebende Grund in Bakers Furcht vor schlechter Presse gelegen haben wird.

Auf meine Anregung hin hatte sie Mitte Mai schon den Begriff "ethnische Säuberung" benutzt, um die Aktionen der Serben zu beschreiben, wodurch diese Neuschöpfung Eingang in den Wortschatz fand. Häufiger Gebrauch dieser Art Schauersprache ließ in der Presse in einer Art Pawlow-Reflex das Verlangen nach immer schockierenderen Gräuelberichten entstehen.

Am Dienstag, den 4. August, sollte der stellvertretende Sekretär für Europaangelegenheiten, Tom Niles, eine routinemäßige Aussage vor dem "House International Relations European Subcommittee" abgeben. Als er dieser Pflicht nachkam, unterlief ihm ein schwerer Fehler, der die durch Gutmans "Todeslager"-Story ausgelöste öffentliche Empörung noch verstärkte. Aus unerklärlichen Gründen beschloss Niles, keine Auskunft zu geben, statt wahrheitsgemäß zu erklären, dass man wenig wisse, die Sache jedoch ernst nehme und dringende Nachforschungen anstelle. Das "Subcommittee" reagierte schlecht, wobei Niles vor allem dessen Mitglied Tom Lantos aufbrachte. Lantos führte den Vorsitz dieses Treffens. Er ist Überlebender eines Konzentrationslagers, das in Ungarn eingerichtet wurde. Die Erregung der Öffentlichkeit wurde zusätzlich verschärft, da Niles’ Aussagen denen des Tutwiler-Assistenten Richard Boucher zu widersprechen schienen, welcher auf der Pressekonferenz im State Department tags zuvor mitgeteilt hatte, die Regierung sei über Gutmans Berichte informiert. Boucher wollte damit nur sagen, dass US-Beamte Zeitungen lesen, aber die Presse legte dies einstimmig fälschlicherweise so aus, als habe er gesagt, das State Department habe aus eigenen Quellen Bestätigung der Gutman-Story erhalten. In der Presse, die glaubte, einem Cover-up auf der Spur zu sein, erhob sich ein laut schallender Chor, der immer wieder fragte: "Was haben sie gewusst, und wann haben sie es gewusst?" – und vor allem: "Was werden die USA tun?"

Tatsache war: Das State Department wusste wenig. Der wirkliche Skandal war, dass man mehr gar nicht wissen wollte, weil das, was auch immer man erfahren würde, den Druck, etwas zu tun, verstärken würde. Anfang 1992 hatte das Weiße Haus beschlossen, man wolle nicht die geringste ernsthafte Verantwortung in der Jugoslawienkrise übernehmen, um ein Vietnam-Szenario und beunruhigende außenpolitische Verwicklungen während der Wahlkampagne zu vermeiden. Uns war nicht klar, ob kleinere Maßnahmen Ergebnisse hätten erzielen können, aber Experimenten wollten wir auf jeden Fall aus dem Weg gehen. Nach Auffassung der US-Regierung war Jugoslawien Europas Problem – und das State Department war entschlossen, dass es dabei bleiben sollte.

Mitte der Woche befanden sich die Beamten des State Department in jedem Fall in einer Panik nuklearer Ausmaße. Die Jugoslawien-Abteilung war angewiesen, täglich – zweimal – ihre Erkenntnisse über "Todeslager" zu aktualisieren, und ich gab Boucher eine dicke Mappe mit Telegrammen aus meinen persönlichen inoffiziellen Akten über Bosnien zum Fotokopieren. Viel Information war nicht darin – nichts, das Gutmans Geschichte bestätigte – und das State Department musste hart arbeiten, um Worte zu finden, mit denen man sich aus dem Loch, das man sich gegraben hatte, wieder freischaufeln konnte. Wir mussten erklären, warum wir so wenig wussten und eine Aussage formulieren, die nach mehr klang als "wir mögen Konzentrationslager nicht", aber nach weniger als "wir beabsichtigten eine Invasion Bosniens, um sie aufzulösen". Bill Clinton, der eine Gelegenheit spürte, Präsident Bush anzugreifen, erhob am 5. August dann erneut seinen Ruf, die USA sollten unter dem Schirm der Vereinten Nationen bosnisch-serbische Positionen bombardieren. Und im US-Senat begann die Erörterung einer möglichen Probeabstimmung über den Einsatz von Gewalt zur Sicherung von Hilfslieferungen und zur Erzwingung des Zugangs zu den Lagern, der schließlich zugestimmt wurde. Sogar hochrangige Vertreter des Vatikan, die inoffiziell die Meinung des Papstes wiedergaben, zogen Parallelen zwischen den Nazi-Greueltaten und den bosnischen Lagern. Sie forderten eine militärische Intervention, um den "Aggressoren die Hände zu binden".

Eine Art Hysterie fegte durch die Washingtoner Pressewelt. Kaum ein Außenstehender glaubte, das State Department sage die Wahrheit. Nachdem ich Ende August aufgrund politischer Differenzen meinen Abschied genommen hatte, traten beispielsweise umgehend Mitarbeiter der Clinton-Kampagne in der Lager-Angelegenheit an mich heran und wollten meinen Rat, ob sie Spionagesatelliten-Unterlagen, die die Regierung angeblich ignoriert habe, weiterverfolgen sollten. Ich empfahl ihnen, nicht ihre Zeit zu verschwenden. Seit damals fragen mich Journalisten immer wieder nach dem vermeintlichen "Cover-up".

Am Mittwoch, dem 5. August, gab das Büro des stellvertretenden Direktors des State Department, Lawrence Eagleburger, um die immer heißer werdende Diskussion über den Boucher/Niles-"Cover-up" zu dämpfen und die Presse wieder unter Kontrolle zu bringen, eine Erklärung ab, die die Forderung nach "Kriegsverbrechens-Ermittlungen" bezüglich der Berichte über Gräueltaten in bosnischen Gefangenenlagern enthielt. Die Presse zeigte sich davon jedoch wenig beeindruckt und übte weiter scharf Kritik an den Regierungsbeamten.

Tags drauf, am Donnerstag den 6. August, gab Präsident Georg Bush eine schlecht vorbereitete Erklärung ab, in der er den UN-Sicherheitsrat drängte, den Einsatz "aller erforderlichen Maßnahmen" zur Sicherung von Hilfslieferungen zu autorisieren, aber einen Einsatz von Gewalt für die Befreiung von Gefangenen nicht erwähnte. Britische und französische Beamte erklärten daraufhin, dieses Statement sei eine Reaktion auf innenpolitische Vorgänge in den USA. In der Zwischenzeit hatten serbische Truppen ihre Angriffe auf Sarajevo verstärkt, was die Journalisten in ihrer Haltung bestärkte.

Mehr oder weniger im gleichen Moment als Präsident Bush zu den Waffen rief wurden die ITN-Bilder zum ersten Mal ausgestrahlt. Ich weiß nicht, ob leitende Beamte des State Department sie schon an diesem Tag sahen oder von ihnen hörten, aber ich sah sie, so weit ich mich erinnere, am Freitagmorgen oder Freitagnachmittag mit einer Hand voll Kollegen im Büro des Presseleiters der Europaabteilung an. Wir waren einhellig der Meinung, dieser Film sei ruinös für die "Hands off"-Politik der Bush-Regierung und würde zwangsläufig bedeutende amerikanische Aktionen nach sich ziehen. Alle Korridore des State Department hallten mit dem Refrain "Wir müssen etwas tun". Während zu Beginn der Woche mögliche Änderungen der politischen Konzeption nur diffus und mit höchster Zurückhaltung wahrgenommen wurden, sorgte die plastische Darstellung eines Balkan-Holocaust durch ITN dafür, dass dieser Positionswechsel bis Ende der Woche unumkehrbar geworden war. Er ist bis heute offensichtlich ein fundamentaler Bestandteil der US-Außenpolitik.

Am 13. August verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolutionen 770 und 771, in denen zum ersten Mal der internationale Einsatz von Gewalt in Bosnien sanktioniert und die Bestrafung von Kriegsverbrechern angekündigt wurde. Diese Resolutionen waren der Ausgangspunkt der heutigen internationalen Besetzung Bosniens und des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. Am 14. August ernannte die UN-Menschenrechtskommission den ehemaligen polnischen Premier Tadeusz Mazowiecki, einen sehr frommen Katholiken, zum Sonderberichterstatter über die Menschenrechtssituation im ehemaligen Jugoslawien – eine Position, aus welcher er ausschließlich Serben ins Visier zu nehmen gedachte. Und am 18. August revidierte Großbritannien seine Position und verkündete die Entsendung von 18.000 Soldaten nach Bosnien im Rahmen eines humanitären Hilfseinsatzes – der erste Schritt zu der vom UN-Sicherheitsrat einen Monat später verabschiedeten erweiterten UN-Protection Force-Mission in Bosnien UNPROFOR, aus der wiederum IFOR und dann SFOR hervorgegangen sind.

Untergegangen war in diesem politischen Umbruch jede Kenntnis dessen, was wirklich in den Lagern vorging, wer sie organisierte und wozu. Ein Bericht des "Internationalen Komitees des Roten Kreuzes" vom 4. August, in dem IKRK-Besuche von zehn Lagern beschrieben und über die Entdeckung gravierender Menschenrechtsverletzungen durch alle Kriegsparteien berichtet wurde, wurde vom offiziellen Washington und der Presse vollständig ignoriert. Obwohl die Serben, wie das IKRK feststellte, mehr Lager unterhielten, war die Differenz nicht disproportional. In ihrer Hast, die Serben vor dem Gericht der öffentlichen Meinung zu verurteilen, widmete die Presse anderen während des restlichen Kriegsverlaufs bis Dayton – und danach – veröffentlichten Berichten über höllische, von Kroaten und Muslimen unterhaltene Lager keinerlei Aufmerksamkeit. Auch fehlte ihr jedes Verständnis des Umstands, das jede Seite starke Gründe hatte, mindestens einige Gefangene für Austauschzwecke zu haben. Und die Presse zeigte schließlich auch entschiedenes Desinteresse an kroatischen und muslimischen ethnischen Säuberungen.

Die Lager-Story und der Konsens, die Serben seien Massenschlächter, die mehr oder weniger allein für Gräueltaten verantwortlich seien, wurde so etwas wie die Geschichten über den internationalen Handel mit Organen entführter Kinder, die, ohne sachlichen Beleg, zirkulieren. Wie als Hightech-Cowboys wieder geborene mittelalterliche Hexenbeschwörer projizierten westliche Politiker ihre Furcht und Wut auf das Unbekannte. Gegen jede Vernunft und Logik wurde der Mythos eines serbischen Holocaust – kombiniert mit der Weigerung, Gräueltaten gegen Serben überhaupt zur Kenntnis zu nehmen – zu einer nicht hinterfragbaren Wahrheit. Dies war der erste Fall und das zukünftige Modell post-imperialistischer Interventionen zur Bestimmung des Siegers in einem blutigen Bürgerkrieg.

Washington liebt es, im August in den Krieg zu ziehen. Die schwüle Atmosphäre im August 1992 war zwar (noch) kein direkter Schusswechsel, sondern eher ein zufriedenstellend verlaufener Propagandakrieg, der jenen, die mit dem Ende des Kalten Krieges die Orientierung verloren hatten, den Eindruck vermittelte, in gewisser Weise wieder Tritt gefasst zu haben.

Und eine neue Journalistengeneration fand hier einen bösen, schmutzigen Konflikt, an dem sie sich die Zähne ausbeißen konnte. Bosnien war ein hervorragendes Thema. Es ist auch nicht überraschend, dass die Versuchung für Medienanstalten überwältigend war, die offizielle Politik zu beeinflussen, da sie wussten, wie leicht das geht. Dennoch: Ebenso wie wir es akzeptieren, dass Verbote dagegen bestehen, das Gedenken an den Holocaust durch dessen Leugnung zu entehren, sollten wir auch gesellschaftliche Gebote gegen die Fabrizierung von Imitaten der Judenvernichtung in Erwägung ziehen.

aus: Novo, Nr.27, März/April 1997, S.26f