01.03.2011

Der Verteidigungsminister der Herzen

Von Joachim Mathieu

Guttenberg am Tag seines Rücktritts noch als Verteidigungsminster des Hirns oder Verstandes zu bezeichnen würde wohl wenig Sinn machen, findet Joachim Mathieu

Anderes Land, anderes Jahrhundert, anderes Geschlecht - aber doch auch jemand aus dem angesehenen Landadel mit der Hoffnung es ganz weit zu bringen, wenngleich mit einem wesentlich tragischeren Ende. Diana, die ehemalige Prinzessin von Wales und Karl Theodor, der ehemalige Doktor der Jurisprudenz. Hier soll also tatsächlich der Versuch unternommen werden, die beiden Persönlichkeiten mit Hinblick auf ihr Verhältnis zu den Medien und zur Öffentlichkeit zu betrachten. Neben zwar humorigen, aber dann doch abstrusen Vergleichsmöglichkeiten (Di und die Damenfrisur der 80er vs. KT und die Herrenfrisur von heute), ergeben sich teils erstaunliche Parallelen, was die Instrumentalisierung und Verteufelung der Medien angeht.  Doch auch die teils krassen Unterschiede sind dazu angetan, manche der Irrungen und Wirrungen noch deutlicher hervorzuheben.

Wohl keiner von uns kannte Lady Di richtig, geschweige denn persönlich, und auch Karl Theodor zu Guttenberg ist für uns im Prinzip nur ein mediales Konstrukt, das wir mögen oder nicht mögen, verehren oder auch nicht. Während man der späteren Prinzessin von Wales zu Beginn ihrer öffentlichen Karriere jedoch ein gerüttelt Maß an Naivität und Unerfahrenheit unterstellen durfte, trifft dies auf Karl Theodor zu Guttenberg wohl kaum zu. Lady Di wurde mehr oder minder gegen ihren Willen ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt, als man sie auserkoren hatte, sich in den falschen Mann zu verlieben. Freiherr zu Guttenberg hingegen dürfte aus freien Stücken und mit Elan die öffentliche, politische Bühne betreten haben.

Beide stiegen schnell zu Publikumslieblingen auf und wurden für das Königshaus/ihr politisches Lager zu schier unverzichtbaren PR-Größen. Sollte sich also ein Gewitter über einem wie Karl Theodor zu Guttenberg zusammenziehen, so konnte dieses doch nur von politischen Gegnern und deren journalistischen Speerspitzen herbei geschrieben worden sein. Schließlich wollten doch alle an das Märchen mit dem edlen Prinzen/Freiherrn glauben, ebenso wie wir alle an die große Liebe am englischen Königshof glauben wollten. Insofern setzte bei den Enthüllungen um den unbescholtenen Freiherrn auch sofort der Medienschelte-Reflex ein. Diese waren schuld und nicht der unbescholtene Minister. Journalisten, die Guttenberg anfangs gelobt hatten und sich nun gegen ihn stellten, mussten diese ‚typisch deutschen Miesmacher‘ sein. Oder sie verhielten sich wie Dr. Frankenstein (bei ihm wenigstens ein ungefährdeter, rein fiktiver Titel), der schließlich vor seinem Geschöpf gehörig Angst bekam.

Besonders schnell und auf abstruse bis absurde Weise solidarisierte sich die Öffentlichkeit mit dem armen Verteidigungsminister. Der Täter, der – wie er meinte –  „Blödsinn“ geschrieben hatte, hatte diesen aber keineswegs geschrieben (hier formulierte er einmal daneben), sondern hatte ihn schlichtweg gemacht. Hätte er ihn geschrieben, wäre die Arbeit zunächst kaum mit „summa cum laude“ bewertet worden. Dieser Täter jedenfalls wurde nun im Handumdrehen zum Opfer stilisiert und er beförderte diese ihm keineswegs ungelegene Umetikettierung nach Kräften selbst. Und tatsächlich, seine Umfragewerte litten nicht, sondern stiegen teils noch. Absurdistan in Reinform.

Der Begriff der Hetz- oder gar Hexenjagd machte in unzähligen Blogs und Guttenberg wohlgesonnenen Presseorganen die Runde. Völlig verkannt wird dabei aber, dass man von einer Hetz- oder Hexenjagd spricht, wenn ein unschuldiges Opfer zu Unrecht etwa der Hexerei angeklagt und deshalb verfolgt wird. Darum ging und geht es hier aber keineswegs.

Wie sehr das eigene politische Lager und allen voran ‚seine‘ Kanzlerin hinter dem unverzichtbaren Publikumsliebling steht, illustriert Frau Dr. Merkels eigenwillige Reaktion: Sie befürworte die Aberkennung des Titels. Aha. Aber nicht etwa, weil sie dies für eine verdiente Strafe hielt, sondern, weil dies ja auf der Linie sei, die Guttenberg selbst vorgegeben habe. Guttenbergs schmerzhafte Niederlage wird so in einen Sieg umgedeutet. In einem vielleicht etwas makaberen Vergleich könnte man sich einen zum Tode Verurteilten vorstellen, der stolz vom Schafott in die Menge winkt, da er sich die Todesart ja schließlich selbst ausgesucht habe. Und alle rufen: „Ja, genauso hatte er es ja beabsichtigt! Hurra!“ So geht’s eben zu in Absurdistan.

Eine pauschale Medienschelte in der Causa Guttenberg ist mehr als unangebracht. Zugegebenermaßen war aber auch meine erste Reaktion in diese Richtung gegangen. Anfangs hatte ich tatsächlich Mitleid mit dem armen Karl Theodor. Schließlich sind wir beide Bayern (sogar noch beide Franken) und auch noch im gleichen Jahr geboren. In Sachen meiner eigenen Dissertation habe ich zwar ein reines Gewissen, aber zunächst dachte auch ich, den armen Dr. zu Guttenberg habe man sich ja nur aufgrund seiner Popularität ‚vorgeknöpft‘. Mir war und ist klar, dass meine und tausende anderer Dissertationen nie und nimmer ähnlich gründlich gelesen werden würden.

Doch bereits die erste Lektüre der im Internet (und nicht etwa in einem Extrablatt der taz) offen zugänglich gemachten Passagen vermittelte mir einen ganz anderen Eindruck von der Arbeit des damaligen noch Dr. iur. zu Guttenberg. Er hat also wirklich durch eigenes Verschulden dafür gesorgt, dass er so in der, nun ja, nennen wir es mal ‚Tinte‘ sitzt.

Kein anderer hat ihm am Zeug geflickt, keiner hat ihm etwas untergeschoben und die bösen Medien haben mit der Entstehung seiner Doktorarbeit schon gar nichts zu tun. Im Übrigen handelte es sich wohl auch gar nicht eine klassische Medienenthüllungsstory im Stile von Watergate. Vielmehr kamen die ersten Anstöße aus der Wissenschaft und wurden im Internet in Form von Guttenplag weiter verfolgt. Nicht gemeine, schnüffelnde Journalisten (wie im Falle von Diana die Paparazzi und deren schreibende Kollegen), sondern das Bildungsbürgertum hat hier an der Demontage des Saubermanns zu Guttenberg kräftig mitgewirkt. Nicht indem man ihm etwas unterschob, sondern indem man das, was er der Uni Bayreuth untergeschoben hatte, akribisch durchleuchtete, begann der strahlende Stern am Polithimmel zu verblassen.

Doch obwohl die Rollen von Opfern und Tätern eigentlich so klar verteilt sind, reibt man sich verwundert die Augen, wenn man dann die Bild am Sonntag liest. Dort erschien gar ein Artikel mit der dicken Überschrift „So leidet Guttenberg“. Man stelle sich vor, jemand habe in Unkenntnis der Nachrichtenlage in Deutschland einen Urlaub auf einer Südseeinsel verbracht, kehrt in die Heimat zurück und sieht am Flughafen diese Schlagzeile. Unser Urlauber würde meinen, der Minister habe gerade seine zweite Chemotherapie halbwegs erfolgreich überstanden, wenn man von den Leiden des Ministers liest und wie seine tapfere Frau (die nur aussehe wie eine Barbiepuppe, aufgrund ihrer Kindheit in Schweden aber doch sehr taff sei) ihm in dieser schweren Zeit zur Seite stehe. Doch die Bild-Prosa ist so schön, dass man sie hier wirklich wörtlich (und mit Quellenangabe) zitieren muss:


Die handfeste, von ihrer schwedischen Heimat geprägte Adlige wirkt nur wie Barbie – sie ist es nicht. Sie ist hart und hoch diszipliniert. Einst erlebte ich, wie sie kurz nach einem medizinischen Eingriff zu einem offiziellen Termin erschien, obwohl ein Pflaster nur mühsam die Stelle überdeckte, wo eben noch die Kanüle saß. Diese Frau setzt Karl-Theodor zu Guttenberg in seinen schwärzesten Stunden wieder in die Spur.


Was hier veranstaltet wird, mutet nicht absurd an, sondern geschmacklos. Denn eigentlich sollte man meinen, dass der ertappte Minister sich einfach nur gründlich schämen sollte. Dass man aber für eine Homestory die befreundeten Bild-Redakteure ins Haus holt, die einfühlsam der Medienöffentlichkeit von den „Leiden des jungen Guttenbergs [sic.]“ berichten, zeigt mehr als deutlich, wie sehr der Grund für die Leiden in den Hintergrund getreten ist. Karl Theodor hat einen großen Blösinn gemacht, hat bislang dafür nicht mehr als seine gerechte Strafe erhalten und nun sollen wir auf einmal alle Mitleid mit ihm haben? Nun ja, in Absurdistan ist das wohl so…

Nur am Rande sei hier erwähnt, dass die Süddeutsche am gleichen Tag online einen wesentlich treffenderen Artikel über die Leiden von Guttenbergs zu Recht verzweifelten Doktorvater veröffentlichte.

In Teilen der Medien soll zu Guttenberg als Opfer einer medialen Inszenierung dargestellt werden. Bewusst oder unbewusst wird dabei das Bild des von den Medien verfolgten Prominenten evoziert, so wie es bei Lady Diana ja leider bis zu ihrem tragischen Tod tatsächlich der Fall gewesen war. Natürlich hatte auch Diana immer wieder versucht, die Medien zu instrumentalisieren, etwa durch ihr berühmtes BBC-Interview, in dem sie mit etwas viel Kajalstift unter den Augen die Öffentlichkeit auf ihre Seite bringen wollte. Diana pauschal nur als Opfer der Medien darzustellen, so wie es ihr Bruder in seiner rhetorisch beeindruckenden Rede in der Westminster Abbey getan hatte, entspräche also auch nicht ganz den Tatsachen. Dennoch, Diana war in vielerlei Hinsicht das Opfer von zu viel Medieninteresse. Karl Theodor hingegen hatte die Medien selbst ins Boot geholt (oder auch in den Flieger nach Afghanistan) und nun versucht man – teils leider recht erfolgreich – ein Bild zu vermitteln, demzufolge der arme Verteidigungsminister, nur weil er zu gut und erfolgreich war, von den Medien ‚in den Schmutz gezogen‘ wurde. Dies ignoriert die Fakten.

Ein letzter, interessanter Vergleichsbezugspunkt würde nun gar noch der Universität Bayreuth die Rolle der britischen Königin zuweisen. Denn interessanterweise spielte und spielt in den beiden Fällen aus dem englischen und fränkischen Adel die Aberkennung eines Titels eine mit entscheidende Rolle. Der Titel, um den es bei Karl Theodor ging, ist allzu bekannt, doch wer erinnert sich noch, dass es bei Lady Diana, die ja eigentlich Her Royal Highness the Princess of Wales genannt worden war, ebenfalls einen Disput um den von der Queen entzogenen Titel der königlichen Hoheit gegeben hatte? Dianas Bruder, Earl Spencer, hatte gerade diesen Punkt in seiner bereits erwähnten Rede angesprochen, da er sagte, dass Diana diesen Titel eigentlich nicht nötig hatte. Die von Tony Blair seinerzeit geprägte Formulierung „the people’s princess“,  drückt dies ebenfalls aus: Diana brauchte keinen königlichen Titel, um eine Prinzessin zu sein.

Im Falle des Karl Theodor zu Guttenberg heißt es nun immer wieder, dass er auch ohne den Doktortitel ein guter Politiker sei. Darüber sollte man aber nicht vergessen, dass Diana im Gegensatz zu Karl Theodor ihren später aberkannten Titel wenigstens rechtmäßig erhalten hatte. Der Verteidigungsminister hat einfach nur Mist gebaut und jetzt sitzt er eben in dem, was auch Mist ist, aber derber bezeichnet wird. Die Verantwortung dafür liegt bei ihm, nicht bei seinen Neidern und schon gar nicht bei den Medien, die ihren fairen Beitrag zur Aufdeckung dieser Affäre geleistet haben.

Die naheliegendste Erklärung dafür, warum sich die beumfragte Öffentlichkeit sowohl mit Diana nach ihrem Titelverlust wie auch mit Karl Theodor identifiziert, mag sein, dass beide Sympathieträger in den Augen der Mehrheit nur noch sympathischer werden, indem sie ein Stück weit auf unser Normalmaß zurechtgestutzt wurden.