30.11.2010

Wissenschafts-Konferenz im Vatikan sagt Ja zur Grünen Gentechnik

Analyse von Thomas Deichmann

Rekurse auf das Vorsorgeprinzip und den Schöpfungsgedanken zur Blockade der Gentechnik erhalten Widerspruch von höchster Stelle.

Soeben sind brisante Ergebnisse einer Studienwoche von Wissenschaftlern, eingeladen durch die Päpstliche Akademie der Wissenschaften veröffentlicht worden.(1) Die Teilnehmer der Konferenz legen ein umfassendes Positionspapier zur Grünen Gentechnik vor. Das Dokument, das NovoArgumente vorab und exklusiv auch in deutscher Sprache vorliegt, enthält ein klares Plädoyer für die Nutzung der modernen Biowissenschaften für die globale Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion. Wissenschaftlich haltlose Hürden für die Grüne Gentechnik sollen abgebaut und ihre öffentliche Unterstützung soll ausgeweitet werden, sodass vor allem arme Länder von den Vorteilen der modernen Pflanzenzucht profitieren können.

Die Experten aus einer Vielzahl von wissenschaftlichen Disziplinen hatten sich im Mai 2009 im Vatikan zu einer Studienwoche getroffen. Der hieraus hervorgegangene Tagungsband mit 31 Artikeln wird in Kürze erscheinen, die Thesen werden in 16 Sprachen publiziert. Wie kürzlich mit den päpstlichen Kommentaren zur Verwendung von Kondomen unterstreicht der Vatikan unter Papst Benedikt XVI erneut seine Bereitschaft, auf neuen Erkenntnisgewinn zu bedeutenden Fragen der Gegenwart und Zukunft aufgeschlossen zu reagieren.

Das Plädoyer der Wissenschafts-Studienwoche für den Einsatz der Grünen Gentechnik wird vor allem in jenen Ländern für Auseinandersetzungen sorgen, die sich bislang mit überwiegend politisch motivierten Hinweisen auf den christlichen Schöpfungsgedanken gegen die Anwendung moderner Pflanzenzuchtmethoden wehren – darunter Italien, Österreich und das Bundesland Bayern. Dort hatte in den letzten Jahren vor allem Umweltstaatsminister Markus Söder die ablehnende Haltung der CSU-Landesregierung mit Hinweisen auf die Bibel untermauert. Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und ihr Vorgänger Horst Seehofer (CSU) hatten sich mangels wissenschaftlicher Fundamente auf die Schöpfung bezogen, um für einen Anbaustopp gentechnisch veränderter Nutzpflanzen in Deutschland zu werben. Mit dem neuen Positionspapier der Konferenz dürfte es schwer fallen, diese Argumentationslinie aufrecht zu erhalten.

Das Fazit im Schlussdokument der Studienwoche im Vatikan zur Grünen Gentechnik widerspricht diesen Rekursen:
„In geeigneter Weise und verantwortlich angewandt, kann Gentechnologie unter vielfältigen Bedingungen wesentliche Beiträge zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität und der Nahrungsqualität leisten – durch Verbesserung des Ertrags und der Nahrungsqualität der Pflanzen, durch verbesserte Resistenz gegenüber Schädlingen wie auch durch Erhöhung der Toleranz gegenüber Dürre und anderen physikalischen Stresssituationen. Solche Verbesserungen sind weltweit dringend erforderlich, um die Nachhaltigkeit und Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen.“

Die Autoren betonen insbesondere den potenziellen Nutzen der Gentechnik für Menschen in armen Weltregionen:
„GE-Pflanzen [transgene Pflanzen] können ebenfalls große Bedeutung für Kleinbauern und gefährdete Mitglieder armer Landbevölkerungen, insbesondere von Frauen und Kindern, haben. Insekten-resistente GE-Baumwolle und GE-Mais haben den Einsatz von Insektiziden stark reduziert und vor allem im Kleinbauernsektor verschiedener Entwicklungsländer, wie Indien, China, Südafrika und den Philippinen, zu beträchtlichen Steigerungen der Erträge und Haushaltseinkommen und damit auch zur Verringerung der Armut beigetragen (zusätzlich zu weniger Vergiftungen durch chemische Pestizide).“

Desweiteren betonen die Autoren:
• die Vorteile des in vielen Ländern der Welt großflächigen Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen mit Herbizid-Toleranz für die Umwelt;
• das Potenzial neuer Nutzpflanzensorten für die Verringerung von Mangelernährung;
• den Nutzen durch den geringeren Bedarf an Insektiziden (v.a. in Europa);
• die Möglichkeit, durch pflugfreien Anbau Energieverbrauch und CO2-Emissionen zu verringern;
• die Möglichkeit, dank Gentechnik auf den Klimawandel reagieren zu können;
• die Notwendigkeit einer auf wissenschaftlicher Risikobeurteilung basierenden rechtlichen Regulierung des Anbaus;
• die Beachtung der Risiken der Nichtanwendung der Gentechnik;
• die Notwendigkeit der stärkeren Unterstützung der Entwicklung von gentechnisch veränderten tropischen Nutzpflanzen durch öffentliche Forschung;
• die Dringlichkeit der Umsetzung technologischer Fortschritte aufgrund der Welternährungssituation;
• den moralischen Imperativ, die neuen Technologien den Armen und Unterprivilegierten zur Verfügung zu stellen.


In ihren Empfehlungen plädieren die Teilnhemer der Studienwoche außerdem für eine Neubewertung bzw. eine Neuinterpretation des Vorsorgeprinzips, auf das sich erst vergangene Woche das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zur Rechtmäßigkeit des Deutschen Gentechnikgesetztes (GenTG) berufen hat.(2) Aus Sicht der Konferenzteilnehmer soll vorsichtiges Handeln (prudentia) in Zukunft weniger auf Vorsorge (precaution) denn auf (wissenschaftlicher) Vorhersage (prediction) beruhen. Deshalb sollte die rechtliche Regulierung nicht mehr zwischen gentechnischen und anderen Züchtungsmethoden unterscheiden, sondern ausschließlich das Risiko der jeweils entwickelten neuen Pflanzensorten zur Grundlage der Beurteilung machen.

Die Beitragenden zu dem Positionspapier sehen sich in Übereinstimmung mit der päpstlichen Einschätzung der Technologie. Sie verweisen auf die Enzyklika „Caritas in veritatae“ von Papst Benedikt XVI. Dort heißt es, dass:
„Technologie die objektive Seite menschlicher Tätigkeit ist (…), deren Ursprung und raison d’être im Subjekt selbst zu finden ist. Die Technik ist der objektive Aspekt der menschlichen Arbeit, deren Ursprung und Daseinsberechtigung im subjektiven Element liegt: dem arbeitenden Menschen. Darum ist die Technik niemals nur Technik. Sie zeigt den Menschen und sein Streben nach Entwicklung, sie ist Ausdruck der Spannung des menschlichen Geistes bei der Überwindung gewisser materieller Bedingtheiten. Die Technik fügt sich daher in den Auftrag ein, den Gott dem Menschen erteilt hat, »die Erde zu bebauen und zu hüten« (vgl. Gen 2, 15), und muss darauf ausgerichtet sein, jenen Bund zwischen Mensch und Umwelt zu stärken, der Spiegel der schöpferischen Liebe Gottes sein soll.“

Die Studienwoche der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften fand vom 15. bis19. Mai 2009 im Vatikan statt. Sie war von Akademiemitglied Prof. em. Ingo Potrykus (Golden Rice Humanitarian Board, ETH Zürich) mit Unterstützung der Akademiemitglieder Prof. em. Werner Arber (Universität Basel) und Prof. Peter Raven (Universität California) einberufen worden. Die teilnehmenden Wissenschaftler kamen aus dem Vatikan, Deutschland, den USA, der Schweiz, Australien, Argentinien, Israel, Großbritannien, Belgien, Italien, Indien, Kamerun, Russland und den Philippinen. Als externe Experten aus Deutschland nahmen an der Tagung auch Prof. Peter Beyer (Universität Freiburg), Prof. Joachim von Braun (Zentrum für Entwicklungsforschung / BioÖkonomierat) und Prof. Matin Quaim (Universität Göttingen) teil.