02.09.2010

Der Öko-Komplex

Von Thomas Deichmann

Editorial von NovoArgumente 108/109

Vor 30 Jahren gab es die erste Aktion von Greenpeace in Deutschland: Die „Regenbogenkrieger“ demonstrierten gegen die Dünnsäureverklappung in der Nordsee. Schon seit 1971 hatte die in Kanada aus der Taufe gehobene Umweltorganisation von sich reden gemacht – Friends of the Earth hatte sich bereits 1969 formiert. Beide „grünen NGOs“ sind bis dato im Sinne ihrer Erfinder erfolgreich. Vor allem in der Anfangszeit haben sie das Augenmerk auf Missstände gelenkt und auch Verbesserungen bewirkt. Doch was ist von der gegenwärtigen Omnipräsenz grüner Protestorganisationen in den Diskussionen zu Klima, Energie, Landwirtschaft, Gesundheit oder Lebensmitteln zu halten? Mit der neuen Doppelausgabe NovoArgumente wollen wir einige Mythen knacken.


So hält sich hartnäckig das Bild, schwache und mittellose NGOs kämpften gegen eine mächtige Industrielobby. Dabei sind sie längst selbst zu einem Industriekomplex herangewachsen. Von den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln für Kampagnen und Propaganda kann so mancher Unternehmerverband nur träumen. Auch die gefühlte Glaubwürdigkeit und der Einfluss in Medien und Politik sind ungleich größer als die klassischer Firmen-PR. Juliana Veit hat dies anhand der Grünen Gentechnik analysiert (S. 57). Daniela Korn (S. 76) und Günter Ederer (S. 78) beleuchten die Lobbynetzwerke der Erneuerbare-Energien-Wirtschaft (und ihres Fürsprechers Hermann Scheer).


Der größte Mythos rankt sich um das Verhältnis zwischen NGOs und Politik. Man denkt, machtlose Gruppen legten sich ständig und mutig mit großen Staatschefs an. Dabei sind viele grüne Vereine längst integraler Bestandteil der politischen Apparate geworden. Weil klassische Parteienpolitk und visionäre Programme verloren gegangen sind, wurden grüne Dogmen und ökologischer Zukunftspessimismus in Regierungsprogramme aufgesogen. Nicht nur die ideellen Schnittmengen sind gewaltig. Als vorgelagerte „Mietmäuler“ leben einige grüne NGOs mitunter längst auch von staatlichen Subventionen – siehe hierzu die Studie „Freunde der EU“ (S. 28).


Gemeinsam pflanzt die neue Öko-Elite den Bürgern Verzichtsparolen und einfältige Handlungsanleitungen in den Kopf – wie etwa die, mit persönlichem Kaufverhalten könne man die Weltwirtschaft umkrempeln. So wird heute einer konzeptionslosen und ermüdeten Führung entgegengearbeitet. Doch eine wirklich gute Zukunft verheißt all dies nicht.