01.07.1999

Der Mann mit der Lupe

Von Paul Ingendaay

Javier Marías kommentiert einen Fall von Kindesmißbrauch. Von Paul Ingendaay

Zwar liegt Belgien nicht unmittelbar an der spanischen Grenze, und auch die Philippinen gehören seit gut hundert Jahren nicht mehr zum Imperium der spanischen Krone. Doch die Schreckensgeschichten sexuellen Mißbrauchs von Kindern haben auch die Iberische Halbinsel erreicht, zumal die hiesigen Prozeßakten den einen oder anderen einschlägigen Fall beisteuern können. Um sich ein Bild von der Empörung zu machen, mit der die öffentliche Meinung auf solche Verbrechen reagiert, genügt ein Blick in das Sonntagsmagazin der konservativen Tageszeitung ABC (14.3.99). Ein großes Farbfoto zeigt einen bierbäuchigen sechsundsechzigjährigen Engländer im T-Shirt, der auf den Philippinen wegen sexuellen Mißbrauchs mehrerer Kinder festgenommen wurde. Jetzt muß er mit der Todesstrafe rechnen. “Jagd auf den Päderasten”, lautet die Überschrift in ABC. Und weiter im Text: “Sie [die Päderasten] verdienen das Schlimmste dieser Welt. Doch selbst der elendeste Mensch hat es nicht verdient, hingerichtet zu werden.”

Das ist nicht nur pathetisch formuliert, sondern erkennbar eine Anmaßung. Doch genau in diesem Widerspruch nistet das Unbehagen, das uns die Enthüllungen über das internationale Netzwerk der Kinderpornographie in den letzten Jahren beschert haben. Die Natur des Verbrechens, die Ungleichheit von Täter und Opfer, wahrscheinlich schon der bloße Umstand, daß die Opfer mit den Folgen der Tat weiterleben müssen, während die Täter den bürgerlichen Schein wahren und im Internet skrupellos Sammelbilder tauschen, all das läßt die zivile Gesellschaft ziemlich hilflos aussehen. Angesichts eines Leides, das sie weder verhindern noch lindern kann, bietet sie eine gehörige mediale Entrüstung auf, aber was sie in Wahrheit zu bieten hat, ist nur das Gesetz. In unseren Breiten haben gerichtliche Entscheidungen mit der Todesstrafe nichts zu tun, und sie ergehen meistens erst dann, wenn der fragliche Fall längst kein öffentliches Spektakel mehr ist.

So geschah es auch im vergangenen Monat, als der oberste spanische Gerichtshof die Berufung eines Mannes abwies, der von einem Gericht auf Mallorca wegen sexuellen Mißbrauchs seiner Stieftochter zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Der “Tribunal Supremo” in Madrid befand, für die Verurteilung des Angeklagten sei die Aussage des Opfers ein ausreichender Beweis, da es bei dieser Art von Verbrechen “logischerweise” keine Zeugen gebe. Außerdem seien die belastenden Aussagen wiederholt zu Protokoll gegeben worden, “zusammenhängend, lückenlos, ohne Zweideutigkeiten und ohne jeden Widerspruch”.

Gewiß, das ist viel. Aber heißt es auch, daß die Aussagen der Wahrheit entsprechen? Bedeutet es nichts, daß der Verurteilte nach wie vor seine Unschuld beteuert? Diese Fragen stellte der Schriftsteller Javier Marías kürzlich in einem Beitrag für El País, nachdem zwei Wochen ins Land gegangen waren und niemand auf den Gedanken gekommen war, die Begründung des Obersten Gerichtshofes merkwürdig zu finden. Marías hatte nun keineswegs vor, für den Verurteilten Partei zu ergreifen. Er wisse nicht, ob der Mann schuldig oder unschuldig sei. Doch es sei skandalös, so der Autor, daß die Gefängnisstrafe ohne Beweise verhängt worden sei und daß sich das Urteil allein auf eine in sich konsistente Anschuldigung stütze. Gerade bei einem Verbrechen, das heutzutage weit größeren Abscheu hervorrufe als Mord, dürfe das Gericht einer moralisch induzierten Schuldvermutung nicht nachgeben, sondern müsse “die schärfste Lupe einsetzen, über die es verfügt”. Andernfalls komme bereits die Anklage einer Verurteilung gleich.

Diese Argumentation hat der Schriftsteller schon einmal vertreten. Vor einem halben Jahr kommentierte er in Le Monde den Fall eines Buchhändlers, der in Frankreich zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war, weil er den Sohn seiner Lebensgefährtin sexuell mißbraucht haben soll. Auch hier genügte die Aussage des Opfers, den Angeklagten schuldig zu sprechen, und im grellen Licht der Anschuldigung verblaßten auch etliche Ungereimtheiten. Auf Marías’ Text meldete sich in derselben Zeitung umgehend ein Anwalt mit dem treffenden Namen Bonhomme zu Wort. Unter der Überschrift “Was wissen Sie von den Opfern, Monsieur Marías?” wurden die Gegenargumente in Stellung gebracht: Daß sexueller Mißbrauch Schuldgefühle und Angst vor Bestrafung hervorrufe und daß die Opfer nur ihr eigenes Wort hätten, um dem Recht Geltung zu verschaffen. Im übrigen sei das hartnäckige Leugnen der Tat bei Sexualdelikten ein typisches Merkmal der Täterpsychologie.

Bonhomme ging nicht so weit, Marías der heimlichen Sympathie für Kinderschänder zu verdächtigen, und tatsächlich liegt der Kern des Streits woanders. Seit langem üben wir uns darin, zwischen dem literarischen Werk eines Schriftstellers und seinen öffentlichen Äußerungen einen Zusammenhang herzustellen. Er beginnt bei der Biographie. Wer die Familiengeschichte von Javier Marías kennt, der weiß, daß das spanische Gerichtsurteil den Autor an die Justiz der Franco-Diktatur erinnert, an willfährige Richter, die sich seinerzeit nicht damit abgaben, Schuldindizien zu sammeln; in perfider Umkehrung eines ehernen juristischen Prinzips nötigten sie den Angeklagten, seine Unschuld zu beweisen. Was also blieb diesem übrig, als eine nicht begangene Tat hartnäckig zu leugnen?

So erging es auch dem Vater des Schriftstellers, dem Philosophen und Ortega-Schüler Julián Marías, der nach dem Spanischen Bürgerkrieg, in dem er auf der republikanischen Seite gekämpft hatte, von seinem besten Freund denunziert und von der franquistischen Justiz ins Gefängnis geworfen wurde. Daß er nicht vor dem Erschießungskommando landete, verdankt er der Zivilcourage eines Prozeßteilnehmers. Auf die Ermahnung des Gerichts, er sei als Belastungszeuge geladen, antwortete dieser Mann mit dem Satz: “Und ich dachte, ich sei geladen worden, um die Wahrheit zu sagen.”

Die Wahrheit ist freilich ein flüchtiges Ding, besonders, wenn es um Verbrechen geht. “Ein Block weißen Papiers, eine Füllfeder mit Tinte, die ich auf Staatskosten jederzeit nachfüllen lassen kann, und dazu ein bißchen guten Willen: – was soll der Wahrheit schon übrigbleiben, wenn ich ihr mit meiner Feder komme!” So heißt es in Max Frischs Stiller. Frischs Helden haben mit denen von Marías einiges gemein. Die imaginierten, aber ungelebten Ereignisse ihrer Existenz unterspülen die tatsächlich gelebten wie eine langsam ansteigende Flut; am Ende reißt ein Meer sich wechselseitig ausschließender Möglichkeiten die ganze Person mit sich fort. Vielleicht besteht der eigentliche Triumph des Erzählers Javier Marías ja darin, daß er sein Publikum auf der brillant inszenierten Schauseite seiner Romane mit Lüge, Eifersucht, toten Frauen und gespenstischen Erscheinungen unterhält, während seine getriebenen Ich-Erzähler hinter der Bühne ihrer endlosen Selbstbefragung nachgehen: Was wäre, wenn ich nicht wüßte, was ich weiß? Wieviel Raum gewähren wir unseren Phantasien, die so parasitär an jedem unserer wachen Schritte teilhaben? Gibt es eine klare Trennlinie zwischen unumstößlichen Lebensfakten und der Summe unserer Selbsttäuschungen?

Mit diesen Kunstfiguren, die wenig handeln, aber viel beobachten, ausforschen und belauschen – nicht umsonst arbeiten sie als Dolmetscher, Übersetzer und Redenschreiber, professionelle Vermittler, die die Nachricht erst erschaffen, die sie überbringen sollen –, hat Marías das vollkommene Vehikel für seine Reflexionen geschaffen. Was dabei herauskommt, nennt der Autor “pensamiento literario”, literarisches Denken: Pendelgleich bewegt es sich durch eine Vergangenheit, die wie bei Faulkner nie ganz vergangen ist, und schwingt in eine Zukunft, von der wenig zu erhoffen und alles zu befürchten ist. In der Gegenwart verharrt das Pendel nie, denn der soeben durchlebte Augenblick ist von Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen infiziert.

Weil es einen verläßlichen Standort der Erkenntnis nicht gibt, dreht sich jegliche Kopfarbeit in den Marías-Romanen um das, was unsere Erkenntnis trübt: Leidenschaften, Voreingenommenheit, Trägheit, Ahnungslosigkeit. Vom “natürlichen Zustand der Lüge” spricht der Erzähler des Romans Morgen in der Schlacht denk an mich (deutsch 1998), und sein Vorgänger in Mein Herz so weiß (1996) klingt wie sein Zwillingsbruder: “Vielleicht muß man den Trug akzeptieren, der Teil der Wahrheit ist, wie die Wahrheit Teil des Truges ist.” Denn wir wissen niemals alles, und was wir wissen, privilegieren wir gegenüber dem Wissen der anderen, ohne auch nur zu ahnen, wie unermeßlich die Zone des Nichtgewußten ist. Indem Marías die Autorität seiner Erzähler planvoll demontiert, ihre Erinnerungen durchlöchert und ihre Reflexionen in endlosen Variationen in sich selbst zurückfaltet, verwandelt er die halbwegs geschützten Hütten des modernen Bewußtseinsromans in Echokammern und Geisterhäuser, deren Bewohnern es vor sich selbst gruseln müßte, weil auf keine Wahrnehmung mehr Verlaß ist.

“Ich wende auf meine Romane die Regeln an, die das Leben bestimmen”, hat Marías einmal gesagt. Auf den gegenwärtigen Fall bezogen: Ein Wort gegen das andere ist niemals genug. Auch ein Kind, in dem wir das Opfer zu sehen geneigt sind, kann eine Vergangenheit erfinden, “zusammenhängend, lückenlos, ohne Zweideutigkeiten und ohne jeden Widerspruch”. Die Aporie, in die das Gesetz dadurch geraten könnte, ist nicht leicht zu ertragen. Sie darf aber nicht geleugnet werden.

In Amerika hat der Enthüllungseifer der Öffentlichkeit das “False Memory Syndrome” hervorgebracht, Erinnerung als nachträglich konstruierte Fiktion. In Deutschland hat die rasende Hilflosigkeit vor dem Kindesmißbrauch dazu geführt, daß eine angesehene Publizistin, die vor den Folgen einer “erregten Aufklärung” warnte, mit Prügeln vom Rednerpodium gejagt wurde. Jetzt ruft Javier Marías nach der schärfsten Lupe, über die wir verfügen, und das ist ein vernünftiger Vorschlag: Eine Lupe kann sich jeder leisten, und sie ist das leiseste Werkzeug von allen.