14.12.2009

Der letzte kalte Krieger

Von Thomas Deichmann

Ein Kommentar zum Artikel „Die letzten Fortschrittsgläubigen“ in der FAZ vom 11.12.09

Sie halten sich für Frontkämpfer im edlen Rittergewand: viele konservative Intellektuelle sind ehemalige Klassenkämpfer, die es verpasst haben, nach dem Zerfall des Ostblocks neue Orientierung zu finden. Inspiration beziehen sie heute gern von der alten Linken, die rückwärtsgerichtete Öko-Misanthropie als neues Leitbild feiert. Ein Kommentar von Thomas Deichmann zu Lorenz Jägers: „Die letzten Fortschrittsgläubigen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2009, S.33.


In Kopenhagen ist Klimagipfel, alle Medien berichten und die ganze Welt redet darüber. Auch NovoArgumente und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Doch dann das: Inmitten der morgendlichen F.A.Z.-Lektüre finde ich eine lange Auflistung vermeintlicher Schandtaten während meiner nunmehr bald 20jährigen journalistischen Arbeit: von Verbindungen zu revolutionären Trotzkisten in England über Publikationen in „antideutschen“ Organen, die unter Observation des Verfassungsschutzes stehen bis zu Mitgliedschaften in linken Uni-Klubs, aus denen einst Novo hervorging – und das alles offenbar nur, um mir heute in der Kumpanei mit „Klimaskeptikern“ von der Großindustrie die Taschen zu füllen. Schön wäre zumindest letzteres, dachte ich einen Moment, aber dann wandelte sich das Staunen in latente Sorge, wohlwissend, dass derlei „Qualitätsjournalismus“ in den Leitmedien freien Journalisten und zarten Medienpflanzen wie Novo das Leben nicht unbedingt erleichtern.

Doch dann überwog das beruhigende Gefühl, meinen Namen und den meines Magazins im Zusammenhang mit Autoren wie Henryk M. Broder, Roger Köppel, Michael Miersch, Dirk Maxeiner und Vince Ebert und Publikationen und Institutionen wie Cicero, Weltwoche, Spiked, der Achse des Guten und dem Londoner Institute of Ideas genannt zu sehen – und mit dem britischen Soziologen Frank Furedi, Professor an der Universität Kent und einer der derzeit meist zitierten und beachteten Intellektuellen im englischsprachigen Raum.
Für einen Moment war ich sogar amüsiert, dass der F.A.Z.-Redakteur im Ressort Geisteswissenschaften auf die Idee kommen konnte, im mitunter tristen Umstand, dass man als freier Schreiber in verschiedenen Medien seine Texte unterzukriegen versucht, eine Art sich gegenseitig die Sendeplätze zuschiebende Publikationsmafia zu erkennen (zu der dann auch seine eigene Zeitung zählen müsste, denn einige meiner einflussreichen investigativen Recherchen habe ich – also der verkappte Revoluzzer – just dort „platziert“). Am Ende dieser einzigartigen Morgenlektüre, verbunden mit einem Wechselbad der Gefühle, bleibt die Frage: Was will der werte Kollege eigentlich, macht er versteckte PR für Novo? Wohl kaum, viel eher treibt ihn wohl um, mir und den Kollegen den Mund zu verbieten und meinem Verlag die Lichtlein auszuschießen. Warum sonst hätte er so niveaulos tief angesetzt und alte Kamellen aus Internetportalen zusammengekleistert? Portale, die zumeist stramm auf links-grün-ökologistisch getrimmt sind und darauf spezialisiert, die persönliche wie professionelle Integrität geistiger Widersacher durch den Schmutz zu ziehen – mit Halbwahrheiten, Suggestionen, Falschinformationen und einer ausgeprägten Neigung, überall apokalyptische und großkapitalistische Weltverschwörungen zu erspähen.

Wie es perfider ein Horst Schlemmer in realita nicht könnte, schreibt Jäger nach der Auflistung lobenswerter Sponsoren für erstklassige Debatten und Konferenzen von Spiked und dem Institute of Ideas, Novo schweige sich über seine Gönner aus. Was wohl heißen soll, wir betreiben das journalistische Handwerk als ferngesteuerte PR-Ganoven. Eine billige Marotte, die ich sonst nur von eigenwilligen Kollegen wie Thomas Leif vom „Netzwerk Recherche“ kenne, der mich alle Jahre wieder, wenn wir uns zufällig über den Weg laufen (zuletzt im April 2009 im Rahmen des vom F.A.Z.-Institut organisierten Frankfurter Journalistentags, dessen Eröffnungsveranstaltung ich moderierte) mit großen Augen und der stereotypen Jägerfrage begrüßt, wer denn wohl hinter Novo stecke. Wie trist muss einem die Welt erscheinen, wenn man hinter jedem publizistischen Engagement gegen den konformitätsstrotzenden Mainstream sogleich dunkle Drahtzieher vermutet? Oder wird hier nur die eigene Befindlichkeit nach außen gekehrt, um sich einreden zu können, wie unabhängig und radikal gegen den Zeitgeist man doch selbst agiere?

Die finanzielle Ausstattung von Novo gestaltet sich jedenfalls anders, als es sich die Jägers und Leifs vorstellen können. Wie der Zufall es will, haben wir zeitglich zur Tirade in der F.A.Z. eine Unterstützerkampagne lanciert, um Novo im Jahr 2010 am Leben erhalten und seine Präsenz hoffentlich ausbauen zu können. Das komplette Ausgabenbudget des Verlags samt Redaktion, Produktion und symbolischen Aufwandentschädigungen für Mitarbeiter liegt derzeit für das Jahr 2010 bei etwa 70 Tausend Euro. Das ist wahrscheinlich weniger als das gewiss verdiente Jahresgehalt der genannten Redakteure. Das soll uns erst mal einer nachmachen! Aber aus unserer dünnen Finanzdecke machen wir keine Tugend, weshalb ich an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen möchte: Gerne nehmen wir dicke Schecks für Anzeigengeschäfte mit Weltkonzernen entgegen, von denen ein Redakteur in einem normalen Zeitschriftenverlag übrigens einen nicht unbeachtlichen Teil seines Gehalts bezieht. Und wir freuen uns über großindustrielle Förderabonnenten und Sponsoren. Dabei treibt mich nicht eine Sekunde die Sorge um, der schnöde Mammon könne die Unabhängigkeit und journalistische Professionalität von Novo gefährden. Genau diese Haltung, die bei Novo oberstes und bei seinen Machern gelebtes Prinzip ist, wissen unsere Autoren, Leser und Förderer zu schätzen.

Wie es um Novo finanziell bestellt ist, hätte der Trotzkistenfresser leicht bei uns erfragen können – oder bei seinem Redaktionskollegen Stefan Dietrich, Leiter des Ressorts Innenpolitik bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dietrich war Gast beim Empfang von und für NovoArgumente Ende November im Museum für Moderne Kunst (MMK) Frankfurt, auf dem auch unser Unterstützerprogramm vorgestellt wurde. Dietrich debattierte im Anschluss auf dem Podium mit meiner Kollegin Sabine Reul, Rainer Land vom Thünen-Institut und dem Journalisten Axel Brüggemann anlässlich des 20. Jahrestags der Wiedervereinigung – eine spannende und um Klärung bemühte Auseinandersetzung mit reger Publikumsbeteiligung, von der alle Teilnehmer neue Argumente und Sichtweisen mit nach Hause nehmen konnten.
Dietrich gab mit seinen klugen Beiträgen einen möglichen Hinweis darauf, wo der Hase im Pfeffer liegen mag. Mit Blick auf die aktuelle Finanzkrise gab er zu bedenken, dass die Öffnung der Mauer dazu geführt haben mag, dass gewisse Regelgrenzen, die früher der Markt- und Finanzwirtschaft angelegt waren, an Griff verloren haben und in der Folge eine ungezügelte Finanzblase eintreten konnte – mit den bekannten Konsequenzen.

Dies passt zu meiner Einschätzung, dass das Ende des Kalten Krieges ein ideologisches Vakuum hinterließ, das die allermeisten „Linken“ und viele Konservative in eine tiefe Sinnkrise stürzte. Ausdruck findet das in der Sehnsucht nach der guten alten Zeit mit ihren sorgfältig geordneten Rechts-Links-Schablonen. Man erkennt dies auch an der immer wieder aufflackernden, aber mit jedem Mal noch abgedroschener wirkenden Rote-Socken-Rhetorik. Womöglich ist das auch Jägers Problem: Man braucht Feinde, um das Durcheinander im eigenen Denkapparat zu zügeln, die eine immer schlechter verstandene Wirklichkeit erzeugt. Eine andere Erklärung kommt mir nicht in den Sinn. Denn obgleich das Klimaschutzthema seit Jahren auf allen Kanälen getrommelt wird und schon unzählige gesetzliche Institutionalisierungen erfahren hat, ganz zu schweigen davon, dass es wohl nie mehr Menschen auf der Erde gab, die sich vor der Klimakatstrophe fürchten und dass die darauf bauende Großindustrie an Meinungsmachern, Entscheidern und die Armeen ihrer Gefolgsleute gerade in Kopenhagen sitzen und „Weltgeschichte“ schreiben wollen, weckt Jäger den Anschein, sie alle gehörten wie er selbst zu einer von NovoArgumente, Cicero, der Weltwoche, Spiked und der Achse des Guten verfolgten und unterdrückten Minderheit. Das scheint, gelinde gesagt, etwas befremdlich.

Warum befasse ich mich kritisch mit der Politik des Klimawandels, dem Umwelt- und Verbraucherschutz im Allgemeinen, populären Nachhaltigkeitsideen, der mutwilligen Blockade von Zukunftstechnologien wie der Grünen Gentechnik und der um all dies florierenden Angstindustrie? Weil mich die Einsicht umtreibt, dass dieser moderne Ökologismus, dem der Mensch unterm Strich als „Pest auf Erden“ gilt, das beschriebene geistige Vakuum gefüllt hat. Hier haben verstörte Linke und Rechte ein verbindendes Wertesystem gefunden – eines, das zugegebenermaßen nicht im Einklang mit meinen eigenen Vorstellungen von Emanzipation und Humanismus steht.
Und genau so geht es vielen anderen, darunter Menschen, die sich als „konservativ“ betrachten und deshalb für die Freiheit des Individuums und der Wissenschaft gegenüber einem alles verschlingen wollenden ideologischen Irrationalismus eintreten. Jenseits der alten Fronten des Kalten Krieges entstehen hier in der Tat neue positive Impulse. Da begegnet man sich schubladenfrei und zukunftsoffen. Warum dieser „cross over“ Jäger nur als Verschwörung denkbar ist, vor der er sich und andere ängstigen zu müssen glaubt, ist die Frage, die nach der Lektüre seines Beitrags offen bleibt.

Und natürlich bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Die deutsche Medienlandschaft und Demokratie leiden gewiss nicht unter zu viel argumentativem Streit, zu tief schürfender Analyse und zu kontroverser Auseinandersetzung um die Themen der Zeit. Jeder, der mit nur halboffenen Augen und Ohren durchs Leben geht, weiß, wie eintönig und lähmend die geistige und politische Landschaft geworden ist. Dabei gibt es drängende Fragen, denen man sich im Dienste einer aufgeklärten Öffentlichkeit, einer fundierten Meinungsbildung und Entscheidungsfindung stellen kann – Fragen, die den Bestand unseres demokratischen Gemeinwesens betreffen. All das thematisieren wir mit Bedacht und Tiefgang in Novo – wir bemühen uns zumindest darum. Dass sich das Feuilleton der einflussreichsten deutschen Tageszeitung dazu hinreißen lässt, mit Cicero und Novo sogleich die beiden relevanten deutschen Debattenmagazine ins Visier zu nehmen, ist irritierend, aber wohl nur bezeichnend für die beschriebene Malaise.