01.01.1999

Der Krieg in Bosnien mit anderen Mitteln

Von Aart Brouwer

Die Veröffentlichung des Artikels über die täuschenden ITN-Aufnahmen in der niederländischen Zeitung De Groene Amsterdammer löste eine Diskussion in holländischen Internet-Newsgroups aus. Aart Brouwer, Auslandsredakteur der Zeitung, erwiderte den Kritikern in der Ausgabe vom 5. Februar mit folgendem Statement.

Die Rauchschwaden über den Schlachtfeldern Bosniens sind verzogen, der Propagandakrieg geht jedoch unvermindert weiter. Die bosnische Regierung musste beispielsweise eine empfindliche Niederlage vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal einstecken, da der Hauptbelastungszeuge gegen den mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrecher Dusan Tadic durchfiel. Der Mann war von bosnischen Autoritäten gezwungen worden, den Angeklagten mit Falschaussagen zu belasten. Verschiedene Pressemitteilungen und Berichte über Einschüchterungsversuche und Manipulationen von Seiten der bosnischen Muslime in den letzten Jahren haben dadurch an Glaubwürdigkeit gewonnen.

So besuchte beispielsweise 1994 der BBC-Korrespondent John Simpson die Muslim-Enklave Bihac, nachdem diese von Serben angegriffen worden war, und stellte fest, dass die Zahl der Toten bei weitem nicht so hoch war, wie allgemein verbreitet wurde. Er berichtete von Todesdrohungen gegen Journalisten für den Fall, dass sie es wagten, die offizielle Version der Geschichte in Frage zu stellen. Einige bekannte, aber niemals bestätigte Horrorgeschichten über die Serben (so z. B. über die Einpflanzung von Hundeföten in die Gebärmutter muslimischer Frauen) erinnerten stark an die PR-Kampagnen, die auf Geheiß der kuwaitischen Regierung im Jahr des Golfkrieges von der PR-Agentur "Hill & Knowlton" losgetreten wurden. Die Agentur hatte eine "Krankenschwester" überzeugt auszusagen, dass irakische Soldaten im Krankenhaus von Kuwait-City Babys aus den Brutkästen gerissen hätten. Ein Jahr später entlarvte der ABC-Reporter John Martin die Geschichte als reine Erfindung.

Was sollten wir aus alledem lernen? Ist die Weltöffentlichkeit Opfer einer wohlgeführten Kampagne der bosnischen Regierung geworden? Nein, das nicht. Sogar ein Reporter wie Peter Brock, der von Anfang an gegen die unkritische "Meutenmentalität" der Medien in Bosnien protestierte, räumt ein, dass die bosnischen Serben systematisch schwere Kriegsverbrechen begingen. Nach internationalem Recht – und für was soll dieses internationale Recht ein besseres Kriterium sein als für die internationalen Beziehungen – sind und bleiben die Serben die "bad guys".

Die Schlussfolgerung muss lauten, dass für die westlichen Medienberichterstatter, die auf leicht verdauliche Horrorgeschichten aus waren, die Realität in Bosnien offenbar nicht grausam genug war. Pulitzer-Preisträger wie Roy Gutman und John Burns, die die Welt über die Existenz serbischer Todeslager und Vergewaltigungslager informierten, stellten sich als einfache Schwindler heraus. Wie der deutsche Journalist Thomas Deichmann am 22. Januar in unserer Zeitung zeigte, sind die ITN-Bilder von ausgemergelten Muslimen hinter Stacheldraht, die zum Symbol des serbischen Vernichtungskrieges wurden, ebenfalls falsch.

Diese Enthüllungen sind schmerzvoll, sie erzeugen Bestürzung in Journalistenkreisen und Verwirrung in der breiten Öffentlichkeit. Sie sind aber dennoch wichtig. Gerade solche Geschichten durchstoßen die unerträgliche Oberflächlichkeit des modernen Journalismus und fügen eine dritte Dimension hinzu: Die Dimension der Authentizität. Eine Authentizität, die der internationalen Berichterstattung über den Bosnienkrieg bedauerlicherweise fehlte.

 

aus: Novo, Nr.27, März/April 1997, S.30