01.05.2007

Der Kampf um Wohlstand

Kommentar von Stuart Simpson

Der Begriff Wohlstandsgesellschaft wird heute nur noch mit Ressourcenverbrauch und Müllproduktion in Verbindung gebracht. Stuart Simpson plädiert für einen positiven Wohlstandsbegriff.

Heute bedeutet uns Produktion von Wohlstand nur noch Verbrauch von Ressourcen und Produkten. Die Diskussion darüber, wie wir unsere Gesellschaft am besten organisieren, wird nicht mehr vor dem Hintergrund geführt, wie wir den größten Wohlstand erreichen und ein unseren Bedürfnissen entsprechendes Umfeld schaffen. Sie beschäftigt sich nur noch mit den Moralvorstellungen und dem durch sie getriebenen Konsumverhalten des einzelnen Verbrauchers. So ist eine belehrungssüchtige Kultur entstanden, die normale Alltagshandlungen als unmoralisch etikettiert und zur Ursache vieler in der Welt bestehender Probleme erklärt. Das beschränkt auch unsere Fähigkeit zur Bewältigung derjenigen Probleme, die sich aus der fortschreitenden Entwicklung oder auch deren Fehlen ergeben.


Häufig hört man, wir alle seien Opfer einer überflüssigen Konsumkultur. Darin stimmen etwa Linke wie Naomi Klein, Autorin des Buches No Logo!, mit Spinnern wie Osama bin Laden überein. Man hört, unsere Gesellschaft sei fixiert auf Prominentenkultur und Fast Food. Wir würden mit Werbung bombardiert, die uns zum Kauf von Produkten nötige, die wir gar nicht bräuchten. Die Verwirklichung der Lebensstile und Motive, die uns von Star- und Klatschmagazinen sowie in Hollywood-Blockbustern vorgesetzt werden, können wir zwar anstreben, dürfen aber nicht auf deren Verwirklichung hoffen. So definieren wir uns stattdessen über unser Auto, unsere Kleidung und unser Shampoo. Das aber seien wertlose, entbehrliche Produkte und Lebensstile.


Aber eine Kritik an der Idee, dass man überhaupt Sinn in einem auf Konsum basierenden Leben finden könnte, sucht man vergeblich. Vielmehr wird immer nur darauf hingewiesen, dass wir die falschen Waren konsumierten. Dabei wird verkannt, dass diese „Konsumkultur“ noch in der Ablehnung ihrer selbst stärker fortlebt, als wenn sie sich geradeheraus behauptete. Wir können bei einer großen Supermarktkette oder beim Wochenmarkt der regionalen Bauern einkaufen. Wir können Pauschalreisen nach Ibiza buchen oder uns zu ethisch orientierten Touristen machen. Wir können ein Sports Utility Vehicle (SUV) oder ein Hybridauto von Toyota fahren. Das ist die Verbraucherwahl, die uns angeboten wird. Die Ökofreaks verziehen vielleicht das Gesicht, wenn wir bei Aldi einkaufen, doch sorgt dieses fraglos vollzogene Alltagshandeln praktisch und günstig für einen vollen Kühlschrank. Wenn ich demgegenüber beim Bauern auf dem Wochenmarkt einkaufe, ist die Wahl expliziter: Hier handelt es sich um einen Akt, in dem sich die Wertvorstellungen des Verbrauchers ausdrücken.


Unsere Konsumkultur wird nicht durch die Massen von Aldikunden bestimmt, sondern durch die deutlich geringere Zahl der „ethischen Verbraucher“. Nahezu in Reinform artikuliert sich dieser Umstand in einem jüngst von Greenpeace produzierten Spot. Das gut gemachte Filmchen findet sich auf der Greenpeace-Webseite unter dem Link „What does your car say about you?“. Sie fahren ein SUV – den Benzin schluckenden Alptraum aller Umweltschützer? Dann sind Sie ein Depp ohne Freunde, dem die anderen auf der Arbeit in den Kaffee spucken, so Greenpeace. Wer ein Sports Utility Vehicle fährt, ist ein unmoralischer Verbraucher, der auf Kosten der anderen Verkehrsteilnehmer, der Umwelt und der kommenden Generationen seinem eigenen Machismo frönt. Was tun? Man kauft einfach ein anderes Auto und wird über Nacht zum moralbewussten Individuum.


Nach der Lektüre eines auf die Windschutzscheibe ihres Geländewagens geklemmten Flugblatts stieg Filmstar Thandie Newton auf ein moralischeres Transportmittel um: „In diesem Jahr habe ich eine Entscheidung getroffen, die mein eigenes Leben, das meiner Familie, aber auch den Planeten verändern wird. Diese Entscheidung und die Gründe dafür wollte ich öffentlich machen.“ Greenpeace führt aus, dass „die Schauspielerin nicht nur ihren Spritschlucker verkauft hat, sondern auch ihren Celebrity-Kollegen auf beiden Seiten des Atlantiks geschrieben hat, soweit sie einen Geländewagen fahren – einschließlich Jamie Oliver, Chris Martin, Michael Jackson, Robin Williams, Jack Nicholson, Madonna, Sean Connery, Ozzy Osbourne, David Beckham und ihres Mitstreiters aus Mission Impossible II, Tom Cruise“. Die Vermengung moralischer Korrektheit mit dem Aufzählen berühmter Namen stößt heute kaum noch jemandem auf. Der Kreuzzug, mit dem Jamie Oliver die Jugend zum Salatessen bewegen will, und die Einführung der ethischen Marke „Red“ durch Bono sind Beispiele dafür, dass sich Konsum- und Prominentenkultur neuerdings selbst als moralische und verantwortungsbewusste Marke definieren.


Die moralische Verurteilung alltäglicher Handlungen wie der wöchentlichen Einkaufsfahrt ist schon bedenklich genug. Wirklich gefährlich ist aber die Suggestion, die vom einzelnen Verbraucher getroffene Wahl habe globale Implikationen. Es ist nicht überraschend, dass Filmschauspielerinnen glauben, ihre unbedeutenden Entscheidungen hätten Konsequenzen für die Zukunft des Planeten. Wenn aber selbst die Regierungspolitik auf derart wackeligem Boden baut, dann ist das wirklich problematisch. Nach der Dürre in Südostengland lehnte der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone den Antrag von Thames Water ab, eine Entsalzungsanlage in der Themse-Mündung zu bauen. Lieber sagt Livingstone den Bürgern von London, dass sie zu viel Wasser verbrauchen. Die britische NGO „Waterwise“ geht noch weiter als Livingstone. Im Rahmen des Konzepts „Embedded Water“ soll – moralisch korrekt – der tatsächliche Wasserverbrauch des Endverbrauchers gemessen werden. Die Herstellung von einem Glas Orangensaft kann mehrere Hundert Liter Wasser verbrauchen, und vielleicht gilt das auch für ihren Laptop. Wenn Sie einen Burger essen, bedenken Sie: Die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch verbraucht 100.000 Liter Wasser. Das klingt, als lebten wir auf dem Wüstenplaneten aus Frank Herberts Science-Fiction-Roman Dune.


Letztlich besagt die Argumentation von Waterwise und des Londoner Bürgermeisters, an der unterentwickelten Infrastruktur der Londoner Wasserversorgung seien die Verbraucher schuld, weshalb man von ihnen eine Änderung ihres Verhaltens verlangen solle. Diese Forderung setzt den Glauben an den Dünkel der Filmstars voraus, unsere individuellen Handlungen würden dem wahren Problemumfang gerecht. Aber dies ist ganz offensichtlich unzutreffend: Weder das Zudrehen des Wasserhahns während des Zähneputzens noch Schuldgefühle beim guten Essen lösen die Probleme, die sich aus der veralteten und inadäquaten Infrastruktur ergeben. Stattdessen wirkt sich die Idee ethischen Verbrauchs dahingehend aus, dass die Menschen in moralische und verantwortungslose unterteilt werden; vor allem aber wird damit zugleich die Verantwortung für die Bewältigung der eigentlichen Probleme abgelehnt, wie etwa Armut in der Dritten Welt, Verkehrsüberlastung, Wasserknappheit und Umweltprobleme.


Natürlich gibt es keine Verschwörung der Aufrechten und Guten, mit der diese den gedankenlosen Verbrauchern die Schuld für sämtliche Probleme in die Schuhe schieben wollen, damit sie selbst sich um diese Probleme nicht zu kümmern brauchen. Vielmehr ist die Kritik am individuellen Handeln symptomatisch für einen grundlegenderen Trend: Wir glauben nicht mehr daran, Probleme auf gesellschaftlicher Ebene bewältigen zu können. Wir glauben zwar, dass die Menschheit auf globaler Ebene Probleme erzeugen kann, aber die entsprechenden Lösungen werden nur auf der individuellen Ebene gesucht. Die Lieblingsphrase der Umweltschützer bringt das genau auf den Punkt: „Global denken, lokal handeln“. Denken Sie an die Armen der Welt; kaufen Sie Fairtrade-Kaffee. Denken Sie an die Flutkatastrophen in Bangladesh; fahren Sie mit dem Fahrrad zur Arbeit. Denken Sie an die Dürre in Südostengland; spülen Sie nach dem Stuhlgang nur kurz.


Heute beziehen wir uns eher auf den Konsum als Ursache von Problemen als auf die Produktion als Lösung. So werden die USA oft als weltweit größter Verbraucher bezeichnet. Tatsächlich ist Amerika jedoch die reichste Gesellschaft der Welt, weil sie weltweit am meisten Wohlstand produziert. Die Idee der Produktion bedeutet uns nichts mehr – sie ist entweder ein Relikt als Zeiten der industriellen Revolution oder aber etwas, das heute nur noch in China stattfindet. Heute gelten uns die westlichen Volkswirtschaften oft als Parasiten der Welt, weil sie auf Kosten anderer Ressourcen verbrauchen. Dies sagt mehr über unsere Selbstdefinition, über unseren über die eigenen Konsumgewohnheiten definierten Wirklichkeitsbezug aus als über die tatsächliche Bedeutung industrieller Produktion.


Für viele ist heute Produktion etwas, was in den arbeitsintensiven (und weniger produktiven) Volkswirtschaften der sich entwickelnden Welt stattfindet. Aber selbst in dieser Sichtweise steht unsere Konsumfixierung im Vordergrund. Bezüglich China wird heute meist der zunehmende Wettbewerb um Ressourcen diskutiert, den die Entwicklung der chinesischen Volkswirtschaft nach sich ziehen werde. In diesem Zusammenhang werden dann die drohenden Konsequenzen des Klimawandels für die Armen der Welt beschworen. Dabei übersehen wir jedoch, dass China bereits erheblich mehr zur Minderung der weltweiten Armut beigetragen hat, als von Bonos ethischem Konsum jemals zu erhoffen ist. Selbst wenn wir alle „Red“-Kreditkarten benutzen und unsere Fernsehgeräte abschalten: Es bleibt dabei, dass China Fabriken baut, in denen Menschen für ihre Arbeit bezahlt werden. Demgegenüber zerbrechen wir uns sinnlos den Kopf über mögliche Auswirkungen dieses Verbrauchs. Wir sollten uns darüber klar sein, dass Millionen Menschen durch die Entwicklung in China nicht mehr in schlimmster Armut leben und dass China auf der Grundlage gesteigerten Wohlstands potenziell einen besseren Umweltschutz betreiben können wird als wir in der „entwickelten“ Welt.


Der Schwenk von Produktion zu Verbrauch behindert unser Vermögen, zur Lösung der durch Entwicklung – oder ihr Fehlen – bedingten Probleme beizutragen. Auch hier ist China ein gutes Beispiel. Die Wasserversorgungsprobleme in China sind viel schlimmer als die Großbritanniens. Aber während Großbritannien lediglich darüber nachdenkt, Wasser aus dem regnerischen Norden in den unfruchtbaren Südosten zu schaffen, baut China tatsächlich einen Kanal, der so lang ist, dass er die britische Insel in zwei Hälften teilen würde, von John O’Groats bis Land’s End. Während wir darüber nachdenken, unseren Verbrauch zu senken, löst China seine Umweltprobleme aufgrund seiner produktiven Fähigkeiten. Nebenbei wird das chinesische Wassertransportprojekt auch einige der Wasserverschmutzungsprobleme lösen, die durch die jüngste schnelle Entwicklung der chinesischen Industrie entstanden sind.


Im Rahmen des Kampfes um Wohlstand müssen wir den Begriff Wohlstandsgesellschaft wieder so verstehen, dass sie Wohlstand für ihre Bürger schaffen soll, und nicht so, dass sie weltweit nur Ressourcen verbraucht, um Schmutz und Müll zu erzeugen. Nur wenn wir eine wohlhabende Gesellschaft schaffen, können wir die Probleme angehen, die uns heute legitimerweise Sorgen machen. Außerdem sind diese Probleme, die oft als Folge von zu viel Verbrauch und zu viel Wohlstand betrachtet werden, häufig Ergebnis des genauen Gegenteils. Der Grund dafür, dass die Entwicklungsländer auch künftig den schlimmsten Naturkatastrophen gegenüberstehen werden, ist nicht ihre weit gediehene Entwicklung – im Gegenteil: Sie verbrauchen nicht genug. Die Gestaltung der Umwelt in unserem Interesse setzt produktive Fähigkeiten und Wohlstand voraus – und zwar in erheblichem Maße. Maßlos ist nicht unser Verbrauch, maßlos sind lediglich unsere Selbstzweifel bezüglich unserer Konsumgewohnheiten, die es uns nur erschweren, diese Probleme anzugehen.