01.07.2007

Der Aufstieg des „Bürgerjournalismus“

Kommentar von George Brock

George Brock über Nutzen und Nachteile globaler Nachrichtenproduktion.

Journalisten sind Pharisäer – und das ist nicht einmal überraschend. Sie belehren den Rest der Welt über die Dringlichkeit des Wandels in den verschiedensten Bereichen, von der amerikanischen Außenpolitik bis zur Lebensmittelkennzeichnung. Aber die Mühen und die Unsicherheit, die mit dem Wandel einhergehen, sind den Journalisten selbst ebenso verhasst wie anderen Menschen auch. Denn als Apologet des Wandels aufzutreten, ist eine Sache. Eine andere aber ist es, sich tatsächlich selbst auf den Wandel einzulassen. Auf den Druck, den die Digitaltechnik auf den Journalismus ausübt, reagieren die Journalisten mit den gleichen Ressentiments wie andere Berufsgruppen, wenn sie gezwungen sind, ihre Tätigkeit neu zu überdenken.


Die meisten meiner Kollegen sehen das vielleicht anders, aber ich muss sagen, dass ich für die technologiebedingten Umwälzungen durchaus etwas übrig habe, denn durch sie sind die Journalisten genötigt, sich wieder auf ihre grundlegenden Prinzipien zu besinnen. Der Journalismus entstand in einer Zeit, als verlässliche Information knapp war. Als sich Zeitungswesen und -vertrieb im 19. Jahrhundert entfalteten, mussten die Herausgeber der Nachfrage nach Genauigkeit, Schnelligkeit und Unterhaltung entsprechen. So wurde der beständige Kampf um das Vertrauen der Leser zum entscheidenden Merkmal des Journalismus. (Die Kritiker des Journalismus sagen natürlich damals wie heute, dieses anmaßende Ziel sei unerreichbar.)


Mit dem Aufkommen der Drucktechnik wurde der Journalismus zur Oligarchie. Eine Gruppe von Leuten definiert, was eine Nachricht ist. Dann beschafft, selektiert und vertreibt sie derartige Nachrichten und hofft, dass viele Leute sie kaufen und so letztlich mehr über die Welt erfahren. Dass aus dieser Informationsknappheit die Informationsflut unserer Tage werden konnte, beruht auf vier einschneidenden Veränderungen: der Erfindung des Telegrafen im 19. Jahrhundert, der Verbreitung von Radio und Fernsehen, der Entwicklung von Digitaltechniken wie etwa der E-Mail-Kommunikation und dem Internet. Durch die digitale Kommunikation explodierte nicht nur die Menge der für jedermann ohne Weiteres zugänglicher Informationen, sondern sie brachte auch die Hierarchie der vorherigen zwei Jahrhunderte zum Kippen und krempelte das traditionelle Zeitungsverlagswesen um. Heute kann jeder seine Gedanken, Filme, Bücher, Bombenbauanleitungen und Gedichte günstig oder gar kostenlos einem weltweiten Publikum öffentlich zugänglich machen. Die Situation des traditionellen Verlagswesens nach dem Motto „Von wenigen für viele“ wird neben den wuchernden „Peer-to-Peer“-Netzwerken zunehmend unbequem.


„Bürgerjournalismus“ hat für verschiedene Leute jeweils unterschiedliche Bedeutungen. Soweit Bürgerjournalisten sich als medienpolitische Bewegung verstehen, geht es ihnen meist darum, die etablierten „Mainstream-Medien“ zu stürzen, denn deren Anspruch auf Vertrauenswürdigkeit sei nichts als fauler Zauber, der in Wirklichkeit nur die dunklen Machenschaften der Eigentümer, der Geschäftemacher und der Regierung vernebeln soll. Und jetzt wird der Bürger durch die demokratische Technologie endlich ermächtigt, diese Manipulationen zu umgehen und aufzudecken.

„Echter Journalismus ist stets der organisierte und beständige Versuch, das wirkliche Geschehen aufzuzeigen und Zweifel an der Angemessenheit der Darstellung zu minimieren.“

Zwar haben die Blogger die Transparenz der etablierten Medien deutlich erhöht, indem sie Fehler entlarven und als Plattform für Meinungen agieren, die ansonsten weniger weit und schnell zirkuliert würden. Aber das sind keineswegs nur Bürger, die außerhalb der Medienunternehmen stehen; viele sind selbst Journalisten, und viele ihrer Quellen sind wiederum Journalisten. Im „Bürgerjournalismus“ kann man auch einfach den Umstand sehen, dass das Quellenspektrum breiter wird. Über die ersten Minuten nach einem wichtigen Ereignis informieren heute freiwillige Heerscharen von Zeugen, die per Handy bereits Fotos, Audio-Dateien und Videos verschicken, wenn die großen Medienunternehmen sich noch mit der richtigen Platzierung der Kameras und Mikrofone herumschlagen. Und in Kriegsgebieten und totalitären Staaten, in die sich Experten und etablierte Reporter nicht vorwagen, ist die Stimme des landläufigen Blog-Bürgers mitunter unsere einzige Informationsquelle.


Die Berichterstattung über das menschliche Elend in der Welt ist heute so vielgestaltig und ausufernd wie nie zuvor. Die Geschichte der Menschen in Irak und Iran wird heute in zahllosen Cyberspace-Kommunikationen geschrieben. Und in China sind die Dimensionen des Bloggings und der informellen „Graswurzel-Medien“ wegen der staatlichen Kontrolle zwar schwer abschätzbar, aber für die Geschichtsschreibung Chinas werden die heute entstehenden schriftlichen Lebenschroniken Einzelner letztlich nützlicher sein als die von den staatlich kontrollieren Medien veröffentlichte Version der Geschehnisse.


Aber was bedeutet Journalismus noch, wenn alle Journalisten sind? Es spielt keine Rolle, auf welche Epoche oder auf welchen technologischen Entwicklungsstand wir uns beziehen. Echter Journalismus ist stets der organisierte und beständige Versuch, das wirkliche Geschehen aufzuzeigen und Zweifel an der Angemessenheit der Darstellung zu minimieren. Und dabei ist pluralistischer Wettbewerb wohl unerlässlich, denn bleibende Wahrheitsgeltungen erwachsen meist aus dem Prozess gegenseitiger Bestätigung. Und auch ein gelegentliches Scheitern dieser Wahrheitssuche ändert nichts an dem grundsätzlichen Umstand, dass sie in Form von Kommentaren, Hintergrundanalysen oder Reportagen zu einem vertieften Verständnis der Wahrheiten in ihrer Bedeutung beitragen will. Wir beurteilen die Aufrichtigkeit, den Informationsgehalt und die Relevanz der Beiträge für das öffentliche Interesse unter Zeitdruck und treffen dann eine entsprechende Auswahl; dieses inexakte Vorgehen nennen wir „Redaktion“. Eine gute Redaktion schafft Vertrauen, ihr Versagen führt zum Verlust der Glaubwürdigkeit.


Aber die Geschichte des Journalismus zeigt, dass die ihn tragenden Unternehmen und Institutionen regelmäßig umgekrempelt werden. Das hat zwei Ursachen. Die erste kommt zum Tragen, wenn rebellische Journalisten meinen, ein von Gewohnheiten und Konventionen verkrusteter Journalismus trage bestenfalls dazu bei, die Wahrheitssuche zu blockieren. So kamen in den 60er-Jahren amerikanische Magazin-Journalisten wie Tom Wolfe zu dem Schluss, die mechanische Objektivität der Zeitungsjournalisten werde dem sozialen Wandel der damaligen Zeit nicht gerecht. Demgegenüber sah Wolfe sich selbst als Vertreter des „neuen Journalismus“. Dieser Magazinjournalismus ist durchaus vom Flair des Privatdetektivs umwittert: Das Magazin deckt auf und spricht offen aus, was die etablierten Mainstream-Medien sich nicht einmal hinter vorgehaltener Hand zu sagen getrauen. So erwuchs etwa auch die französische Zeitung Libération aus der Überzeugung ihrer jungen Mitarbeiter, die spießigen französischen Altjournalisten könnten die Pariser Unruhen von 1968 weder verstehen noch erklären.


Die zweite umwälzende Kraft ist die Technologie. Das Radio gab dem Journalismus eine lebendige Unmittelbarkeit. Das Fernsehen veränderte die Konventionen aufs Neue. Die Kombination von drahtloser Telefonie, World Wide Web und Miniaturisierung der „Personal Technology“ hat zur Entstehung einer Flut von Nachrichten beigetragen. Zwar beschaffen die Journalisten immer noch die grundlegenden Nachrichten, aber sie müssen sie heute auch in einen Kontext stellen können, damit sie Bedeutung haben. Wir analysieren Nachrichten im Kontext globaler Echtzeitkommunikationen, an der eine Handvoll, aber auch Millionen von Leuten beteiligt sein können.


Die Verfechter des Bürgerjournalismus behaupten, die gesteigerte „Demokratisierung“ der Medien untergrabe die Nachfrage nach den etablierten Mainstream-Medien – und damit auch deren Macht. Die Kräfte der Veränderung bedeuten natürlich den Untergang derjenigen Medienimperien, die nicht in der Lage sind, sich anzupassen. Aber die eigentliche Idee des Journalismus bleibt davon unberührt. Denn die vielen neuen Möglichkeiten, Fakten und andere Standpunkte schnell zu recherchieren, bedeuten keineswegs, dass wir heute über die Glaubwürdigkeit der Beiträge, die wir lesen oder ansehen, weniger genau im Bilde sein müssten.


Die Textur der heute von uns konsumierten Nachrichten und Meinungen verändert sich: Sie sind vielfältiger, weniger formal und haben oft eher den Charakter einer Konversation als einer von der Kanzel herab gehaltenen Lektion. Auch die Art, in der wir Nachrichten und Meinungen beschaffen und nutzen, wandelt sich: Wir können E-Mails und Feeds heute so anpassen, dass sie uns mit Themen, Autoren und Standpunkten unserer Wahl versorgen. Aber die Bereitstellung wahrheitsgemäßer Grundtatsachen sowie die Bereitstellung erhellender und nicht manipulativer Plattformen für Nachrichten und Meinungen – das bleibt auch in der veränderten Situation eine wertvolle und wichtige Arbeit. Einige „Bürgerjournalisten“ liefern dazu einen wichtigen Beitrag; andere tun es nicht, je nachdem, wer sie sind und wo sie herkommen. Letztlich stehen wir damit wieder am Anfang: Wir müssen die Genauigkeit und Integrität der Beiträge selbst beurteilen.


Ich halte den Begriff „Bürgerjournalismus“ daher für irreführend. Alle Journalisten sind Bürger, aber heute sind eben zunehmend mehr Bürger auch Journalisten. Heute melden sich einfach mehr Stimmen zu Wort, wenngleich man sich wohl nur auf wenige langfristig verlassen können wird. Schließlich können wir täglich nur eine beschränkte Zeit für Lesen oder Blogging aufwenden; wir alle wählen die von uns genutzten Medien unweigerlich selber aus. Und die Frage, die sich dem Verbraucher von Nachrichten und Meinungen dabei vor allem stellt, ist diejenige, die schon immer gestellt wurde: Traue ich dieser Quelle zu, dass sie mir etwas Wahres und Nützliches mitteilen kann? Manche Quellen werden diesen Test bestehen, andere nicht. Eine offene Gesellschaft, die auch weiterhin offen sein will, muss diesem Test treu bleiben.