01.03.2003

Das Zeitalter der Manipulation

Kommentar von Elisabeth Lasch-Quinn

Elisabeth Lasch-Quinn bezweifelt, dass die Versprechungen der Freiheit uns wirklich freier gemacht haben.

Zahlreiche Retro-Stile äffen heute die Gegenkulturen der 60er- und 70er-Jahre nach. Viel Geld wird ausgegeben für neue verfärbte oder zerrissene Jeans, und ähnlich werden die Körper behandelt – gelöchert und tätowiert. Der verbreitet aggressive Fahrstil weist auf Verwandtes hin: Wir halten uns für Individuen, die nichts mehr hält oder bindet; keine Zwänge wie Höflichkeit oder Sicherheit sollen uns beengen.

Bei der Diskussion über einen möglichen Krieg gegen den Irak vergessen wir die unangenehme Tatsache, dass wir uns schon im Kriegszustand befinden – im Zustand des Krieges, jeder gegen jeden. Und eben die, die hier Abhilfe versprechen – Trainer für Konfliktmanagement, Berater in Sachen kulturelle Vielfalt, Business-Kniggologen und Personalentwickler –, sind diejenigen, die all das noch verschlimmern. Sie stärken das therapeutische Ethos, jene Weltsicht, die Nabelschau und Selbstfindung ganz obenan setzt.

In unserer vorgeblich so freien Zeit fällt kaum jemandem auf, wie groß die Autorität dieser selbsternannten Experten mittlerweile geworden ist. Sie geht einher mit der Macht der Marketingleute und Werber, die gleichfalls das „Ich Ich Ich“ propagieren.

In seinem großartigen Buch The Triumph of the Therapeutic (erschienen 1987) analysiert der Soziologe Philip Rieff den Kult der persönlichen Befreiung als ein Resultat der Entwicklung weg von der religiösen, hin zur therapeutischen Weltsicht – wobei erstere für ihn geprägt ist durch Glauben und Offenbarung, letztere durch grenzenlose Selbstsucht.

Für Rieff haben die Zwänge der Gemeinschaft, die einst das Individuum als Kontrollinstanz dazu brachten, seine Impulse in geordneter Form auszuleben, abgedankt. An ihre Stelle getreten ist der Verlust von Hemmungen und die ständige Suche nach beliebig machbarem Lustgewinn. Rieff schwankt dabei zwischen der These, der Westen wäre im Laufe der Zeit, bis zu den 1960er-Jahren hin, seiner Kultur verlustig gegangen (und damit den Regeln des „Erlaubt“ und „Verboten“, die Teil jeder Kultur sind), und der Behauptung, eine neue Kultur sei entstanden, eine mit anderen, eigenen Regeln, die sich auf das therapeutische Ethos stützen.

Die New-Age-Parole vom „persönlichen Wohlbefinden“ macht uns nicht nur alle zu Rivalen, sie führt auch nicht zu der persönlichen Erfüllung, die sie verspricht.

Zwar könnte man immer wieder den Eindruck gewinnen, unsere Gesellschaft balanciere hart an der Grenze zur Barbarei, ein schärferer Blick offenbart jedoch zahlreiche Trends einer neu entstehenden Kultur. Wenn wir auch behaupten, noch nie wäre unsere persönliche Freiheit so groß gewesen wie heute, sieht es doch, geht es um grundsätzliche Freiheiten, Freiheiten, für die frühere Generationen kämpften und starben, schlecht aus: Gedanken- und Meinungsfreiheit, die Freiheit, politisch aktiv zu sein, die Freiheit, Kinder zu haben und sie nach eigenem Gutdünken zu erziehen, die Freiheit, in der Arbeit Erfüllung zu finden – diese Freiheiten und andere mehr unterliegen heute erheblich mehr Einschränkungen, als wir uns gerne eingestehen.

Natürlich haben die westlichen Gesellschaften bei der Durchsetzung der Meinungsfreiheit und der politischen Rechte große Fortschritte gemacht. Die Bewegungen jedoch, die diese Demokratisierung vorangetrieben haben, gingen einher mit Entwicklungen, die die Möglichkeit, selbstbestimmt politisch zu handeln, untergraben haben. Unsere Mitmenschen sind für uns heute oft nur noch Ballast.

Der Philosoph Alisdair McIntyre geht in seinem Buch After Virtue (1982) davon aus, dass das gesellschaftliche Durcheinander, von dem wir uns umgeben sehen, seine Ursache in der im 18. Jahrhundert erfolgten Zerschlagung eines kohärenten moralischen Begriffssystems hat, eines Systems, das mit Aristoteles begann. McIntyre zufolge sabotierte die moderne Vorstellung vom Selbst die Idee des Telos, d.h. die Idee, ein gutes Einzelleben diene einem höheren, transzendenten Gut.

Der Glaube an ein solches transzendentes Gut ist für moderne Denker Ansichtssache. Rein rational lässt es sich nicht begründen. Wir ziehen es deshalb vor, die Welt emotional zu sehen, d.h. wahr ist all das, was einem Einzelnen zu einer jeweils bestimmten Zeit als wahr erscheint. Die vorherrschende Sensibilität, die jene verbreiten, die uns glauben machen wollen, Toleranz und Vielfalt seien absolute Werte, lehrt, dass alles relativ, weil subjektiv ist und schließt aus, dass es kollektive Urteilsnormen für Verhalten, Moral, Ästhetik oder Leistung geben könne.

Man könnte versucht sein, darin ein Patentrezept für Einklang und Gerechtigkeit zu sehen. McIntyre zeigt aber, dass das Fehlen kohärenter moralischer Normen, die über die emotionalen Präferenzen des Individuums hinausreichen, den grundlegenden Unterschied zwischen „manipulativen und nicht-manipulativen sozialen Beziehungen“ verschleiern. Ist unsere Richtschnur bloß der freie Ausdruck des subjektiven Befindens und unserer persönlichen Wünsche, dann nehmen wir die Anderen zunehmend nur noch als Instrumente oder Störfaktoren wahr.

Die New-Age-Parole vom „persönlichen Wohlbefinden“ macht uns nicht nur alle zu Rivalen, sie führt auch nicht zu der persönlichen Erfüllung, die sie verspricht. Rieffs Formulierung „beliebig machbarer Lustgewinn“ bringt die Sache auf den Punkt: Marketingleute und Werber sitzen in Geldspeichern, erbaut aus unserer Bereitschaft, uns wohlig manipulieren zu lassen.

Das alles wäre nur zu verständlich, ständen am Ende Menschen, die glücklich, erfüllt, tolerant und friedlich sind. Doch die Suche nach dem Lustgewinn geht gründlich schief. Allerorten hört man vom unerhörten Ausmaß der Depressionen, der Einsamkeit und Enttäuschung. Es wäre an der Zeit zu fragen, ob die Versprechungen der Freiheit uns wirklich freier gemacht haben. Eine Gesellschaft, die auf Manipulation beruht, hat neue Autoritäten – auch wenn diese Autoritäten Freiheit versprechen.

Unser Wahnsinn hat mehr Methode, als es scheint: Die Marktmentalität und das therapeutische Ethos sind heute so mächtig, dass sie von uns die vollständige Offenlegung unserer Bedürfnisse und Wünsche und deren unbedingte Einlösung fordern. Andere werden dabei zu Objekten, zu bloßen Mitteln zum Zweck degradiert. Dabei gibt es dann, in einer Kultur, die ganz auf Manipulation beruht, keinen Grund mehr – sollten die Ergebnisse anders ausfallen als von uns gewünscht –, völlig rücksichtslos und brutal loszuschlagen.