01.11.2002

Das Schaf als Gen-Fabrik

Essay von Scott Anderson

Von Pharmern und Schimären.

Die grünen Wiesen, die sich prachtvoll über die Hügel Schottlands erstrecken, beheimaten auch die Fabriken des Roslin Instituts. Sie produzieren nur wenig Abgase, und keiner in der Nachbarschaft beschwert sich. Der Grund: Bei diesen „Fabriken“ handelt es sich um Schafe, die genetisch verändert wurden, damit sie menschliche Eiweiße in ihrer Milch produzieren.
Willkommen in der neuen Welt des Pharming, einer großartigen und wenig aufwendigen Technologie, die Patienten, die an Emphysemen, Mukoviszidose, Thrombose, der Bluterkrankheit, AIDS, Arthrose, Malaria oder anderen Krankheiten leiden, große Hoffnung bringt.

Der Pharmer der Zukunft könnte eine Herde von etwa 100 Schafen halten, die dann den gesamten Weltmarkt mit einem bestimmten hochkomplexen Medikament versorgen, das sonst nur schwer zu produzieren wäre. Jedes Tier könnte so auf sein Leben hochgerechnet Millionen von Dollar wert sein. Weil die Schafe genetisch so verändert wurden, dass sie menschliche Gene in sich tragen, werden sie zu transgenen Tieren, die auch Schimären genannt werden. Dieser Name rührt von der mythischen Figur der Griechen her, die Merkmale eines Löwen, einer Ziege und einer Schlange trug. Der Mythos besagt, dass Bellerophon – auf dem geflügelten Pferd Pegasus sitzend – die feuerspeiende Schimäre schließlich erschlug.

Jeremy Rifkin ist ein moderner Bellerophon. Er kämpft gegen das Pharming und, um genau zu sein, gegen jede Art Forschung, die mit Schimären zu tun hat. Aber da Millionen von Leben auf dem Spiel stehen, wäre er gut beraten, stichhaltige Argumente vorzubringen. Rifkin, der Präsident der in Washington ansässigen Foundation on Economic Trends ist, gilt als erfahrener Provokateur, der das Geschick besitzt, Aufmerksamkeit zu erregen und zu Anhörungen vor dem amerikanischen Kongress eingeladen zu werden. Was er sagt, hat wohl oder übel also Gewicht.
Rifkin befürchtet, dass die Forscher durchdrehen und hässliche, gekreuzte Kreaturen erschaffen, welche die Insel des Doktor Moreau wie Green Acres erscheinen lassen würden. Dies wäre ein schrecklicher Einsatz der neuen Technologie, weshalb Forscher weltweit sich darauf verständigt haben, diesen Weg nicht zu beschreiten. Außerdem arbeiten sie mit Bioethikkommissionen zusammen, um solche Schreckensszenarien zu verhindern.

“Würden Rifkins Forderungen umgesetzt, kämen weite Bereiche des medizinischen Fortschritts zum Erliegen.”

Rifkin aber lässt sich durch diese Versprechen der Forscher nicht besänftigen und versucht seit langem, Regierungen dazu zu bewegen, schärfere Gesetze zu verabschieden. Würden seine Forderungen umgesetzt, kämen weite Bereiche des medizinischen Fortschritts zum Erliegen.
Rifkin hat nun mit Stuart Newman, einem Biologen des New York Medical College, der Rifkins Ängste teilt, einen cleveren Plan ausgeheckt. Er bat Newman, sich die ekelhaftesten Schimäre auszudenken, die man sich vorstellen kann, und sie dann patentieren zu lassen. Newman hatte zwei Ideen: einen Menschen-Schimpansen und eine Menschen-Maus, beide also absolut abscheulich.
Bekämen sie das Patent, so dachten sich die beiden Wissenschaftler, wären sie in der Lage, jeden anderen Bewerber für das Patent abzulehnen und die Welt somit vor einer furchtbaren Mutation bewahren. Bekämen sie es nicht, könnten sie das amerikanische Patentamt verklagen und so eine öffentliche Grundsatzdebatte über Genpatente vom Zaun brechen. So oder so bekämen sie in jedem Fall jede Menge Aufmerksamkeit und könnten die Öffentlichkeit anregen, sich vor transgener Forschung und allem, was menschliche und tierische Gene kombiniert, zu ekeln.
Das Patentamt stellt seit über zwei Jahrzehnten Patente auf lebende Kreaturen aus, die von menschlicher Hand, meist durch das Spleißen von Genen, kreiert wurden. Aber das Patentamt unterscheidet, ob das Produkt, das patentiert werden soll, ein Mensch oder ein menschliches Embryo ist. Das macht Sinn, aber Rifkin und Newman meinen, solche Patente wären der erste Schritt ins Verderben. Deshalb müsse man Genpatente generell verbieten.

Doch wovon reden diese Herren überhaupt? Es gibt bereits eine ganze Menge ausgesprochen nützlicher Schimären, die jeweils für eine spezielle Therapie gedacht sind. Schauen wir uns also die Forschung, die Rifkin und Newman in Angst und Schrecken versetzt, einmal etwas näher an.
Ein Pharmer kreiert eine Schimäre, indem er ein spezielles menschliches Gen in ein Tier einsetzt, zum Beispiel in das Roslin-Schaf, das dann in seiner Millch ein menschliches Eiweiß absondert. Die Brustdrüsen werden bevorzugt, weil sie ausgesprochen produktive sekretorische Organe sind, aber Forscher haben auch schon Nieren und Speicheldrüsen getestet.

Transgene Labormäuse, die menschliche Gene in sich tragen, wurden schon vor Jahren patentiert. Aber Mäuse sind eben Mäuse und nicht die schrecklichen Monster, die sich Rifkin und Newman ausmalen. Diese Mäuse werden meist zu Testzwecken verwendet. Wenn Biologen früher Medikamente für Menschen an Mäusen getestet haben, war immer nur eine relativ vage Einschätzung der Ergebnisse möglich. Die Verwendung von Mäusen mit menschlichen Genen macht diese Tests viel genauer und verringert die Notwendigkeit, groß angelegte Tests an Menschen durchzuführen.
Eine sehr kleine Schimäre entsteht, wenn menschliche Gene in Bakterien und Hefe geteilt werden. So brauen die Biotechnologiefirmen die meisten ihrer Wundermedikamente, darunter menschliches Insulin, in Gärtanks zusammen. Die Produkte, die aus diesen patentierten Bakterien gemacht werden, haben bereits mehreren Hunderttausend Menschen das Leben gerettet.

Bald auch erhältlich: Menschliche Gene, die in die Saat für Lebensmittel transplantiert werden. Es gibt also bald Medikamente, die quasi auf dem Feld angebaut werden können. Das ist ein neuer Zweig des Pharming. Die „Früchte“ dieser Forschung könnten entweder gegessen oder als kostengünstige Methode in der Diagnostik eingesetzt werden, so dass hochentwickelte Tests einem breiteren Markt zugänglich gemacht werden können.

“Unglaublich, aber wahr: Die am weitesten verbreitete Schimäre könnte Ihre Mutter sein.”

Die Transplantation, zum Beispiel das Einsetzen der Herzklappe eines Schweins in ein menschliches Herz, ist eine andere Methode der Herstellung einer menschlich-tierischen Schimäre. Diese Menschen möchten nach wie vor wie Menschen behandelt werden, denn sie zeigen kein schweinisches Verhalten. Rifkin sollte einmal ein intensives Gespräch mit diesen Schimären führen, bevor er ihre Genmischung als ketzerisch verurteilt.
Natürliche Schimären gibt es öfter als man denkt. Zweieiige Zwillinge, die einen Mutterkuchen teilen, haben oft verschiedene Blutgruppen, weil ihre fetalen Stammzellen sich im Mutterkuchen vermischen.

Unglaublich, aber wahr: Die am weitesten verbreitete Schimäre könnte Ihre Mutter sein. Wissenschaftler haben unlängst festgestellt, dass bei einigen und vielleicht sogar allen Müttern die DNA ihrer eigenen Kinder noch Jahrzehnte nach der Geburt im Blut durch den Körper fließt. In gewisser Weise erbt die Mutter die DNA ihrer Kinder. Dies mag sich seltsam anhören, ist aber völlig natürlich. Und es kann auch zu Schwierigkeiten führen: Wissenschaftler spekulieren darüber, ob autoimmune Krankheiten wie Hauttuberkulose oder Arthrose entstehen könnten, wenn das Immunsystem der Mutter versucht, die fremde DNA auszuschalten.
Rifkin sollte daran erinnert werden, dass nicht alles natürliche auch gut ist. Tatsächlich ist oft das Gegenteil der Fall, weshalb es Ziel der Wissenschaft ist, natürliche Grenzen zu überschreiten.

“Statt uns theoretische Monstrositäten auszumalen, sollten wir jeden Fall so nehmen, wie er kommt, das Für und Wieder erörtern, und eine durchdachte Entscheidung treffen.”

Die Transplantation, zum Beispiel das Einsetzen der Herzklappe eines Schweins in ein menschliches Herz, ist eine andere Methode der Herstellung einer menschlich-tierischen Schimäre. Diese Menschen möchten nach wie vor wie Menschen behandelt werden, denn sie zeigen kein schweinisches Verhalten. Rifkin sollte einmal ein intensives Gespräch mit diesen Schimären führen, bevor er ihre Genmischung als ketzerisch verurteilt.
Natürliche Schimären gibt es öfter als man denkt. Zweieiige Zwillinge, die einen Mutterkuchen teilen, haben oft verschiedene Blutgruppen, weil ihre fetalen Stammzellen sich im Mutterkuchen vermischen.

Unglaublich, aber wahr: Die am weitesten verbreitete Schimäre könnte Ihre Mutter sein. Wissenschaftler haben unlängst festgestellt, dass bei einigen und vielleicht sogar allen Müttern die DNA ihrer eigenen Kinder noch Jahrzehnte nach der Geburt im Blut durch den Körper fließt. In gewisser Weise erbt die Mutter die DNA ihrer Kinder. Dies mag sich seltsam anhören, ist aber völlig natürlich. Und es kann auch zu Schwierigkeiten führen: Wissenschaftler spekulieren darüber, ob autoimmune Krankheiten wie Hauttuberkulose oder Arthrose entstehen könnten, wenn das Immunsystem der Mutter versucht, die fremde DNA auszuschalten.
Rifkin sollte daran erinnert werden, dass nicht alles natürliche auch gut ist. Tatsächlich ist oft das Gegenteil der Fall, weshalb es Ziel der Wissenschaft ist, natürliche Grenzen zu überschreiten.

“Nicht alles Natürliche ist auch gut. Tatsächlich ist oft das Gegenteil der Fall, weshalb es Ziel der Wissenschaft ist, natürliche Grenzen zu überschreiten.”

Ein neu entdeckter Schimärismus bei Transplantationspatienten begeistert nun die Forscher: Nach der Transplantation fangen Zellen aus dem Wirt an, ins eingesetzte Organ einzudringen. Wissenschaftler haben festgestellt, dass ein Spenderherz schon wenige Tage nach der Transplantation bis zu 20 Prozent aus Gewebe des Wirts bestehen kann. Dies zeigt, dass ein Organ keine homogene DNA benötigt, um richtig zu funktionieren und dass verschiedenartige Zellen sehr gut zusammenleben können.
Forscher haben außerdem festgestellt, dass Patienten, bei denen Knochenmarkstransplantationen durchgeführt wurden, schon bald Zellen des Spenders in ihrem gesamten Körper tragen. Da Knochenmark Stammzellenvorläufer für Blut und das Immunsystem enthält, ist nachvollziehbar, wie sie sich verbreiten. Nach einer Weile dringen sie in die Muskeln, die Leber, das Gehirn, die Nieren und vermutlich auch andere Organe ein.

Wäre Rifkins Kreuzzug gegen die Schimären mit Erfolg beschieden, würden Transplantationen von Knochenmark und anderen Organen bald der Vergangenheit angehören. Rifkin wiederholt hier die Panik, die seinerzeit die ersten Transplantationen menschlicher Organe begleitete. Damals meinten die Kritiker, Transplantationen entwürdigten das Prinzip des Lebens und würden unsere Seelen zerstören. Sie forderten, diese Forschung sofort einzustellen, um bleibende Schäden an der menschlichen Gattung zu verhindern. Das Zeter und Mordio endete, als – wie von den Wissenschaftlern prognostiziert – die Transplantationen den Menschen ein längeres Leben ermöglichten, ohne dass sie dafür ihre Seele opfern mussten.

Bei einer weiteren Form des Schimärismus wird ein tierisches Ei verwendet, um eine menschliche Stammzelle zu erschaffen. In diesem Fall besteht der biologische Zauber darin, dass Eizellen, unabhängig von ihrer Spezies, sehr anpassungsfähig sind. Sie können eine erstaunliche Vielfalt an gespendeter DNA aufnehmen und diese „umbauen,“ so dass die DNA kopiert werden kann. Bei dieser Methode wird dem Patienten ein kleines Stück Haut entfernt, um seine DNA zu ermitteln. Nachdem der Zellkern aus dem Ei entfernt wurde, wird die DNA des Patienten eingesetzt. Durch einen zugeführten Schock beginnt das Ei, die DNA umzubauen und sich zu spalten. Nach einigen Teilungen können die Wissenschaftler die Stammzellen ernten und für therapeutische Zwecke weitergeben.
Das Biotechnologieunternehmen Advanced Cell Technology (ACT) im amerikanischen Boston verkündete unlängst, dass das Ei einer Kuh menschliche DNA umbauen könne. Wäre dies der Fall, wären menschliche Eizellen nicht mehr nötig, um menschliche Stammzellen zu kreieren. Das würde bedeuten, dass man, ohne einen anderen Menschen ins Spiel zu bringen, die Anzahl seiner eigenen Zellen erhöhen könnte. Das Verfahren wäre außerdem sehr kostengünstig und leicht durchzuführen. Tritt das von ACT beschriebene Szenario ein, könnte das Verfahren, so hoffen die Wissenschaftler, Herzkrankheiten, Alzheimer, Parkinson, Diabetes, Arthrose, Aids und Nervenschäden heilen. All dies wäre mit ein paar Variationen ein und derselben Stammzelltherapie realisierbar.

“Die wundersamste Schimäre sind Sie selbst. Tief in Ihrer DNA tragen Sie Überbleibsel Ihrer tierischen Vergangenheit – und noch einiges mehr.”

Rifkin verurteilt dieses Verfahren als Schimärismus, aber diese Zellen tragen keine Kern-DNA der tierischen Eizelle: Der Zellkern des Eis wird vorher vollständig entnommen; sonst würde die Prozedur auch gar nicht funktionieren. Aus diesem Grund sind diese Zellen gar keine Schimären. Sie sind lediglich ein dünner Rand von Zellen in einer Petrischale: therapeutisches Gewebe, das genetisch gesehen dem des Patienten gleicht. Obwohl es Rifkin so nervös macht, produziert es keine Schimären. Um es noch mal hervorzuheben: Niemand versucht, auf diese Weise ganze Menschenhorden zu klonen; es sollen nur therapeutische Zellen erschaffen werden.

Die wundersamste Schimäre allerdings sind Sie selbst. Tief in Ihrer DNA tragen Sie Überbleibsel Ihrer tierischen Vergangenheit – und noch einiges mehr. Sie haben 99 Prozent Ihrer Gene mit dem Affen gemeinsam.[1] Auch wenn Sie eines dieser Gene transplantieren würden, würde sich nichts ändern. Über die Hälfte der Gene, die sich in Fliegen finden, wurden auch schon in Menschen gefunden. [1]Sie haben teilweise sogar die gleichen Gene wie Pflanzen und selbst Bakterien. Noch verwunderlicher ist die Tatsache, dass ihre gesamte DNA von viralen Genen durchsetzt ist, eingeführt von Retroviren, die einige der Keimzellen Ihrer Vorfahren in den letzten drei Milliarden Jahren infiziert haben. Ihre DANN – oder unser aller DNA – repräsentiert eine riesige Menge an Angriffen, die wir als Gattung überlebt haben.

Wir können all diese Schimären in zwei Gruppen zusammenfassen: Tiere mit zusätzlichen Genen und Menschen mit zusätzlichen Genen. Im ersten Fall besteht der Kernpunkt darin, ein genetisch verändertes Tier entstehen zu lassen, das umweltfreundlich ist und wertvolle Eiweiße produziert. Dies wären natürlich immer Tiere, und man käme wohl kaum auf die Idee, sie mit Menschen zu verwechseln. Im zweiten Fall geht es um Menschen mit all ihren Rechten. Patienten, die durch die Kombination von Genen vor dem sicheren Tod bewahrt wurden, sind trotzdem Menschen geblieben und teilen die abergläubische Furcht, die Rifkin bezüglich ihrer Therapie hegt, nicht.
Wer die Tiere sind und wer die Menschen, ist eigentlich recht klar. Aber Rifkin macht sich Sorgen, dass diese Kreaturen ein Monsterville hervorbringen werden. Vor verrückten Wissenschaftlern sollten wir natürlich auf der Hut sein, aber kein vernünftiger Wissenschaftler will Monster erschaffen, sondern lernen und der Menschheit helfen. Natürlich sind Wissenschaftler auch hinter Fördermitteln her, aber wer würde sie dafür bezahlen, ein Monster zu kreieren?

,,Wir haben die DNA für Pocken von der Erde verbannt und stehen bei Polio kurz davor. Warum sollten wir uns also nicht „böser“ menschlicher Gene annehmen?”

Abstrakt lässt sich natürlich immer behaupten, dass etwas möglicherweise ins Verderben führt, aber wo die Kausalkette brüchig wird, fallen die Schlussfolgerungen bisweilen absurd aus. Rifkin scheint nicht zu bemerken, wie surreal seine Thesen sind. Er sagt: „Ich habe lange untersucht, wie die Eugenik kommerzieller und marktorientierter geworden ist. Wenn es einen Feind gibt, dann sind es diejenigen von uns, die mit gutem Grund gesunde Babys wollen.“[3] Rifkin meint also, das Verderben beginne mit gesunden Babys – zweifelsohne ein interessanter Kreuzzug.
Sollten wir an unseren Genen herumspielen? Warum nicht, wenn wir dadurch eine schreckliche Krankheit heilen können? Warum sollten wir tödliche Gene nicht aus dem menschlichen Genpool entfernen, etwa Huntington Chorea oder das Tay-Sachs Syndrom? Wer meint, diese Gene erfüllten einen guten Zweck, soll sie auf einem Computerband speichern. Aber wohl kaum jemand wünscht einem Kind diese Krankheiten. Wir haben die DNA für Pocken von der Erde verbannt und stehen bei Polio kurz davor. Warum sollten wir uns also nicht „böser“ menschlicher Gene annehmen?

Selbstverständlich ist, wie überall, auch hier Leichtfertigkeit nicht angesagt. Wenn wir unser eigenes Schicksal bestimmen wollen, brauchen wir eine durchdachte Überwachung. Deshalb haben auch führende Wissenschaftler wie Ian Wilmut – der Mann, der Dolly geklont hat und dessen Arbeit den Grundstein für die medikamentproduzierenden Schafe legte – immer wieder öffentliche Diskussionen angeregt. „Wir wollen eine fundierte öffentliche Diskussion darüber anregen, wie diese Technologie missbraucht werden könnte und wie man sicherstellen kann, dass adäquate Gesetze gegen Missbrauch verabschiedet werden“, sagt Wilmut. „Wir machen uns aber auch Sorgen darüber, dass das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet wird. Es gibt hier große potenzielle Vorteile, und die Angst vor Missbrauch sollte die wertvollen Vorteile dieser Forschung nicht zunichte machen.“[4]

Dann gibt es noch die Frage der Genmanipulation, also der Vorgänge, die weder heilen noch Schaden zufügen und bei denen es lediglich darum geht, ein Kind „besser“ zu machen. Das könnten beispielsweise blaue Augen oder höhere Intelligenz sein. Bei diesem Thema geraten Rifkin und andere in Rage. Hier, so sagen sie, erscheint das teuflische Potenzial der Eugenik in Reinkultur. Aber wie problematisch sind diese Dinge wirklich?

“Das Ändern von Genen ist keine Einbahnstrasse.”

Im Vergleich zur DNA einer einzelnen Person ist einer der besorgniserregenden Aspekte beim Herumspielen an der Keimbahn, dass der Vorgang scheinbar nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Man sorgt sich, dass ein Gen, wenn es freigegeben wird, außer Kontrolle geraten und die ganze Zivilisation vernichten könnte. Aber wenn wir verstehen, wie man Gene verändern kann, weiß man auch, wie man sie zurückverwandeln kann. Das Ändern von Genen ist keine Einbahnstrasse.
Das soll nicht heißen, dass es hier keine Probleme gibt. Rifkins Monster werden aber nie Wirklichkeit, zum einen weil sie bereits gesetzlich verboten sind, zum anderen, weil keiner sie braucht. Statt sinnvolle Therapien unter Verweis auf weit hergeholte Hypothesen zu verbieten, sollten wir uns der vielen Fragen annehmen, die noch offen sind. In der Zwischenzeit sollten wir Kranken diese Therapien nicht verwehren, nur weil ein Verrückter diese Technologie möglicherweise irgendwann einmal missbrauchen könnte.

Rifkin möchte nicht nur Schimären verhindern, sondern auch Genpatente. Diese Patente werden aber gar nicht auf die eigentlichen Gene ausgestellt, sondern auf die Therapien und Diagnostikmethoden, in denen sie zum Einsatz kommen. Der spezifische genetische Code wird im Patent detailliert dargelegt, allerdings nur, um den Schutzumfang des Patents festzulegen. Ohne Patente würde die ganze multimilliardenschwere Biotech-Branche über Nacht zusammenbrechen und Millionen von Patienten hilflos ihrem Schicksal überlassen.[5]
Das amerikanische Patentsystem ist nicht vollkommen, und in der Vergangenheit hat die pharmazeutische Industrie es mitunter auch missbraucht. Andererseits hat das Patentsystem aber auch zum enormen Fortschritt der therapeutischen Medizin beigetragen. Länder ohne entwickeltes Patentsystem können vergleichbare Medikamente nicht produzieren, sondern müssen sie oft sogar aus anderen Ländern stehlen.

Stuart Newman schreibt: „Der Privatbesitz von Erfindungen ist nicht die einzige Art, in der im Laufe der Geschichte wissenschaftliche und medizinische Fortschritte erzielt wurden.“ Das mag sein, aber es ist erwiesenermaßen der effektivste Weg. Der Los Angeles Times sagte Newman: „Was man mit dem menschlichen Leben machen kann, ist völlig schrankenlos. Es gibt da keinen natürlichen Endpunkt. Ich denke, es wird zu genveränderten Menschen führen, die man kaufen kann.“ Das hört sich apokalyptisch an, aber wovon redet der gute Doktor? Es gibt reichlich Grenzen für das, was man mit Menschen machen kann und was nicht; sie zu verkaufen, ist keine attraktive Option. Das verhindert allein schon das 13. Amendment der amerikanischen Verfassung, das die Sklaverei verbietet.
Wo Linien verschwimmen, oder Menschen ohne ihren eigenen Willen betroffen sind, müssen wir Sorgfalt walten lassen. Aber statt uns theoretische Monstrositäten auszumalen, sollten wir jeden Fall so nehmen, wie er kommt, das Für und Wieder erörtern, und eine durchdachte Entscheidung treffen.

Rifkin sollte sich entspannen und verstehen, dass die Wissenschaft trotz ihrer unschönen Seiten die gesunde Lebenserwartung der Menschen in den entwickelten Ländern in weniger als einem Jahrhundert verdoppelt hat. Wissenschaftler – obwohl oft mit Doktor Frankenstein gleichgesetzt – haben sehr starke Motive, das Leben zu verbessern. In einer Marktwirtschaft ist es nämlich ausgesprochen schwer, sich über Wasser zu halten, wenn man Dinge schafft, die keiner haben wil.l

“Ein Verbot von Genpatenten und Schimären wird kein einziges Menschenleben retten. Im Gegenteil: Es gefährdet die Gesundheit von Millionen Menschen.”

Das heißt nicht, dass Wissenschaftler keine Fehler machen werden; sie werden dies auch in Zukunft tun. Das ist unvermeidlich, wenn man neues Terrain betritt. Aber Bioethik ist in diesem Feld der Forschung kein Randthema, und Wissenschaftler legen großen Wert auf Richtlinien. Rifkin könnte die Sicherheit der Forschung stärken, indem er mehr staatliche Fördermittel beantragt, statt Verbote zu fordern. Denn Fördermitteln sind immer mit umfassenden Vorgaben verbunden sowie mit der Verpflichtung, die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit vorzulegen.
Die Regierung hat die Stammzellenforschung effektiv privatisiert, weil sie in den letzten zehn Jahren keine öffentlichen Fördermittel bewilligt hat. Daher sind nur wenige Forschungsergebnisse öffentlich zugänglich. Verbietet man diese Forschung, wird die Sache keineswegs besser, denn dann wird sie einfach in andere Länder emigrieren, wo weniger starke Kontrollen bestehen.
Angesichts all dieser Tatsachen ist schwer nachvollziehbar, warum Rifkin und Newman ihren Kreuzzug weiter verfolgen. Vielleicht gelingt es ihnen, die Öffentlichkeit zu verschrecken. Ein Verbot von Genpatenten und Schimären wird kein einziges Menschenleben retten. Im Gegenteil: Es gefährdet die Gesundheit von Millionen Menschen. Es bedürfte schon sehr guter Argumente, um diesen Menschen eine Therapie zu verweigern. Und diese Argumente hat Rifkin nicht.