23.09.2009

Das Kopenhagener Dilemma

Analyse von Peter Heller

Die Öl-Reserven sind so groß wie nie - daran kann auch die Kopenhagener UN-Klimakonferenz nichts ändern.

Die Vorbereitungen zur UN Klimawandel-Konferenz in Kopenhagen, der “Weltklimakonferenz” (http://en.cop15.dk/), laufen auf Hochtouren. Zwischen dem 7. und 12. Dezember 2009 soll in der dänischen Hauptstadt ein globales Nachfolge-Abkommen zu Kyoto verhandelt und beschlossen werden. Das Ziel ist die Eindämmung so genannter “Treibhausgas-Emissionen”, insbesondere solcher in Form von Kohlendioxid. Kohlendioxid, das anthropogen vor allem bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Erdöl, Kohle und Erdgas entsteht.

Die Begleitmusik zu diesen Vorbereitungen spielt das übliche mediale Gewitter von Berichten über besonders schlechtes Wetter – wahlweise zu heiß oder zu kalt, zu feucht oder zu trocken, zu windig oder zu windstill. Schlechtes Wetter, dessen Ursachen seit einigen Jahren eben nicht mehr der Zufall, das regionale Zusammenwirken von Strömungen und Luftdruck oder auch diverse Wettergottheiten sind, sondern das sich allein und ausschließlich auf den Menschen und seine Emissionen zurückführen läßt. Die üblichen Verdächtigen, also schlicht vom Medieninteresse korrumpierte und/oder überforderte Klimaforscher, beeilen sich auch gleich, diese Interpretation mit falschen oder trickreich verfälschten statistischen Daten zu untermauern.
Parallel zu diesem Aspekt der Wirklichkeit hat die Exxon Mobil Corporation ihren Jahresbericht “Öldorado 2009” (http://www.exxonmobil.de/unternehmen/service/publikationen/downloads/index.html) veröffentlicht. Die mediale Berichterstattung hierüber geht gegen Null. Dabei legt das Dokument auf lediglich zwölf äußerst informativen Seiten dar, warum Kopenhagen, gleich welche Vereinbarung nun herauskommen wird, scheitern muss.

Aber der Reihe nach.

Auf der einen Seite steht eines der wertvollsten, wenn nicht das wertvollste Unternehmen der Welt. Dessen einziger Geschäftszweck die Förderung, Verteilung und Verarbeitung von Erdöl und Erdgas ist. Und das machen die Leute dort erkennbar sehr gut, seit fast 140 Jahren. Man ist stolz auf sich und teilt das der Öffentlichkeit auch deutlich mit. Es handelt sich um einen Konzern mit nahezu 100.000 Mitarbeitern, der gemessen an Kennzahlen wie “Umsatz pro Mitarbeiter” wahrscheinlich einer der produktivsten der Welt ist. Und der daher in einem großen Ausmaß ökonomische Werte erwirtschaftet. Werte, die über die gezahlten Steuern letztendlich der Allgemeinheit zugute kommen. Dabei sind die eigentlichen Unternehmenssteuern der unwichtige Teil. Wie bei jeder Firma sind es die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter, die den Unterschied ausmachen. Durch diese, und durch die Einkommen der Mitarbeiter von Zulieferern und Abnehmern entlang der Wertschöpfungskette, wird nicht nur eine staatliche Verwaltung finanziert, sondern auch Wohlstand verbreitet. Es werden nicht nur Arbeitsplätze geschaffen und gesichert, an denen das Wohlergehen von Familien hängt, sondern es profitieren am Ende auch diejenigen, bei denen diese Familien ihr Geld wieder ausgeben. So ist natürlich jede erfolgreiche Unternehmung eine Wohlstandsquelle, aber für ExxonMobil gilt dies aufgrund seiner Werthaltigkeit und seiner Produktivität in besonderer Weise.

Auf der anderen Seite stehen ein paar tausend Bürokraten, die zumindest in den westlichen Ländern ausnahmslos den jeweiligen Umweltministerien und damit auch der ideologisierten Umweltbewegung unserer Zeit entstammen. Bürokraten aller Ebenen, die nicht eine Quelle, sondern eine Senke der Wertschöpfung bilden. Bürokraten, die nichts produzieren, nichts herstellen, nicht zur Produktivität einer Volkswirtschaft beitragen, sondern das Geld (in Arbeitszeit, Hotelzimmern und bei teuren Essen und Empfängen) verpulvern, das unter anderem bei ExxonMobil erwirtschaftet wurde. Und, fast hätte ich es vergessen, unter den vielen tausend Bürokraten verlieren sich ein paar Geowissenschaftler, unsere allseits medial präsenten Klimaforscher. Etwa 150 an der Zahl – ExxonMobil allein verfügt über das hundertfache an entsprechend qualifiziertem Personal.

Nun soll in Kopenhagen versucht werden, uns allen, also den gewöhnlichen Konsumenten, das Verbrennen von beispielsweise Erdöl und seinen Derivaten abzugewöhnen. Da werden eine Vielzahl von Maßnahmen diskutiert – und einige auch beschlossen werden – deren Kernziel die Steuerung der Nachfrage nach Erdölprodukten darstellt.

Es ist erschreckend, wie wenig doch all die Bürokraten und die 150 Geowissenschaftler von Marktwirtschaft verstehen. Obwohl sie doch fast alle in einer solchen leben. Ein Markt besteht eben aus Nachfrage und Angebot, beide gehören untrennbar zusammen. Und jedwede nachfrageorientierte Politik kann durch ein entsprechendes Angebot wirkungslos werden. Und in dieser Hinsicht ist “Öldorado 2009? eine entscheidende Informationsquelle. Denn der geneigte Leser erfährt, dass auch im Jahr 2008 die weltweiten Ölreserven erneut gestiegen sind.

Das Heft umfasst eine Rückschau bis 1990, und seitdem steigen die Reserven Jahr für Jahr in absoluten Zahlen stärker, als der Verbrauch. Die statische Reichweite dieser Reserven, die so genannte Erdölkonstante, ist dementsprechend ebenfalls seit 1990 gestiegen. Von etwa 42 auf heute 46 Jahre. Exxon verwendet dabei die Daten der Internationalen Energieagentur IEA (http://www.iea.org) und der Statistik-Abteilung der Vereinten Nationen (United Nations Statistics Division UNSD, http://unstats.un.org). An diese melden die Staaten dieser Welt jährlich ihre Daten, über die vorhandenen Ressourcen, die Reserven, die Produktion und den Verbrauch. In „Öldorado 2009“ ist dieses Zahlenkonvolut auf verständliche und übersichtliche Weise aufbereitet worden.

Aber wie kann man diese Zahlen erklären, angesichts der ständig auf allen medialen Kanälen präsenten, uns vor der bevorstehenden Verknappung des Ölangebots warnenden Auguren? Zahlen, deren zentrale Aussage ist: Das Erdöl geht nicht zur Neige! Man muß den Unterschied zwischen „Ressourcen“ und „Reserven“ dazu sehr genau beachten. Die Ressourcen sind alle Vorkommen von Erdöl, die derzeit weltweit bekannt sind, ob es sich dabei um konventionelle Felder, Ölsande oder Ölschiefer handelt. Und Reserven sind solche Ressourcen, die mit heutiger Technologie zu heutigen Preisen wirtschaftlich ausgebeutet werden können. Die wirtschaftliche und technische Entwicklung spiegelt sich daher nicht in der Menge der Ressourcen, sondern in der der Reserven wieder. Jährlich werden die Ölvorkommen durch die fördernden Staaten und die fördernden Unternehmen neu bewertet. Und jährlich werden dabei weit mehr Ressourcen in Reserven überführt, als Reserven verbraucht werden. Ein gutes Beispiel hierzu sind die Ölsande, insbesondere die kanadischen Vorkommen, die noch vor einem Jahrzehnt lediglich in der Ressourcen-Statistik auftauchten und heute nicht nur zu einem nennenswerten Prozentsatz als Reserven gelten, sondern auch tatsächlich schon verwertet werden.

Die oben angeführte Erdölkonstante ist also nur eine statische Größe. Sie gibt an, wie lange die heute als solche definierten Reserven reichen würden, wenn sich an diesen und am Verbrauch nichts ändern würde. Die gesamte Dynamik unserer Volkswirtschaften, von technischen Innovationen über Änderungen des Energiemixes bis hin zur Erschließungstätigkeit der Ölfirmen bleibt dabei unberücksichtigt. Ein Szenario, das allein auf dem Zustand der Gegenwart beruht, ist zur Abschätzung der zukünftigen Entwicklung daher unzureichend. Der Trend in der Entwicklung der Erdölkonstanten, wie sie auch in „Öldorado 2009“ deutlich wird, muß in das Kalkül mit einbezogen werden.

Und die Erdölkonstante war noch nie so hoch wie heute.

Sie lag zu Beginn des Ölzeitalters mal bei ungefähr zehn Jahren, hatte sich dann über Jahrzehnte bei etwa 20 Jahren eingependelt und erreichte erst in den 1970ern ein lange unverändertes Plateau von etwa 35 Jahren. Dieser Spitzenwert fiel mit den ersten großen Sorgen bei den ersten umweltbewegten Mitbürgern zusammen. Und seitdem wird das Ende des Erdölzeitalters mit wachsendem Enthusiasmus immer wieder als zwangsläufig oder notwendig herbeiphantasiert. Und je höher die statische Reichweite, desto höher die Verzweiflung der umweltbewegten Zukunftspessimisten und desto größer deren Hysterie.
Und genau diese wird einen erneuten Höhepunkt in Kopenhagen erreichen. Auch dort wird man wieder ununterbrochen der Weltöffentlichkeit einreden: Wir müssen weg vom Öl. Entweder, weil es nicht mehr lange reicht, oder, weil es die Erde zerstört, oder aus beiden Gesichtspunkten.

ExxonMobil weiß es offensichtlich besser.

Nicht nur steigt die Erdölkonstante von Jahr zu Jahr, sondern auch für den dahinterliegenden Trend des Zusammenspiels von erzielbaren Preisen und aufzuwendenden Kosten, in den auch die Fortschritte bei der Fördertechnik eingehen, ist kein Ende absehbar. Die Menschheit verfügt über so viel Erdöl, wie noch nie zuvor in ihrer Geschichte. Und sie verfügt über eine Versorgungssicherheit bei diesem Energieträger von ebenfalls historisch einzigartiger Dimension. Das ist die Quintessenz aus “Öldorado”.

Und solange Erdöl am Markt angeboten wird, solange wird sich ein Preis finden, zu dem es auch verkauft werden kann. Und wer auch immer es kauft, wird es nutzen und damit Emissionen produzieren. Die Menschheit wird also all das viele Erdöl verbrennen. Sicher nicht restlos, aber auf jeden Fall mehr, als bislang schon verbrannt wurde. Und all das Kohlendioxid wird zwangsläufig die Atmosphäre erreichen, vielleicht schneller, vielleicht langsamer, aber auf jeden Fall mehr, als bislang bereits emittiert wurde.

Und es gibt keine, keine einzige Maßnahme, die in Kopenhagen beschlossen werden könnte, die daran etwas ändern könnte. Es sei denn, unter einer weltweiten, planwirtschaftlichen Diktatur würden die bisherigen Regeln des Marktgeschehens völlig außer Kraft gesetzt. Da dies kaum eintreten wird, muß Kopenhagen scheitern. Wie Kyoto schon gescheitert ist. Weil der Markt weit weniger von der Nachfrage lebt, als vom Angebot. Und das ist, was uns Exxon mit seinen nur zwölf Seiten eben auch mitteilt: “Beschließt doch, was ihr wollt. Es interessiert uns nicht, denn wir wissen es besser.”

Und ich denke, die bei Exxon, die haben Recht.

Und vielleicht wissen das sogar die in Kopenhagen. Zumindest ein paar davon. Das nenne ich ein echtes Dilemma. Man weiß, dass die Konferenz nichts erbringen wird, muss aber trotzdem das Gegenteil behaupten.