01.01.1999

Das ITN-Bild, das die Welt täuschte: “Genau so, wie es passierte”?

Von Thomas Deichmann

Thomas Deichmanns Enthüllungen über die preisgekrönte ITN-Reportage über das Lager Trnopolje in Bosnien haben eine internationale Kontroverse ausgelöst und zu einer Verleumdungsklage von ITN gegen das britische Magazin LM geführt, das seine Story veröffentlichte. Nun hat Deichmann noch weitere Unstimmigkeiten entdeckt.

Penny Marshall und Ian Williams von ITN sowie Ed Vulliamy vom Guardian – die britischen Reporter, die am 5. August 1992 das bosnisch-serbische Lager Trnopolje besuchten – haben immer behauptet, dass sie einen korrekten Augenzeugenbericht all dessen lieferten, was sie dort damals zu sehen bekamen. Die berühmte Filmsequenz, die erstmals am 6. August 1992 von ITN gesendet wurde, zeigt Penny Marshall, gefilmt von ihrem Kameramann Jeremy Irvin, wie sie direkt auf einen Stacheldrahtzaun zu marschiert, wo sie – so scheint es – als erste Person den ausgemergelten Fikret Alic trifft, der daraufhin in aller Welt zur symbolischen Figur des Krieges in Bosnien wird.


Abb. 1: 5. August 1992 in Trnopolje: Penny Marshall sagt "Dobar Dan" und schüttelt die Hand von Fikret Alic. Am rechten Bildrand steht Mehmet mit einer Latzhose bekleidet und hinter dem Pfosten etwas verdeckt ein junger Mann mit schwarzem T-Shirt. Beide wurden bereits zuvor interviewt.
 

Diese Aufnahmen von Penny Marshall, wie sie durch den Stacheldrahtzaun hindurch die Hand von Fikret Alic schüttelt, wurden überall auf der Welt als Beweis dafür betrachtet, dass das britische Nachrichtenteam ein von den Serben eingerichtetes nazi-ähnliches KZ entdeckte. "Wir waren nicht darauf vorbereitet, was wir dort sahen und hörten", berichtete Penny Marshall in ihrer ITN-Reportage. In einem Interview für einen Dokumentarfilm für Channel Four sagte sie 1993 ausdrücklich, ihr Kameramann Irvin habe alles "genau so gefilmt, wie es passierte".

Vielleicht hat er es tatsächlich genau so gefilmt, wie es passierte – auf jeden Fall ist es aber nicht so gesendet worden. Die Bilder aus Trnopolje wurden offensichtlich äußert selektiv ausgewählt und zusammengeschnitten. Filmaufnahmen eines lokalen Fernsehteams, das die ITN-Reporter bei ihrem Besuch in Trnopolje begleitete und filmte, zeichnen ein ganz anderes Bild dessen, was am 5. August 1992 in Trnopolje vor sich ging.

Die weltbewegende ITN-Präsentation von Penny Marshall auf dem Weg zum Stacheldrahtzaun, hinter dem (scheinbar eingepfercht) Fikret Alic und andere bosnische Muslime sie erwarteten, bestand aus drei Teilen, die so bearbeitet waren, das der Eindruck entstand, als handele es sich um einen direkt aufeinander folgenden Hergang. Mein erster Bericht (der in Novo Nr.26 erschien) erklärte bereits detailliert, was an diesen Bildern faul war. Das Bild von Fikret Alic hinter dem Zaun war vor allem deshalb eine Täuschung, weil sich in Wirklichkeit nicht die bosnischen Muslime, sondern die britischen Reporter in einem mit Stacheldraht umzäunten Areal befanden – einem kleinen, lange vor dem Krieg umzäunten Grundstück, auf dem früher landwirtschaftliche Güter gelagert und verkauft wurden. Das Lager Trnopolje selbst war nicht mit Stacheldraht eingezäunt. Indem die Journalisten aber von diesem kleinen umzäunten Grundstück heraus filmten, vermittelten sie den Eindruck, als wären es die Lagerinsassen, die mit Stacheldraht umgeben waren.

Die Aufnahmen des örtlichen Fernsehteams bestätigen diese Täuschung. Ihr Filmmaterial zeigt außerdem, dass im Hinblick auf die ITN-Aufnahmen noch mehr fraglich ist. Was genau ging vor sich, als Marshall auf den Stacheldrahtzaun zuschritt? Warum lächelte Fikret Alic ihr zu? Warum war das erste, was sie fragte: "Seit wann ist er hier?"

Die Aufnahmen des Fernsehteams der bosnischen Serben zeigen, dass Marshall nicht einfach auf den Stacheldraht zuging und dort den ausgemergelten Fikret Alic antraf. Sie hatte bereits mit anderen Muslimen durch den Zaun gesprochen, als Alic dort nach einer Weile erschien. Eine Menge neugieriger Männer hatte sich am Stacheldraht versammelt, hinter dem Marshalls Team stand, um zu sehen, was da vor sich ging. Marshall sprach mit einem jungen Mann in einem schwarzen T-Shirt. Danach – was besonders bemerkenswert ist – unterhielt sie sich mehrere Minuten lang, gemeinsam mit ihrem Kollegen Ed Vulliamy vom Guardian, mit einem bosnischen Muslim namens Mehmet, der offenbar nach vorne gekommen war, weil er etwas Englisch sprach. Auf dem bekannten ITN-Bild, das später überall zu sehen war, steht Mehmet, mit blauer Latzhose und ohne Hemd, direkt neben Fikret Alic.

Auf den Bändern des örtlichen Fernsehteams sieht man, wie Mehmet in etwas holprigem Englisch Penny Marshall erzählte, in Trnopolje sei es "ganz gut, alles okay, nur sehr heiß" ("very fine, nothing wrong, but it’s very hot"). Marshall fragte ihn, ob sie im Freien schlafen müssten. Er antwortete "Nein, nein, drinnen", und zeigte auf das ehemalige Bürgerhaus im Hintergrund – eine Aussage, die Ian Williams Augenzeugenbericht, der am 6. August 1992 in den Nachrichten von Channel Four gesendet wurde und in dem er behauptete, dass "hunderte von Männern draußen auf einem Feld hinter Stacheldraht schlafen und essen mussten", direkt widerspricht.

Marshall fragte Mehmet, ob die Leute im Lager Trnopolje ihn schlecht behandeln würden. Er antwortet: "Nein, recht freundlich" ("very kind"). Er erzählte außerdem, dass er von zu Hause aus "mit einem Bus" nach Trnopolje gebracht wurde, und dass er kein Soldat sei. Marshall fragte ihn, ob er sich im Lager sicher fühlte. "Ich glaube, es ist sehr sicher", erwiderte er, "aber sehr heiß". Anscheinend unzufrieden mit den Antworten, zeigte Marshall nun auf den Mann im schwarzen T-Shirt neben Mehmet und stellte fest: "Dieser Mann ist sehr dünn". Mehmet antwortete: "Ja, er ist sehr dünn, aber ich denke, nicht alle Menschen sehen gleich aus" ("Yes, he is very thin but I think that all the people is not the same"). Mehmet sah, wie viele andere im Lager, nicht im entferntesten so aus wie der extrem ausgemergelte Fikret Alic.

Einer der britischen Reporter fragte nun Mehmet, ob das Lager Trnopolje ein Gefängnis sei. "Nein", sagte Mehmet, "ich denke, es ist ein Flüchtlingslager, nicht ein Gefängnis." Als nächstes stellte Vulliamy die – angesichts der Tatsache, dass man sich im Kriegsgebiet befand – recht absurde Frage: "Wenn sie nach Banja Luka wollten, könnten sie da heute Nachmittag mit einem Bus hinfahren?". Mehmet antwortete, er glaube, das hänge von den lokalen Befehlshabern ("civil government") ab und dass er "jetzt" nicht gehen könne. Vulliamy hakte nach: "Sie sagen, Sie seien hier von ihrem Zuhause mit einem Bus hergebracht worden und Sie könnten nicht weggehen, aber Sie glauben nicht, dass das hier ein Gefängnis ist?" Mehmet zuckte mit den Achseln: "Ich denke, es ist kein Gefängnis, es ist ein Flüchtlingslager."

Etwa in diesem Moment erschien Fikret Alic erstmals auf der Bildfläche. Neugierig wie die anderen, näherte er sich langsam von hinten durch die Menge in Richtung Zaun, um zu erfahren, was dort vor sich ging. In der rechten Hand hielt er sein T-Shirt. Einer der anderen Muslime zeigte auf Alic, der wegen seiner hervortretenden Rippen auffiel. Ein Reporter des britischen Nachrichtenteams ist an dieser Stelle auf dem Videoband mit den Worten "die beiden ganz Dünnen da rechts" zu hören. Penny Marshall hatte im gleichen Moment ersten Sichtkontakt mit Alic.

Von hier an zeigt der Film der örtlichen Fernseh-Crew das, was wir von ITN kennen. Fikret Alic lächelte Penny Marshall zu, kam ganz nach vorn zum Zaun und stellte sich neben Mehmet, für den sich die Journalisten nun nicht mehr interessierten. Marshall sagte "Dobar Dan" ("Guten Tag"), gab Alic die Hand und fragte ihren Übersetzer: "Seit wann ist er hier?"

Die Aufnahmen des lokalen Fernsehteams werfen weitere Fragen darüber auf, was das ITN-Team in Trnopolje tatsächlich vorfand, und was letztlich daraus gemacht wurde. Von dem hier beschriebenen Gespräch zwischen Marshall und dem Englisch sprechenden Mehmet wurde nichts gesendet. Stattdessen konzentrierte man sich auf den ausgemergelten Alic. Nur ein einziger, sehr kurzer Abschnitt aus dem Gespräch mit Mehmet, eine Passage, die einen ganz anderen Eindruck vermittelte, wurde in den ITN-Nachrichten am 6. August 1992 gezeigt. Marshall forderte Mehmet auf: "Sagen Sie uns die Wahrheit!" Und Mehmet antwortete: "Ich fürchte mich". Mehr wurde nicht gesendet.

Penny Marshall wurde 1993 für eine Channel Four-Dokumentation über die Medien und Bosnien mit dem Titel "Journalists at War" interviewt. In diesem nicht gesendeten Gespräch wurde Marshall gefragt, ob sie die Reportage über Trnopolje "genau, wie sie es dort vorgefunden" habe, gefilmt habe: "War der Stacheldraht rund um das gesamte Lager oder wählten Sie aus...?" Marshall antwortete, während sie nochmals die berühmten Bilder auf einem Bildschirm betrachtete:

"Wir filmten es genau so, wie es passierte. Und das war für mich außergewöhnlich, denn ich habe schon mit vielen verschiedenen Kameraleuten gearbeitet, doch dieser Kameramann, Jeremy Irvin, war super... Es gab... eine Einstellung von mir, wie ich zum Stacheldrahtzaun hingehe... Es passierte eben so... Es passierte, wie es gezeigt wird. Das ist, wo ich lang ging. Ich meine, es war ein großes Gelände. Ich kann es Ihnen gar nicht sagen. Das ist, wo ich lang ging, und da war Stacheldraht. Ich weiß nicht, was hinter dem Zaun hinter dem Haus ist, weil sie es uns nicht hätten sehen lassen. Aber es ist genau so, wie es passierte. Genau so wie es passierte und chronologisch, und wir hatten auch gar keine Zeit, uns über den Stil Gedanken zu machen..."

Marshall vergaß nicht nur, auf die Frage zu antworten, ob rund um das Lager Stacheldraht gewesen sei, sie schien auch vergessen zu haben, wie diese weltberühmte Einstellung zustande kam. Sie wurde dann gefragt, ob Fikret Alic schon am Stacheldraht stand, als sie dort hinkam, oder ob er von anderen nach vorn gebracht wurde. Sie antwortete:

"Ich kann mich ehrlich nicht mehr erinnern. Aber wenn Sie die Aufnahmen anschauen, werden Sie es sehen. Ja, er war am Stacheldraht. Ja, ich glaube schon, sie müssten die Aufnahmen anschauen. Sie könnten ihn nach vorn geschoben haben. Ich kann mich ehrlich nicht erinnern..."

Marshall hatte also schon nach wenigen Monaten die Umstände des wichtigsten Moments ihrer bisherigen Karriere vergessen. Alles, was sie dazu sagen konnte, war: "Schauen sie sich die Aufnahmen an." Aber welche Aufnahmen meinte sie? Die Aufnahmen, die in Trnopolje gemacht wurden? Oder der selektiv zusammengestellte Bericht, der tags darauf von ITN gesendet wurde?

 

aus: Novo, Nr.28, Mai/Juni 1997, S.26f