01.03.2017

Das Fortschritts-Paradox

Essay von Matthias Horx

Der Zukunftsforscher Matthias Horx nennt zehn Gründe, warum wir uns immer schlechter fühlen, während es uns immer besser geht.

Wer sich längere Zeit professionell mit dem Wandel unserer Welt beschäftigt, der macht irgendwann eine schockierende Entdeckung. Nachdem er alle Datenreihen ausgewertet, alle medialen Behauptungen überprüft und alle Studien abgeglichen hat, stellt er fest, dass eigentlich alles ständig besser wird. Lebenserwartung, Gesundheitsversorgung, Sterblichkeit, Ernährung, Mobilität, Bildung, Technologie, Umwelt, Kriminalität, Lebensqualität – alle Kennziffern dessen, was menschliches Leben ausmacht und begrenzt, befinden sich auf einer ständigen, hartnäckigen Aufwärtskurve. Natürlich gibt es Gegentrends, hartnäckige Problemfelder, Regionen der Erde, in denen immer noch Bürgerkriege und Armut dominieren. Aber sobald man die menschliche Entwicklung in einen längerfristigeren Kontext, in einen globalen Megatrend einordnet, gilt: Das menschliche Leben verbessert sich. À la longue – so könnte man die Zukunftsformel auf den Punkt bringen – kommen immer mehr Menschen in den Genuss dessen, was man „Fortschritt“ nennt.

Und das gilt längst nicht mehr nur für unsere privilegierte Hälfte des Planeten. Kleine Kostprobe? Im Jahre 1973 konnten 47 Prozent aller Menschen lesen und schreiben. Heute sind es 73 Prozent. 1995 lebten 1,6 Milliarden Menschen in Verhältnissen, die die UN „mittlere Lebensverhältnisse“ nennt. Heute sind es 3,5 Milliarden, und es werden im weltweiten Wirtschaftsboom unserer Tage täglich rasant mehr: große Volkswirtschaften wie China, Indien, selbst Vietnam und Brasilien entwickeln derzeit alle Anzeichen aufstrebender Mittelstandsgesellschaften – wie etwa Deutschland in den 50er-Jahren. Haben Sie schon einmal versucht, diese Entwicklung in einer öffentlichen Diskussion darzustellen? Man muss noch nicht einmal die Zeitung aufschlagen oder den Fernseher einschalten. Es reicht, sich einfach mit dem Nachbarn zu unterhalten, dann entsteht ein radikal anderes Bild unserer Wirklichkeit. Eine unendliche Lawine von Weinen und Greinen, Klagen und Bedauern, Bemängeln und Negieren, Befürchtung und banger Erwartung geht auf uns nieder. Klimakatastrophe – Krieg der Generationen – Krieg der Armen gegen die Reichen – Krieg der Kulturen – Verfall der Werte – Sozialkrieg – keine Metapher scheint stark und abgewetzt genug. Unentwegt dröhnt um uns herum, bis in die tiefsten Tiefenschichten unserer Kultur hinein, eine Rhetorik des „Endismus“ – des Niedergangs, des endgültigen Verlustes, des permanenten Ausnahmezustands. Und in dem existiert nur eine einzige, heilige Regel, ein Mantra, gegen das Widerspruch einzulegen völlig zwecklos scheint: Alles wird immer schlechter!

"Unentwegt dröhnt um uns herum, bis in die tiefsten Tiefenschichten unserer Kultur hinein, eine Rhetorik des „Endismus“ – des Niedergangs, des endgültigen Verlustes, des permanenten Ausnahmezustands."

Woran liegt das? Wie entsteht diese bizarre Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Rezeption, Lage und Stimmung, Weltgefühl und Weltentwicklung? Eine weltweite Galupp-Studie zur Zufriedenheit und zum Zukunftsbild der Menschen zeigt, dass nur 15 Prozent aller Deutschen glauben, dass „die Zukunft besser werden könnte als die Vergangenheit“. Währenddessen liegt der Hoffnungsindikator in Vietnam, China, Indien, selbst in von der Geschichte gebeutelten Ländern wie Burkina Faso oder Botswana drei- bis viermal über unserem. Warum genießen und entwickeln wir nicht unseren Wohlstand (und machen ihn, ja doch, hartnäckig auch für andere zugänglich), als uns ständig, wie es in Bayern heißt, zu „derbleckn“?

1. Befriedigte Erwartungen

Menschen in Wohlstandsgesellschaften, so argumentiert der amerikanische Publizist Gregg Easterbrook in seinem Buch The Progress Paradox, funktionieren psychologisch wie Börsenkurse. Glücklich sind wir nicht, wenn wir unsere Lebensumstände objektiv messen und für gut (oder auch verbesserungswürdig) befinden. Glücklich sind wir dann, wenn wir Zuwachs erwarten können, wenn wir Steigerungserwartungen haben. Steigerung ist leichter vorstellbar dort, wo Mangel herrscht. In einer saturierten Wohlstandsgesellschaft, in der der Zweitwagen für mehr als die Hälfte der Bevölkerung eine reale Option darstellt, entwickelt sich jedoch schnell das so genannte „Zenit-Gefühl“: „Weil es uns heute so gut geht, kann es uns morgen nur schlechter gehen...“ Die versteckten Traumata historischer Erfahrungen verstärken in unserem Land diesen Effekt. „Heute, das ist wie der Felsvorsprung über dem Abgrund“, schrieb die Fernost-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, Charlotte Wiedemann, bei ihrer Rückkehr aus Vietnam. „Morgen, übermorgen, in 10, 20 Jahren, was mag da sein? Ein Land in Melancholie, wie im kollektiven Herbst des Lebens; das Beste liegt hinter uns, unwiederbringlich.“

2. Das „Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom“

Wir sind selektive Wahr-Nehmer. Wir fokussieren auf ein bestimmtes Problem und vergessen den Rest. Dass eine erhöhte Anzahl dicker Kinder existiert, nehmen wir für das Ganze – und vergessen dabei, dass heute die meisten Kinderkrankheiten (man denke an Kinderlähmung, Rachitis) nahezu ausgerottet sind, dass Karies massiv auf dem Rückzug ist, das heute sogar eher mehr Sport getrieben wird als noch vor 20, 30 Jahren. SARS wird zu einem gigantischen Problem, während wir Rückgänge in der Infarktmortalität (wie sie in vielen Ländern stattfinden) einfach ausblenden. Ähnliches gilt für Phänomene wie Klima, Umwelt, Krieg: Die Medien zoomen einzelne Versatzstücke aus diesen Bereichen so nahe an uns heran, dass wir das große Ganze aus dem Auge verlieren.

Der Philosoph Odo Marquard spricht in diesem Zusammenhang listig vom „Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom“, oder, cooler, von der „Erhaltung des Negativitätsbedarfs“: „Wo Kulturfortschritte wirklich erfolgreich sind und Übel wirklich ausschalten, wecken sie selten Begeisterung; sie werden vielmehr selbstverständlich, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich dann auf die Übel, die übrig bleiben. Dabei wirkt das Gesetz der zunehmenden Penetranz der Reste: Je mehr Negatives aus der Welt verschwindet, desto ärgerlicher wird – gerade weil es sich vermindert – das Negative. Knapper werdende Übel werden negativ kostbarer...“ Dazu kommt der „Naming“-Wahn der modernen Mediensprache, die uns ständig neue „Erbsen“ suggeriert und zu monströsen Elefanten aufbläst. Die alltägliche Widerwärtigkeit von Menschen untereinander heißt nun plötzlich „Mobbing“ und nimmt, so steht es jeden Tag in der Zeitung, epidemische Züge an. Dass Menschen andere Menschen auf die Nerven gehen und verfolgen, nennt sich jetzt „Stalking“: Jeder fünfte Deutsche schon gestalkt! – so ein Boulevardblatt. Dabei geraten Maßstäbe und Interpretationsebenen völlig aus dem Ruder; es findet, frei nach Norbert Bolz, eine „Verübelung des Normalen“ statt. Eine Studie des Hochschulmagazins UNICUM fand heraus – Skandal! –, dass doppelt soviel Studentinnen wie andere Frauen an Essstörungen leiden (9 Prozent)! „Besonders der Einfluss von Alkohol sei frappierend: 16 Prozent der 2500 Befragten seien schon einmal wegen einer durchzechten Nacht zu spät in die Vorlesung gegangen!“

3. Vergesslichkeit und Nostalgie

Nichts blenden wir so gerne aus unseren Wirklichkeitskonstruktionen aus wie vergangene Not. So „vergessen“ wir einfach die Zeiten, in denen die Hälfte des Planeten vom Kommunismus tyrannisiert wurde. Kann sich noch jemand an die gar nicht lang zurückliegende Zeit erinnern, als waffenstarrende Atomarsenale in Mitteleuropa aufeinander gerichtet waren? Als ein Krieg – wie etwa der Iran-Irak-Krieg in den frühen 80er-Jahren – in zwei Jahren zwei Millionen Tote forderte? Alles vergessen, zugunsten der – angeblich – viel größeren Schrecken der Gegenwart. Wir dämonisieren die heutigen Schulen als Brutstätten der Verwahrlosung und Gewalt – wie schrecklich und autoritär die Schulen unserer Kindheit waren, fällt unter das Amnesiegebot. Wir klagen die „Kälte“ des heutigen „Medizinapparates“ an. Aber wer erinnert sich noch daran, wie es war, damals – sagen wir, in den 60er-Jahren – zum Zahnarzt gehen zu müssen?!

Warum das so ist, hat mit einer ganz simplen menschlichen Grundkonstruktion zu tun: „Kindheit ist Heimat.“ Erinnerung verklärt, macht milde, zeichnet weich. Menschlich ist dies verständlich. Aber diese amnesische Nostalgie bildet das psychologische Fundament reaktionärer und zukunftsfeindlicher Weltbilder, wie sie in unserem Diskurs Common Sense geworden sind. Wenn früher sowieso alles besser war, dann haben die Nachgeborenen, die Zukünftigen, diejenigen, die etwas Anderes wollen, keine Chance. Dann ist „die Jugend“ immer nur „Generation Fun“, und alle Erscheinungen der Moderne lassen sich nur als Anzeichen von Dekadenz, Werteverfall und Disziplinlosigkeit (oder Mangel an Solidarität/ Politikerehrlichkeit etc.) interpretieren. Im „nostalgistischen“ Weltbild ergibt Moderne keinen Sinn, wird Zukunft zum versiegelten, unbetretbaren Terrain.

4. Die depressiv-elitäre Geisteselite

Immer schon haben die Intellektuellen den Untergang als Stachel, Peitsche und Selbstbeweihräucherung goutiert. In den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Yeats mit seiner Poesie von der „verlorenen Mittelschicht“ in aller Munde („The Centre Cannot Hold!“). In den 50er-Jahren wurden Spengler und Sartre („Untergang des Abendlandes“, „Der geworfene Mensch “) zu Taktgebern des intellektuellen Lebens. In den 70er-Jahren begann der große Aufstieg der 68er-Intellektuellen, die mit ihrem düsteren Negativismus nicht zuletzt mit ihren Vätern abrechneten und innerhalb nur eines Jahrzehnts die Meinungsbastionen in Presse, Funk und Fernsehen eroberten. Und bis heute den Grundtenor unserer Kulturproduktionen prägen – bis in die tiefsten semantischen Verästelungen.

„Sechs nackte Damen flicken deutsche Fahnen, ein Kinderchor plärrt und eine nackte blonde Eva bietet ihre Rückenansicht über flackernden Kerzen dar – dazu knallen Nazi-Stiefel, und man labert gegen Kapital und die Nächstenliebe“ – so eine typische Theaterbesprechung im Spiegel, mit der Kresnik oder Schlingensieff oder beliebig alle anderen deutschen Regisseure seit 1966 gemeint sein können. Dazu bieten Walser und Botho Strauss das unentwegte Moll des Niedergangs der Seelen und Gemüter, mal neoliberal, mal konsumterroristisch begründet. Nein, das ist nicht nur feingeistig, es ist auch nicht „kritisch“, es ist im hohen Grade selbst-ökonomisch. Denn der Intellektuelle als säkularer Sinnstifter kann Gehör nur als Retter finden, in der Aura des Erzengels, des moralisch Überlegenen. Es begründet aber auch, warum sich die Intellektuellen so umstandslos aus der Zukunftsdebatte unserer Tage wegstehlen konnten. Wenn der Wandel real wird, haben sie nichts mehr zu sagen.

5. Der „Hasen-Faktor“ oder die Industrie der Angst

Im Jahre 2003 erschien eine Studie, die dem Feldhasen eine kräftige Populationszunahme – von 11 auf 13 Hasen pro Quadratkilometer, das macht stolze 4,6 Millionen deutsche Hasen – nachwies. Im Frühjahr 2004 erschien – ebenfalls unter Vermischtes – eine Meldung, dass der deutsche Feldhase auf die Liste der bedrohten Arten gesetzt worden sei. Er sei durch vielfältige zivilisatorische Aktivitäten in seinem Bestand bedroht; Straßen, Industriegebiete setzten ihm zu, sein Lebensraum werde immer enger! Wie das? Die erste Studie stammte vom Deutschen Jägerverband, der durch sie darauf hinwies, dass es Zeit sei, mehr Hasen vor die Flinte zu nehmen. Die zweite Studie stammte vom Bundesamt für Naturschutz, unterstützt von diversen NAFUS und BAFUS, und argumentierte im Interesse des Guten, also der Natur.

Wenn es uns schon mit den Hasen so geht, dass sie „political animals“ sind, die der Wahrheit davonhoppeln – könnte es nicht mit anderen Themen und Tieren auch so sein? Greenpeace etwa: ist es vorstellbar, dass diese Organisation, die für die Deutschen auf Rang zwei der „glaubwürdigsten Institutionen oder Personen“ rangiert (nach Mutter Theresa), ein knallhartes Eigeninteresse verfolgt? Dass vielleicht sogar Bürgerinitiativen, Hilfsorganisationen, Globalisierungsgegner, Klimaforscher, NGOs aller Couleur die Wirklichkeit in ihrem Sinne, nun ja, uminterpretieren, umbiegen, uml.....? Undenkbar!

Aber genau hier liegt der Hase im Pfeffer. In der Ökonomie der Aufmerksamkeit sind die Akteure auf drastische Bilder angewiesen. Greenpeace muss, auf der Suche nach lukrativen Spenden, ständig die Dosis der Weltgefährdung erhöhen – geschlachtete Wale, Chemieopfer, Meeresverseuchung, das ist nur noch das Mindeste. In Verbindung mit den modernen Medien wuchert so eine „Headline Amplified Anxiety“ (Easterbrook), ein durch die Medien in ihrer verzweifelten Suche nach Auflage und Empörung verstärkter „Markt der Bedrängnis“ (Pascal Bruckner), eine „Symbolindustrie der Angst“.

Das Ende vom Lied sind dann Bohrinseln, die gar nicht gefährlich sind. Oder, weitaus schlimmer, Kindesmissbräuche, die niemals stattgefunden haben, und durch die menschliche Existenzen zerstört, ja vernichtet werden. Das Ende vom Lied kann, wenn es schlecht läuft, eine grassierende Hysterie sein, die sich ihre eigenen Opfer und Wirklichkeiten schafft. Und irgendwann Abstumpfung, Zynismus. Und wenn es wirklich brennt, ist niemand mehr da, der dem Alarmruf folgt.

6. Grandiose Inszenierung

Die wenigen Publizisten, die die Probleme unserer Welt auch von ihrer Habenseite formulieren (die Alterung zum Beispiel – ist das nicht eine wunderbare Öffnung der Lebenshorizonte?), kommen in Feuilletons und Talkshows praktisch nicht vor. Die wenigen Publizisten, die dem öffentlichen Klagechor zu widersprechen wagten – man denke an Björn Lomborg oder die deutschen Anti-Alarmisten Maxeiner/Miersch –, zogen öffentlichen Hass ungeahnten Ausmaßes auf sich. In den Talkshows und politischen Diskursen gilt eigentlich immer nur ein Betrachtungswinkel: „Haben wir nicht Grund, Angst zu haben?“ Antwort: Ja natürlich! Schreckliche Angst! Nein, wir sind nicht wirklich an der Klima-Katastrophe interessiert. Wir goutieren vielmehr die Inszenierung, die mit einer solchen „Story“ verbunden ist.

Die religiösen Wurzeln dieser Stilisierung sind nicht zu übersehen, und sie durchziehen wie ein Code die gesamte Umwelt- und Ökologiedebatte. Wie schrieben Dirk Maxeiner und Michael Miersch, die Ketzer des Öko-Optimismus, neulich so drastisch? „Wie im Christentum rankt sich die Vorstellungswelt des Ökologismus um die Erwartung einer Endzeit, auf die man sich durch Verzicht und Buße vorbereiten soll. Das Schrifttum zur ‚Klimakatastrophe’ steckt voller solcher Motive. Die Natur ist gut, der Mensch ist schlecht. Und wenn der Mensch nicht gehorcht, droht ihm ‚die Rache der Natur’. Die erzürnte Naturgöttin verlangt Beschwichtigungsrituale, was die Inbrunst erklärt, mit der viele ihren Müll sortieren.“

7. Ohnmachtsbannung durch Selbstüberhöhung

Im Niedergangsgefühl steckt damit auch noch eine narzistische Komponente, deren Kraft man nicht unterschätzen sollte. Menschen sind ohnmächtig. Auch im Zeitalter der Technologie sind sie auf vielfältige Weise äußeren Kräften ausgesetzt. Wir sterben. Wir sind endlich. Wir scheitern. Es gibt Naturkatastrophen, die wir nicht beeinflussen können. Das ist schwer zu ertragen, und so „machen“ wir uns lieber das Wetter zu einem menschengemachten Desaster. Wir deklarieren den Ausnahmezustand, weil der immer noch leichter zu ertragen ist als Ohnmacht. Das zeugt von einer „reversen Hybris“: Sind wir nicht so mächtig, dass wir den Wohlstand, den Frieden oder gar die ganze Biosphäre zum Kippen bringen können?

„Noch nie wurde so viel...“ „Immer mehr...“ „Unsere Gesellschaft hat heute ...“ – in diesen negativen Dramatisierungen wird die Gegenwart als ein ganz besonderer Moment der Geschichte, ein Scheitelpunkt, eine „große Bifurkation“ interpretiert. Das schmeichelt unserem Lebensgefühl. Wer möchte nicht in einer ganz besonderen Zeit leben? Und wer erträgt Normalität? Während Normalität dem Einzelnen Geduld und Selbstbescheidung abfordern, wird in der Phantasie des Unter- und Niedergangs das Existenzielle in uns geweckt. Harmlos ist das keineswegs. Es begründet vielmehr den Hang zum Ausnahmezustand, die „Drift ins Existentielle“, in die Katharsis, die in der deutschen Geschichte manchen Stiefelabdruck hinterlassen hat. Ernst Jünger brachte in seinem „Stahlgewitter“ auf den Punkt, wie im Ersten Weltkrieg eine ganze Generation der Langeweile in Richtung einer „heroischen Zeit“ davonlief: „Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen... Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr...“

8. Evolutionäre Konditionierung

Könnte es nicht auch schlicht sein, dass uns die Evolution selbst den Hang zur ständigen Besorgnis in die Wiege gelegt hat? Aus nahe liegenden Gründen war es in der Steinzeit von Vorteil, ständig auf der Hut vor Weltuntergängen in Form von Buschbränden, Mammuts oder Säbelzahntigern zu sein. Es lohnte sich also, fortwährend Adrenalin in den Adern zu haben, auch wenn der Winter mild und die Vorratskammern gefüllt waren. Diesen Reflex haben wir in eine Moderne übernommen, die uns mit lauter Komfort und Annehmlichkeiten verwirrt und dadurch von einer Panik in die andere scheucht....

9. Ideologische Übertragungen

Karl Otto Hondrich schrieb vor einigen Jahren im Spiegel: „Letztlich wollen wir nicht wissen, ob Erkenntnisse wahr sind, sondern wohin sie gehören.“ Dieses tief greifende Bedürfnis – Orientierung im ideologischen Raum, Schuldzuweisung und Eigenentlastung – hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten eher noch verstärkt. Denn unsere Welt ist vielfältiger, offener, widersprüchlicher geworden. In der bipolaren Welt des Kalten Krieges waren die Dinge ja durchaus geordnet. Nichts war schöner, als in den goldenen Wirtschaftswunderzeiten strammer Verzichts-Kommunist zu sein! Heute aber gilt zunehmend, was der Ex-Arbeitsminister der USA über die Arbeitswelt der Zukunft sagt: „Mehr Jobs. Mehr Chancen! Weniger Sicherheit!“

Viele Menschen reagieren auf diese Zumutung mit verstärkter Sehnsucht nach neuen Frontlinien. Aus dem „Schweinesystem“ wird nun das Imperium, der Kapitalismus heißt jetzt Neoliberalismus, und Armut ist einfach eine Verschwörung der Reichen. Überhaupt, Verschwörungen, in all ihren Spielarten: Die Amerikaner haben den 11. September selbst verursacht; die Amerikaner sind nie auf dem Mond gelandet; in der Wirtschaft der Zukunft werden nur noch 20 Prozent der Menschen gebraucht. Das entlastet die Hirnzellen und Gefühlsnerven von allzu viel Komplexität.

10. Jammerprofite

Und schließlich ist alles auch ganz banal: Das Lamento ist eine Basisfigur des Menschen, eine soziale Entlastungsübung, ein notwendiges Geräusch. Wir klagen gegenüber den Eltern, dass sie uns nicht genug beachtet haben, gegenüber den Lehrern, dass sie uns falsche Noten gaben, gegenüber dem Partner, dass er unsere Wünsche nicht richtig erfüllt, gegenüber der „Gesellschaft“, dass sie uns keine „sicheren Arbeitsplätze“ gibt. Ohne Klage ist soziales Leben gar nicht möglich.

Ein Experiment der Wissenschaftlerin Antonia Hamilton an der Universität London zeigt, wie drastisch und zuverlässig dieser Mechanismus funktioniert. In einem Feldversuch ließ Hamilton Menschen einfach Kisten heben und deren Gewicht schätzen. Solange sie dies alleine taten, waren die Schätzungen sehr realistisch. Sobald eine Gruppe in der Nähe ebenfalls Kisten hob, wurde das Gewicht der eigenen Kiste mehrere Kilo höher geschätzt.

"Die Figur des Opfers, die Pose des ungerecht Behandelten, ist in vielerlei Hinsicht komfortabler als alle anderen Konstruktionen des Selbst. Man entzieht sich dem moralischen Vorwurf des Privilegs."

Man begibt sich auf Augenhöhe mit den Schwächeren. Wer klagt, gewinnt also im relativen Kosmos des Sozialen an Terrain. Das ist in einigermaßen balancierten Kulturen (man denke an die südliche „Mamma-Mia“-Gestik) kein größeres Problem, weil es durch eine Vielzahl vitaler Impulse ausgeglichen wird. In unserem Kulturkreis wird die Klage jedoch ideologisiert und kulturell totalisiert – und dadurch erlernte Hilflosigkeit tief in unsere Kultur einzementiert.

Pascal Bruckner schrieb in seinem Buch Ich leide, also bin ich vom „Infantilismus und der Viktimisierung“ moderner Gesellschaften. „Zu beidem gehört jenes Paradox des heutigen Individuums, das bis zum äußersten auf seine Unabhängigkeit bedacht ist, zugleich aber Fürsorge und Hilfe beansprucht, das die Doppelgestalt des Dissidenten und des Kleinkindes miteinander verbinden möchte und die doppelte Sprache des Nonkonformismus und der unstillbaren Forderungen spricht.“ Und er fährt fort: „Warum ist es ein Skandal, so zu tun, als gehe es einem schlecht, wenn man unter nichts zu leiden hat? Weil man dadurch den wirklich Armen den Platz wegnimmt!“

Aus all diesen Gründen wird das Fortschrittsparadox uns wahrscheinlich so schnell nicht verlassen. Denn genau darum geht es: Wir wollen die Welt nicht anders, zukunftsoffen interpretieren, weil wir dann bestimmte Plätze räumen müssen, auf denen wir uns gemütlich eingerichtet haben. Das ist keineswegs ein Randphänomen moderner Medien- und Individualgesellschaften, sondern unser eigentliches Problem. Denn es mündet in der Gefahr einer hysterisierten Gesellschaft, die ihre „Soziostase“ verliert, ihre Fähigkeit, Gefahren und Risiken richtig einzuordnen und zu beantworten. Sie geht – und das ist vielleicht noch schlimmer - auf Dauer jeder lebendigen Liebenswürdigkeit verlustig, die wir dringend brauchen, um zu wissen, was es zu verteidigen gilt. Existentielle menschliche Eigenschaften wie Dankbarkeit, Achtsamkeit und Verantwortung, aber auch Realitätssinn, Hoffnungsbereitschaft und Zukunftsglaube kommen in ihr nur als fragile Raritäten vor.

Wie aber können Gesellschaften tatsächlich untergehen? Dafür gibt es unzählige Beispiele, von den Römern über die Nordländer Grönlands bis zu den Mesopotamiern im fruchtbaren Halbmond, von den Hochkulturen Kambodschas über Groß-Simbabwe in Afrika bis zu den Statuen-Erbauern der Osterinseln. Das vielleicht drastischste Beispiel ist jedoch das der Maya. Dieses kunstfertige Volk besiedelte in einer Stärke von etwa 20 Millionen Menschen die Halbinsel Yukatan in Mittelamerika. Etwa 100 v.Chr. erfanden die Maya ein neues Schriftsystem. Um das Jahr 300 n.Chr. lebten mehrere Millionen Maya in 50 selbständigen Stadtstaaten Mittelamerikas. 850 n.Chr. waren alle diese Städte und Tempel verlassen, der Rest der Bewohner vegetierte in einfachen Holzhütten im Dschungel.

Viele Forscher gehen davon aus, dass es Umweltprobleme waren, die den Zusammenbruch der Maya-Kultur verursachten. Ethnopsychologen haben jedoch in den letzten Jahren eine andere, womöglich plausiblere Theorie entwickelt. In den verlassenen Wohngebäuden und Tempeln fand man eine große Anzahl von Scherben: Tische, Schalen, Krüge – alles war in kleinste Teile zertrümmert: Nein, keine Kämpfe hatten hier stattgefunden, sondern ein kollektiver mutwilliger Zerstörungsakt, der von den Bewohnern selbst veranstaltet wurde. Verzweifelt hatten sie versucht, durch blutige Opferung und Selbstopferung, in großen Ritualen der Klage und Beschwörung, ihr Schicksal abzuwenden, das sie aber eigentlich schon als besiegelt ansahen – die Priester hatten es ja immer geweissagt!

Mit anderen Worten: Die Mayas hatten ihren Realitätssinn verloren. Sie sahen in jedem Gewitter ein Menetekel, in jeder Trockenheit ein Zeichen, in jeder Überschwemmung eine strafende Apokalypse. Weil sie nicht mehr an sich selbst und den Wandel glaubten, hörten sie auf zu lernen, wie man es besser machen kann. Sie waren so gebannt von den Zeichen ihres eigenen Untergangs, dass sie sich in einer suizidalen Selbstopferung ihrer großartigen Kultur selbst entledigten.

Was können diejenigen tun, die das Mobiliar nicht gleich aus dem Fenster schmeißen wollen, wenn Wandel und Zukunft vor der Tür stehen? Momentan vielleicht nicht viel. Hoffen. Hartnäckig argumentieren. Und den Humor nicht verlieren. Wie sagte der melancholische Erich Kästner so schön: „Wer das, was schlimm war, vergisst, wird böse. Wer das, was schön war, vergisst, wird dumm!“