15.09.2009

Das Duell

Von Sabine Reul

Es war blamabel – für die Fragen stellenden Journalisten, die Spitzenkandidaten Merkel und Steinmeier, für das Ansehen der Politik und nicht zuletzt für den sich betreten im Sessel windenden Zuschauer.

Die TV-Befragung der beiden Kontrahenten am 13. September – ausgestrahlt simultan auf nicht weniger als vier TV-Kanälen – sahen sich dieses Mal nur ca. 14 Millionen Menschen an, knapp 7 Millionen weniger als vor der letzten Bundestagswahl. Kein Wunder, denn es war geradezu grotesk öde. Schärfster TV-Konkurrent vor allem unter den jugendlicheren Zuschauern waren Die Simpsons auf Pro7. Man kann es ihnen kaum übel nehmen, denn die reißerisch als Duell vermarktete Kandidatendiskussion unterbot die albernde gelbe Familie um Lichtjahre in Punkto Esprit, Gehalt und Spannung.
Das Problem sei die schwache Unterscheidungskraft der beiden großkoalitionären Spitzenkandidaten gewesen, meinen jetzt alle. Das ist zwar natürlich nicht völlig falsch, aber auch nicht richtig. Denn es steht nirgends geschrieben, dass die Kontrahenten im Studio einen blutigen Gladiatorenkampf vorlegen müssen. Es hätten ja auch die anwesenden Journalisten ihnen etwas spannendere Fragen stellen können. Doch nichts davon: keine Rückfragen auf Platitüden über Managergehälter (als sei deren Regulierung eine Antwort auf die Krise) oder zur Leistung, „die sich wieder lohnen“ müsse. Manche enttäuschten Beobachter wecken nun fast den Eindruck, als gehe es um eine Art Naturrecht des Wahlvolks, einen möglichst saftigen Zwist zu erleben, um gestärkt an die Urnen zu eilen – ein eher degradiertes Konzept der Bedeutung politischer Grundsatzdebatten. Die Sendungsmacher selbst hätten voraussehen müssen, dass Merkel und Steinmeier sich ohne Not keine scharfe Auseinandersetzung liefern würden. Nicht, weil sie gerne „kuscheln“ oder einer Neuauflage der Großen Koalition zuneigen, wie jetzt viele meinen, sondern weil man auf der einen wie der anderen Seite den Empfehlungen der Wahlkampfberater folgt. Und die lautet, tunlichst alles zu unterlassen, was die Wähler der Gegenseite zum Urnengang motivieren könnte.
Das heißt: wir erleben zurzeit einen Wahlgang neuer Art. Es ist die erste Bundestagswahl, in der die beiden großen Volksparteien nicht mit jeweils eigenen Positionen um möglichst viele Wählerstimmen werben, sondern das Werben im Zweifelsfall sogar unterlassen, um dem gegnerischen Lager nicht unnötig Auftrieb zu geben. Diese defensive Taktik hat die Journalisten der Sendung offenbar auf dem falschen Fuß erwischt. Etwas intelligentere Fragen hätte man trotzdem stellen können, um sie zu unterlaufen und den Kandidaten Erläuterungen ihrer Politik zu entlocken. Doch Frank Plasberg, Maybrit Illner, Peter Kloeppel und Peter Limbourg fiel leider schon zu Beginn nichts Besseres ein, als die etwas übellaunige und inhaltlich unbedeutende Frage, ob die Kandidaten sich nicht etwas zu nahe seien, gar schon duzten oder ohnehin wieder koalieren wollten, woraufhin Merkel die vierte Gewalt belehrte, dass nicht Parteiführungen, sondern die abgegebenen Stimmen über die nach der Wahl verfügbaren Koalitionsoptionen entscheiden. Damit war die Sache dann schon mehr oder weniger gelaufen. Es war keine Sternstunde – weder der Politik noch des Journalismus.