01.11.1999

Brief an Goethe

Eine Satire von Sinasi Dikmen.

Lieber Onkel Goethe,

zuerst küsse ich Deine Hände, die so weich sind wie Baumwolle aus Adana, und schicke Dir Tausende von Grüßen, die so süß sind wie Baklava aus Antep. Wie geht es Dir? Immer noch Geburtstag? Hiermit sage ich Dir klipp und klar, dass ich Dir keinen Brief mehr schreiben werde, wenn ich nicht bald Antwort von Dir bekomme. So kann es nicht weiter gehen, auch wenn Du Onkel Goethe bist.
Ich weiß nicht, ob Du mitbekommen hast, dass die katholische Kirche sich aus der Schwangerschaftsberatung zurückgezogen hat. Lach nicht so hämisch! Ich weiß solche Sachen von meiner Schwester. Sie hat sich so aufgeregt. Das sei eine Schweinerei, dass die Männer über den Bauch der Frau entscheiden. Wenn diese Männer noch dazu solche Männer sind, die sich verpflichtet haben, nie mehr Kinder zu machen.
Manchmal verstehe ich meine Schwester auch nicht. Sie redet so dummes Zeug.
Die Männer, die in der katholischen Kirche arbeiten, dürfen keine Kinder machen, sagt meine Schwester. Die Frauen auch nicht. Jetzt wollte ich Dich fragen: Sind diese Menschen unfruchtbar? Ich meine, stellt die katholische Kirche nur Menschen ein, die anatomisch nicht fähig oder geistig nicht in der Lage sind, Kinder zu erzeugen? Wenn sie keine Kinder auf die Welt bringen bzw. zeugen, wie können sie dann über Menschen Entscheidungen treffen, die sie überhaupt nichts angehen?
Meine Schwester behauptet, dass diese Menschen sich verpflichten, keine Kinder zu zeugen, weil Jesus, der Gründer der katholischen Kirche, Gottes Kind gewesen sei. Ich bin auch Gottes Kind, Du auch. Und auch Sven, den ich überhaupt nicht ausstehen kann, sei Gottes Kind - und deshalb darf ich ihn nicht grün und blau prügeln, sagte meine Mutter. Doch ich finde, das ist etwas Anderes.
Meine Schwester, die schon über 20 ist, sich heimlich mit ihrem Freund Joachim trifft und dabei knutscht oder mehr macht, die behauptet, Jesus sei direkt von Gott gezeugt worden. Deshalb sei Gott sein Vater, und die Mutter von Jesus sei, obwohl sie ihn geboren hat, Jungfrau geblieben. So ein Quatsch. An so etwas können nur die Erwachsenen glauben. Das ist so, als wenn mein Vater erzählen würde, die Störche bringen die Kinder auf die Welt.
Ich habe im Fernsehen diese Menschen gesehen, die solche Entscheidungen treffen: alte, feiste Männer, in Uniform, viel bunter und komischer als die Klamotten von Indianern, also von den Manitu-Kindern.
Diese Männer würden sich gegen Armut richten. Dass ich nicht lache! Arme Menschen haben mehr Kinder. Meine Schwester sagt, das kommt daher, weil die Armen nichts zu verlieren haben als ihren Glauben, und wenn nun die katholische Kirche ihnen jeden Tag sagt: Keine Verhütung, keine Abtreibung, keine dies und das ... Je mehr Münder, desto mehr Brot, sagte meine Mutter.
Wie kann sich Gott in meine Sache einmischen und mir dann noch seine Entscheidung durch einen, den ich überhaupt nicht kenne oder, wenn ich ihn kenne, nicht mag, mitteilen lassen: Also, mein Sohn, nicht aufpassen im Bett, ich stehe hinter dir.
”Wenn ich dabei an Gott denke”, sagte meine Schwester, ”dann kann ich überhaupt nicht.” Als ich sie fragte, was sie damit meint, fing sie an zu stottern und sagte dann schließlich: ”Ach komm, das verstehst du noch nicht.” Und ob ich es verstehe! Ich habe Lale schon drei Mal geküsst.
Onkel Goethe, Du bist ein gescheiter Mensch, oder zumindest behaupten das alle Deutschen, die ich kenne. Nun sag mir doch bitte mal, ob Du Dir vorstellen kannst, dass Dir der Pfarrer befehlen würde: Also du, Goethe, mach kein Kind, aber wenn du schon mit deiner Frau schläfst, dann ohne Verhütung, lass es darauf ankommen.
Meine Mutter sagt, der ledige Mensch kann sich schneller scheiden lassen.