01.09.2000

Bitte keinen Job fürs ganze Leben

Essay von Jennie Bristow

Jennie Bristow geht der Frage nach, ob und warum Menschen nur noch auf der Suche nach Lebensabschnittsjobs sind.

“Einen Beruf zu haben, etwas, was man tatsächlich tut, ist viel wichtiger, als es mir in jüngeren Jahren erschien.” In Serena Mackesys viel besprochenem Roman The Temp werden auf wenig überraschende Art die Schrecken der flexiblen Arbeitswelt gezeichnet. “Woche für Woche, Monat für Monat” durchwandert eine Hochschulabsolventin einen Job nach dem anderen, “wo man mich, hinter meinem Rücken, ‘Die Aushilfe’ nennt und mich mit ‘Äh, hallo – Tag’ anspricht.” Der Roman attackiert Arbeitgeber, die sich Zeitarbeitsagenturen bedienen. Um die entwürdigende Erfahrung solcher Arbeitsverhältnisse zu verdeutlichen, erhält die – bis dahin anonyme – Protagonistin auch erst einen Namen – Sasha –, als sie endlich ein festes Arbeitsverhältnis findet. Etwas anders sehen das Problem, wenig überraschend, die Zeitarbeitsfirmen selbst, die in Großbritannien beispielsweise so inserieren: “Der Beruf fürs Leben ist tot. Gottseidank. Wer will schon ein Leben nach Schnittmuster? Sie können so arbeiten, wie Sie es wollen, für so lange, wie Sie wollen. Es zählt nur die Einstellung.” Und ein anderer Werbetext (“Wir arbeiten heute alle auf Zeit”) führt weiter aus: “Unsere neue Arbeitswelt bietet wenig Sicherheit, dafür umso mehr Flexibilität.” Anscheinend wollen heute nur Verlierer und Pedanten Arbeitstrott und Sicherheit, alle anderen erwarten vom Arbeitsleben Kicks und Ekstase.
Stellt sich die Frage, ob es sich nur um Werbegewäsch handelt, das uns Aushilfsjobs schmackhaft machen will? Ganz so verhält es sich nicht. Vielmehr haben Agenturen und Arbeitgeber tatsächlich festgestellt, dass eine steigende Zahl von Arbeitnehmern befristete Jobs nicht nur deshalb annehmen, weil sie nichts Festes finden können, sondern weil ihnen Flexibilität tatsächlich wichtig ist. Den Agenturen ist das natürlich recht.

In nur wenigen Jahren hat sich die Einstellung zum Thema Zeitarbeit deutlich verändert.
Der “Labour Force Survey” für Winter 1998/99 kam zu dem Ergebnis, dass die Zahl derer, die befristet arbeiteten, weil sie nichts anderes fanden, und die Zahl derer, die solche Arbeitsverhältnisse aktiv suchten, sich annähernd die Waage halten. Noch 1994/95 hatten 40 Prozent als Zeitarbeitnehmer gejobbt, weil sie nichts anderes gefunden hatten, während nur 25 Prozent aus eigener Entscheidung so arbeiteten. Der Anteil der Frauen, die sich bewusst für befristete Arbeitsverhältnisse entscheiden, ist höher als der von Männern, aber auch die Anzahl der Männer, die zu Protokoll gaben, sie würden keine feste Stelle anstreben, hat sich in nur vier Jahren von 17,8 auf 25,9 Prozent erhöht. Augenscheinlich gibt es immer mehr Zeitarbeitnehmer, die sich ganz bewusst gegen feste Arbeitsverhältnisse entscheiden.

Das ist zum Beispiel bei Chula und Alex der Fall. Beide arbeiten für die Zeitarbeitsagentur “Office Angels”. Die 25-jährige Alex gab eine feste Stelle in Gloucestershire auf und kam vor einem Jahr als Zeitarbeiterin nach London. “Irgendwann hätte ich schon gerne eine feste Stelle, aber bisher war ich mir nicht sicher, als was ich gerne arbeiten würde. Durch Zeitarbeit kann ich in ganz unterschiedlichen Arbeitsfeldern tätig sein. Bisher war ich im Marketing tätig, in der PR, in der Werbung und im Verkauf. Mir hat das gut gefallen. Ich werde wahrscheinlich noch länger so arbeiten, so lange, bis ich mir wirklich sicher bin, was ich tatsächlich tun will.”

Die 27-jährige Chula wurde vor einem Jahr arbeitslos und begann mit der Zeitarbeit, “um anfangs mal die Lücke zu füllen und Geld zu haben.” Dann aber gefiel es ihr immer besser, “da ich so ganz flexibel sein kann. Ich kann aufhören und reisen; ich bin nicht festgelegt. Ich glaube nicht, dass ich wieder ein festes Arbeitsverhältnis eingehen würde, da ich mich an dieses Leben gewöhnt habe.” Weder Chula noch Alex sind der Meinung, dass Zeitarbeit auch Nachteile habe. Als ich sie fragte, was ihre Freunde davon hielten, sagte Alex: “Sie wären wohl gerne auch so flexibel. Die Bezahlung ist o.k., und man kann einfach aufhören und dann was anderes machen.” Das unterscheidet sich sehr von der Reaktion in Mackseys Roman. Die Hauptfigur dort berichtet, was geschieht, wenn sie Freunden von ihrer Arbeit erzählt: “Für andere bin ich dann ein ‘Ach so’.”

Es erscheint einleuchtend, dass kurzfristige, sehr unterschiedliche Arbeitsverhältnisse, unverbindliche Jobs, bei denen man Erfahrungen sammeln und viele unterschiedliche Menschen treffen kann, manchen Leuten zusagen und anderen nicht. Aber steckt nicht noch mehr dahinter? Es verhält sich ja nicht so, dass Zeitarbeit das Arbeitsleben der Mehrheit prägen würde. Auch wenn die Agenturen behaupten, wir hätten heute alle Lebensabschnittsjobs, ist das so nicht wahr.

Es ist ein weit verbreiteter Mythos, dessen sich Serena Mackesys Roman bedient, dass Großbritannien heute eine Gesellschaft sei, in der es fast nur unsichere, befristete Arbeitsverhältnisse gebe, weil die Arbeitgeber um jeden Preis sparen würden und den Menschen so die Sicherheit entzögen, die diese sich wünschten. Liest man jedoch den “Labour Force”-Bericht, stellt man fest, dass nur sieben Prozent aller Beschäftigten befristete Arbeitsverträge haben. Zwar betrug die entsprechende Zahl 1984 fünf Prozent, aber dieser leichte Anstieg ist kein Beleg dafür, dass sich der Arbeitsmarkt wesentlich hin in Richtung befristeter Verträge verändert hätte. Auch die Werbebotschaften der Zeitarbeitsagenturen führen diesbezüglich in die Irre. Wie Paul Gregg und Jonathan Wadsworth feststellen, hat sich “trotz der ganz gegenteiligen öffentlichen Wahrnehmung die Verweildauer der Arbeitnehmer in ihren Stellen seit 1975 fast nicht verändert” (zit. nach “The State of Working Britain”). Beschäftigte im Alter zwischen 50 und 64 hatten 1998 im Durchschnitt ihre gegenwärtige Stelle seit zehn Jahren und neun Monaten, die 35- bis 49-Jährigen seit sieben Jahren, die 25- bis 34-Jährigen seit dreieinhalb Jahren und die 16- bis 24-Jährigen seit durchschnittlich einem Jahr. Die durchschnittliche Verweildauer auf einer Stelle ist für die älteste und die jüngste Gruppe seit 1975 zurückgegangen – für die 35- bis 49-Jährigen im selben Zeitraum jedoch um acht Monate angestiegen.

“Es ist unglaublich, dass die Jugendlichen so wenig über die Realität der Arbeitswelt wissen.”

Die wesentliche Verschiebung scheint demnach nicht in der Art und Länge der Arbeitsverträge zu liegen, sondern in der Wahrnehmung dessen, was von der Arbeitswelt zu erwarten sei. Viele gehen heute davon aus, dass der Arbeitsmarkt vor allem Kurzzeitjobs bietet. Und obwohl dies vielmehr eine Annahme statt realistischer Betrachtung ist, beeinflusst es doch ganz erheblich die Art, in der heute die Arbeitswelt erfahren wird – ganz besonders für die jüngere Generation, die gerade erst damit begonnen hat, sich auf diesem Markt zu bewegen.
Sarah El-Doori von den Office Angels sagte mir: “Es ist unglaublich, dass die Jugendlichen so wenig über die Realität der Arbeitswelt wissen.” Sie bezog sich dabei auf eine Umfrage der Office Angels, derzufolge Abiturienten mehrheitlich noch davon ausgehen, dass sie eine feste Anstellung finden, in der sie ausgebildet werden und dann die Karriereleiter durchlaufen, “bis man ihnen eine goldene Uhr überreicht und sie in Rente schickt.” Heute aber, so Sarah El-Doori, “wissen wir doch, dass es das nicht mehr gibt. Alles dreht sich um Karrieremanagement, die Entwicklung der Persönlichkeit und der Kompetenzen.Besagtes Umfrageergebnis jedoch ist anzuzweifeln. Britische Lehrpläne drillen penetrant in Richtung Karrieremanagement und höchstmögliche Flexibilität. Schon 1997 stellt eine Untersuchung der Industrial Society fest, dass “die Mehrheit der Jugendlichen davon ausgeht, dass es so etwas wie den ‘Beruf fürs Leben’ kaum mehr gibt.” Die Hälfte der 16- bis 25-jährigen betonte seinerzeit, dass Jobsicherheit wichtig sei – ein Beleg dafür, dass diese wohl als sehr ungewiss gelte. Hinzu kommt bei jungen Menschen eine schon fast krankhafte Suche nach ständig neuen Qualifikationen – Pluspunkte für einen unsicheren Lebenslauf: Auch dies ist kaum Ausdruck eines Vertrauens, einmal einen festen Beruf fürs Leben zu finden.

Siebzig Prozent der Jugendlichen über 16 sind heute noch in schulischer oder schulähnlicher Ausbildung; Mitte der 80er-Jahre waren es unter 50 Prozent. Ein Drittel aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen besucht Universitäten, Berufsschulen oder ähnliche Einrichtungen. An den Unis nimmt der Anteil berufspraktischer Ausbildung im Verhältnis zu akademischer Lehre immer weiter zu.

"Britische Lehrpläne drillen penetrant in Richtung Karrieremanagement und höchstmögliche Flexibilität."

All das belegt sehr deutlich, dass immer mehr junge Menschen sich nicht ausbilden, um sich wirklich ‘höher zu bilden’, sondern um weitere Pluspunkte für ihren Lebenslauf zu sammeln.

Im Bildungssystem wird zwar die Notwendigkeit, berufsorientiert zu lernen, immer stärker betont; auffällig dabei ist jedoch, dass es fast nie darum geht, eine konkrete Ausbildung zu erhalten. Stattdessen ähneln Lehrpläne immer mehr einer Gebetsmühle, die die Notwendigkeit herunterleiert, Erfahrungshorizonte ständig zu erweitern, allgemeine Fähigkeiten up to date zu halten und auf Teufel-komm-raus flexible Qualifikationen zu erwerben.

Man könnte annehmen, dass die Inflation berufsorientierter Kurse wie z.B. Business Studies dazu führt, dass immer mehr Studierende sich auf die Bereiche Management und Verwaltung stürzen. Aber weit gefehlt – unlängst zeigte eine Untersuchung, dass weniger als die Hälfte der Studierenden solcher Studiengänge später auch in diesen Bereichen tätig wurde. “Moving On”, eine Studie, die kürzlich von der Warwick University herausgegeben wurde, konstatiert, dass an die 60 Prozent der Absolventen von Business Studies später in Sekretariat, Sachbearbeitung, allgemeiner Dienstleitung oder Produktion beschäftigt waren. Selbst die berufsorientierte Ausbildung scheint dazu zu führen, dass es ziemlich egal ist, wozu genau man sich ausbildet – Hauptsache, man hat es gemacht. Und das ist noch nicht alles. Aus derselben Studie erfährt man, dass etwa ein Fünftel der Studierenden über den B.A. hinaus studierte und dass annähernd die Hälfte nach dem Studienabschluss weitere Kurse belegte. Auf die Frage nach dem Warum wurden am häufigsten berufliche Gründe genannt, speziell von denjenigen, die einen M.A. anstrebten. Die von der Regierung verbreitete Botschaft des “life-long learning” wird von vielen jungen Menschen heute sehr ernst genommen.

Zum Teil wird die Fortbildungswelle davon getragen, dass viele Stellenprofile heute höhere Qualifikationen erfordern als früher. In “Moving On” wird positiv betont, dass nur zwei Prozent der Graduierten arbeitslos sind und dass 90 Prozent tatsächlich in Berufen arbeiten, die einen Studienabschluss voraussetzen. Andererseits wird in der Studie auch darauf hingewiesen, dass es unmöglich sei, Berufe zu definieren, für die man ein Studium brauche – außer durch Tautologien wie “Berufe, in denen Personen mit Uniabschluss beschäftigt sind” oder “Stellenprofile, die einen Uniabschluss erfordern”. Tatsächlich kann es sich hierbei um Krankenpflegerinnen handeln, um Bankangestellte – um eine Vielzahl von Positionen, für die vor noch nicht allzu langer Zeit ein Unidiplom durchaus nicht notwendig war. Und nicht etwa, dass sich die Art der Arbeit in solchen Bereichen wesentlich geändert hätte: heute benötigt man einfach höhere Qualifikationen, um im Prinzip denselben Job zu tun.

"Für den Lebenslauf müssen scheinbar freiwillige soziale Jahre, unzählige Praktika und Zwischenjobs eingeschoben werden."

Es hat sich eine Dynamik entwickelt, in der davon ausgegangen wird, dass es notwendig sei, immer mehr Qualifikationen anzuhäufen. Für den Lebenslauf müssen scheinbar freiwillige soziale Jahre, unzählige Praktika und Zwischenjobs eingeschoben werden. Dass junge Menschen dies alles auf sich nehmen, zeigt, wie wenig sie davon ausgehen, jemals einen sicheren Beruf zu finden. Viele junge Arbeitnehmer verhalten sich heute schon instinktiv flexibel. Ganz gleich, ob sie eine feste Stelle haben: sie verhalten sich so, als ob sie jederzeit gefährdet wären, als ob sie andauernd flexibel und ständig auf der Jagd nach neuen Möglichkeiten sein müssten. Wie sicher ein Beruf tatsächlich ist, tritt dabei in den Hintergrund; ein unverhältnismäßig hoher Anteil junger Arbeitnehmer fühlt sich heute als Zeitarbeiter.

Aber ist das überhaupt von Bedeutung? Nimmt man Chula und Alex als Beispiel, sind Zeitarbeitsverhältnisse nicht unbedingt eine üble Sache, speziell für die jüngere Generation. Da sich das Durchschnittsalter für erste Ehen und erste Kinder allmählich gegen die 30 bewegt, gibt es, im Vergleich zu früher, keinen großen Druck mehr, finanziell auch für Angehörige sorgen zu müssen. Für junge Berufstätige ist es häufig wichtiger, über ein Einkommen zu verfügen, das ihnen ein aktives, unabhängiges Sozialleben, einen entsprechenden Lifestyle und gute Kicks garantiert. Zeitarbeit kann hier die Möglichkeit eröffnen, zu experimentieren, sich zu vergnügen und das eigene Leben viel selbstbestimmter zu leben, als das in einem festen Beruf je möglich wäre.

Was aber bedeutet es, wenn man mehr von seiner Arbeit verlangt als nur diese flexible Grundversorgung? Laut “Speaking Up, Speaking Out!” erklären 45 Prozent der 16- bis 25-Jährigen, dass die Arbeit dem Leben einen Sinn gibt. Bei einem bloß vorübergehenden Job, bei ständig flexiblen Arbeitsverhältnissen ist schwer zu erkennen, wo eine solche Bedeutung herkommen soll. Nur fünf Prozent der 16- bis 25-Jährigen gaben zu Protokoll, dass Rang und Einfluss einer Stellung für sie von Bedeutung seien. Vielleicht belegt das wirklich, dass für sie die Welt der Zeitarbeit, die zu nichts verpflichtet und in der man sich auf nichts einlassen muss, die ideale Welt ist. Wo aber bleibt da der Ehrgeiz, der Versuch, einen Beruf auszufüllen und zu leben?

Die Behauptung, wir alle hätten heute Lebensabschnittjobs, ist nicht wahr, sie weist jedoch auf eine Wahrheit hin. Wenn allgemein davon ausgegangen wird, dass es nur noch Jobs gibt und eben nicht den Beruf fürs Leben, dann spielt es gar keine so große Rolle, ob das in der realen Arbeitswelt tatsächlich der Fall ist. Gleich, ob man einen Job einfach nur als Basis der eigenen Freizeitwelt wahrnimmt oder als Startrampe für andere Jobs: zentral ist für beide Haltungen das Unstete der Biographie und des Arbeitens. – Wer will geplant leben? Oder vielleicht sollte man besser fragen: Wer hat einen Plan für sein Leben?