01.07.2000

Binsenwahrheiten für morgen aus dem letzten Jahrhundert

Von Klaus Lampe

Klaus Lampe meint, dem Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft darf sich weder die EXPO noch die Welt verschließen.

10 Milliarden Menschen: Horrorszenarium oder Herausforderung?

  • In den letzten 3 Millionen Jahren Menschheitsgeschichte haben insgesamt weniger Menschen auf der Erde gelebt als heute. Seit etwa 1900 stieg die Einwohnerzahl der Erde von 1,5 Milliarden auf 6 Milliarden Menschen. Wer heute geboren wird, muss den Erdball in 50 Jahren mit mindestens 10 Milliarden Menschen teilen. Nach internationalen Statistiken sterben heute stündlich 1200 Kinder an Unter-, Mangel- oder Fehlernährung und den daraus resultierenden Krankheiten.
  • Hunger und Mangelernährung sind nicht durch Nahrungsmittelproduktion allein oder durch Umverteilung, sondern nur zusammen mit wirtschaftlicher Entwicklung zu überwinden. Die Menschen brauchen Arbeit, um sich Lebensmittel kaufen zu können.

 

Wie sicher ist “unser täglich Brot”?

  • Die westliche Welt kann sich extensive Produktionsmethoden, z.B. Bioprodukte mit entsprechend niedrigen Erträgen und hohen Verbraucherpreisen, leisten. Deutsche geben weniger als 13% ihres Einkommens für Lebensmittel aus; die Mehrzahl der Menschen in der so genannten Dritten Welt benötigen mehr als 50% ihres Einkommens dafür. Das Bruttosozialprodukt in Tansania beträgt pro Kopf ca. 100 US-$ im Jahr, in Deutschland dagegen etwa 23.560 US-$. Die Welt wird mehr von “ego” als von “öko” geprägt. Wem die Schale Reis am Tag und das Holz zum Kochen fehlt, der ist für die Schlagworte Umweltschutz und Nachhaltigkeit nicht zu begeistern.
  • Die Nahrungsmittelproduktion müsste jährlich um mehr als 2% (basierend auf dem derzeitigen Niveau) steigen, um mit der Bevölkerungsentwicklung Schritt zu halten. Dies ist in der Geschichte der Menschheit bis jetzt über einen solchen Zeitraum und auf diesem Ausgangsniveau nie geschehen.
  • Die 10 Milliarden Menschen von morgen müssen ihre Nahrung mit weniger Wasser, weniger Land, Nährstoffen und Pflanzenschutzmitteln produzieren.
  • Die öffentliche und private Agrarforschung sind zwei der wenigen Hoffnungsträger, von denen Lösungen zur Ernährungssicherung erwartet werden können. Sie bedürfen dringend einer politischen Stützung, einer finanziellen Stärkung und des Schutzes vor Diskriminierung.

 

Es gibt viel Grund zur Zuversicht

  • Die Welt kann 10 Milliarden Menschen ernähren.
  • Es fehlt nicht an Ideen oder qualifizierten Wissenschaftlern, um Visionen in Realitäten umzusetzen, sondern an dem Klima, das es eben diesen Kräften erlaubt, innerhalb gegebener Freiräume zielgerichtet kreativ zu sein.
  • Es fehlt nicht an finanziellen Mitteln, sondern der Bereitschaft, Forschung für die Zukunft an Stelle weniger wichtiger Investitionen zu fördern.
  • Es fehlt nicht an Chancen zur Zukunftssicherung, sondern an der Fähigkeit und dem politischen Willen, weit genug in die Zukunft zu denken und entsprechend zu handeln.
  • Es fehlt nicht an Lösungsansätzen zur Schließung der Nahrungsmittellücke, sondern an der Bereitschaft, unsere Innovationsfähigkeit zu nutzen, um wenigstens das Recht auf Nahrung für alle zu sichern.
  • Angst vor neuen, insbesondere vor schwer erklärbaren Innovationen hat es immer gegeben. Wohlstandsangst, die Angst derer, die nichts entbehren, muss sich aber messen lassen an der Armutsangst jener, die nicht einmal genug zu essen haben. Ihnen Innovationen vorzuenthalten, die eine ausreichende Ernährung ermöglichen können, ist ethisch nicht vertretbar. Vor diesem Hintergrund ist die Biotechnologie als neues Instrument der Züchtung einzuordnen. Sie birgt Risiken wie jede Innovation. Sie sind bei richtiger Nutzung beherrschbar.
  • Die mit dem Einsatz der Gentechnologie verbundenen Risiken generell zu negieren, ist ebenso verantwortungslos wie die unkritische Verteufelung eines wissenschaftlichen Durchbruches, der möglicherweise die Ernährung von Milliarden Menschen in Zukunft sichern hilft. Nur durch ein Maximum an Information, nur durch offene Diskussion über Sicherheit und ethische Akzeptanz und nur durch wesentlich intensivere Forschungsanstrengungen werden die Widerstände gegenüber der Gentechnologie überwunden werden können.
  • Jede Innovation seit der Erfindung des Faustkeils ist auch der Gefahr des Missbrauchs ausgesetzt. Dies gilt natürlich ebenso für die neuen Technologien von heute. Dennoch darf und kann wissenschaftliche und technische Entwicklung nicht aufgehalten werden. Wichtig ist eine verantwortungsbewusste Steuerung und Kontrolle, die aber nicht zu deren Strangulierung oder Diskriminierung führen darf.
  • Die in den letzten 15 Jahren gewonnenen Erkenntnisse im Bereich der Mikrobiologie können als Ausgangsbasis für neue, zukunftsweisende Visionen dienen. Beispiele sind:
  • Stickstoffsammelnde Getreidepflanzen
  • Kulturpflanzen, die Unkraut-Bekämpfungsmittel selbst produzieren und im Boden vorhandene Phosphate aufschließen,
  • Hybridsorten, die sich selbst vermehren lassen,
  • Nahrungspflanzen, die Sonnenlicht besser ausnützen,
  • Kulturpflanzen, die Salzwasser, Trockenheit, Kälte und andere Stresssituationen ertragen.
  • Grundnahrungsmittel, mit denen die Armen und ganz die Armen ihren Vitamin- und Mineralstoff-Bedarf decken und Krankheiten verhüten können.
  • Unsere Wohlstandsgesellschaft ist in Gefahr, durch Risikoscheu und Besitzstandshysterie die eigene Zukunft zu entsorgen, anstatt Know-how und neue Technologien für stabile, ökologisch sinnvolle und für 10 Milliarden Menschen akzeptable Lebensformen zu entwickeln.

 

Ausblick ins 21. Jahrhundert

Wir stehen unter einem weitgehend unerkannten Zeitdruck. Die Weltbevölkerung wächst jedes Jahr um die Einwohnerzahl Deutschlands. Mit Vor- und Fehlurteilen, mit verbalprogressiven Floskeln, mit der Verweigerung gegenüber Erfolg versprechenden Technologien sind die Probleme von Umweltschutz, Arbeitsbeschaffung und Welternährung nicht zu lösen. Forschung, Entwicklung und deren Umsetzung in die Praxis sind nötig. Die Weltausstellung EXPO 2000 ist der richtige Ort, dies von allen Verantwortungsträgern einzufordern.