17.10.2012

Bildungsdebatte: Verteidigt die Bildung als Selbstzweck!

Kurzkommentar von Dennis Hayes

Bildung soll nicht der Vermittlung gesellschaftlicher Normen und Wertvorstellungen dienen. Die Frage, wofür Bildung gut ist, ist für den Pädagogikprofessor Dennis Hayes falsch gestellt. Bildung ist ein Selbstzweck. Nur so lassen sich wissbegierige und kritische Menschen erziehen

Bei Bildung [1] geht es nicht um die „Vorbereitung auf das Leben“. Es geht auch nicht um die „Vorbereitung auf die Prüfungen des Lebens“. Bei Bildung geht es einzig und allein um Bildung. Debatten, Vorlesungen und Diskussionen mit dem Titel „Wofür ist Bildung gut?“ sind heute populär, aber ihr instrumenteller Ansatz verkennt die eigentliche Natur von Bildung: Bildung hat nichts und niemandem zu dienen. Sie ist ein Zweck an sich selbst. Selbst wenn alle Probleme des ökonomischen und sozialen Lebens gelöst wären und die Menschheit nicht einmal mehr zu arbeiten hätte, würden sie dennoch weiter nach Wissen streben. Dieser Gedanke findet sich bereits in Sokrates’ Vorstellung des ewigen Lebens. Er stellt es sich als eine endlose Reihe von Gesprächen und Debatten mit den größten Denkern vor.

Die gegenwärtige Debatte über den Zweck von Bildung zeigt, in welch einmaliger Krise sich diese aktuell befindet. Natürlich sind Krisen der schulischen und universitären Ausbildung nichts Neues. Die Fragen, was gelehrt werden soll und wem, waren schon immer Gegenstand heftiger Diskussionen. Aber die gegenwärtige Krise ist anders. Statt einer Krise der Inhalte ist sie eine Krise der Bedeutung von Bildung. Wir wissen nicht mehr, was „Bildung“ heißt. „Wofür Bildung?“ zu fragen war früher ein Anlass, um die herkömmlichen Konzepte von Bildung zu analysieren, jetzt ist es fast ein Ausruf semantischer Verzweiflung. Wir wissen nicht länger, warum wir Kinder zur Schule schicken.

Jährlich findet in Großbritannien eine Debatte um die Ergebnisse der General Certificate of Secondary Education [entspricht etwa dem deutschen Realschulabschluss, Anm. d. Ü.] statt. Ganz egal ob der allgemeine Notendurchschnitt fällt oder steigt, meinen die einen, die Testergebnisse seien ein Beleg dafür, wie sehr die schulischen Standards inzwischen gesunken seien, während die anderen betonen, wie hart die Schüler und Lehrer doch arbeiten würden. Es ist leicht zu sagen, dass wissenschaftliche Studien belegen, Examensergebnisse würden nicht mehr auf die gleiche Art und Weise den Wissensstand und die Qualität des Verstehen der Schüler ausdrücken, wie es früher der Fall war, und zu betonen, dass Schüler und Lehrer – obwohl sie zweifellos hart arbeiten – eben nicht hart genug am früher für die schulische Ausbildung so charakteristischen Wissen und Verstehen arbeiten. Aber beide Seiten in der jährlich wiederkehrenden Debatte weichen der eigentlichen Frage über die Krise der Bedeutung von Bildung aus.

Letztlich ist es einfach nicht wichtig, welche Formen Prüfungen annehmen und welche Inhalte dort abgefragt werden, wenn Bildung keine Bedeutung mehr besitzt. Wie ich anderenorts argumentiert habe, kann diese Bedeutungskrise nicht überwunden werden, indem man verklärt, was Bildung einst hieß, oder wie streng früher doch die Mittlere Reife war. Die Standards waren so hoch, weil es einen Konsens darüber gab, was Bildung im Kern ausmacht, auch wenn über Wissensinhalte und wie sie richtig zu verstehen sind gestritten wurde. Nur über die Debatte darüber, was Bildung bedeutet, können wir dazu zurückkehren, Bildung wieder eine Bedeutung zu geben. Und diese Debatte muss sich um die Frage drehen, was Wissen überhaupt ist.

Ich werde eine auf Prüfungen basierende schulische Ausbildung nicht mit dem Argument abtun, dass diese nicht „auf die eigentlichen Prüfungen des Lebens vorbereite“, wie der Lernwissenschaftler Guy Claxton es kürzlich in einem Blogeintrag tat. Aber Claxton zeigt mit diesem Statement genau, wo das eigentliche Problem liegt. Wenn wir von Bildung in instrumenteller Weise als „Vorbereitung“ für was auch immer denken, dann öffnet dies die Tore, um sie mit jedem x-beliebigen Projekt von therapeutischen Zwecken bis zur Verhaltenssteuerung im Interesse der „Gesellschaft“ aufzuladen. Für Claxton hat das in den letzten 30 Jahren neu erworbene „Verständnis vom Geist und vom Lernen“ zur Konsequenz, dass wir das Lernen heute ganz anders angehen müssen.

Wie auch immer man das gestaltet, es bedeutet, dass wir den Prozess vor den Inhalt stellen müssen; wir sollen uns erst fragen, wie wir lernen, bevor wir fragen, was wir lernen. Ansonsten werden wir Kinder großziehen, die dem Leben im 21. Jahrhunderts nicht gewachsen sind, so die These.

Die in solch einem Bildungsverständnis zum Ausdruck kommende Unsicherheit und der Vertrauensverlust bezüglich des Lernens ist eine Konsequenz der angesprochenen Bedeutungskrise. Dazu kommt eine weitere noch beunruhigendere Sorge vieler Pädagogen im Hinblick auf das, was sie wahrscheinlich als „traditionelle“ oder „elitäre“ Bildung abtun würden. Sie ahnen, dass Bildung, im Sinne von Wissen und Verstehen von Themen und Inhalten, sich nicht dazu eignet, auf das gesellschaftliche Leben vorzubereiten, sondern tatsächlich sogar kritisches und anti-soziales Verhalten heraufbeschwören könnte.

Der Inhalt einer traditionellen, themenbezogenen Bildung wird nicht bestimmt durch die Tugendwächter des sozialen oder emotionalen Wohlergehens, sondern einzig und allein durch die Natur der jeweiligen Inhalte. Wissen und Verständnis von Inhalten folgen keinem moralischen Ziel. Sie können sogar großes Missbehagen zur Folge haben. Sie können Menschen persönlich – nicht nur beruflich oder politisch – unglücklich zurücklassen. Bildung kann eine schwierige Aufgabe für einen selbst ebenso wie für die Gesellschaft sein.

Hier, wie in vielen anderen Dingen, steht Sokrates als ein Beispiel für den wahren Pädagogen. Er wurde für das hingerichtet, was eigentlich alle Pädagogen tun sollten: die Jugend zu verderben und die Götter der Stadt zu verleugnen. Sein Bildungsangebot machte die jungen Menschen zu kritisch für jene Leute, die das zum Ziel hatten, was wir heute „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ nennen würden.