26.05.2015

Bildung: Finnland will nicht mehr zur Weltspitze gehören

Kommentar von Dennis Hayes

Lange Zeit war das finnische Bildungsprogramm beispiellos. Durch die Abschaffung der klassischen Schulfächer möchte Finnland jetzt neue Impulse setzen. Damit riskiert Finnland allerdings, seine hohen Bildungsstandards zu verlieren, so der Pädagogikprofessor Dennis Hayes

Es liegt nahe, sich über die finnischen Bildungsreformpläne zur Abschaffung der traditionellen Schulfächer durch „breitere Themenfelder“ lustig zu machen. Die neue Initiative könnte dazu führen, dass Fächer wie Geschichte, Geografie und Sprachen für eine lange Zeit von interdisziplinären Themenfeldern, wie zum Beispiel der „Europäischen Union“, ersetzt werden. [1] Anstatt, dass Schüler an ihren Schulbänken Fakten über die Welt lernen, könnten sie durch die Korridore rennen oder im Netz surfen, um im Geiste der „Lernen mit Spaß“-Idee Informationen zu sammeln. Hohn und Spott waren meine ersten Reaktionen. Doch was nun passiert, hat ernste und fatale Konsequenzen. Letztendlich wird nicht nur die Zeit der Schüler vergeudet, sondern auch ihre Bildung.

Die Argumente für die Reformen in Finnland sind allgemein bekannt: Die neuen Regelungen seien für die Herausforderungen der „modernen Arbeitswelt“ notwendig. Das bedeutet, dass Bildung nicht mehr um ihrer selbst willen bewertet, sondern sie speziellen ökonomischen Kriterien unterworfen wird. Diese Position wird oft von Forderungen nach einem spannenderen und relevanteren Unterricht durch neue pädagogische Methoden begleitet. [2] Das Argumentationsmuster ist weltweit identisch. Es gibt einen Wandel von der Konzentration auf die Bildungsinhalte zu einem Fokus auf die Lehrpraxis.

Das ist eine Lehrstunde für alle Eltern und Lehrer. Ein Land, das oft für sein hervorragendes Bildungssystem gelobt wurde, [3] kann, wenn es den Grund für diesen Erfolg nicht verstanden hat, ein solches System dennoch abschaffen. Die „moderne“ Idee von der Förderung multidisziplinärer Aktivitäten und Kommunikationsfähigkeiten – statt traditioneller Schulfächer – bedeutet eine grundsätzliche Ablehnung der Bildung. Manche jedoch, darunter auch einige meiner Kollegen, feiern diese Veränderung – einer pries sie als große unkonventionelle Idee Ich wurde sogar zu einem Live-Stream-Event bezüglich „Finnlands aktueller Entscheidung, sich zu öffnen“ eingeladen. [4]

„Die moderne Abkehr von Schulfächern bedeutet den Verzicht auf Bildung“

Jede Kritik oder jedes Lob muss im heutigen Kontext der Hauptbildungsdebatte des 21. Jahrhunderts zwischen schulfachorientierter Bildung oder kompetenzorientierter Bildung verstanden werden. Finnland geht einen deutlichen Schritt in Richtung an Kompetenzen ausgerichteter, praxisorientierter Bildungspolitik. Pasi Sahlberg [5], Harvard-Wissenschaftler, versicherte im britischen Magazin The Conversation, [6] dass die Schulfächer in Finnland nicht völlig aufgegeben werden sollen. Dennoch gibt es Anlass zur Besorgnis.

Der Fehler, den Pädagogen und Politiker bei Finnland, China oder sonstigen Topländern der PISA-Studie [7] begehen, besteht in der Annahme, dass der Bildungserfolg aus den Besonderheiten der jeweiligen Bildungssysteme resultieren würde. Im finnischen Fall wurden Qualität des Unterrichts, das System zur Lehrerausbildung [8], das Fehlen von Abschlussprüfungen in der Pflichtschulzeit, die Ausbildung, Berufsfreiheit und der Status von Lehrern [9] als einige von vielen verschiedenen Gründen für den Bildungserfolg angeführt. Kritiker wie Befürworter der Änderungen in Finnland mögen glauben, dass der Erfolg auf der technischen Konzeption und den Inhalten des Bildungssystems beruht. Die Aktivitäten im Klassenzimmer sind es aber nicht, die herausragende Ergebnisse erzielen. Meiner Meinung nach hängt der Erfolg letztlich von sozialen und kulturellen Faktoren ab. [10]

Das ausschlaggebende Element des erfolgreichen finnischen Bildungssystems ist die hohe Erwartungshaltung gegenüber Kindern, die Politiker, Lehrer, Eltern und Gemeinden teilen. Das ist seit der Entscheidung der 1960er-Jahre, die Bildung ins Zentrum des wirtschaftlichen Erfolgs gerückt hat, weithin bekannt; dieser Fokus wurde übrigens aufgrund seiner Konzentration auf lehrerzentrierte, schulbuchorientierte Bildung als stalinistisch kritisiert. [11]

Ungeachtet aller Kritik war die hohe Erwartungshaltung an die Bildung in Finnland im letzten Jahrhundert ausschlaggebend. 75 Prozent [12] der finnischen Bevölkerung erachteten das Bekenntnis zur einer umfassenden Bildung als historisch. Dennoch kam Mitte der 1990er-Jahreauch die Sorge auf, dass die schulischen Leistungserwartungen so streng waren, dass sie das Selbstvertrauen der Schüler beschädigen könnten. [13]

„Hohe Erwartungen bestimmen den Erfolg des finnischen Bildungssystems“

Solche kulturell bedingten Erwartungen bestimmen die Struktur des Bildungswesens. Aufgrund der hohen schulischen Erwartungshaltung entschied sich Finnland damals für die schulfachorientierte Bildung. Das Abrücken von Schulfächern hin zu Themen [14] ist also ein Zeichen dafür, dass die hohe schulische Erwartungshaltung der finnischen Kultur an Bedeutung verliert. Dass die Methoden gar keine Rolle spielen, solange die Erwartungen hoch sind, wäre zu einfach gedacht. Doch ganz ohne die Erwartung, dass Kinder bestimmte Kenntnisse erwerben, werden die Kinder sich kaum mit Lernen befassen, egal wie man sie unterrichtet.

Die Reformen stellen den Versuch dar, die Arbeitsbereitschaft zu erhöhen. Wer glaubt, dass themenorientiertes Lernen keine negativen Auswirkungen auf das Wissen der Schüler zeitigt, sondern nur die Lehrmethoden abändert, übersieht das Grundsätzliche an dieser Veränderung. Wenn die Veränderung beschleunigt abläuft, was ohne Opposition wahrscheinlich ist, dann wird sich jede Schulbildung in Finnland zu einer reinen Berufsausbildung entwickeln.

Finnland darf von seinem Abstieg in der PISA-Rangliste enttäuscht sein [15], doch der Wunsch nach einem höheren Ranking ist kein Zeichen für große Erwartungen, sondern von Panik. Der neue Politikwandel konzentriert sich nicht auf Bildung als bedeutende Möglichkeit, die Gesellschaft zu verändern. Vielmehr dient die Reform der Erfüllung einer so wahrgenommenen ökonomischen Nachfrage oder dem noch engeren Ziel einer Verbesserung bei Rankings. Das zeigt vielleicht eine große Erwartung in einem instrumentellen Sinne, jedoch nicht hinsichtlich der Schulbildung. Wenn die finnischen Lehrer wirklich so gut ausgebildet sind, wie es heißt, dann müssten sie zur Verteidigung hoher Bildungsansprüche gegen die Reformpläne in den Kampf ziehen.