01.01.1999

Antwort an Erica Fischer

Von Thomas Deichmann

Thomas Deichmann, der Autor des Artikels "Es war dieses Bild, das die Welt in Alarmbereitschaft versetzte", antwortet auf einen Text, den die freie Journalistin Erica Fischer im Magazin Der Standard veröffentlicht hat.

Es ist eine neue Erfahrung, von einer renommierten Zeitung, für die ich schon mehrfach geschrieben habe, nicht informiert worden zu sein über die Veröffentlichung eines Textes von der freien Journalistin in Berlin Erica Fischer ("Das Lager Trnopolje...", Der Standard,17.1.1997): Ein Artikel, der sich auf einen Text im Standard von mir bezieht, der mit haltlosen Unterstellungen und Falschinformationen gespickt ist und wohl einzig darauf abzielt, meinen Namen durch den Schmutz zu ziehen. In meinem Artikel "Mehr Schock!" im Standard vom 10.1.1997 habe ich sachlich und detailliert erklärt, wie im August 1992 die ITN-Aufnahme eines abgemagerten bosnischen Muslimen hinter Stacheldraht zustande kam: Nicht die Gefilmten waren von Stacheldraht umgeben, sondern das Kamerateam. Ich habe die Frage nach professionellen journalistischen Sorgfaltspflichten aufgeworfen. Ich bezeichne die ITN-Aufnahme als Täuschung und kritisiere die britischen Reporter, diese Aufnahmen gesendet und ihre spätere Interpretation durch andere als KZ-Beweis nicht korrigiert zu haben.

In der Berliner Wochenzeitung Freitag (7.2.97) schrieb Frau Fischer mittlerweile: "Tatsächlich wurde das ‘falsche Foto’ von innerhalb eines mit Stacheldraht umgebenen Grundstücks gefilmt, in dem es vor dem Krieg Agrarmaterial zu kaufen gab." Sie erklärte dann weiter, ihr sei es "im Grunde genommen auch egal", wo Marshall bei den Aufnahmen stand. Eine befremdliche Haltung. Von professionellen Journalisten erwartet man, dass sie zwischen Fakten und Fiktionen unterscheiden und dass sie Einspruch erheben, wenn Fakten manipuliert werden.

Fischers Unterstellung, ich würde die "Soldateska der bosnischen Karadzic-Serben als Opfer eines internationalen Medienkomplotts in Schutz" nehmen wollen, ist so einfältig, dass sich ein Kommentar fast erübrigt. Ich habe nie für eine der Kriegsparteien auf dem Balkan Partei ergriffen oder in Frage gestellt, dass Gräueltaten verübt wurden. Fischer disqualifiziert sich selbst durch die Präsentation einer Reihe von tendenziösen Behauptungen und Fehlinformationen. Sie verweist z. B. auf vermeintliche Mängel in Artikeln von Peter Brock und Martin Lettmayer, die die Korrektheit von Berichten über die Existenz von Massenvergewaltigungslagern in Frage stellten. Jeder ernsthaft an der Wahrheit interessierte Beobachter des Bosnienkrieges sollte anerkennen, dass es für diese Lager keinerlei Beweise gibt und dass solche Meldungen u.a. zur Manipulation der öffentlichen Meinung zirkuliert wurden. Dass Fischer den Verteidiger Dusko Tadics vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, Prof. Mischa Wladimiroff, als unglaubwürdig abtut, ist bezeichnend für ihre moralisierende Haltung. Prof. Wladimiroff leitet das angesehenste Anwaltsbüro in Strafsachen in den Niederlanden, und er ist weltweit hoch angesehen. Liest man Fischers Zeilen, entsteht der Eindruck, als sei für sie schon die bloße Bereitstellung einer Verteidigung für einen Serben ein Skandal. Demokraten hingegen dürfte die gängige juristische Praxis, trotz mancher Mängel, lieber sein als Schauprozesse á la Stalin oder Hexenverbrennungen wie im Mittelalter.

Je länger der Text, desto unglaubwürdiger Fischers Ausführungen: Sie gibt die Meinung wieder, der damalige Leiter des regionalen Roten Kreuzes im Lager Trnopolje, Pero Curguz, sei vor zwei Jahren "von einem seiner Tschetnik-Kumpanen" ermordet worden. Ich habe Pero Curguz im vergangenen Dezember in seinem Büro in Prijedor persönlich getroffen, und er erfreute sich guter Gesundheit. Als Quelle für einige ihrer Behauptungen verweist Fischer auf das "Zentrum zur Erfassung von Kriegsverbrechen" in Zenica, das, nebenbei bemerkt, mit der "Gesellschaft für bedrohte Völker" unter der Leitung von Tilman Zülch kooperiert. Dieses "Zentrum" wurde bei Kriegsbeginn vom bosnisch-muslimischen Militär als Propagandastelle unter der Leitung von Ragib Hadzic ins Leben gerufen und ist alles andere als eine glaubwürdige Quelle.

Dass die britischen Journalisten in "‘Luxusautos’ und von UNO-Jeeps begleitet" im Lager eintrafen, ist Unfug. Die britischen Reporter wurden vom bosnisch serbischen Militär in PKW und Militärfahrzeugen in die Lager begleitet. Ebenso falsch sind die von Frau Fischer wiedergegebenen Thesen, die meisten Lagerinsassen hockten beim Eintreffen der Journalisten "nur noch apathisch auf der Erde" und, die "den Journalisten zum Zaun entgegeneilenden" Männer, darunter Fikret Alic, seien "noch die kräftigeren gewesen". Bei aller Rücksicht: Menschen mit der Statur Fikret Alic’s waren die Ausnahme, nicht die Regel. Dass es "nur Regenwasser" zu trinken gab im heißen Sommer 1992 ist eine weitere Erfindung. Das gilt auch für die falsche Behauptung, es habe einen "zweieinhalb oder drei Meter" hohen Stacheldrahtzaun "rund ums Lager" gegeben.

Anstößig ist Frau Fischers Text in erster Linie deshalb, weil Sie vorgibt, im Interesse der Opfer und Überlebenden des Krieges in Bosnien die Stimme zu erheben. Sie versteckt sich hinter "Zeugenaussagen" allem Anschein nach deshalb, um für das, was sie niederschreibt, nicht zur Rechenschaft gezogen werden zu können. Ich kann meine Aussagen einwandfrei belegen, nicht zuletzt deshalb, weil ich nicht gesendete ITN-Originalaufnahmen vom Lagerbesuch im August 1992 ausgewertet habe.

Ich habe Respekt vor den Menschen, die im Krieg ihr Hab und Gut und Familienmitglieder oder Freunde verloren haben. Auch vor Fikret Alic, der es trotz aller Torturen nach Westeuropa schaffte. Ich würde es den Flüchtlingen nicht einmal zum Vorwurf machen, wenn Sie aufgrund Ihrer Erlebnisse übertreiben und schon gar nicht, wenn sie Ihre Abneigung gegenüber der anderen Kriegspartei zum Ausdruck bringen. Mir laufen jedoch Schauer den Rücken runter, wenn ich Texte wie den von Fischer lese, in denen die Situation von Flüchtlingen, für welche moralische Haltung auch immer, ausgenutzt wird. Frau Fischer sollte nicht auch noch so tun, als sei es im Interesse der Menschheit, belogen, getäuscht und manipuliert zu werden.

Der renommierte deutsche Journalist Hanns Joachim Friedrichs formulierte einmal: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache." Fischers Artikel ist ein erschreckendes Beispiel für die in "Journalistenkreisen" anscheinend bereits verbreitete Akzeptanz "gemeinmachenden" Journalismus. BBC-Reporter Martin Bell bezeichnet diesen Zustand schönredend als "attachment journalism".

 

aus: Novo, Nr.27, März/April 1997, S.20

 

* eine leicht gekürzte Fassung dieser Replik ist am 14.3.1997 auch im Wiener Standard erschienen.