01.05.2003

Ansteckende Ängste

Kommentar von Stuart Derbyshire

Panikattacken und Weltuntergangsstimmungen sind gefährlicher für die Menschheit als SARS, sagt Stuart Derbyshire.

Vielleicht hatte das amerikanische Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC) nicht die Absicht, mir das Leben schwer zu machen, dennoch: es gelang ihm prächtig. Am Vorabend meiner lang geplanten Südkoreareise erließ das CDC eine generelle Reisewarnung – Reisewillige wurden angehalten, wegen des Risikos des Schweren Akuten Atemwegssyndroms (SARS) Hongkong, China, Vietnam und Singapur zu meiden. In den Nachrichten klang die Warnung zumeist eindeutiger: Von Reisen nach Asien werde abgeraten.
Warnungen wie diese, der Irakkrieg, der schwelende Konflikt mit Nordkorea wegen seiner unsichtbaren Atomwaffen, dazu noch die hohe Terror-Alarmstufe in den USA – Sie können sich vorstellen, welch mulmige Gefühlslage bei uns zu Hause herrschte. Und das, obwohl wir im Allgemeinen durchaus rationale Leute sind. Es scheint, als füge sich der SARS-Virus nahtlos ein in die Reihe so genannter Killerviren. Dabei kann die bisherige Zahl der Opfer, die durch ein Virus dahingerafft wurden, das ein halbes Jahr zuvor auf einem Kontinent mit zwei Milliarden Menschen ausbrach, nicht wirklich apokalyptisch genannt werden. Die meisten Experten sind der Ansicht, dass SARS nicht infektiös oder virulent genug sei, um eine globale Katastrophe zu verursachen.
Sogar die Warnungen des CDC wirken bei näherer Betrachtung eher banal: Infizierte Menschen wurden angehalten, ihr außerhäusiges Leben einzuschränken, und Angehörige sollten sich bei Kontakt mit Speichel, Blut oder Exkrementen von Betroffenen die Hände waschen. Wie ungewöhnlich!
John Oxford, Professor der Mikrobiologie an der Queen Mary’s Medical School in London, forderte am 31. März, die Gefahr von SARS richtig einzuschätzen: „Ich würde auf Reisen nach Hongkong nicht verzichten. Sechshundert Krankheitsfälle in einer Bevölkerung von mehreren Millionen, das ist nicht viel.“[1]

SARS kann lebensbedrohlich sein – wie Blitzschläge oder giftige Tiere.

Natürlich ist SARS eine ziemlich hinterhältige Art der Lungenentzündung, die vor allem für ältere oder sehr junge Menschen lebensgefährlich sein kann. Das Gleiche gilt aber auch für Blitzschläge und giftige Tiere. Virusinfektionen, sogar die ernsthafteren Formen davon, gehören zum täglichen Risiko. Heute aber begegnet man Risiken aller Art mit einer inflationär anschwellenden Flut von Warnungen und Sicherheitshinweisen. Leicht kann man die Warnungen des CDC als Vorsichtsmaßnahmen abtun, um ihm selbst den Rücken freizuhalten: Sollte sich nämlich trotz aller Sicherheitshinweise ein unglücklicher Reisender mit dem Virus infizieren, kann sich die Behörde immer mit dem Argument herausreden: „Wir haben Sie gewarnt.“ Andererseits lechzt die Bevölkerung förmlich nach Schreckensnachrichten und Warnungen dieser Art; sie passen zur weit verbreiteten egozentrischen Weltuntergangsstimmung. Auch der scheinbar um Objektivität bemühte Professor Oxford wollte offenkundig nur verhindern, dass kleinere Zwischenfälle nicht von der wirklich zu erwartenden Realität ablenken: „Keine dieser zwei (möglichen SARS-) Virenfamilien flößt mir so viel Angst ein, wie dies ein neuer Grippevirus könnte“.[2]
Viele Menschen befürchten, SARS könne sich zu einer neuen tödlichen Seuche entwickeln. Während ich dies schreibe, sitze ich in der Abflughalle des Narita International Airport in Tokio und warte auf meinen Anschlussflug nach Südkorea. Von der überschaubaren Menschenmenge, die hier mit mir wartet, tragen 21 Personen Gesichtsmasken. Fast alle sind Asiaten. Offensichtlich ist irrationale Angst ein kulturübergreifendes Phänomen.
Es ist seltsam, außerhalb eines Krankenhauses Leuten mit Gesichtsmasken zu begegnen. Sie aber in der wenig bevölkerten Flughafenlounge in einem Land zu sehen, in dem noch kein einziger Fall von SARS aufgetreten ist, ist schlichtweg bizarr. Am besten allerdings gefällt mir eine Gruppe Reisender – scheinbar Amerikaner –, die ihre Masken nicht im Gesicht, sondern um den Hals tragen. Schützen sie ihre Kiemen? Wahrscheinlich wollen sie ihre Loyalität mit einem Präventivsystem bekunden, ohne dabei durch einen lästigen Stofffetzen atmen zu müssen.

Nicht eine einzige Person hat mich zu meiner aufregenden Reise nach Fernost beglückwünscht. Die meisten schauten nur ein wenig besorgt und sagten, sie würden zur Zeit nicht gerne „in diesen Teil der Welt“ reisen. Andere waren einfach schockiert, und einige behandelten mich, als würde ich in den Krieg ziehen und nie wieder zurückkehren. Ein Freund meiner Frau informierte uns, er habe gerade einen Flug nach Australien „wegen der Situation” storniert, um mir im nächsten Moment Vorhaltungen zu machen, wie unverantwortlich es von mir sei, eine solche Reise überhaupt in Betracht zu ziehen.
Fernreisende haben zur Zeit einen ähnlich moralisch-abnormen Ruf wie Mitbürger, die ihren Müll nicht sorgfältig trennen. Diese Engstirnigkeit wird weiter zunehmen, wenn Menschen weniger reisen. Ganz zu schweigen von den Folgen für die Wirtschaft: In meinem Flieger waren kaum 20 Prozent der Sitze besetzt. Einige Fluglinien stehen vor dem Bankrott. Der Welthandel wird zurückgehen, wenn Käufer und Verkäufer auf Reisen verzichten; Fachmessen und Konferenzen werden zu kämpfen haben, und der allgemeine Austausch von Ideen und Information wird verlangsamt. Verantwortlich hierfür sind Institutionen wie das CDC, denen es bedauerlicherweise nicht gelungen ist, die Unruhe zu begrenzen.