05.02.2015

Aids: Kein Grund zur Panik

Kommentar von Stuart Derbyshire

Eine HIV-Diagnose bedeutet heute nicht mehr automatisch den frühen Tod. Dafür sorgt die moderne Medizin. Trotzdem wird uns eingeredet, wir müssen achtsam sein und sollten uns am besten alle testen lassen. Die Hysterie ist fabriziert, findet Stuart Derbyshire

Als Aids in den 1980er Jahren erstmals Schlagzeilen machte, wurde eine tödliche Epidemie erwartet. Prognosen kündigten Massensterben und sogar das Aussterben einiger, meist afrikanischer Völker an. So schlimm ist es nicht gekommen. Dennoch: Wer in den späten 1980er oder frühen 1990er Jahren als HIV-positiv diagnostiziert wurde, hatte nur geringe Überlebenschancen. Lebensversicherungen boten HIV-Infizierten sogenannte „„Beihilfen wegen eines beschleunigten Ablebens“ oder „Lebensbeihilfen“ an. Das sind Leistungen, die zur sofortigen Bezahlung von Behandlungen und Lebenshaltungskosten vorgesehen sind, wenn das Ableben des Versicherten relativ kurz bevorsteht. Im Gegenzug zahlten die Versicherungen insgesamt weniger aus, sobald der unvermeidliche, recht schnelle Tod eintrat. Die erste ernsthafte Behandlung für Aids erschien 1987 in Form des Chemotherapie-Medikaments AZT. Dessen Nebenwirkungen waren jedoch so schrecklich, dass viele das Medikament nicht vertrugen und die Einnahme verweigerten. Es gab hitzige Debatten, ob AZT nicht mehr Schaden anrichte als der HIV-Virus, den es bekämpfen sollte.

Heute, dreißig Jahre später, hat sich viel getan. Auf ein allgemeines Gegenmittel für HIV/Aids werden wir wohl noch ein bisschen warten müssen. Es gab allerdings den bemerkenswerten Fall einer vollkommenen Heilung der HIV-Infektion bei einem Kleinkind [1] und den Fall des „Berliner Patienten“ [2], welcher elf Jahre mit dem Virus lebte, bevor er bei einer experimentellen akzidentellen Behandlung gänzlich entfernt wurde. Diese zwei Fälle bieten Anlass zur Hoffnung, dass die Medizinwissenschaft schon bald in der Lage sein wird, HIV bei allen Infizierten auszulöschen.

Selbst ohne ein Heilmittel existieren heute hervorragende Methoden zur Behandlung und Eindämmung von Aids. Infizierte können den Virus mit Hochaktiver antiretroviraler Therapie (HAART) kontrollieren und normalerweise nach der Diagnose Jahrzehnte weiterleben. Versicherungen zahlen keine beschleunigten Beihilfen mehr, sobald die Diagnose steht. Sogar für Afrika, wo die Krankheit am meisten Schaden angerichtet hat und Medikamente schwerer erhältlich sind, liegen Berichte von sinkenden Infektionsraten vor. [3] Frühere Prognosen über sinkende Bevölkerungszahlen und Aussterben werden zurückgenommen, überarbeitet und umgekehrt.

„Es gibt mehr HIV-Infizierte, weil weniger an der Krankheit sterben.“

Es ist insofern seltsam, dass das Thema heute immer noch im Zusammenhang mit Katastrophenszenarien und Mahnungen gegen individuelle Unachtsamkeit thematisiert wird. Eigentlich haben wir es mit einer guten Nachricht zu tun: dem Sieg des menschlichen Erfindungsreichtums und der Wissenschaft über die Krankheit. In Großbritannien zum Beispiel versucht der Terrence Higgins Trust (die älteste britische gemeinnützige Organisation in diesem Bereich) durch eine Kampagne mit dem Titel „Es fängt bei mir an“, jeden Einzelnen zu einem HIV-Test zu motivieren. Es mag viele Gründe geben, sich testen zu lassen, und die kürzlich gefällte Entscheidung, Selbstdiagnose-Kits ohne ärztliche Verschreibung zu verkaufen [4], ist ein guter Schritt, jedem diese Möglichkeit zu eröffnen. Aber die Vorstellung, dass sich jeder testen lassen muss, und die moralische Abstrafung derer, die es nicht tun, sind lächerlich. Außerhalb der Gruppen mit erhöhter Gefährdung ist die Wahrscheinlichkeit einer Infektion unendlich gering – so gering, dass ein Test geradezu exzentrisch ist. Männer lassen sich auch nicht für das Brustkrebs-Gen testen, obwohl sie mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit daran erkranken könnten.

Der Terrence Higgins Trust begründet seinen Aufruf zum Testen damit, dass „HIV eine der am schnellsten wachsenden ernsthaften chronischen Krankheiten in Großbritannien“ sei. [5] Dazu werden einige Zahlen herangezogen, die auf den ersten Blick Angst machen können: Es leben heute mehr HIV-Infizierte in Großbritannien als je zuvor (107.800), bei 6000 neuen Diagnosen jährlich und 527 Todesfällen im Jahr 2013. Diese Aussage und die Zahlen sind jedoch ein Fall von Trickserei. Es gibt mehr Menschen mit HIV, weil dank der oben erwähnten Durchbrüche bei der Behandlung weniger daran sterben. Es ist gut, wenn mehr Menschen mit HIV leben, weil das bedeutet, dass weniger Menschen an HIV sterben. Über 500 Todesfälle im Jahr 2013 sind für die betroffenen Familien tragisch, aber man muss diese Zahl im Kontext betrachten: 1713 Menschen starben im selben Jahr bei Unfällen im britischen Straßenverkehr.[6]

Die Situation in den USA ist ähnlich. Ein Regierungsbericht [7] verkündete vor kurzem in düsteren Tönen die gute Nachricht, dass Menschen mit HIV längere und produktivere Leben führen. Es wird bemängelt, dass im März 2009 nur sechs Prozent der amerikanischen Öffentlichkeit HIV oder Aids für das größte nationale Gesundheitsproblem hielten, während diese Ansicht im Jahre 1995 noch 44 Prozent vertraten. Ohne „energisches Eingreifen“ stehe uns, wie der Bericht pessimistisch voraussagt, eine „neue Ära zunehmender Infektionen und noch größerer Herausforderungen“ bevor.

Bestimmte Teile der westlichen Gesellschaft können scheinbar einfach nicht begreifen, dass sich HIV auf dem Rückzug befindet. Sie kommen von der veralteten Vorstellung nicht los, HIV sei unbesiegbar. Somit müssen sie bis in alle Ewigkeit die Tugenden des Verzichts und der Selbstkontrolle predigen. Aber es ist schlicht vernünftig von der amerikanischen Öffentlichkeit, die Relevanz von HIV niedriger einzustufen. Schließlich ist es weniger wichtig geworden. Es gibt andere, schwerwiegendere Krankheiten als HIV und allen Grund zu der Annahme, dass die Bedeutung von HIV weiter abnimmt, während der Virus langsam eingedämmt und besiegt wird. Außer vielleicht in den Köpfen derer, die die Menschheit für ihre nichtsnutzige Sorglosigkeit verdammen.