15.05.2013

Aids: Das Wunder vom HIV-freien Baby

Von Stuart Derbyshire

Anfang des Jahres begeisterte die Nachricht über die Heilung eines HIV-infizierten Babys die Medien. Stuart Derbyshire über die enormen Fortschritte von Wissenschaft und Medizin in der HIV-Behandlung: Es gibt immer noch kein Allheilmittel, aber Aids ist auch kein Todesurteil mehr.

Keine Krankheit hat in der neueren Geschichte so viel Aufmerksamkeit erregt wie Aids. Erstmals 1982 in der homosexuellen Bevölkerung von Los Angeles und in der Nähe von Orange County festgestellt, wurde Aids schnell als eine globale Pandemie wahrgenommen.

Mitte der 1980er Jahre starteten auf der ganzen Welt Werbekampagnen, die vor den Gefahren durch HIV warnten, dem Virus, der Aids verursacht. In Großbritannien wurden die Menschen durch den Slogan „Don’t Die of Ignorance“ (dt. „Stirb nicht an Ignoranz“) gewarnt und diese Warnung wurde sehr ernst genommen. Ich erinnere mich noch genau, wie meine damalige Chemielehrerin mich und meine Klassenkameraden im Jahr 1989 bat, aufzustehen um uns gegenseitig noch einmal anzuschauen, weil schon in fünf Jahren mehr als ein Drittel von uns an Aids gestorben sein könnte. HIV sei hochgradig ansteckend und Aids unheilbar. Wir schluckten und setzten uns.

Es stellte sich heraus, dass meine Chemielehrerin in Bezug auf das hohe Ansteckungsrisiko von HIV ebenso falsch lag, wie viele andere Menschen (Vgl. z. B.: „The authorities have lied, and I am not glad“ von Michael Fitzpatrick). Aber sie hätte auch die potentiellen Leistungen der Medizin für HIV-Infizierte nicht so negativ einschätzen sollen. Rasche Fortschritte in der Medizin führten dazu, dass eine HIV-Infektion schnell vom Todesurteil zu einer chronischen Krankheit wurde. 1984 experimentierte ein Wissenschaftsteam des amerikanischen „National Cancer Institute“, also dem nationalen Krebsforschungsinstitut, mit dem Chemotherapeutikum AZT (Azidothymidin, auch als Zidovudin bekannt) und wies nach, dass AZT Immunzellen vor HIV-Angriffen schützen. Das Medikament wurde 1987 für zur klinischen Anwendung zugelassen: es war die schnellste Arzneimittelentwicklung in der Geschichte. Anschließende Tests bewiesen, dass AZT das Leben von HIV-infizierten Patienten gefahrlos verlängert, aber AZT war kein Heilmittel. AZT verzögert nur den Ausbruch von Aids (üblicherweise zwei bis drei Jahre).

HAART

Die Erforschung der HIV-Mechanismen wurde fortgesetzt und seitdem wurden viele wichtige Entdeckungen gemacht, einschließlich der Tatsache, dass HIV ab dem Zeitpunkt der Infektion heftig mit dem Immunsystem kämpft. 1996 wies der amerikanische Aids-Forscher, David Ho, nach, dass HIV pro Tag 10 Milliarden Vironen (ein vollständiges Virus-Paket oder eine Replikation des Virus) produziert; dies veränderte unsere Ansichten über das Immunsystem radikal. Vor dieser Entdeckung dachte man, das Immunsystem könne einen solchen Ansturm nicht bewältigen. Nun hat sich gezeigt, dass das Immunsystem diese Welle kontinuierlich auslöscht und dies sogar für einige weitere Jahre tun könnte.

Das war nicht das erste Mal, dass die Medizin dogmatische Auffassungen über die Fähigkeiten des Körpers kippte. Während AZT 1984 verwendet wurde, um HIV zu zerstören, nahm der australische Forscher Barry Marshall eine Flüssigkeit zu sich, die das Bakterium Helicobacter pylori enthielt, das er von einem Patienten mit Magengeschwüren kultiviert hatte. Marshall entwickelte entsprechend auch ein Geschwür und lieferte damit den wichtigen Beweis, dass Magengeschwüre durch Bakterien verursacht werden können. Vor seinem Experiment glaubte niemand, dass irgendetwas, geschweige denn Bakterien, in einem extrem sauren Magen überleben könnten. Das Helicobacter überlebt, indem es sehr schnell durch die Säure schwimmt und sich dann in der Magenschleimhaut vergräbt, wo es dann Schädigungen bewirkt. Marshalls Entdeckung führte dazu, dass Geschwüre mittels einer einfachen Antibiotika-Kur behandelt werden konnten.

Hos Entdeckung führte auch zu einer neuen HIV-Behandlung. Aufgrund der Eigenart des HIV-Angriffs war eine kontinuierliche, antivirale Behandlung notwendig. So wurde die „Hochaktive antiretrovirale Therapie“ (HAART) geboren, eine Möglichkeit die HIV-Replikation kontinuierlich zu blockieren und den Zusammenbruch des Immunsystems zu verhindern. Wie zuvor AZT, ist auch HAART kein Allheilmittel, aber im Gegensatz zu AZT, kann HAART HIV möglicherweise ein Leben lang in Schach halten. Mit Hilfe von HAART wurde HIV zu einer unheilbaren, aber doch überschaubaren Infektion. HAART verhindert auch weitgehend die sexuelle Übertragung von HIV, und die Anwendung der antiretroviralen Therapie in Kombination mit AZT reduziert die Mutter-Kind-Übertragung von HIV während der Schwangerschaft erheblich.

Es bleibt unklar, wie HIV trotz mehrfacher Angriffe durch die HAART-Behandlung überleben kann, aber anscheinend versteckt sich das Virus in ruhenden Immunzellen des Patienten. Wird die Behandlung abgesetzt, können diese versteckten Viren hervortreten und erneut mit der Replikation beginnen. Deswegen muss die HAART-Behandlung für unbestimmte Zeit fortgesetzt werden und deswegen kann man HIV nicht heilen – bzw. konnte es bis vor kurzem nicht.

HIV-frei?

Mit ihrer Tendenz zu überraschenden Ergebnissen und zur Eröffnung neuer Möglichkeiten räumt die Medizin jetzt mit der Vorstellung auf, dass HAART nicht zu einer Heilung von HIV beitragen kann. Anfang März berichteten einige Wissenschaftler der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität bei einer Fachkonferenz in Atlanta über den Fall eines HIV-positiven Babys, bei dem einen antiretrovirale Therapie 30 Stunden nach der Geburt gestartet wurde. 26 Monate später und medikationsfrei für fast ein Jahr, war das Kind völlig HIV-frei. [1] Bislang ist nur ein einziger Fall einer vollständigen HIV-Heilung bekannt: der des „Berliner Patienten“ Timothy Brown, der eine Knochenmarkspende von einem genetisch HIV-resistenten Spender erhalten hatte und seitdem selbst geheilt ist. Aber eine Knochenmarktransplantation ist ein schwieriges und lebensgefährliches Verfahren, wohingegen die antiretrovirale Behandlung einfacher und weitgehend sicher ist.

Die Vorstellung meiner ehemaligen Chemielehrerin, wir würden alle von Aids dahingerafft werden, weil der Mensch die Bedrohungen durch die Natur nicht in den Griff bekommen könne, hat einen weiteren Schlag abbekommen. Die Medizin erinnert uns oft daran, dass wir Großes erreichen und Probleme lösen können, egal wie groß oder klein: früher galt der Kampf gegen die Pocken als aussichtslos, aber mittlerweile ist nicht nur dieser gewonnen, sondern wir führen auch Organtransplantationen durch und operieren am offenen Herzen. Das alles wurde erreicht.

Für die 300.000 Babys, die jedes Jahr mit HIV geboren werden, könnte der Durchbruch bei der Behandlung von HIV-positiven Kindern bedeuten, dass sie keine lebenslange antiretrovirale Behandlung mehr brauchen, und das hat erhebliche Auswirkungen auf die Lebenserwartung und führt zu erheblichen finanziellen Einsparungen. Wenn weitere Entdeckungen dazu gemacht werden, wie die versteckten HI-Viren bei Erwachsenen aus dem Körper gespült werden könnten, hätte das immense Auswirkungen. Dank der Entschlossenheit und der Kreativität der Wissenschaftler wurde aus der tödlichen HIV-Diagnose eine Infektion, die wir kontrollieren und nun hoffentlich auch heilen können.