10.08.2015

Gegen die Islamophobie-Industrie

Kommentar von Brendan O’Neill

Der Vorwurf der „Islamophobie“ wird auch nach den Anschlägen von Paris oft erhoben. Er soll kritisches Denken verhindern. Diese Kultur des Relativismus und der Selbstzensur muss weichen. Sie steht einer Erneuerung der Aufklärung im Wege

Es gibt für Europa wohl kaum einen besseren Weg, die im Januar in Paris ermordeten Journalisten und Zeichner zu ehren, als den Begriff „Islamophobie“ aus unserem Vokabular zu streichen. Denn diese leere, zynische, elitäre Phrase, dieser multikulturelle Dünkel hat wie keine andere die Vorstellung befördert, dass fremde religiöse Überzeugungen und Kulturen von Spott verschont bleiben sollten. Die weit verbreitete, aber häufig unreflektierte Verwendung des „I-Worts“ pathologisiert schon das Abgeben eines Werturteils.

Der Begriff der „Islamophobie“ hat die völlig legitime Überzeugung, dass einige Glaubenssysteme anderen unterlegen sind, in eine diffuse, irrationale Angst – mit anderen Worten in eine Phobie – verwandelt, die Ächtung oder gar amtliche Ermittlungen nach sich ziehen sollte. Die Überzeugung der zwei Attentäter von Paris, dass die „islamophoben“ Charlie-Hebdo-Zeichner Bestrafung verdienten, sollte niemanden überraschen. Die Attentäter sind schließlich in Europa aufgewachsen – einem Kontinent, der so durchsetzt ist von Relativismus und einer Werturteils-Allergie, dass sogar die Aussage „die Werte der Aufklärung sind besser als islamische Werte“ quasi als Verbrechen, als Indiz für einen verwirrten, sündigen Geist gewertet wird.

Nichts hat die Diskrepanz zwischen den Behauptungen der Islamophobie-Industrie und der europäischen Realität so sehr verdeutlicht wie die jüngsten Ereignisse. Das Blut in den Charlie-Hebdo-Büros war noch nicht trocken, als sich die Mainstream-Medien mit an Pietätlosigkeit grenzender Eile vom schrecklichen Schicksal der zehn Journalisten abwandten und begannen, sich über die Gefährdung der europäischen Muslime Sorgen zu machen. Wir alle sollten Angst vor der sich anbahnenden „islamophoben Reaktion“ haben, warnte ein sensationsheischender Journalist. [1] „Islamophobe werden diese Gräueltat nutzen, um ihren Hass voranzutreiben“, tönte der britische Guardian. [2] Aber es gab keine pawlowsche Reaktion. Abgesehen davon, dass Granatenblindgänger in den Hof einer Moschee in Le Mans geworfen wurden – gewiss ein schlimme Tat –, ist es zu keinem Massenausbruch einer gegen Muslime gerichteten Wut gekommen.

„Islamophobie“ gegen Werturteile

Der Mord an vier jüdischen Ladenbesuchern durch einen Komplizen der Charlie-Hebdo-Attentäter verdeutlichte die Weltfremdheit der Islamophobie-Industrie. Selbst nach dieser antisemitischen Handlung machten sich die Kommentatoren weiter über die vermeintlich tödliche Bedrohung der Muslime durch den ungebildeten Euro-Mob Sorgen. Als die Leichen der vier Juden für den Flug nach Israel vorbereitet wurden, bekundete George Clooney vor einer Masse schwärmender Journalisten seine Angst vor einem „anti-muslimischen Eifer“ in Europa. [3] Das ist surreal, wie eine Geschichte aus dem Kinderbuch Alice im Spiegelland.

„Selbst nach dieser antisemitischen Handlung sorgten sich die Kommentatoren weiter über die vermeintlich tödliche Bedrohung der Muslime“

Die Kluft zwischen den Verbreitern der Islamophobie-Panik und den tatsächlichen Ereignissen nach einem Terroranschlag sagt etwas oft Verkanntes über die „Islamophobie“ aus: Der Begriff ist keine Beschreibung – erst recht keine realitätsgetreue – des Anstiegs rassistischer Denkmuster oder des Zustands der Beziehungen verschiedener Gruppen in Europa. Der Begriff wurde vielmehr entwickelt und verbreitet, um Werturteile über bestimmte Glaubenssysteme zu verurteilen. Die heutige europaweite Besorgnis über Islamophobie unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von allen anderen zeitgenössischen Kampagnen gegen Rassismus und Vorurteile: Sie ist eine Schöpfung politischer Eliten und keine Basisbewegung für die Gleichheit und Freiheit einer bestimmten Minderheit. Islamophobie ist im Wesentlichen eine multikulturelle Einbildung, eine Erfindung winziger, abgehobener, krisengeschüttelter Eliten, die jede intensive, allzu wertende Diskussion über nichtwestliche Wertesysteme im Keim ersticken wollen.

„Islamophobie-Sorge kommt aus der feinen, abgehobenen Welt der Think-Tanks und professionellen Bedenkenträger“

Im Gegensatz zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre, als zahlreiche Schwarze mit Zähnen und Klauen gegen Rassentrennung und staatliche Gewalt kämpften, oder den antirassistischen Bewegungen im Großbritannien der 1970er und 1980er Jahre, als Gemeinschaften gegen Diskriminierung mobil machten, kommt die Islamophobie-Sorge nicht von der Straße, sondern aus der feinen, abgehobenen Welt der Think-Tanks und professionellen Bedenkenträger.

Die Kaste der Wichtigtuer

Das zeitgenössische Verständnis von „Islamophobie“ kann weitestgehend auf einen 1997 erschienenen Bericht des Runnymede Trusts – einem britischen Think-Tank, der sich für die ethnische Gleichstellung einsetzt – zurückgeführt werden. [4] Die Islamophobie-Definition des Berichts, „ein verkürzter Begriff, der Furcht oder Hass gegenüber dem Islam beschreibt“, ist heute sowohl in Großbritannien als auch im Großteil Europas die gängigste Definition. Es ist vielsagend, dass der Runnymede-Bericht nicht auf realen Daten zur Diskriminierung von Muslimen, sondern vor allem auf einer Analyse der Mediendarstellung des Islams und seiner Anhänger beruhte. Das heißt, dass sich der Islamophobie-Begriff schon von Anfang an mehr auf die Medien und auf Werturteile über bestimmte Glaubenssysteme – also auf vermeintlich problematische Ausdrücke und Ideen – bezog, als auf tatsächliche physische oder institutionelle Beeinträchtigungen von Muslimen. Noch vielsagender ist, dass 3500 Exemplare des Berichts an, wie einer der Verfasser schreibt, „Stadtbehörden, ethnische Gleichstellungsräte, Polizeibehörden, Ministerien, Gewerkschaften, Berufsverbände, Think-Tanks und Universitäten“ verteilt wurden. Die Kaste der Wichtigtuer. Sie sollten auf Anzeichen von „Islamfurcht“ achten, jegliche Kritik oder Abneigung gegenüber dem Glauben im Zaum halten.

Der Runnymede-Bericht verdeutlicht das Hauptanliegen derer, die den Islamophobie-Ansatz erfunden haben: Es soll als falsch gelten, nichtwestliche Werte zu beurteilen oder die westliche Lebensweise als anderen Lebensweisen überlegen darzustellen. Das prägende Dokument selbst drückt es so aus: Ein sicheres Zeichen von „Islamophobie“ ist die Auffassung, dass der Islam „dem Westen unterlegen“ sei. Diejenigen, die von einem Zusammenprall unterschiedlicher Zivilisationen sprechen, tragen zum Klima der Islamophobie bei. Runnymede schlägt der Clique aus Wissenschaftlern, Polizisten und Beamten vor, der Islamophobie etwas entgegenzusetzen, indem sie die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass der Islam „deutlich anders, jedoch nicht fehlerhaft“ sei und „ebenso viel Respekt“ verdiene wie westliche Werte. Des Weiteren empfiehlt der Bericht den tapferen Kriegern gegen die Islamophobie eine Infragestellung der Aussage, dass islamische Kritik am Westen unbegründet sei. Stattdessen sollte die Öffentlichkeit dazu angeregt werden, islamische „ Kritik am Westen und an anderen Kulturen“ zu bedenken und anzunehmen.

Es handelt sich hier um keine traditionelle, von den betroffenen Gruppen selbst initiierte, antirassistische Kampagne mit dem Ziel, irrationale Vorurteile abzubauen. Vielmehr handelt es sich um ein zensorisches Vorgehen gegen bestimmte Denkweisen, gegen Werturteile an sich, lanciert von den obersten Rängen der westlichen Gesellschaft. Die Kritik des Runnymede-Berichts an der Auffassung, dass der Islam sogenannten westlichen Werten (die in Wahrheit ziemlich universelle Werte der Demokratie und Freiheit sind) unterlegen sein könnte, und sein Beharren darauf, dass der Islam „ebenso viel Respekt“ verdiene, zeigen, dass das Dokument nicht etwa Gleichheit oder sozialen Fortschritt befördern sollte, sondern Relativismus und Selbstzensur. Von Anfang an umfasste der Islamophobie-Begriff Aussagen wie „diese Lebensweise ist einer anderen überlegen“ oder „der Islam ist kein großartiger Glaube“, die Ausdruck völlig legitimer moralischer Standpunkte sind – unabhängig davon, ob man sie teilt.

„Islamophobie“ im Dienste von Multikulti

Die Brandmarkung als „phobisch“, um all jene zu peinigen und zu kriminalisieren, die Säkularismus und Freiheit dem islamischen Weltbild überlegen finden, nimmt seit 1996 exponentiell zu. Heutzutage wird alles, von der Ablehnung der Burka bis zur Blasphemie gegen den Propheten Mohammed, als islamophob, als falsch, böse und der Schmähung würdig beschrieben. Dies verdeutlicht die Art, in der Kommentatoren, die lediglich bestimmte Aspekte des Islams kritisieren, ständig als islamophob abgestempelt werden. So haben in den letzten Jahren antirassistische Organisationen in Europa Journalisten gerügt, die den Koran als „schriftgemäße Verhüllung justizieller Barbarei“ beschrieben, und sogar scharf die Beschreibung Osama bin Ladens als „islamischen Fundamentalisten“ durch die BBC kritisiert (mit der Begründung, dass seine Taten in Wahrheit „unislamisch“ seien).

Selbst der Hinweis auf den religiösen Hintergrund bestimmter Terroristen gilt als islamophob, da so der Islam diffamiert werde. Und natürlich ist das genau das, wofür Charlie Hebdo in den letzten Jahren von allen Seiten – von Barack Obama bis zu französischen Politikern und Gerichten – scharf attackiert wurde: Diffamierung des Islams, Blasphemie gegen den Islam, das Einnehmen eines Standpunktes moralischer Überlegenheit gegenüber dem Islam. Wir haben ein Klima geschaffen, in dem selbst Kritik am Islam als böse, rassistisch und geisteskrank angesehen wird, und dann wundern wir uns, wenn islamische Hitzköpfe jene bestrafen, die den Glauben kritisieren.

„Der Multikulturalismus geht jeder ernsthaften Diskussion über Werte oder Ideen aus dem Weg“

Sich Islamophobie einzubilden, ist der neueste Schrei der Multikulti-Ideologie. Der Multikulturalismus verkörpert den Widerwillen des Westens, irgendeine Kultur (nicht einmal die eigene) über eine andere zu stellen. Er verbrämt ein moralisches Vakuum, indem er die negative Unfähigkeit des heutigen Westens, sich zu unserer Lebensweise zu bekennen, in die pseudo-positive Haltung umdeutet, dass alle Kulturen gleich viel Respekt verdienen. Damit geht der Multikulturalismus jeder ernsthaften Diskussion über Werte oder Ideen aus dem Weg – zu Gunsten der Aussage: „Alle sind gut, niemand sollte verspottet werden“. Der Islamophobie-Vorwurf treibt dies auf die Spitze, indem er bereits den Wunsch, Werturteile abzugeben, dämonisiert. Weit entfernt von einem fortschrittlichen Kampf gegen den Rassismus stellt die Islamophobie-Industrie einen zutiefst illiberalen und feigen Versuch dar, Debatten zu unterdrücken und die schleichende Wiedereinführung von Gesetzen gegen die Blasphemie in Europa zu befördern.

Aber es muss uns freistehen, Gott zu lästern und zu verspotten. Und, besonders wichtig, zu diskutieren, zu bewerten und zu unterscheiden, welche Werte wir als gut und welche wir als weniger gut erachten. Westliche Gesellschaften werden niemals ihr historisches Selbstverständnis, geschweige denn den Geist der Aufklärung, wiedererlangen, solange sogar die Betonung der eigenen demokratischen, liberalen Werte gegenüber den Ansichten anderer auf ein Meinungsverbrechen hinausläuft. Sie sind Charlie? Dann stellen Sie die Entwicklung in Frage, die zum Massaker dieser Charlies beigetragen hat: Die erdrückende neue Kultur des Relativismus und der Selbstzensur, die einige Bewohner Europas es für ihr Recht halten lässt, durchs Leben zu gehen, ohne jemals ein schlechtes Wort über ihren Glauben hören zu müssen.

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