16.08.2019

„Simply the best“: Lasst uns eine Fußball-Superliga gründen!

Von Stefan Chatrath

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Foto: Thomas Serer via Unsplash / CC0

Die Bundesliga, die heute in ihre neue Saison startet, ist ein Auslaufmodell. Vereine wie Bayern München und Borussia Dortmund sollten in einer europäischen Liga gegeneinander antreten.

Der FC Bayern München wird diese Saison definitiv zweimal gegen Real Madrid spielen. Woher ich das weiß? Weil sie in der europäischen Liga gegeneinander antreten werden. Europäische Liga? Falls Sie es nicht wussten, es gibt sie schon längst – im Basketball, wo in der Euroleague 18 Klubs, darunter die Basketball-Abteilungen von Bayern und Real, an 34 Spieltagen gegeneinander antreten. Warum sollte das im Fußball nicht möglich sein?

Eine europäische Liga im Fußball ist der logische nächste Schritt in der Entwicklung des Sports. So wie die Einführung der Bundesliga im Jahr 1963, ist auch sie längst überfällig. Was sind die Gründe dafür?

Spaß und Spannung – gleich zwei Wünsche auf einmal…

Ob in England, Italien, Spanien, Frankreich oder Deutschland – eines ist auffällig: Es gibt eine kleine Spitzengruppe, welche die wichtigsten sportlichen Entscheidungen unter sich ausmacht. In einigen Ländern ist es gar ein einzelner Klub, der alle anderen hinter sich gelassen hat. So hat Juventus Turin zum bereits achten Mal in Serie die italienische Meisterschaft gewonnen, wieder einmal mit großem Abstand zu Platz 2. Ist das der Sport, den wir wollen? Ein Meisterschaftsrennen, das schon vorab entschieden ist? Sicherlich nicht.

„Der FC Bayern überweist seinen Spielern zehn Mal so viel wie der FC Augsburg, der am Ende der Gehälter-Tabelle liegt.“

Diese Entwicklung ist kein Zufall: Juventus Turin ist es gelungen, vor allem durch die regelmäßige Teilnahme an der Champions League, zur globalen Marke zu werden. Champions League-Spiele, veranstaltet vom Europäischen Fußballverband UEFA, werden in mehr als 180 Ländern der Welt regelmäßig ausgestrahlt. Entsprechend sind Unternehmen, welche die „alte Dame“ als Kommunikationsplattform nutzen, bereit, dafür hohe Summen zu bezahlen.

Das alles gilt natürlich auch für den FC Bayern, dessen Hauptsponsoren in mehr als 50 Ländern der Welt tätig sind. Die Bayern hatten 2017/18 einen Umsatz von 620 Millionen Euro, danach folgte Borussia Dortmund mit 520 Millionen Euro, dann kam erst einmal lange nichts. Verwundert es dann noch, dass diese beiden die Deutsche Meisterschaft unter sich ausspielen? Das Wettbewerbsungleichgewicht spiegelt sich auch in der Gehaltssumme wider, die ausgezahlt wird: Der FC Bayern überweist seinen Spielern zehn Mal so viel wie der FC Augsburg, der am Ende der Gehälter-Tabelle liegt. Um relativ sicher um die europäischen Plätze 1 bis 6 mitspielen zu können, benötigt ein Verein heutzutage etwa 100 Millionen Euro, die er für sein Personal aufwendet. Neben den Bayern und Dortmund sind es Schalke, Bayer Leverkusen, Leipzig und der VfL Wolfsburg, die sich so einen teuren Spielerkader leisten können. Alle anderen können nur hoffen, dass die „Großen“ schwächeln.

Selbstverständlich ist „Geld“ kein Automatismus, es bedarf schon auch einer gewissen Geschicklichkeit, um oben mitzuspielen. Leipzig und Schalke sind dafür die besten Beispiele – im positiven wie im negativen Sinne. Eine UEFA-Champions-League-Qualifikation kostet, den FC Bayern herausgerechnet, im Durchschnitt 130 Millionen Euro, auch wenn es natürlich immer wieder Ausnahmen gibt. Die TSG Hoffenheim schaffte es zuletzt vor zwei Jahren mit 77 Millionen Euro in den erlesenen Kreis. Sicherlich ist es kein Zufall, dass der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann nun von Ralf Rangnick nach Leipzig geholt wurde.

„Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer: Von der Klub-WM ab 2021 profitieren natürlich wieder nur die größten der ‚Großen‘.“

In den anderen führenden europäischen Ligen ist die Situation annähernd gleich: Das große Problem ist die entstandene Heterogenität. Besonders auffällig ist sie in Spanien, wo es so gut wie keine Mittelklasse mehr gibt – FC Valencia und FC Sevilla ausgenommen. So machen Barcelona, Real und Atlético Madrid das Meisterschaftsrennen seit mehr fünf Jahren unter sich aus. Insgesamt 960 Millionen Euro an Spielergehältern zahlen sie, das sind 200 Millionen Euro mehr als die gesamte restliche spanische Liga dafür aufwenden kann. Da hat es anscheinend auch nicht viel geholfen, die TV-Vermarktung in Spanien zu zentralisieren. Der Abstand zwischen den drei „Global Playern“ und dem Rest ist zwar aufgrund dessen etwas kleiner geworden, aber immer noch – wie wir sehen – riesig. Ein spannender Wettbewerb in der Breite kommt so jedenfalls nicht zu Stande. Und die Kluft zwischen Arm und Reich wird sicherlich wieder größer werden: Von der Klub-WM ab 2021 profitieren in Europa natürlich wieder nur die größten der „Großen“.

Hier könnte eine Europäische Superliga (ESL) Abhilfe schaffen. Sie wäre deutlich homogener, da es in ihr diese große finanzielle Spreizung wie aktuell auf nationaler Ebene nicht mehr gäbe. Klubs müssten einen gewissen Mindestumsatz vorweisen, um zur ESL zugelassen zu werden. Zudem sollten nach US-amerikanischem Vorbild Gehaltsobergrenzen eingeführt werden. Das würde sicherstellen, dass der Spannungsgrad auch langfristig hoch bleibt. Da die ESL die umsatzstärkste Fußball-Liga der Welt wäre, wären die Gehälter trotz Obergrenzen die weltweit höchsten. Damit würde die ESL die besten Spieler der Welt anlocken und die Gehaltsobergrenzen würden sich in diesem Fall nicht qualitätsmindernd auswirken.

„Aus ökonomischer Sicht ist es klar: Die Europäische Superliga sollte ein ‚closed shop‘ sein.“

Und das führt uns zum nächsten Argument, das für die ESL-Einführung spricht: die höhere sportliche Qualität. Es würden Woche für Woche die besten Fußballer der Welt gegeneinander antreten. Wäre das nicht eine schöne Vorstellung? Bayern München gegen Manchester City, FC Barcelona, Juventus Turin und Paris St. Germain – garantiert, zwei Mal pro Saison. Die ESL würde die Champions League ersetzen und stünde damit an der Spitze der europäischen Fußballpyramide. Die jeweiligen nationalen Spielbetriebe wären zweitklassig. Die ESL hätte einen deutlich höheren Marktwert als die Bundesliga aktuell. Gemessen am individuellen Spielerwert wäre er, je nach genauer ESL-Zusammensetzung, in etwa drei Mal so hoch. Das heißt zwar nicht unbedingt, dass ein drei Mal besserer Fußball gespielt würde, aber diese Größe gibt uns eine ungefähre Vorstellung davon, was es – im positiven Sinne – bedeuten würde, sich vom Bundesliga-Fußball zu lösen. Anders als im Basketball sollte es jedoch keine Doppelbelastung geben: Im Basketball leidet das Spielniveau auf nationaler Ebene erheblich, weil, wie bisherige Erfahrungen zeigen, dort eher mit angezogener Handbremse gespielt wird. Es ist anscheinend schwierig, wenn nicht gar unmöglich, sowohl am Freitag – in der Euroleague – als auch am Sonntag – in der Basketball Bundesliga – eine Spitzenleistung abzurufen, und das Woche für Woche.

Europäische Sportöffentlichkeit: in 60 Jahren gewachsen

Eine europäische Liga würde natürlich nicht vom Himmel fallen. Seit 1955 organisiert die UEFA den Europapokal der Landesmeister, seit 1992 die Champions League. Im Laufe der Zeit ist eine europäische Sportöffentlichkeit entstanden. So schauten in Deutschland seit 2015 im Durchschnitt fast neun Millionen die UEFA Champions League Finals, obwohl sie seitdem ohne deutsche Beteiligung stattfanden. Wir denken heute vermutlich mehr denn je grenzüberschreitend. Im Fußball sind wir daran gewöhnt, dass ein Spielerkader nationenübergreifend zusammengestellt ist. Was spricht also gegen einen grenzüberschreitenden Spielverkehr? Im Übrigen gibt es ihn schon: Immer dort, wo ein nationaler Spielbetrieb zu wenig Wettbewerb bietet. Cardiff City aus Wales z.B. spielt in der „Championship“, der zweithöchsten Spielklasse im englischen Fußball.

„Sollte der FC Bayern einzig aus Solidarität mit den deutschen Klubs in der Bundesliga bleiben? Nein, das wäre falsch.“

Letztlich ist die wohl wichtigste Frage in der Diskussion, ob es einen Auf- und Abstieg geben sollte. Aus ökonomischer Sicht ist es klar: Die ESL sollte zwecks Planungssicherheit ein „closed shop“ sein. Es gibt nämlich nichts Schlimmeres als eine Europapokal-Qualifikation, die erst im August feststeht – so wie in dieser Saison bei Ajax Amsterdam: „Ajax hat [letzte Saison] das Halbfinale erreicht, aber jetzt müssen sie alle ihre Spieler verkaufen, weil sie nicht wissen, ob sie sich wieder für die Champions League qualifizieren“, beklagte Anfang Juli UEFA-Präsident Aleksander Čeferin. Außerdem kann sich eine Mannschaft spielerisch viel besser entwickeln, wenn sie über mehrere Jahre zusammen bleibt. In der Basketball-Euroleague z.B. muss sich etwas mehr als die Hälfte nicht qualifizieren, sondern ist Jahr für Jahr gesetzt. Die restlichen Plätze werden größtenteils an diverse nationale Meister des Vorjahres vergeben. Das könnte ein Vorbild für den europäischen Profifußball sein, wobei auffällt, dass, wie erwartet, der Euroleague-Titel ausschließlich unter den Gesetzen ausgespielt wird.

Ein geschlossener Spielbetrieb würde allerdings gegen das Leistungsprinzip verstoßen, was ein Problem ist, wie wir in den US-amerikanischen Profiligen sehen. Dort fallen zum Ende einer Saison die Teams ab, für die es um nichts mehr geht. Manche scheinen gar mit Absicht zu verlieren, wenn ihnen das eine bessere Ausgangsposition in der Saison darauf verschafft. Man müsste also ein Modell finden, das beides zusammen bringt: Planungssicherheit und Leistungsprinzip. Sinnvoll wäre daher ein System mit Auf- und Abstieg über eine Mehrjahrestabelle. Ein Abstieg unmittelbar nach einem schlechten Jahr wäre dann ausgeschlossen. Erst wenn der sportliche Erfolg mehrere Jahre in Folge ausbliebe, würde es eine Spielklasse tiefer gehen.

„Eine europäische Liga im Fußball ist der logische nächste Schritt in der Entwicklung des Sports.“

Bleibt die Frage, ob der FC Bayern aus Solidarität mit den deutschen Klubs in der Bundesliga bleiben sollte? Wir müssen hier realistisch sein: Der FC Bayern hat sicherlich mehr Gemeinsamkeiten mit Paris St. Germain als z.B. mit dem FSV Mainz 05. Die beiden erstgenannten, von mir an anderer Stelle als „Cosmopolitans“ bezeichnet, wollen ihre weltweite Präsenz maximieren, um so zu wachsen – nicht gerade das Hauptanliegen der Mainzer, die Probleme haben, überhaupt ihr Stadion zu füllen. Sie müssen sich stattdessen darauf konzentrieren, ihr unmittelbares Umfeld zu aktivieren. Es bahnt sich im europäischen Fußball daher aktuell eine Zerreißprobe an, die wir auflösen könnten, indem wir die „Cosmopolitans“ in einer europäischen Liga zusammenfassten – wiederum im Sinne einer Homogenisierung, dieses Mal bezüglich der Interessenslage. Außerdem sollten wir es praktisch sehen: Es ist heutzutage einfacher möglich, von München nach Paris zu reisen als nach Mainz. Die Kosten sind zudem vertretbar, da das Fliegen so billig geworden ist.

Sicherlich wird es nicht nur Gewinner geben. Das war auch 1963 bei der Bundesliga-Gründung so, als aus jeder Region Deutschlands nur ein Vertreter nominiert werden durfte. Was wir brauchen, ist eine offene Debatte über die Zukunft des Fußballs in Europa: „Wir stehen keiner Reform im Wege, wollen diese aber mitgestalten“, sagt Christian Seifert, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga DFL. Wir dürfen gespannt sein, ob er es ernst meint. Es ist nämlich an der Zeit, neue Wege zu bestreiten: Lasst uns eine europäische Superliga gründen! Es gibt viele gute Gründe dafür.