01.11.2008

Keine Tassen mehr im Schrank

Analyse von Sabine Reul

Die Finanzkrise ist nicht die Folge turbokapitalistischer Gewinnsucht, sondern mangelnder Kompetenz und exorbitanter Risikoscheu.

Am Schreibtisch sitzen bleiben oder mal schauen, ob sich vor den Banken schon Schlangen bilden? Schiere Fassungslosigkeit liegt über dem Land. Solange man von Amerika und Europa als dem „Westen“ spricht – also seit mehr als einem halben Jahrhundert –, war die Lage selten so dramatisch wie in den letzten Wochen. Und was sie nicht gerade beruhigt, ist, dass kaum einer sie richtig zu begreifen scheint. Die öffentliche Auseinandersetzung mit der Finanzkrise bewegt sich zwischen Panik, Dummheit, Ressentiment und parteipolitischem Posieren. „Gier“, so tönt es aus allen Kanälen, sei die Ursache der aktuellen Marktverwerfungen. Das gefällt der SPD und den Linken, die sich von der aktuellen Malaise ganz unverhohlen Zulauf bei den Bundes-, Landtags- und Europawahlen im nächsten Jahr versprechen. Aber dies ist, mit Verlaub, schierer Blödsinn. Die aktuellen Verwerfungen an den westlichen Finanzplätzen sind nicht die Folge persönlichen oder institutionellen Gewinnstrebens. Von dem lebt die Marktwirtschaft – ob einem das nun gefällt oder nicht – schließlich immer. Wir wohnen vielmehr einem eskalierenden Vertrauensverlust wirtschaftlicher und politischer Institutionen bei.

Der manifestiert sich schon länger in weniger Aufsehen erregenden Formen und hat nun seit etwa zwei Jahren die naturgemäß stimmungssensiblen Finanzmärkte sukzessive an den Rand des Zusammenbruchs getrieben. Dass sich Politiker jetzt gegenseitig darin zu überbieten suchen, die Angst der verunsicherten Bürger auf ihre jeweiligen parteipolitischen Mühlen zu lenken, beruhigt die Lage keineswegs, sondern beschwört ganz im Gegenteil eine weitere Verschärfung des Misstrauens aller gegen alle herauf. Es kann Deutschland oder Europa in dieser Lage nicht damit gedient sein, wenn sich Regierungen gegen Banker in Stellung bringen oder den Niedergang des „amerikanischen Kapitalismusmodells“ ausrufen. Damit will man bei den zu Recht empörten Bürgern Punkte einsammeln, beschleunigt aber eher den Verlust an politischer Glaubwürdigkeit und Autorität.

Dass manche Banker das Geld ihrer Kunden verschleudern und dafür auch noch exorbitante Vergütungen empfangen, ist nicht in Ordnung. Schlimmer ist aber, dass unsere westlichen Gesellschaften inzwischen scheinbar auf Autopilot geschaltet haben. Weder auf der Ebene der Finanzwirtschaft noch auf der der Politik sind zurzeit im erforderlichen Umfang das Vertrauen und die Besonnenheit und Autorität vorhanden, ohne die Gesellschaften nun einmal nicht geführt werden können. Wer oder was genau war daran schuld, dass die Subprime-Krise in den USA sich seit dem Spätsommer 2007 zum Flächenbrand ausweiten konnte? Die Antworten der meisten Kommentatoren auf diese Frage bleiben an der Oberfläche. Es stimmt natürlich: Die Finanzkrise wurde ursprünglich dadurch ausgelöst, dass – begünstigt durch die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank seit 2001 – US-Banken leichtsinnig Immobilienkredite an Kreditnehmer schwacher Bonität vergaben und das Risiko dieser Engagements dann munter in Form verbriefter Kreditprodukte weltweit in Umlauf brachten, die dann wiederum von begeisterten Investmentbankern in großem Umfang an private und institutionelle Anleger verkauft wurden. Doch das beantwortet nicht die Frage, weshalb daraus eine Lage entstand, die nun den Fastzusammenbruch der Finanzmärkte in den USA und Europa nach sich gezogen hat.

Das lässt sich mit der „Gier“ der Investmentbanker ebenso wenig erklären wie mit der viel beschworenen Interdependenz der globalen Finanzmärkte. Es ist nicht der Fall, wie jetzt viele meinen, dass Profithunger oder international vernetzte Märkte allein zwangsläufig Folgen dieser Art zeitigen. Dass die Klage über profitgeile Banker die Lage eher emotional auflädt als sachlich beschreibt, zeigt allein schon, dass sie inzwischen auch gegen Institute – wie etwa die Hypo Real Estate – erhoben wurde, deren Schieflage nichts mit unverantwortlichen Transaktionen zu tun hat, sondern ganz im Gegenteil mit mangelnder Transaktionsfähigkeit, sprich: mit dem Schwinden der Bereitschaft der Institute, einander Geld zu leihen, um die laufenden Geschäfte zu finanzieren. Hier schwappt eine ressentimentgeladene Stimmung inzwischen in unverantwortlicher Weise auch auf die Politik über. Das Versiegen der Kreditströme, das die ursprünglich begrenzte Schieflage in einem Segment des Bankensystems überhaupt erst zu einem globalen Flächenbrand werden ließ, ist die greifbare Manifestation schwindenden Vertrauens, das durch den Glaubwürdigkeitsverlust des politischen wie wirtschaftlichen Establishments verursacht wird. Und dieser Vertrauensverlust hat sich im Lauf dieser Krise fortgepflanzt – von den Schöpfern dubioser Papiere bis auf die höchsten Ebenen der internationalen Politik. Bezeichnend für die aktuelle Lage ist, dass es im Unterschied zu früheren Bankenkrisen nicht gelang, den Vertrauensschwund auf die Institute, die in den USA eine wenig umsichtige Kreditpolitik betrieben hatten, und die davon betroffenen Marktsegmente zu begrenzen. Stattdessen hat deren Schieflage seit Frühjahr 2008 auf breiter Front auf Banken übergegriffen, deren eigene Bücher keine sonderlich riskanten Positionen aufweisen.

Ganz anders war es beispielsweise im bislang größten deutschen Bankencrash der Nachkriegsgeschichte. Als bei der Kölner Herstatt-Bank ein Team übereifriger junger Banker 1974 mit windigen Devisenspekulationen 89 Prozent des Bankkapitals verspielt hatte, weigerten sich die deutschen Großbanken, ihr mit Kreditlinien beizuspringen; die Bankenaufsicht verfügte die Schließung der Bank, und es kam kurzfristig zu Tumulten an den Schaltern. Dann war die Sache ausgestanden. Dieses Mal hingegen haben schlechte Geschäfte in einem Segment des US-Hypothekenmarkts fast den gesamten Finanzverkehr der westlichen Welt zum Erlahmen gebracht – mit empfindlichen Folgen für die Realwirtschaft auf allen Kontinenten. Der Ablauf war in etwa der Folgende: Erst mangelte es Fannie Mae, Freddie Mac und den anderen großen US-Hypothekenbanken am gebotenen Vertrauen in das eigene Geschäftsmodell, um ihre Risikoengagements selbst zu verwalten. Stattdessen hat man sie in möglichst viele unscheinbare Päckchen aufgeteilt und auf möglichst viele Schultern in den internationalen Anlagemärkten verteilt. So wurde das Risiko aus einem begrenzten Marktsegment an zahlreiche Institute ausgelagert und von dort in der Hoffnung, alles möge gut gehen, wiederum an die Anleger. Und das ging selbst dann noch so weiter, als im Herbst 2006 in der Presse erste Berichte über eine bald zu platzen drohende US-Immobilienblase erschienen.

Das sieht nicht nach turbokapitalistischer Gewinnsucht aus, sondern nach mangelnder Kompetenz. Hätten die Banker ihrem eigenen Geschäftsmodell, günstige Immobilienkredite an weniger solvente Kreditnehmer zu vergeben, vertraut, hätten sie den Gewinn gewiss gern allein eingenommen, statt Papiere wie heiße Kartoffeln am Markt abzuladen. Doch hier war nicht Gewinngier, sondern Angst das treibende Motiv: Frei nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ wollte man sich der fraglichen Werte einfach entledigen. Das war verantwortungslos, aber es handelt sich um Verantwortungslosigkeit besonderer Art – bedingt nicht durch Profitgier, wie nun alle meinen, sondern durch Furcht. Dem entsprach auch, dass weder Vorstände und Aufsichtsräte noch verantwortliche Verbands- oder Regierungsvertreter den Mut fanden, mit einem radikalen Schnitt dem Geschehen in diesem Stadium Einhalt zu gebieten. Und so entstand dann schließlich ein Misstrauen aller gegen alle im Bankensystem und folglich das seit diesem Frühjahr unaufhaltsam voranschreitende Versiegen der Kreditzufuhr.

Wir erleben also einen unsteten Wechsel zwischen passivem Gewährenlassen – selbst angesichts deutlich sichtbarer Anzeichen drohender Probleme – und panischem Aktionismus. Es ist anzunehmen, dass Überreaktionen der US-Regierung für das jüngste Eskalationsstadium der Finanzmarktkrise verantwortlich waren. Ihre Milliarden-Rettungsaktion für die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac Anfang September brachte die Panikspirale an den Märkten erst richtig in Gang, sodass nun selbst 700 oder 1000 Milliarden Dollar wirkungslos verpuffen könnten – und das deutsche Rettungspaket für die Hypo Real Estate dann im schlimmsten Fall ebenso. Dass nicht bloß die Finanzmärkte, sondern auch das politische Establishment Vernunft und Verantwortlichkeit missen lassen und so die gesellschaftliche Vertrauenskrise vorantreiben, belegt allein schon der bemerkenswerte Umstand, dass es hierzulande in erster Linie die unter staatlicher Gewährträgerschaft stehenden Landesbanken waren, die sich an faulen US-Kreditinstrumenten die Finger verbrannt haben. Zurzeit scheinen alle zu glauben, der Staat werde alles richten. Aber weder Markt noch Staat sind die Lösung, wenn Vertrauen und Verantwortlichkeit fehlen.