08.11.2011

„Frei sein heißt, nicht ich sein zu müssen“

Interview mit Tim Black

Ein Gespräch mit dem ungarischen Philosophen Gáspár Miklos Tamás über die intellektuelle Mittellosigkeit der westlichen Kultur

„Fang nicht mit den guten alten Tagen an, sondern mit den schlechten neuen.“


Hat man ein paar Stunden mit dem ungarischen Philosophen Gáspár Miklos Tamás verbracht, erscheint einem Bertolt Brechts Korrektiv der Nostalgie passender als je zuvor. Tamas’ Entschlossenheit, alles aufzudecken, was in der gegenwärtigen Lage im Westen rückschrittlich ist, scheint schier grenzenlos. „Es handelt sich nicht um eine vorübergehende Malaise“, sagt er mir, während der Zigarettenrauch aufsteigt, „es ist eine Krise“. Und er spricht nicht nur über die Weltwirtschaft, sondern auch von einer Krise der politischen Kultur. „Wir haben scheinbar kein Mittel, Lösungen zu finden“, fährt er fort. „Wir sind konzeptionell, emotional und kulturell nicht dafür ausgerüstet.“

Tamas war nicht immer so desillusioniert mit der westlichen Politik und Kultur. Als intellektueller Dissident im kommunistischen Ungarn der 1980er Jahre, unmittelbar nachdem er in seinem Geburtsland Rumänien 1978 auf die schwarze Liste gesetzt worden war, kämpfte Tamas aktiv für eine liberal-demokratische und kapitalistische Zukunft. Er war von 1989 bis 1990 sogar für die Liberale Partei im ungarischen Parlament. Jetzt aber ist sein Urteil strenger: „Die friedlichen Revolutionen sind ganz und gar gescheitert, und ihr Ergebnis ist ein völliger Fehlschlag.“

Laut Tamas verebbten die Hoffnungen auf Freiheit und Wohlstand rasch. „Die Menschen wollten demokratische Beteiligung und bekamen ein ziemlich rigides Parteiensystem. Sie wollten Wachstum und bekamen den wirtschaftlichen Zusammenbruch. Innerhalb von 18 Monaten Demokratie ging die Hälfte der ungarischen Jobs verloren – ein schwarzes Loch befindet sich jetzt dort, wo einmal die ungarische Wirtschaft war.“

Das heutige Ungarn ist weit entfernt von dem, was sich prowestliche Liberale einst erträumten. Genauer gesagt: Es entspricht eher ihren Albträumen. Die rechtsgerichtete Fidesz-Partei gewann die allgemeinen Wahlen im April letzten Jahres mit großem Vorsprung und die radikal nationalistische Jobbik errang mehr als zwölf Prozent der Sitze im Parlament. Tamas hat auch schon eigene schmerzhafte Erfahrung mit dem neuen politischen Klima gemacht: Im November letzten Jahres wurde er durch den neu eingesetzten Leiter seiner Position an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften enthoben, angeblich auf Geheiß der Regierung. Offiziell, weil er die falschen Zeugnisse hat, inoffiziell, weil er als Institution in den ungarischen Medien ein bisschen zu vorlaut ist.

Doch wenn irgendjemand erwartete, dass Tamas, nun bekennender Marxist, bloß antifaschistische Plattitüden abspulen würde, täuscht sich. Tamas nimmt die Unzufriedenheit ernst, die den Rechtsparteien ihren Stimmenvorsprung brachte. Ja, die ungarische Gesellschaft ist zerrissen von einer „bislang nie gekannten Ungleichheit“, sagt Tamas, aber gleichzeitig gebe es das „Gefühl, dass wir nicht frei sind […] ein allgemeines Empfinden, dass wir von Fremden dominiert werden“. Dieses Empfinden richte sich gegen „ein obskures, unverständliches, halb-unsichtbares Netzwerk finanzieller und politischer Einflussnahme durch Institutionen wie die Welthandelsorganisation, die EU, den Internationalen Währungsfonds“. Und wie lautet Tamas’ Erwiderung auf dieses verbreitete Ressentiment gegen nicht gewählte, externe und undurchsichtige Autoritäten? „Meiner bescheidenen Meinung nach haben die Leute in diesem Punkt Recht.“

Das bedeutet nicht, dass Tamas die nationalistischen Ansichten seiner rechten Gegner teilt. Aber er versteht die Quelle für den Erfolg der Rechten: das Ohnmachtempfinden der Menschen in einer Gesellschaft unter der Herrschaft so undemokratischer Mächte wie der EU, des IWF und der WTO.

Tamas’ Bereitschaft, den schlechten neuen Zeiten ins Auge zu blicken, ist natürlich nicht auf Ungarn beschränkt. So wie er es sieht, befindet sich auch die politische Kultur im Westen in einer Krise. In dieser Hinsicht betrachtet er die gesellschaftliche Reaktion auf unsere wirtschaftlichen Probleme als bezeichnend: „Die Menschen sagen nicht mehr wie vor dem Zweiten Weltkrieg oder in den 50er, 60er und 70er Jahren: “Okay, es läuft schlecht, wechseln wir das System.” Stattdessen wenden sie sich an den Staat und sagen: ‚Warum tust du nichts dagegen? ‘“ 

Wir haben eine Situation, sagt Tamas, in der relativ isolierte Interessengruppen leidenschaftliche, aber partikulare Forderungen an den Staat stellen: Kürzt nicht unsere Mittel, kürzt die der anderen, usw. Dieser Wettkampf zwischen verschiedenen Gruppen um „immer weniger Ressourcen“ spalte die Gesellschaft.

Tamas veranschaulicht seine These einer wachsenden „Akzeptanz für soziale Spaltung“ mit dem Hinweis auf die aktuelle Lage der Älteren im Westen. „In entwickelten Ländern hegt man mörderische Gefühle gegen die Alten. Rentner werden als Parasiten betrachtet. In Osteuropa gibt es heutzutage viele abwertende Begriffe für Rentner. Das ist besorgniserregend – in der Geschichte hatten die Gesellschaften immer Respekt vor den Alten. Aber das ist vorbei, und jetzt gibt es einen ziemlich starken Generationskonflikt in der Politik.“ Es geht nicht nur um pejorative Bezeichnungen für die Älteren in Osteuropa, die um sich greifen, wie jeder, der Ausdrücke wie „Sargpenner“ kennt, bestätigen kann. Es ist vielmehr die inzwischen völlig akzeptierte Debatte über die so genannte Rentenkrise, in der die Älteren nur noch als ökonomischer Faktor betrachtet werden, als „Ressourcenbelastung“, die diese „mörderischen Gefühle gegenüber den Älteren“ am sichtbarsten macht.

Spalterische partikulare Forderungen an den Staat haben Konjunktur, so Tamas, weil der gesellschaftliche und demokratische Konsens zusammengebrochen ist. „Diese Spaltungen wurden von der Sozialdemokratie zumindest überspielt. Und ich schließe die kommunistischen Parteien Frankreichs und Italiens mit ein – Portraits von Stalin an der Wand, aber sozialdemokratische Politik. Dieses Jahrhundert war zur Hälfte ein sozialdemokratisches. Nixon, de Gaulle, Lyndon Johnson haben sich nie gegen die Umverteilung ausgesprochen; in ihrer Sozialpolitik waren sie Sozialdemokraten … in anderen Bereichen natürlich nicht. Deshalb wurde die milde anti-staatliche Rhetorik der Konservativen unter Thatcher als so ketzerisch betrachtet. Mindestens 40 Jahre lang nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Allianz zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, weil sie etwas gemeinsam hatten … Das ist vorbei.“

Es ist nicht so, dass Tamas Sehnsucht hätte nach der sozialdemokratischen Vergangenheit oder etwa seiner eigenen kommunistischen Ostblock-Vergangenheit. „Ich wuchs in einer Gesellschaft auf, die ziemlich schrecklich war. Das waren wirklich konformistische Zeiten“, sagt er. „Denen gibt es nichts nachzuweinen.“ Worauf er aber hinweisen möchte, ist, dass wir „konzeptionell, emotional und kulturell“ etwas verloren haben. Und, wenn ich Tamas richtig verstanden habe, kann das in einem Satz zusammengefasst werden: Wir verlieren die Fähigkeit zur Abstraktion.

Krise des abstrakten Denkens: Damit will Tamas sagen, dass uns die Fähigkeit von der konkreten individuellen Erfahrung zu abstrahieren, abhandenkommt – die Fähigkeit zum Erfassen des Universellen. Das ist letztendlich der Schlüssel zur Abstraktion: Die Erscheinung der Dinge zu durchschauen und das Wesentliche in Begriffe zu kleiden. Der Wunsch, diese theoretische Anstrengung zu unternehmen, zu begreifen, was unsere verschiedenen Wirklichkeiten verbindet, scheint nicht mehr vorhanden zu sein.

Tamas erlaubt sich einen Rückgriff auf die guten alten Zeiten. „Wenn man die europäischen populären Zeitungen [des 19. und frühen 20. Jahrhunderts] heute liest, empfindet man sie als anspruchsvoll und seriös. Sie mögen langweilig zu lesen sein, weil sie umständlich und langatmig sind. Nicht zuletzt verlangen sie Geduld und Konzentration. Und das war möglich, weil die Leute damals so waren. Das ist nicht einfach eine Frage kultureller Dekadenz, dass die Aufmerksamkeitsspanne heute so kurz ist. Die Menschen waren es gewohnt, ihre Aufmerksamkeitsspanne zu verlängern. In der Schule, am Arbeitsplatz, bei der Armee – überall war intellektuelle wie physische Ausdauer gefordert.“

Damals wollten die Leute selbst abstrakt denken, sagt Tamas. Es gab in der Bevölkerung dazu die „Fähigkeit, Neigung und Bereitschaft“. Die Menschen erkannten, dass „das Verstehen der eigenen Lage nicht selbstverständlich ist. Dafür musste man nachdenken. Teil einer sozialen Klasse zu sein, ist nicht offensichtlich. Ein Walzenschneider in einer Kleinstadt unterschied sich sehr von einem Grubenarbeiter in einem anderen Land. Aber durch die Abstraktion konnten die Menschen über ihre primäre Identität hinauswachsen und sie auf der Basis dessen umgestalten, was sie als realer empfanden. Dadurch wurden traditionelle ethnische und geschlechtliche Schranken eine Zeit lang aufgehoben – nicht nur aufgrund sozialer Veränderungen, sondern auch durch die bewussten Anstrengungen der Menschen, sich über ihre unmittelbare Identität zu erheben.“

Bedeutende politische Institutionen erwuchsen aus dieser alltäglichen Abstraktion: Gewerkschaften, politische Parteien. Oft (wenn auch nicht immer) hoben sich diese Einrichtungen über die unmittelbaren, partikularen Wirklichkeiten des Ortes und der Geburt im Bemühen zu begreifen, was die Leute vereint, welche Interessen und Werte sie teilen sollten. Diese formalen Strukturen, politischen Parteien, die Gewerkschaften, sogar die Kirche, sorgten dafür, dass die Menschen abstrakt dachten. Heute wirkt sich ihr Schwinden daher auf diese Disposition negativ aus. Tamas weist darauf hin, dass es einen regelrechten intellektuellen Anschlag auf die bloße Idee der Abstraktion gab, der sie als eine Art metaphysische Illusion behandelte: „Die Postmoderne war der zeitgenössische Ausdruck der Ablehnung des Universalismus und der Abstraktion. Auch wenn ein großer Teil der Postmoderne intellektuell uninteressant ist, ist sie wichtig als Symptom einer Gesellschaft, in der die Menschen nur sehr widerwillig von ihrer eigenen Lage abstrahieren.“

Es ist kein Wunder, dass der Partikularismus in den letzten 20 Jahren so stark geworden ist. Seine wirksamste Form ist natürlich der Multikulturalismus. Und obgleich diese Ideologie – und ihre verwandten Synonyme ‚Pluralismus‘ und ‚Diversität‘ – vielleicht nicht mehr so unstrittig sind wie noch vor einigen Jahren, bleiben sie sozial überaus wirkmächtig. Man wird laufend darin bestärkt, sich selbst nahezu ausschließlich durch seinen kulturellen oder ethnischen Hintergrund wahrzunehmen. Wer das nicht so hinnehmen will, erregt Anstoß. Oder, wie Tamas das Tabu beschreibt: „Du sollst die Gewohnheiten der Gemeinschaft nicht stören, weil die abstrakte Kritik von Gewohnheiten und Traditionen im Kern rassistisch ist usw.“ Obwohl Tamas die derzeitigen Auseinandersetzungen zum Thema Multikulturalismus ermüdend findet, ist es ihm wichtig festzuhalten, dass „sowohl die Linken als auch die Rechten den Universalismus ablehnen.“

Dieser anti-universelle, auf kulturelle Identität fokussierte Partikularismus ist schädlich für jede Art Politik, die sich die Veränderung der Gesellschaft zum Ziel setzt. Nehmen wir z.B. den Begriff der Freiheit. Er wurde reduziert auf das Persönlichkeitskult-Mantra des Reality-TV, wonach man immer „ganz man selbst“ sein soll. „Ich muss ganz ich selbst sein können.“ „Was hat das mit Freiheit zu tun?“, fragt Tamas rhetorisch, bevor er antwortet. „Was ist der christliche Freiheitsgedanke?“ Bekehrung. Wandel. Frei zu sein, heißt nicht, dass ich ich selbst bin. Im Gegenteil, es bedeutet, so wenig von mir selbst zu sein wie möglich. Dieselbe Idee durchdringt die Aufklärung. Es geht darum, zu lernen.

„Die heutigen Identitäten sind Fetische“, sagt Tamas. Für ihn ist der Gedanke, die Menschen seien verpflichtet, etwas auf eine bestimmte Weise zu tun, weil ihre Eltern Moslems oder Methodisten waren oder aus einer alten Kommunistenfamilie kamen, Nonsens. Das sollte eigentlich aufgehoben werden durch die Anstrengung der Vernunft, mit der jeder das Einmaleins lernen kann. Zeige mir das Stammesmitglied in Papua Neuguinea, das nicht vom Streit über die Tugend in Platons Menon bewegt würde oder nicht die Multiplikation erlernen könnte. Das ist doch absurd, blöd, idiotisch. Aber wir leben so, als sei das die Wahrheit.

Als Antwort auf das, was er als die heute prägende anti-aufklärerische Strömung sieht, die das Gefühl über den Verstand erhebt und kulturelle Identität über das Streben nach Universalität, plädiert Tamas für die Notwendigkeit der Philosophie. Nicht im professionellen akademischen Sinne, sondern wesentlich weiter gefasst: „Die Menschen ermutigen, in stringent konzeptionellen Begriffen über ihr Leben nachzudenken.“