01.05.2010

Der Kibbuz als lustige Dame

Essay von Kristin Vardi

Beobachtungen

Während die Briten 1945 den Kibbuz Yagur stürmen und dem Widerstand der Zionisten mit Tränengas begegnen, bangt der siebenjährige Yoram um sein Notizbuch. Noch vor der Gründung des Staates Israel wird er 1938 in diesem Kibbuz geboren und schreibt Gedichte auf die Seiten, die er im Schrank seiner Eltern aufbewahrt, während er, wie zunächst in allen Kibbuzen üblich, im Kinderhaus aufwächst. An diesem Tag verhaften die Briten die Eltern Yorams und die seiner Freunde, bevor sie beginnen, das Land des Kibbuz umzugraben, um das illegale Horten von Waffen in jüdischer Hand in Palästina zu beweisen. Nach Tagen geben die Briten die verwüsteten Häuser frei. Das Notizbuch mit seinen ersten Dichtungen findet Yoram niemals wieder. Um den Verlust seiner Gedanken zu überwinden, schwört er sich, jedes seiner Gedichte und Lieder im Kopf zu behalten. Inzwischen sind es über tausend. Ganz Israel kennt die Kompositionen Yorams. Seine patriotischen Lieder schreibt Yoram Taharlev für die Kinder Israels, während seine Gedichte ein liebevolles Angedenken an ein Leben im Kibbuz sind, das vom Eifer der Pioniere im „Heiligen Land” kündet.

Der erste Kibbuz „Degaria“ wird 1910 von einem Dutzend junger zionistischer Pioniere am See von Galilea errichtet. In nicht besiedelten Landschaften entstehen in den folgenden Jahren durch die zionistische Jugendbewegung weitere Kibbuze. Die abenteuerlustigen Teenager verwirklichen unter extremen Konditionen den Traum einer jüdischen Heimat in Palästina. Als sie ankamen, war da nur wüstes Land. Doch die anhaltende Ferienlagerstimmung (bekanntes Kibbuzlied: „What does the pioneer do when he comes to the Kibbuz? He wants to eat! But when he sees the girl, he forgets it all!“) und ein riesiger Kleiderschrank sowie das innige Gefühl der Pflicht gegenüber der zionistischen Idee ließen sie die Fährnisse dieses Unternehmens aushalten. Schließlich haben die Kibbuze die Grenzen Israels während der Staatsgründung 1948 mitformuliert. Auch im Zusammenhang mit dem jüdischen Widerstand gegen das britische Mandat haben sich die Kibbuzniks hervorgetan, indem sie den größten Anteil in der Widerstandsbewegung „Haganah“ stellten. Nach der Staatsgründung verfochten sie weiterhin zionistische Ideale, und nun kämpften die Kinder der freien Liebe in den Eliteeinheiten der israelischen Armee. Inzwischen leben 1,6 Prozent der israelischen Bevölkerung in einem der 273 Kibbuze.

Irgendwann war der Geist der freien Liebe versiegt, jeder hatte seine eigene Unterwäsche, und die Nachfolgegenerationen der Pioniere fühlten sich von der Teilhabe aller Kibbuzniks an privaten Entscheidungen bedrängt. Zudem lief es nicht mehr so gut mit dem Vertrieb landwirtschaftlicher Produkte. „Die Städte waren zu diesem Zeitpunkt viel attraktiver, die Stimmung im Kibbuz war betrüblich. Bei kleineren Vorfällen zog man neuerdings die Polizei zurate. Denn innerhalb von zwei Grenzen hielt man es schwer aus, darum ‚öffnete‘ man sich nach außen und verschloss sich nach innen. Der Kibbuz wurde zu einem Ort wie jeder andere auch.“ (Uri, 52, Kibbuz SaSa).

Der Kibbuz war einmal ein Symbol, es stand für Pioniergeist, für Idealismus, für vorbildliches Verhalten, es stand für freies Denken, für Mut und für Zähigkeit. Die Kibbuze verbindet mit dem zionistischen Staat eine Geschichte, die älter ist als Israel. So unterstützten die Kibbuze Israel nach der Staatsgründung u.a. mit der Aufnahme neuer Einwanderer, was die rasche Integration erheblicher Immigrationsströme nach dem Holocaust und erneut in den 90er-Jahren, als die ehemalige Sowjetunion Abertausende jüdische Familien freigab, ermöglichte.

„Die Kibbuzniks waren mal eine Elite, zu der man aufschaute“, sagt der 29-jährige Roi Sagi, der bis zu seinem 22. Geburtstag im Kibbuz bei Matat lebte. Heute sei der Kibbuz ein Ort für Menschen der Mittelmäßigkeit, ein Ort, an dem man keine Ambitionen verwirklichen könne, an dem einen die Gemeinschaft bedrängt, und ein Ort, der eher einer gewöhnlichen Ortschaft gleicht als einem Hort des Idealismus. Das Ideal einer geteilten Gemeinschaft funktionierte perfekt in einer Gruppe von 20 Mann, die sich in den Bergen verschanzte und Marx, Herzl, Bialik, Echad Ha Am, Shalom Aleichem und Agnon rezitierte. Das einstige Credo „Jeder nach seinem Können und jeder nach seinem Bedarf“ bewirkte jedoch spätestens in den 80er-Jahren Frustration und Missmut durch die Erfahrung, dass mancher mehr zu brauchen scheint, als er leisten mag. Während man einst die Kleidung, den Partner und eine politische Überzeugung teilte, wurden die politischen Überzeugen differenzierter, das Eigentum privatisiert und das Denken engstirniger.

Während nun die ideelle und wirtschaftliche Krise die Kibbuze heimsuchte, stellte sich für viele die Frage nach der Hinfälligkeit derselben: Israel hatte seinen inzwischen 30. Geburtstag gefeiert, der Zionismus war verwirklicht, und man konnte niemanden mehr mit kommunistischen Idealen in die Wildnis locken. Doch gegen den drohenden Niedergang ersann man Strategien, und auf den Staat als Freund in der Not konnte man, nach allem, was man für ihn getan hatte, zählen. Natürlich. Doch ideell war der Kibbuz ausgebrannt, und es fiel selbst dem Staat nichts ein. Also, warum gibt es sie immer noch, die Kibbuze? Aus dem gleichen Grund, aus dem es alte Menschen gibt, so Uria, 23, aus dem Kibbuz Bar Am. Und welchen Wert haben die Kibbuze heute für das Land? „Nichts hat heute mehr Wert für das Land, die Kibbuze sind Companies, funktionieren sie gut, geht es den Leuten dort gut.“

Was ist übrig von der romantischen Idee der Gemeinschaft, die keine vier Generationen überleben konnte? Ein kibbuzeigenes Verlagshaus, Archive, Forschungsstätten und der Einsatz der Kibbuze für politische Bildungsarbeit im In- und Ausland sowie ein Mythos, der den ständigen Nachschub von fast noch minderjährigen Volontären aus aller Welt sicherstellt. Und die politischen Überzeugungen? Einan aus dem Kibbuz Hazorea weiß, geschlossen links sei man eigentlich immer noch, aber die Meinungen zu Aspekten des politischen Alltags in Israel sind doch um einiges vielfältiger als einst. Uria winkt ab: „Das ist doch Quatsch. Left wing hin oder her. Also ich hatte keine Wahl. Wir haben doch hier nicht alle eine Agenda, wir sind hier geboren und sind left wing by birth. Das ist alles.“

„Mit den Ansichten der Siedler habe ich mich während des Militärdienstes weitestgehend identifiziert“, so Roi Sagi. Bestätigt das die Theorie, nach der die Motive der Pioniere denen der Siedler in der Westbank gleichkommen? „Die meisten von den Siedlern in der Westbank sind amerikanische Juden, und sie wissen gar nicht, dass das nicht Israel ist. Und die anderen, die dort geboren werden, lernen in der Schule natürlich eine andere Geschichte und eine andere Geografie, für die ist das Israel. Die religiösen Leute sehen in ihren Siedlungen die Verwirklichung ihres eigenen Zionismus, schließlich ist das der Bibel nach alles Israel.“ Der Kibbuz ist über 100 Jahre alt, er hat Israel mit erbaut. Jetzt ist er eine alte lustige Dame mit groben Händen und sonnengebräuntem Gesicht. Eine Dame, die die Israelis für das verehren, was sie für die Verwirklichung des jüdischen Staates ertragen und vollbracht hat. Noch immer ist sie zuverlässig, ideenreich und rege. Aber sie ist etwas weniger idealistisch und etwas weniger enthusiastisch im Alter. Sie ist kompromissbereit, ein bisschen besserwisserisch und sogar etwas kleingeistig. Und sie hat angefangen, ihre Kapriolen auf ihre Wirtschaftlichkeit hin zu prüfen. Doch der Kibbuz erinnert Israel an seine unschuldigen Träume des Aufbruchs, und damit lebt es fort.