01.09.2009

Israels Szene auf meinem Dach

Reportage von Kristin Vardi

Eine Reportage von Kristin Eulitz über Kunst und Künstler einer „Krisenregion“.

Der Taxifahrer, der mich vom Flughafen nach Tel Aviv bringt, ist übellaunig. Er fährt beunruhigend wild und spielt C.C. Catch in seiner Anlage, dann Bad Boys Blue. Allmählich geht es ihm besser, er fragt, woher ich komme. „Ah! Germany! Just a second!“, und schon hören wir Modern Talking. Seine merkwürdige Sympathie für derartige Musik kommt mir sehr gelegen. „Ein hervorragendes Eröffnungsszenario für meine Reportage“, denke ich. Vor Reiseantritt habe ich mich mit einigen Künstlern verabredet, um diese zur gegenwärtigen Musikszene Israels zu befragen. Ich will feststellen, ob es eine kreative Szene gibt, wo sie sich befindet, wie sie sich beschreibt, wer sich dazu zählt und was sie antreibt. Während meiner Reise wird mir allmählich bewusst, dass hier alles zusammenhängt. Alle, die in Israel nennenswerte Kunst produzieren, kennen sich untereinander. So kommt es, dass im Folgenden auch ein junger Filmemacher seine Aussagen zum Thema macht.

Israel gilt beharrlich als Land mit einer kaputten Jugend. Ihre besten Jahre verbringen sie in der Armee, heißt es. Häufiger als wir hier im befriedeten Westen erleben sie Verluste, Angst und Unsicherheit, sagt man. „Ich meine, das Leben in Israel ist sehr unrealistisch, aber es ist alles so überzeugend eingerichtet, dass es so scheint, als wäre das normal, als wäre es normale Wirklichkeit“, resümiert Jonathan Vardi, ein 23-jähriger Filmemacher aus Tel Aviv. Ja, das Leben in Israel wirkt normal, alltäglich. Umso vergeblicher sucht man nach auffälligen Referenzen an Krieg und Konflikt in der jungen Kunst Israels. Ich frage die Musiker nach wiederkehrenden Motiven, Symbolen oder Themen in ihren Kompositionen. Und sie antworten mir: der Mond, der menschliche Körper, mein Klavier, die Worte Raum und Bett. Das klingt nicht nach politischer Absicht.

Dennoch hinterlässt alles seine Spuren. In nur wenigen Ländern habe ich je so viel Kreativität und einen so stürmischen Wunsch nach Ausdruck erlebt wie hier. Während meiner Interviews bemerke ich, wie die Musiker jedes Mal leicht gereizt auf den Begriff „Szene“ reagieren. Szene scheint hier eine unerfreuliche Schmähbezeichnung zu sein, also benutze ich fortan die Euphemismen, die die Befragten selbst verwenden. Amit Erez zählt sich jetzt mit Ende 20 zu den bekannteren Größen des Landes. Erez bezeichnet sich und seine Musik als „Independent“. Für ihn bedeutet das, „ein Künstler mit Geschmack zu sein, ohne Geld, aber mit vielen Freunden“.
Auch bei anderen Gesprächspartnern beobachte ich die Tendenz, sich als vom Massengeschmack unabhängiges, alleinstehendes Phänomen inszenieren zu wollen. Vardi beschreibt diese produktive Einsamkeit folgendermaßen: „Wenn man Kunst macht, bedeutet das, sehr sehr einsam zu sein. All die Geschichten sind ja in mir, und von daher kann ich sie mit niemandem teilen. Auf der anderen Seite gibt es jedoch nichts Einfacheres, als etwas zu tun, was man liebt. So ist die Balance zwischen der Einsamkeit und der Möglichkeit, das zu tun, was ich liebe, schließlich doch ausgewogen.“

Der Sänger Asaf Avidan beteuert ebenfalls, er gehöre zu keiner Szene. Er könne nur für sich selbst sprechen. Amit Erez ist ein bisschen eifersüchtig auf seinen Künstlerkollegen. Er sagt, so etwas wie Asaf Avidan gebe es nur einmal in 100 Jahren. Mit seiner außergewöhnlichen Stimme wurden Avidan und seine Band „Asaf Avidan and The Mojos“ sehr schnell sehr berühmt. Dieses Jahr spielt die Band auf verschiedenen Festivals in Deutschland. Da er von Vorbildern nichts hält, erkundige ich mich nach seinen musikalischen Einflüssen. Er nennt Bob Dylan und Leonard Cohen, weil beide viel Wert auf ihre Texte legten. Wie sie singt auch Avidan vor allem von Frauen, Nähe und der Suche nach dem Großen. Universelle Themen. Nun, und die Szene? „Es gibt hier eine wachsende Folk-Szene, die sich bisweilen sogar über die Grenzen unseres Landes hinweggesetzt hat. Aber ich selbst würde mich wirklich nicht als Teil irgendeiner Szene betrachten. Wie dem auch sei, diese sehr aktive Indie-Szene in Israel hat inzwischen bewirkt, dass selbst Leute aus den Vereinigten Staaten und Europa mit Interesse verfolgen, was hier so los ist.“

Ist es entscheidend, wo in Israel man seine Musik macht? Die sich selbst am Klavier begleitende Sängerin Einav Jackson Cohen weiß: Musiker sind auf das Auditorium angewiesen. Und das größte Interesse an Kulturveranstaltungen gibt es in Tel Aviv. Wer Kunst in sich fühlt, begibt sich hierher. In Tel Aviv begegnet man darum einer sehr präsenten Jugend. Die Stadt ist voll von großen Träumen, man erlebt sie allerorten. Jeder talentierte Musiker findet hier Gelegenheit, in einer der vielen Bars oder einem der Underground-Clubs aufzutreten.

Einen solchen Auftritt erlebe ich im „HaOzenHaShlishit“ (bzw. „The Third Ear“, 48 King George St.) an einem Samstagabend im Mai. Im HaOzen kann man behagliche Nächte verbringen, die Musik ist erstklassig, rauchen ist hier noch in Ordnung, und man bezahlt nur ein winziges Eintrittsgeld. Manchmal, so wie an jenem Samstag, beeindrucken diese Auftritte mit einer unbeschreiblichen Qualität und Eindringlichkeit, die noch lange nachwirkt. Auch wenn nicht jedes Konzert dauerhaft in Erinnerung bleibt: Jeder Musiker hier weiß, dass er verglichen wird. Und so beweist jede dieser Veranstaltungen ehrgeiziges Format. Die Latte hängt hoch, und Einav Jackson Cohen erklärt das stete Niveau so: „Ich glaube, wenn du nicht bereit bist, dein Herz auf den Tisch zu legen, verschwendest du einfach nur deine Zeit.“ Eine Haltung, die „israelischer“ nicht sein könnte.

Auffällig an allen Konzerten, die ich in Israel besucht habe, ist das ausgiebige, fröhliche und ungehemmte Tanzen, das unmittelbar beim ersten Lied einsetzt. Man könnte sich wundern und fragen, woher diese Hochstimmung kommt. Ich denke, vielen Leuten wird hier einfach vieles eher bewusst als anderswo. Offiziell will also keiner dazugehören, aber es gibt so etwas wie eine Szene. Das Land ist winzig. Einav Jackson Cohen meint: „Wir alle sind Freunde in Facebook, wir treten in denselben Clubs auf, wir trinken das gleiche Bier. Wenn es also eine Szene gibt, sitze ich da ganz bestimmt mit drin.“ Es gibt eine enorme Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung der Einfallsreichen in Israel. Studenten der Kunsthochschule Bezalel animieren die Musikvideos ihrer Freunde, andere helfen, die Alben ihrer befreundeten Bands einzuspielen.

„Es gibt eine beachtliche Unterstützung von Komponisten, Animationskünstlern, Fotografen, Schauspielern – viele von denen sind sehr bekannte Leute –, und sie alle helfen freiwillig, der Kunst wegen“, sagt Filmemacher Jonathan Vardi. Als wir zu seiner Wohnung laufen, erwähnt er mit feiner Ironie: Wer es als Künstler in Tel Aviv ernst meint, muss schon in der Shenkin Street wohnen. Vardi selbst wohnt in jener ruhmreichen Straße, und er hat es geschafft: Seinen ersten Kurzfilm hat er ungefragt an die berühmte kanadische Band Stars geschickt. Die Band war beeindruckt. Der Film wurde zum offiziellen Musikvideo ihres Erfolgs „The Night starts here“. Vardi war damals 18 Jahre alt, und seine Gedanken zur Existenz einer Szene klingen so: „Eine gute Frage… Du meinst so was wie ein Café, in dem wir alle herumsitzen und über das Leben plaudern? Aber ja, es gibt eine großartige Szene auf dem Dach meines Hauses! Das sind ich und meine Schwester neben unseren Freunden David und Masha.“ Ob er es genieße, in dieser Szene zu sein. „Hmm, manchmal gehe ich in mein Zimmer, um zu arbeiten.“ Was es sei, was er in seiner Arbeit reflektiere?, frage ich weiter. „Ich reflektiere mich selbst. Und vielleicht kleine Stückchen der Welt, hoffe ich.“ Wir sprechen über israelische Filme, Vardi hält fest: „Ich denke, in der Regel scheuen sich israelische Filmemacher vor einem guten Ende.“

Den Nahostkonflikt erkennt Vardi jedoch nicht mehr als Element gegenwärtiger Filmproduktionen an. Das sei mehr eine Sache der 70er-Jahre gewesen. Heute produziere man solche Filme nur noch sehr selten. „Wir sind erwachsen geworden“, erklärt er. Auch in der Musik ist der Konflikt kein vordergründiges Thema mehr. Was soll man auch noch Schlaues sagen dazu?
Vardi holt in heißem Wasser treibendes Kaffeepulver aus der Küche, gießt es in Tassen und bemerkt: Themen, die hier beständig künstlerisch verarbeitet würden, seien die Rückschau auf die eigene Vergangenheit, die Frage nach Zugehörigkeit, das Gefühl der Losgelöstheit sowie Überlegungen zur Stellung der Frau in der Gesellschaft. Als wichtigste israelische Produktion der jüngsten Zeit nennt er den Animationsfilm „Waltz with Bashir“. Dieser Film, so Vardi, habe ein paar Grenzen durchbrochen, die durchbrochen werden mussten. „Waltz with Bashir“ ist ein Film über Israels Libanoninvasion im Jahr 1982, ein Film über politische Verantwortung, aber vor allem ein Film über den Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Warum ist Israel so reich an Kreativen?, erkundige ich mich weiter. „Ich glaube, die Israelis haben diese Haltung ‚I’ll do it my way‘ – und eine solche Einstellung ist ein Muss, um hier Kunst zu machen.“ Vielleicht erklärt das auch die verbreitete Ablehnung, Teil einer Kategorie, einer Szene zu sein.

Von der Pianistin Einav Jackson Cohen will ich wissen, was sie antreibt, Musik zu machen: „Meine Haut ist so dünn, es dringt alles in mich ein. Und dann muss ich das wieder loswerden.“ Und wovor fürchtet sie sich? Vorm Zirkus wegen der großen Elefanten. Was ist die Absicht ihrer Auftritte? Andere zu berühren. Ebenso unverzüglich begegnet sie meiner Frage, ob sie versuche, positiv zu klingen: „Ja. Selbst wenn ich über die Sachen singe, die mir am meisten wehtun, versuche ich, dabei zu lächeln.“ Ich erwarte die Bestätigung meiner These und ermittle, ob die Erde, auf der sie lebe, mit ihren Kompositionen verbunden sei. „Oh ja, sehr. Meine Welt ist mein Zimmer, mein Haus, mein Bett, meine Straße, Tel Aviv, der Strand und jeder andere Ort, an den es mich verschlägt.“ Nein, auch das klingt nicht nach Krisenbewältigung.

In Haifa treffe ich Ronen Pinkas als Vertreter seiner Band. Als ich Ängste thematisiere, denkt er kurz nach und bekennt dann, am meisten graue ihm vor totalitären Systemen und davor, zu heiraten. Was bedeutet ihm das Land, in dem er lebt, für seine Musik? „Die Texte drücken den Kampf zwischen unseren uralten Traditionen, Schicksalen etc. und dem modernen Leben aus, den Kampf zwischen Religiosität und Säkularität, zwischen Zionismus und Universalismus. Das ist der Alltag in Israel.“ Auch er sagt, die Band versuche natürlich, positiv zu klingen. Gibt es einen israelischen Sound? „Das ist wie unsere Kultur: eine Mischung von Klängen aus Ost und West.“

Pinkas spricht hier allein von der jüdischen Kultur. Die israelische Kultur ist neben einem Mix aus Ost und West, aber auch einer aus Nord und Süd. Arabische Klänge, russische Folklore oder afrikanische Rhythmen sind ebenso dominante Bestandteile der Musik Israels. In diesem Land leben schließlich Juden, arabische Muslime und Christen, Menschen aus Russland, Äthiopien, Westeuropa, den USA, Iran, Irak, Marokko, Jemen etc.

Indessen steht fest: Die sich leugnende Szene Israels agiert vorrangig in Tel Aviv, und ihre Motive sind die gleichen wie die von Künstlern überall sonst auf der Welt: Erfahrungsverarbeitung, der Wunsch nach Ästhetisierung und nach draußen drängendes Talent. Die politische Stimmung Israels schlägt sich weniger stark im Œuvre der Schaffenden nieder, als man gemeinhin annimmt. Die Dauerbelastung führt also nicht auf direktem Wege zu Schaffenskraft und Kreativität. Was belebt sie denn? Mit der Sentenz „Meine Aktivität bewahrt mir meine Kreativität, mein Interesse bewahrt mir Aktivität, und Kreativität bewahrt mein Interesse“, erhellt Vardi stellvertretend den unpolitischen Kreislauf der Produktivität.

Später ersuchte mich der Manager Asaf Avidans in einer E-Mail, ihm des Künstlers Betrachtungen zum Gegenlesen zu senden. Er schreibt, die deutschen Journalisten fragten stets harmlose Fragen – aber nachher politisierten sie jede Antwort. Genau diese Absicht verfolgte zunächst auch ich. Aber die Antworten, die ich gesammelt habe, zeigten mir etwas ganz anderes. Und so liegt es mir nun fern, die enorme Kreativität mit dem stattlichen Konfliktpotenzial der Region zu erklären. Ich sage, das Werk der jungen, kreativen Szene Israels ist unschuldig, schöngeistig, feinsinnig und zugleich überaus kraftvoll. Und ich sage weiter: Wenn man sich in den Hauptstädten der Welt bemüht, Israel durch seine Kunst zu porträtieren, mündet das viel zu oft in eine einseitige Auslese schreiender, kaputter Exponate. Im Ausland sollte man sich gelegentlich vom Magnetismus des Sensationellen lösen, um ein realistisches Bild von Israel zu bekommen. Hier wird nicht nur gestorben und gelitten. Hier gibt’s auch beseelend Schönes!