20.08.2013

Lösungsvorschläge statt Endlosdebatten

Kommentar von Verena Michaeli

Die Quote ist keine Antwort auf die Unterrepräsentation von Frauen in der Wissenschaft. Forschung basiert auf den unvergleichlichen Einzelleistungen individueller Köpfe. Besser wäre es, für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sorgen

Wenn sich Politiker und Wissenschaftler für eine Frauenquote in wissenschaftlichen Berufen an deutschen Hochschulen aussprechen, dann haben sie meist folgende Zahlen im Blick: Der Anteil an Professorinnen liegt insgesamt bei 19 Prozent, in den Naturwissenschaften bei 12 und in den Ingenieurswissenschaften sogar nur bei 9 Prozent. [1] Bei einem Anteil von um die 50 Prozent weiblichen Studenten in ganz Deutschland sehen viele Befürworter in der Unterrepräsentation eine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, das sich scheinbar ohne staatliche Regelung im Kampf um hohe wissenschaftliche Positionen nicht gegen seine männliche Konkurrenz durchsetzen kann. Als Studentin, die selber vor der Entscheidung steht, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen, sollte es mir doch sehr gelegen kommen, meine eigenen Karrierechancen durch eine gesetzlich verankerte Frauenquote steigen zu sehen. Warum werden diese Zeilen dann trotzdem kein Plädoyer für eine solche Quote?

Mein erster Gedanke hat nichts mit Statistik, Ökonomie oder Soziologie zu tun, sondern ist ein rein emotionaler: Ich will keine Quotenfrau sein! Wenn ich eine gute Arbeitsstelle bekomme, möchte ich das auf meine Qualifikation zurückführen können und mich nicht fragen müssen, ob mein Geschlecht das eigentlich entscheidende Kriterium bei der Auswahl war. Eine Quotenregelung würde das Vorurteil des „schwachen Geschlechts“, das im direkten Vergleich mit den männlichen Bewerbern schlechter abschneidet, geradezu bestätigen. Besonders deutlich wird bei solch einer Gegenüberstellung die Aufspaltung der Bevölkerung in zwei Gruppen – anhand eines einzigen Merkmals: des Geschlechts. Die Unterschiede zwischen den eigentlich bedeutsamen Merkmalen, wie etwa der Leistung, innerhalb dieser beiden scheinbar homogenen Gruppen werden dabei gekonnt ignoriert. So eine oberflächliche Gleichmacherei kommt weder Männern noch Frauen zugute, die sich als selbstständige und selbstverantwortliche Menschen begreifen.

„Da es jeder Abiturientin freisteht, sich für Ingenieurswissenschaft und gegen Kulturwissenschaft zu entscheiden, kann von einer Benachteiligung kaum die Rede sein.“

Nun scheint das jedoch viele Befürworter der Quote nicht zu überzeugen. Als den vermeintlich grundsätzlich Benachteiligten der Männerdomäne Universität stehe den Frauen das Recht einer Bevorzugung zu, zumindest solange bis diese auch in Entscheidungsgremien angemessen repräsentiert sind. Ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt jedoch, dass das gar nicht unbedingt notwendig ist: Wenn auch eine Steigerung von 11 Prozent Frauenanteil unter Professuren in knapp 20 Jahren bescheidener ist als vielleicht wünschenswert, gehen die Trends doch in die richtige Richtung. Dass in einem Fachbereich, bei dem der Anteil an Studentinnen bei unter 15 Prozent liegt, wie beispielsweise in der Physik, der Anteil an Professorinnen dementsprechend gering ist, dürfte nicht weiter verwundern. Schon auf Promotionsebene ist es so, dass ein großer Teil der Doktortitel (ungefähr 40 Prozent) in naturwissenschaftlich-technischen Bereichen vergeben wird, die bekanntermaßen Fachgebiete mit großem Männeranteil sind. [2] Da es jeder Abiturientin bei der Studienwahl offen steht, sich für die Karriere Ingenieurswissenschaft und gegen Kulturwissenschaft zu entscheiden, kann hier von einer Benachteiligung wohl kaum die Rede sein.

Bei diesen Grundvoraussetzungen an eine Quote zu denken, die sich nicht wenigstens der Geschlechterrelation unter den Studenten anpasst, ist ausgesprochener Unsinn und würde die Auswahl an geeignetem Personal deutlich verringern. Das käme weder Forschung noch Lehre zu Gute. Welcher Student würde die weibliche der geeigneten Lehrkraft vorziehen? Damit soll natürlich keinesfalls gesagt werden, dass Frauen die schlechteren Wissenschaftler sind, es ist jedoch nur logisch, dass die Auswahl eines geeigneten Bewerbers umso mehr Erfolg hat, je größer der Grundstock ist, aus dem geschöpft werden kann. Eine verpflichtende Quote würde zwar wahrscheinlich eine ähnliche Formulierung haben, wie sie jetzt schon in den Hochschulgesetzen zu finden ist: Frauen sollen „unter Beachtung des Vorrangs von Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung“ gefördert werden. [3] Fraglich ist allerdings, ob eine solche Regelung überhaupt durchsetzbar ist, da der Vergleich zwischen zwei Bewerbern ja niemals nur von vollkommen objektiven Faktoren (wie der Anzahl an Publikationen), sondern auch von schwerer definierbaren Kriterien (wie Softskills, Passung zwischen Stelle und Bewerber) abhängt.

„Erfolgreiche Forschung hängt häufig von einem oder wenigen ganz bestimmten brillanten Köpfen ab, die in ihren Fachbereichen nicht von einer anderen Person ersetzt werden können.“

Gerade im wissenschaftlichen Bereich ist es aber so, dass genau diese individuellen, kaum vergleichbaren Leistungen das Fundament des Fortschritts bilden. Erfolgreiche Forschung hängt häufig von einem oder wenigen ganz bestimmten brillanten Köpfen ab, die in ihren Fachbereichen nicht ohne Weiteres von einer anderen Person ersetzt werden können, sei diese Person auch noch so qualifiziert. Jegliche Regelung, welche die Auswahl eines solchen Wissenschaftlers einschränken würde, kann nicht im Sinne der Weiterentwicklung der Wissenschaft und deren Folgen für die Gesellschaft sein.

Unabhängig davon gibt es einen ganz banalen Grund dafür, warum die Durchsetzung einer Frauenquote der Unterrepräsentation von Frauen in höheren wissenschaftlichen Positionen nicht zwangsläufig entgegenwirken würde: Frauen bekommen Kinder. Und das fällt zeitlich meist mit der Qualifikation für diese Positionen, beispielsweise der Juniorprofessur, zusammen. An den biologischen Gegebenheiten wird ganz sicherlich auch die Einführung einer Frauenquote nichts ändern und ob sich eine Frau entscheidet, die Doppelbelastung Karriere und Familie auf sich zu nehmen, hängt davon ab, wie gut die Vereinbarkeit dieser Lebensbereiche funktioniert. Genau hier ist es Aufgabe der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Frauen ermöglichen, Familiengründung und Arbeit vereinbaren zu können, ohne dabei eines von beidem vernachlässigen zu müssen. Vor allem die finanzielle Unterstützung der Wissenschaftlerinnen und der flächendeckende Ausbau von Kindertagesstätten sind dabei von entscheidender Bedeutung. Das ist nun aber ein anderes Thema und für mich stellt sich die Frage, ob Zeit und Energie, die in endlose Debatten um die Frauenquote gesteckt werden, nicht besser in konkrete Lösungsvorschläge zu diesem Thema investiert werden könnten.