24.06.2019

Ja zum Wüsten-Rasen

Von Stefan Chatrath und Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Marit Langschwager (maritlangschwager.de)

Wieder einmal steht die FIFA-Vergabe der Fußball-WM 2022 nach Katar in der Kritik. Die altbekannten Bedenken können jedoch nicht überzeugen.

Vergangene Woche wurde der ehemalige Fußball-Weltstar Michel Platini von der französischen Polizei in Gewahrsam genommen und verhört. Bei der mehr als 15-stündigen Vernehmung ging es laut Medienberichten in erster Linie um die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2022 nach Katar. Als Chef des europäischen Fußballverbandes UEFA war Platini 2010 einer von 22 Stimmberechtigten und somit direkt in die Entscheidung involviert. Die französische Finanzstaatsanwaltschaft geht davon aus, dass Korruption im Spiel war.

Katar die WM zu entziehen, wäre rechtlich möglich, sofern sich der Korruptionsverdacht erhärtet. Dieses Szenario gilt jedoch – allein schon aus praktischen Gründen – als sehr unwahrscheinlich. Dennoch ist die Festnahme von Platini Wasser auf die Mühlen derjenigen, die von Anfang gegen die Ausrichtung der Fußball-WM in Katar waren. Es war eine bunte Koalition von Kritikern, die sich nach der Entscheidung des FIFA-Exekutivkomitees formierte. Sie reichte vom damaligen DFB-Chef Theo Zwanziger bis zum amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Doch die Argumente gegen die „Wüsten-WM“ waren schon damals schwach, und sie sind seither nicht überzeugender geworden.

Im Wesentlichen lassen sich die Einwände in die folgenden drei Kategorien einteilen:

1. „Es ist zu warm.“

Dieses Argument ist wohl das unsinnigste, denn Katar hat bereits mehrere Sportgroßevents ausgerichtet. Im Dezember 2006 fanden in Katar die Asienspiele statt, die in etwa so groß sind wie die Olympischen Sommerspiele. 9500 Sportlerinnen und Sportler traten damals in 39 Sportarten gegeneinander an. Im Januar 2011 war Katar Gastgeber der Fußball-Asienmeisterschaft, an der 16 Nationalmannschaften teilnahmen. Die Veranstaltungen, da Freiluft-Wettbewerbe, wurden aus klimatischen Gründen bewusst in den Winter gelegt. Auch die Fußball-WM 2022 wird nun im Winter stattfinden, genauer gesagt vom 21. November bis zum 18. Dezember. Warum auch nicht? Eine Fußball-WM muss nicht zwangsläufig im europäischen Sommer stattfinden wie bisher. Laut WetterKontor liegt die Monatsmitteltemperatur im nun festgelegten WM-Zeitraum zwischen 15,0 und 29,5 °C. Es dürfte also nicht heißer werden als an einem europäischen Sommertag. Ohnehin sollen sämtliche Stadien mit Kühlungssystemen ausgestattet werden.

Die Klagen über die angeblich unangemessene Wüsten-WM klingen vertraut. Ähnliche Töne prägen seit Jahren die Debatte über das chinesische „Turbowachstum“ oder die „extravaganten“ Bauvorhaben Dubais. Letztlich sind wir hier wohl Zeuge einer neuen Form von Neokolonialismus, indem Menschen aus dem zunehmend fortschrittsfeindlichen Europa nicht-westliche Länder dafür rügen, dass sie ambitionierte Ziele verfolgen.

2. „Katar hat keine Fußballtradition.“

Auch dieser Einwand läuft mittlerweile ins Leere. Tatsächlich ist der katarische Fußball in den letzten Jahren immer stärker geworden. 2014 gewann die katarische Nationalmannschaft zum dritten Mal den Golfpokal, einen Fußball-Wettbewerb der acht Nationen, die am Persischen Golf angesiedelt sind. Im Februar dieses Jahres wurden die Katari dann sogar Fußball-Asienmeister, als sie im Finale Japan mit 3:1 schlugen. Nun, eine Fußball-Großmacht wird Katar (derzeit Platz 55 in der FIFA-Weltrangliste) auf absehbare Zeit wohl nicht werden. Aber das ist Russland (derzeit Rang 43) auch nicht. Dennoch kam bei der WM-Vergabe nach Russland niemand auf die Idee, zu behaupten, dass das Land „wenig mit Fußball“ zu tun habe und die WM dorthin gehöre, „wo Fußball geliebt und gelebt wird“.

Die beliebte Erzählung von den eitlen Scheichs, die sich eine WM „gekauft“ haben, verkennt, dass die Katari tatsächlich ein äußerst ungewöhnliches Konzept bei der FIFA einreichten: Die Fußball-WM findet normalerweise in einem Land auf 12 Städte verteilt statt. 2026 sind es sogar drei Länder, neben den USA noch Kanada und Mexiko, die sich die Fußball-WM teilen. In Katar hingegen sind 10 der Stadien in einem 30-Kilometer-Umkreis gelegen. So etwas hat es noch nie gegeben. Fast alle Mannschaften und Fans werden während der WM an einem Ort sein. Die Fußball-WM wird daher wohl eher Olympischen Spielen ähneln: ein Fest des Sports an einem zentralen Ort, wo die Menschen aus der ganzen Welt sich begegnen. Es gab ursprünglich sogar den Plan, so etwas wie ein Olympisches Dorf zu bauen, was dann später verworfen wurde – eigentlich schade. Jedenfalls: 2022 wird es sicherlich etwas ganz Besonderes.

„Die Entscheidung für Katar muss auch als das Ergebnis einer globalen Machtverschiebung im Weltfußball verstanden werden.“

Das bestätigen auch die deutschen Handballer, mit denen Stefan Chatrath 2015 anlässlich der Handball-WM in der katarischen Hauptstadt Doha sprach: Die Spieler sagten, dass dieses Turnier aus ihrer Sicht „außergewöhnlich“ sei. So hätten sie z.B. an der Eröffnungsfeier teilnehmen können, was normalerweise nur bei Olympischen Spielen möglich wäre. Es fühle sich hier außerdem eher „wie auf einem Klassentreffen“ an, da alle Teams einer Vorrundengruppe in einem Hotel untergebracht seien, wodurch die Spieler aller Nationen sich ständig begegnen und austauschen würden. Das hätte eine „angenehme, offene Atmosphäre“ geschaffen, die es sonst so nicht gebe.

Letztlich muss die Entscheidung für Katar auch verstanden werden als das Ergebnis einer globalen Machtverschiebung im Weltfußball. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Ausrichtung einer Fußball-WM bis 1990 eine ausschließlich europäische und südamerikanische Angelegenheit war. Bis 1982 gab es zudem kaum Teilnehmer aus Afrika oder Asien. Gezielt trieb die FIFA seitdem die weltweite Öffnung voran. Sepp Blatter, erst Generalsekretär, später FIFA-Präsident, machte es zu seiner Mission, den Fußball „in die Welt zu bringen“. Die Weltmeisterschaften in den USA (1994), Japan und Südkorea (2002) sowie Südafrika (2010) waren die vorläufigen Höhepunkte dieser Neuausrichtung. Die Kritiker der WM-Vergabe nach Katar müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht vielleicht einfach schlechte Verlierer sind, die um jeden Preis die Vormachtstellung des europäischen Fußballs erhalten wollen.

3. „Katar ist unsicher und ein Schurken-/Ausbeuterstaat.“

Tatsächlich ist Katar eine absolute Monarchie, deren Gesetzgebung maßgeblich von der islamischen Scharia bestimmt wird. Die Tatsache, dass der palästinensische Terroristenführer Chalid Maschal in Katar im Exil lebt, legt nahe, dass das Regime bereit ist, gewaltbereite, radikalislamische Kräfte zumindest zu dulden. So erklärt sich auch die diplomatische Krise, in der sich Katar aktuell befindet: Saudi Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Ägypten und einige andere Staaten werfen der Regierung Katars vor, islamistische und dschihadistische Gruppen zu unterstützen. 2017 brachen sie daher die diplomatischen Beziehungen ab und schlossen ihre Grenzen zu dem Land. Das Wirtschaftsembargo könnte nun nach Einschätzung von Experten einige WM-Bauprojekte verzögern und verteuern. Mit einer Eskalation hin zu einer kriegerischen Auseinandersetzung rechnet jedoch kaum jemand.

„Katar ist einer der sichersten Staaten weltweit, in dem man sich Tag und Nacht völlig frei und ohne Angst bewegen kann.“

Ansonsten ist Katar einer der sichersten Staaten weltweit, in dem man sich Tag und Nacht völlig frei und ohne Angst bewegen kann. Das ist außerhalb Europas und Nordamerikas nicht gerade selbstverständlich. In der gesamten Geschichte des Landes gab es glücklicherweise bislang erst einen islamistischen Terroranschlag. 2005 explodierte eine Autobombe, wobei ein Mensch getötet und zwölf verletzt wurden. Die Katar-Kritiker können nicht erklären, inwiefern eine Fußball-WM in Katar unsicherer wäre als etwa die darauf folgende 2026 in Mexiko, einem Land, zu dem das Auswärtige Amt aktuell schreibt: „Die Sicherheitslage in weiten Teilen Mexikos verschlechtert sich stetig. Gewaltdelikte, als Folge der hohen, zunehmenden und weit verbreiteten Allgemeinkriminalität sind an der Tagesordnung […]. Zuletzt wurden gehäuft Vorfälle, auch Entführungsversuche, in der Metro von Mexiko-Stadt bekannt.“

Die Situation der Arbeitsmigranten im Land ist sicherlich problematisch. Sie stellen gut 95 Prozent der Arbeitskräfte des Landes. Hier hat es allerdings in den letzten Jahren einige Reformen gegeben. So ist 2017 ein Arbeitsschutzgesetz erlassen worden, das u.a. die maximale Arbeitszeit pro Tag und Woche begrenzt.

Bei aller berechtigten Kritik an der Gesellschaftsordnung Katars (oder des Nahen Ostens im Allgemeinen) bleibt unklar, warum ausgerechnet ein FIFA-WM-Bashing die Situation verbessern sollte. Es ist richtig, säkulare, demokratische und freiheitliche Kräfte im Nahen Osten stärken zu wollen. Aber stehen die gängigen Argumente gegen die WM-Vergabe nach Katar nicht im Widerspruch zu einem humanistischen, universalistischen Anspruch? Letztlich scheinen sich viele Menschen in Deutschland vor allem von einem Bauchgefühl leiten zu lassen: Die Fußball-WM gehöre einfach nicht nach Katar. Das Ergebnis ist eine sich aufklärerisch gerierende Debatte, die jedoch in Wahrheit von Un- und Halbwissen, westlichem Paternalismus und Vorurteilen geprägt ist. Ist es wirklich progressiv, die kühnen und interessanten Pläne der Katari ins Lächerliche zu ziehen oder ihnen die Fähigkeit abzusprechen, den Fußball zu „lieben“ und zu „leben“? Wir denken nicht.