20.04.2011

Finger weg von Eingeborenen, denn „Fortschritt tötet“

Analyse von Patrick Hayes

Der indische Stamm der Jarawa steht für westlich-romantische Vorstellungen vom edlen Wilden. Es ist nichts als antimoderne Menschenfeindlichkeit, die europäische und amerikanische NGOs dazu verleitet, ihm den Weg ins 21. Jahrhundert zu verwehren.

„Sie sind irgendwo zwischen Stein- und Eisenzeit hängen geblieben.“ Mit diesen Worten beschrieb das indische Parlamentsmitglied Bishnu Pada unlängst den Stamm der Jarawa. Ray ist der einzige Abgeordnete der Andamanen-Inseln, auf denen der Stamm lebt. Sein jüngster Vorschlag, die Jarawa einer „drastischen Modernisierungskur“ zu unterziehen – u.a. mit der Einführung der Schulpflicht –, hat heftigen Widerspruch von Organisationen und Verbänden bis Australien und Brasilien hervorgerufen.

Natürlich sollte der Staat, ganz gleich wie rückständig ihre Gebräuche und Gewohnheiten auch sein mögen, kein Recht haben, Menschen in die Moderne hineinzuzwingen. Die Geschichte staatlicher Versuche, Stämme in die moderne Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, zeigt, dass dies in der Regel zum Scheitern verurteilt ist. Rays Bestreben, den Kindern der Jarawa grundlegende Fertigkeiten wie Lesen und Schreiben beizubringen, ihnen Vorstellungen von Hygiene näherzubringen und sie mit modernen Technologien zu konfrontieren – all dies kann nur geschehen, wenn der Stamm dies auch will, keineswegs unter Anwendung von Gewalt. Jedoch ist das Ansinnen westlicher Romantiker, privilegierter Menschen also, die sich für das Sprachrohr noch unentdeckter Stämme halten, die Jarawa völlig in Ruhe zu lassen, weit schlimmer als das, was Ray vorschlägt.

Die Jarawa leben seit ihrer Zuwanderung aus Afrika vor rund 65.000 Jahren auf den Andamanen, und es gibt Anzeichen dafür, dass sie beginnen, sich der modernen Welt gegenüber zu öffnen. Jahrzehntelang lebten diese Männer und Frauen in den Wäldern, aus freien Stücken isoliert von den anderen Bewohnern der Inseln. Sie beschossen Eindringlinge mit Pfeilen oder töteten sie sogar, wenn sie in ihr Gebiet vordrangen. Heute jedoch besuchen sie andere Inseln und warten oft am Rand der Hauptverkehrsstraße, die durch ihr Gebiet führt. Hierbei bitten sie die Leute, die auf der Straße unterwegs sind, um Essen und Geschenke.

Die jüngeren Jawara-Stammesmitglieder tragen manchmal Jeans und T-Shirts, mögen gerne Süßigkeiten oder Kekse und singen manchmal sogar beliebte Bollywood-Hits. Ein Lehrer berichtete, dass zwei Jarawa-Kinder, die gesehen hatten, wie andere Kinder zur Schule gingen, gefragt haben, ob sie auch in die Schule gehen könnten. Bei einem Treffen mit Regierungsvertretern bat ein Sprecher der Jarawa kürzlich um Mobiltelefone und darum, dass Schulen eingerichtet würden.

Ray wurde heftig dafür kritisiert, dass er ankündigte, er wolle die Jarawa in die Moderne führen. Die offizielle Politik des Staates in Bezug auf den Stamm ist momentan jedoch, ihn dazu zu zwingen, in der Steinzeit zu verweilen. Im Namen des „Schutzes des Stammes“ gibt es strenge Vorschriften, die den Kontakt zu anderen Inselbewohnern oder Besuchern verhindern sollen. Schilder an der Hauptverkehrsstraße weisen Besucher an, im Gebiet der Jarawa nicht anzuhalten und den Stammesmitgliedern auch keine Nahrung und Kleidung zu geben. Im Jahre 2007 wurde auf der mittleren und südlichen Andamanen-Insel eine „Pufferzone“ von fünf Kilometern um das Stammesreservat der Jarawa eingerichtet. Es ist anderen Bewohnern der Insel untersagt, diese zu betreten, um Kontakte zwischen den Jarawa und der Außenwelt so weit wie möglich zu vermeiden.

Nachvollziehbarerweise hat diese herausgehobene Behandlung der 200 bis 300 Mitglieder des Stammes der Jarawa zu einer spürbaren Abneigung bei vielen der anderen rund 400.000 Inselbewohner geführt. So ist in den umgebenden Dörfern trotz der vorherrschenden Armut das Jagen, Fischen oder auch das Sammeln und Ernten von Früchten in dem fruchtbaren Gebiet, das zum „Jarawa Territorium“ erklärt wurde, strengstens verboten. Pläne, eine Bahnlinie zwischen den Orten Port Blair und Diglipur zu bauen, wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Stattdessen müssen sich die Inselbewohner aufs Meer hinausbegeben, um von einem Teil der Insel zum nächsten zu gelangen.

Warum nur ist die Regierungspolitik Indiens und der Andamanen darauf ausgelegt, den Inselbewohnern das Leben schwer zu machen? Den vielleicht größten Teil dieses Problems verursacht die Einmischung verschiedener westlicher Nichtregierungsorganisationen (NGO), die mit Zähnen und Klauen dafür kämpfen, dass die Jarawa von den Menschen und Gütern der modernen Welt abgeschnitten bleiben.

Steven Corry ist der Generaldirektor der einflussreichen NGO „Survival International“ (SI), die behauptet, im Namen und Interesse von Stammesangehörigen auf der ganzen Welt zu sprechen. In einem Untersuchungsbericht aus dem Jahre 2003, der von einem „Expertenkomitee“ für die Regierung von Andaman und Nicobar vorgelegt wurde und der großen Einfluss auf die Ausgestaltung der aktuellen staatlichen Politik in Bezug auf die Jarawa hat, verwarf Corry die Vorstellung, die Jarawa seien „rückständig“. Er argumentierte: „Eine derartige Vorstellung ist rassistisch und beruht auf einem ethnozentrischen Weltbild, das einer objektiven Untersuchung nicht standhält und das heutzutage auch von fast allen Wissenschaftlern verworfen wird.“ Er sagte, dass, sofern man die Jarawa zwänge „den desaströsen Kontakt zur Außenwelt“ aufzunehmen, dies „auf einen Völkermord hinausliefe, so wie er durch die UN-Konvention zur Verhinderung und Bestrafung des Verbrechens des Völkermordes definiert ist, die auch von Indien unterzeichnet worden ist.“

Die Einstellung, die Survival International gegenüber der Idee des Fortschritts vertritt, ist recht offensichtlich: Die Website der Organisation listet die Krankheiten und Leiden auf, die sie in direktem Zusammenhang mit der Moderne sieht: HIV/AIDS, Hunger, Fettleibigkeit, hohe Selbstmordraten, Suchtverhalten. Der einflussreiche Bericht von SI mit dem Titel „Fortschritt kann töten: Wie aufgezwungene Entwicklung die Gesundheit von Stammesmitgliedern gefährdet“ spricht sich gegen die Behandlung der Jarawa in modernen Krankenhäusern aus, wo sie mit Seife gewaschen und mit Kleidung versorgt würden. Nach Ansicht von SI sollte man den Jarawa keine Kleidung geben, da diese keine Tradition, was das Tragen von Kleidern angeht, hätten. Die Kleidung, die sie dann doch bekämen, sei „oftmals nicht gewaschen, wodurch Hautkrankheiten hervorgerufen“ würden.

Allerdings sind Fragen der Gesundheit nicht die einzigen Gründe, wegen derer sich Survival International dagegen ausspricht, den Jarawa Kleidung zu geben. Im Stile des Modegurus Gok Wan hat SI auch die Farben der Kleidung kritisiert, die man den Jarawa gegeben hat. In ihrem Bericht heißt es: „An einem Tag hatten wir zweimal Kontakt mit den Jarawa. Beim ersten Mal … saßen sie auf Krankenhausbetten in Kleidern, die ihnen nicht richtig passten und lächerliche Farben und Formen hatten, wobei sie ihre leeren Blicke auf die Besucher richteten. Schnitt auf eine andere Szene: In ihrer natürlichen Umgebung der Regenwälder erlebten wir sie als lebendig und voller Energie, ganz ohne Kleidung mit Säuglingen in ihren Armen und bei der Herstellung von Jagdwaffen.“

Derartige Schilderungen offenbaren eine tief sitzende Verachtung für die Moderne, wie sie von Survival International und anderen „stammesfreundlichen“ Organisationen vertreten wird. Die Jarawa stehen für ihre Vorstellung des edlen Wilden, der abgeschnitten ist von dem korrupten, von Krankheiten verseuchten Chaos, das wir Zivilisation nennen. Diese Stammesmitglieder sind offensichtlich schlauer als jene in der Dritten Welt, die dem Traum von der Moderne nachjagen. Als herauskam, dass der Stamm der Jarawa den Tsunami von 2004 unbeschadet überstanden hatte, da er sich auf höher gelegenes Terrain zurückgezogen hatte, spottete Steven Corry in einem Leserbrief an eine britische Zeitung: „Wer sind nun also die Primitiven?“ Somit scheint es offenbar an zu weit fortgeschrittener Entwicklung in den anderen Teilen Indiens und Asiens gelegen zu haben, dass mehr als 230.000 Menschen dem Tsunami zum Opfer fielen. Vielleicht wären alle Menschen in Asien glücklicher – oder zumindest noch am Leben –, wenn sie leben würden wie die Jarawa. Diese primitive Verherrlichung von Ureinwohnern, die im Einklang mit der Natur leben, klingt so stark nach James Camerons „Avatar“, dass es kaum überrascht, dass Mitglieder von Survival International inzwischen bei Protestkundgebungen als Na’vi verkleidet erscheinen. Sie erklären, dass sie den „wirklichen Avatar-Stamm“ verteidigen.

Manche Kritiker werfen den „stammesfreundlichen“ NGOs vor, dass sie die Ureinwohner wie Ausstellungsstücke in einem Museum behandeln. Und in der Tat eröffnen in den Augen dieser westlichen Gegner der Moderne Stämme wie die Jarawa nicht so sehr einen Blick zurück in das Leben der frühen Menschheit. Sie stellen für sie viel mehr ein Ideal für das heutige Leben dar. Statt die Stämme als museale Ausstellungsstücke zu bezeichnen, beschreiben sie sie als „menschliche Ökologie“ (human ecology). Die Jarawa, wie auch die Stämme der Onge und der Sentinelesen, die auch auf den Andamanen wohnen, werden wie wunderschöne, aber vom Aussterben bedrohte Blumenarten in einem sensiblen Ökosystem behandelt. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht der UNESCO schwärmte von der „Symbiose von Natur und Kultur“.

Indem sie Lobbyarbeit mit dem Ziel verrichten, die Jarawa von äußeren Einflüssen zu isolieren, beschützen die NGOs sie nicht vor einem „Völkermord“. Vielmehr verhindern sie, dass sie an der grundlegendsten aller menschlichen Aktivitäten teilhaben, und zwar am Austausch mit anderen Kulturen. Durch den Versuch, die Jarawa als „menschliche Ökologie“ zu erhalten, schränkt man den Horizont dieser Menschen ein und nimmt ihnen das Recht auf Selbstbestimmung. Man tut dies in gleichem Maße wie ein Staat, der sie einer „drastischen Anpassungskur“ unterziehen würde, so wie sie vom dortigen Parlamentsabgeordneten vorgeschlagen wurde. Survival International misst mit zweierlei Maß, wenn man einerseits sagt, niemand sei bislang in der Lage gewesen, mit den Jarawa über ihre Wünsche zu sprechen, da ja niemand ihre Sprache spreche, man aber andererseits nicht die geringsten Bedenken hat, im Namen der Jarawa zu sprechen. Hier werden sie offenbar als eine Art Bauchrednerpuppen verwendet, die man vorschiebt, um die eigenen kleinlichen und aus einer privilegierten Position heraus entstandenen Vorurteile gegen die Moderne zu verbreiten.