14.07.2017

Der IS wird verschwinden, doch die Krise bleibt

Analyse von Tim Black

Titelbild

Foto: kurdishstruggle via Flickr / CC BY 2.0

Der „Islamische Staat“ ist ein Symptom, nicht die Ursache der Konflikte im Nahen Osten.

Der sogenannte Islamische Staat steht kurz vor dem militärischen Zusammenbruch. Nach der Wiedereroberung Mossuls durch die irakische Armee fühlte sich der irakische Premierminister sicher genug, das „Ende des Lügenstaates“ zu verkünden. Eine Koalition aus arabischen und kurdischen Kämpfern unter dem Verband der „Demokratischen Kräfte Syriens“ (DKS) ist entschlossen, das einstmalige Herz des selbsternannten Kalifats, Rakka, anzugreifen. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte, haben die DKS die De-facto-Hauptstadt „komplett eingekreist“. Noch immer kämpfen und verschanzen sich geschätzte 2500 IS-Milizen in Rakka, weswegen die Einnahme der Stadt keineswegs reibungslos verlaufen wird. Dennoch rückt das Ende des Quasi-Staates nahe. In den vergangenen zwei Jahren verlor der IS etwa 60 Prozent seines Territoriums. Die Einnahmen, die der IS mittlerweile eher durch interne ökonomische Aktivität als durch Spenden erwirtschaftet, brachen in derselben Periode um 80 Prozent ein – auf gerade einmal 16 Millionen US-Dollar im Monat. Der Islamische Staat – sofern man ihn überhaupt noch als Staat bezeichnen kann – ist sowohl gebrochen als auch pleite.

Wenige werden diesen Nihilisten nachweinen. Die politischen Ansichten und das Verhalten des IS waren widerwärtig. Die Miliz nistete sich in Gegenden mit mangelnder Sicherheit und Infrastruktur ein, um diese anschließend zu terrorisieren. Doch so willkommen und verdient das Ende des IS auch ist: Sein Untergang wird die Probleme des Nahen Ostens nicht lösen. Erstens werden sich die dezimierten Kämpfer des IS zurückziehen und an anderer Stelle erneut formieren. Es wurde bereits berichtet, dass das Führungspersonal in die Stadt Majadin östlich von Rakka evakuiert wurde. Und der IS hält immer noch Stützpunkte wie Tal Afar und Huwaija entlang des Euphrats im Irak.

„Der Untergang des IS wird die Probleme des Nahen Ostens nicht lösen.“

Zweitens sollten wir uns vor Augen führen, dass der IS im Zuge des Zusammenbruchs staatlicher Strukturen im Irak entstanden ist. Die Terrormiliz hat diese Strukturen, die bis 2003 eine gewisse Stabilität in der Region gewährleisteten, jedoch nicht selbst zerschlagen. Das war die westliche Interventionspolitik. Mit der Entscheidung, den Diktator Saddam Hussein zu beseitigen, schuf der Westen ein Machtvakuum, in dem Stammes- und Partikularinteressen aufblühten. Ein Vakuum, in das externe Akteure, vom Iran und Saudi-Arabien bis zu den USA und Russland, drängten – teils aus Notwendigkeit, teils aus dem Wunsch, eigene territoriale und regionale Interessen zu verfolgen. Nach dem Sturz Husseins blieb der IS zehn Jahre lang eine unbedeutende, schwer zu fassende Gruppe. Damals noch als „Al-Kaida im Irak“ bekannt, fluktuierte ihr Glück mit der amerikanischen Truppenstärke, den Zuwendungen reicher Unterstützer aus den Golfstaaten und den weitestgehend erfolglosen Versuchen des irakischen Staates, sein Gewaltmonopol durchzusetzen.

Schon früh fiel die besondere Gewaltbereitschaft der Gruppe auf. Die ständig vom US-Militär und allerlei schiitischen Milizen unter Beschuss genommene Al-Kaida im Irak mutierte zu einer weitaus brutaleren Organisation als Osama bin Ladens Original. Berüchtigt ist der Aufruf ihres langjährigen Anführers Abu Musab al-Zarqawi, „Kreuzritterarmeen“ niederzubrennen. Das Zitat des Enthauptungsliebhabers ziert bis heute das IS-Propagandamagazin „Dabiq“.

Doch selbst als sein (wohl im Mai dieses Jahres verstorbener) Nachfolger Abu Bakr al-Baghdadi 2013 formal das Kalifat ausrief, bestimmte der IS nicht den Lauf der Ereignisse. Eher nutzte die Gruppe den Zerfall des Nahen Ostens aus. Der Arabische Frühling, der 2011 die brüchige Autorität diverser überalterter Tyrannen in Frage stellte, war der unwahrscheinliche Katalysator des IS-Aufstiegs. Unwahrscheinlich deshalb, weil viele Beobachter damit rechneten, dass der Arabische Frühling zu Demokratie und nicht zu Theokratie führen würde. Doch sobald die autokratischen Regimes bröckelten und die Einmischung westlicher Nationen, Russlands, des Irans, Saudi-Arabiens und der Türkei weitere Verwirrung stiftete, ergriff der IS die Gelegenheit. Mithilfe westlicher Rüstungsgüter, die für die fiktive „moderate Opposition“ in Syrien bestimmt waren, startete der IS im Sommer 2014 einen schlagfertigen Aufstand, der die ganze Region in Atem hielt.

„Der IS hat die Strukturen, die bis 2003 eine gewisse Stabilität in der Region gewährleisteten, nicht selbst zerschlagen. Das war die westliche Interventionspolitik.“

Aber selbst als der IS 2014 und 2015 den Höhepunkt seiner Macht erreichte, hing sein Schicksal von der unsicheren Balance der Mächte ab. Solange die türkische Regierung Grenzüberquerungen von IS-Kämpfern duldete und den größten Gegenspieler des IS, die kurdische YPG, attackierte, und solange das mächtige Russland sich, was direkte Interventionen anging, zurückhielt, konnte sich die Terrormiliz halten.

Doch dann verlagerte sich die Kräftebalance. Im Oktober 2015 schritt die russische Luftwaffe ohne Rücksicht auf Kollateralschäden ein. Auch die Türkei, die einige Male vom IS angegriffen wurde, wandte sich gegen ihren Quasi-Partner. Als dann auch noch die von den USA gestützte irakische Armee und schiitische Milizen gegen den IS vorgingen, war sein Ende schnell besiegelt.

Mit dem Untergang des Kalifats werden sich die Feindseligkeiten, die die Region seit gut 20 Jahren zerreißen, jedoch nicht einfach legen. Sie werden fortbestehen und sich auf unberechenbare Weise weiterentwickeln. Die Kurden, die große, ehemals vom IS kontrollierte Gebiete in Nordost-Syrien eingenommen haben, werden in einen Konflikt mit syrischen Regierungstruppen und mit der Türkei geraten, die keinen kurdischen Kleinstaat an ihren Grenzen haben will. Die zahlreichen islamistischen Gruppierungen, die von den USA und anderen unterstützt werden, werden weiterhin örtlich nach der Macht greifen.

„Der islamistische Terror wird nicht an den Ufern des Euphrats besiegt werden.“

Global gesehen werden sich die westlichen Verbündeten der Kurden in einem Konflikt mit dem NATO-Mitglied Türkei befinden. Der Westen wird weiterhin das syrische Assad-Regime bekämpfen, welches das eigentliche Ziel seiner militärischen und politischen Intervention war, bevor der IS die Bühne betrat. Das bedeutet, dass sich die westlichen Staaten auch in einem Konflikt mit Assads internationalen Verbündeten Russland und Iran befinden werden. Mit anderen Worten: Auch nach dem Niedergang des IS werden externe Akteure um Vorherrschaft kämpfen und die Region destabilisieren. Die islamistische Terrormiliz wird verschwunden sein. Aber die Ursachen für ihr Entstehen nicht.

Und was ist mit dem vom IS inspirierten Terrorismus? Welche Auswirkung wird der Untergang des Islamischen Staats auf diejenigen haben, die in seinem Namen morden?
Kaum eine, so schlimm es auch klingen mag. Die Verbindung zwischen den Bombenlegern, Messerstechern und Amokläufern, die in Paris oder Manchester töten, und dem IS als quasi-staatlicher Einheit in Syrien und Irak, war immer schwach. Das Verschwinden des gegenwärtigen Kalifats wird nicht die zerstörerischen Träume all jener dämpfen, deren Abscheu gegenüber dem Westen größer ist als jede Liebe für irgendwelche Orte, die sie wahrscheinlich nur mit Mühe auf einer Karte finden würden. Das liegt daran, dass sich der IS an zornige, narzisstische junge Männer in London, Berlin oder Paris richtet. Die Zielgruppe ist dieselbe wie die von Al-Kaida, mit dem Unterschied, dass die nihilistische Botschaft nicht im Nahen Osten, sondern in westlichen Gesellschaften verbreitet wird. Gesellschaften, die nicht mehr an ihre eigenen Grundwerte glauben und sogar die Kritiker dieser Werte bestärken. Die ihre Dekadenz, Sinnkrise und Ziellosigkeit offen zur Schau stellen.

Damit will ich nicht sagen, dass der bevorstehende Zusammenbruch des Islamischen Staates kein Grund zur Freude wäre. Das ist er. Doch die Ursachen dafür, dass der Nahe Osten aus den Fugen geraten ist, können nicht in Rakka gefunden werden. Und der islamistische Terror wird nicht an den Ufern des Euphrats besiegt werden.