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Wachstumskritik: Ist Geld der Ursprung allen Übels?

Von Brendan O’Neill

Heute halten viele Geld für „böse“. Brendan O’Neill, Chefredakteur des britischen Novo-Partnermagazins Spiked, widerspricht. In der Abneigung gegen Geld zeigt sich die Ablehnung von materiellem Wohlstand und Wachstum. Geld ist nicht der Ursprung allen Übels – die Armut ist es.


Ich muss immer lachen, wenn unbelebte Dinge als böse beschrieben werden. Man erlebt das ständig in unserer Zeit. Junk-Food ist offensichtlich „böse“; es zerstört das Leben unserer Kinder. Messer sind ebenso böse, laut denen, die sich über „Messergewalt“ sorgen. Schusswaffen sind generell als böse, zerstörerische Objekte anzusehen, die angeblich ganze Nationen ruinieren können.

Es wirkt geradezu mittelalterlich, unbelebten Dingen, die kein Empfinden und keine Moral besitzen, die Eigenschaft des Bösen zuzuschreiben.

Am häufigsten wird dies über Geld gesagt. Es ist anscheinend der Ursprung allen Übels -  eine böse Macht, die Menschen manipuliert und sie in die Irre führt. Ist das wirklich so? Geld ist nur ein Gegenstand, ein Medium für Tauschprozesse. Kann es für böse Zwecke benutzt werden? Natürlich. Ein Mensch, der sein Geld für Waffen ausgibt, um damit Unschuldigen zu schaden, nutzt sein Geld für einen bösen Zweck. Es ist aber der Mensch, der Böse ist, und nicht sein Geld.

Heutzutage ist die uralte religiöse Vorstellung, Geld sei der Ursprung allen Übels, ein Mittel, um materielle Wünsche, etwa mehr Wohlstand und Reichtum, ja nach einem besseren, einfacheren und reicheren Leben, zu verurteilen. Die Verachtung des Geldes ist in Wirklichkeit die Verachtung des ganz normalen menschlichen Wunsches mehr und schönere Dinge zu besitzen.

„Gegen Geld und Wachstum zu sein können sich nur die Wohlhabenden leisten.“

Es ist bezeichnend, dass es stets diejenigen mit Geld sind, die es am meisten verfluchen. Gegen Geld und Wachstum zu sein können sich nämlich nur die Wohlhabenden leisten.
Man betrachte etwa die soziale Zusammensetzung der Occupy-Bewegung. Bei jedem meiner Besuche im Londoner Occupy-Camp stach mir der Kontrast zwischen den Mittelschicht-Aktivisten mit genug Zeit und finanziellen Mitteln für monatelanges protestieren und den Bankern und Wertpapierhändlern aus der Arbeiter-Klasse ins Auge, die jeden Morgen am Camp vorbeiliefen - Leuten wie meinem Bruder, der als Händler in der Londoner City arbeitet. Es gibt eine lange Tradition von „wideboys“ (also aus Arbeiterfamilien stammenden Aufsteigern), die nach London gehen, um viel Geld zu verdienen, und nun von den „Mittelschicht-Okkupieren“ für diese Frechheit (nach Geld und einem besseren Leben zu streben) verachtet und getadelt werden.

In den Protestcamps der Occupy-Bewegung kommt ein verbreitetes Vorurteil innerhalb der modernen Linken zum Vorschein. Irgendwann am Ende des 20. Jahrhunderts wurde aus einer Linken, die ursprünglich für mehr Wachstum und Wohlstand für alle stritt, eine Linke, die sich gegen Wachstum, Wohlstand und „Gier“ richtet, und jeden verurteilt, der für sich selbst mehr materiellen Wohlstand erreichen möchte.

Anfang der 1980er wurde das sehr deutlich. Dies war die Zeit – also zu Beginn der Thatcher-Ära in Großbritannien - als aus sogenannten Linken explizite Wachstums- und Wohlstandsgegner wurden. Sie richteten ihren Zorn auf alle, die angeblich durch den „neoliberalen“ Markt-Fundamentalismus einer Gehirnwäsche unterzogen wurden: Aufsteiger, Yuppies und die nur am Konsum interessierte Arbeiterklasse.

„Der wahre ideologische Sieger der 1980er war die Vorstellung, dass Wachstum zerstörerisch, Gier verwerflich und materielle Wünsche primitiv sind.“

Es waren im Wesentlichen genau diese Vorurteile gegen Wachstum und materielle Sehnsüchte, die das Erbe der 1980er-Jahre ausmachen. Der wahre ideologische Sieger der 1980er war nicht die „neoliberale“ Wirtschaftpolitik von Leuten wie Thatchers oder Reagan – es war vielmehr eine ganz bestimmte Antiposition gegenüber dieser Politk, nämlich die Idee, dass Wachstum zerstörerisch, Gier verwerflich und materielle Wünsche primitiv sind.

Dieses Vorurteil lässt sich heutzutage überall beobachten: in der Grünen-Bewegung, in den Occupy-Protesten, in Kampagnen für „nachhaltiges Wachstum“ in der Dritten Welt, in Regierungsverlautbarungen, wonach Glück wichtiger sei als Wachstum… Eine der wichtigsten Ideologien unserer Zeit propagiert, dass Wachstum, menschliche Begierden und Sehnsüchte sowie Geld per se schlecht sind und dass wir uns glücklich in unser Schicksal fügen sollten.

Diese Vorstellung ist nun so populär, dass sie Thema eines der größten Pophits unseres jungen Jahrtausends wurde. In dem unglaublich beliebten Lied „Royals“ wettert die nette, weiße, Mittelschicht-Sängerin Lorde gegen den Reichtum und die primitiven Wünsche von schwarzen Rappern. Und wieder einmal werden diejenigen, die nicht in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen sind und sich nach einem besseren Leben sehnen, von jemandem Wohlhabenden verspottet – ein Sinnbild dafür, was heutzutage als „linke“ Politik durchgeht.

 

„Geld ist nicht der Ursprung allen Übels – die Armut ist es.“

Im Kern steckt hinter der kindlichen Vorstellung, Geld sei etwas Böses, die Forderung, dass alle Menschen lernen sollten, mit weniger zu leben. Es geht darum mit Wirtschaftswachstum und der Generierung von Wohlstand aufzuhören. Wir werden heute permanent vor den offensichtlich schlechten Folgen des Wirtschaftswachstums gewarnt – es schade der Umwelt, es bringe Leute dazu unzufrieden mit ihren Lebensumständen zu sein, und so weiter.

Was aber sind die Folgen der Ablehnung des Wachstumsideals in westlichen Gesellschaften? Die Folgen sind unendlich schlimmer als ein bisschen Umweltverschmutzung in China. Die implizite Folge dieser Anti-Wachstums-Haltung ist die Verurteilung von Milliarden von Menschen zu einem kurzen, harten, von Krankheiten geplagten, unbefriedigenden Leben, weil große Teile der Welt weiterhin unterentwickelt und qualvoll arm bleiben würden. Das ist, meiner Meinung nach, um einiges schlimmer als Gier oder der Klimawandel oder was auch immer angeblich durch Wirtschaftswachstum verursacht wird. Um George Bernard Shawn zu zitieren: Geld ist nicht der Ursprung allen Übels – die Armut ist es.

Aus dem Englischen von Fabian Lauterbach.


Brendan O’Neill ist Chefredakteur des britischen Novo-Partnermagazins Spiked. Der Artikel ist zuerst auf Brendan O’Neills Internetseite unter dem Titel „Is money the root of all evil?“ erschienen. Es handelt sich um die überarbeitete Fassung einer Rede, die Brendan O’Neill im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung auf dem City of London Festival am 25. Juni 2014 hielt.

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31.07.2014 | Permanenter Link |

Kategorie(n): Essay

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