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CSR: Opportunismus statt Verantwortung

Von Sascha Tamm

Unternehmen tragen in einer Marktwirtschaft Verantwortung gegenüber ihren Eigentümern, Kunden, Lieferanten oder Mitarbeitern, aber nicht gegenüber der Gesellschaft. Sascha Tamm kritisiert die Maximen der Corporate Social Responsibility.


Verantwortung ist untrennbar mit Freiheit verbunden. Nur dann, wenn Menschen für die Folgen ihres Handelns einstehen, können sie ihr Leben selbständig gestalten, mit anderen Menschen interagieren und somit dauerhaft friedlich zusammenleben. Folglich verdienen Schritte, die die Verantwortung stärken, Unterstützung. Auch CSR – Corporate Social Responsibility – mit der sich die Unternehmen zu einer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft im Hinblick auf ökologische und soziale Auswirkungen ihres Handelns verpflichten, könnte damit auf den ersten Blick begrüßenswert sein.

Doch wie so oft im politischen Raum und in der öffentlichen Debatte gilt: Nicht alles, dem ein wohlklingendes Label angeheftet und eine positive Bewertung zugeschrieben wird, verdient diese auch. Für Unternehmen ist es existenziell, die Wünsche ihrer Kundschaft zu erkennen und die entsprechenden Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Neben die nützliche Funktion treten Wertvorstellungen der Kunden, welche die Kaufentscheidung ebenfalls beeinflussen. Um ihre Produkte absetzen zu können, müssen die Unternehmen genau verfolgen, welche Wertvorstellungen die Kaufentscheidungen beeinflussen. Es ist nicht immer so, dass etwa die Bewertung der Arbeitsverhältnisse direkt auf die Kaufentscheidungen durchschlagen, doch die Bedeutung derartiger „wertbezogener“ Entscheidungen nimmt zu. Unternehmen müssen sich daran ausrichten, wenn sie ihre Kunden erreichen wollen.

Wenn viele Menschen ihren Wertvorstellungen gemäß Lebensmittel kaufen wollen, in denen keine Bestandteile „genmanipulierter“ Pflanzen oder „chemische“ Zusatzstoffe enthalten sind oder am besten nichts von beiden, gibt es starke Anreize dafür, derartige Produkte anzubieten. Das gilt auch im Fall von Anforderungen, die an die Herstellungsweise von Gütern gestellt werden. Waren erhalten für viele Menschen ein positives Image oder einen größeren Nutzen, wenn sie mittels Strom von Windrädern und Solarpanels hergestellt wurden oder wenn sie „fair“ gehandelt werden. All das spricht aus unternehmerischer Hinsicht dafür, sich Meinungstrends und gesellschaftlichen Bewertungen immer wieder anzupassen – ganz unabhängig davon, ob man die damit verbundenen Wertungen teilt oder nicht.

„Darin, dass ein CSR-gerechtes Verhalten als ethisch besonders wertvoll gilt, liegt eine reale Gefahr für die Freiheit“

Ein derartiges opportunistisches Verhalten, das auf dem Bedienen von Kundenwünschen beruht, ist eine rationale Geschäftspolitik. Aus ethischer Sicht ist diese Anpassung ähnlich zu bewerten, wie die sogenannte Compliance, die das Befolgen gesetzlicher Regeln in der gesamten Tätigkeit eines Unternehmens umfasst. Allerdings ist auch Compliance nicht in jedem Einzelfall ethisch gerechtfertigt. Sie kann wie jede handlungsleitende Maxime zum Gegenstand einer allgemeineren ethischen Bewertung werden. Selbst in demokratisch verfassten Gesellschaften kann es, wenn auch in seltenen Einzelfällen, sehr gute Gründe geben, gegen Gesetze zu verstoßen.

Gefahren der CSR

Zwischen den Anforderungen aus gesetzlichen Regelungen und denen, die CSR stellt, besteht ein gravierender Unterschied: Gesetzliche Regelungen, Vorschriften und Regulierung kommen in einem klar definierten Verfahren zustande. Sie sind in demokratisch legitimierter Weise zustande gekommen, unterliegen rechtsstaatlicher Kontrolle und den Beschränkungen der Verfassung des jeweiligen Landes. All das gilt für die Normen und impliziten Regeln, die CSR konstituieren, nicht. Sie werden von Akteuren formuliert und unterstützt, die weder demokratisch legitimiert sind noch für die Folgen der Umsetzung ihrer Wertmaßstäbe die Verantwortung übernehmen.

„Die Tendenz, eigene Wertentscheidungen einfach und kostengünstig durch die Orientierung an Mehrheitsbewertungen oder das Befolgen von gerade bei Medien und Meinungsführern populären Entscheidungskriterien zu ersetzen, erodiert individuelle Wertentscheidungen“

Darin, dass ein CSR-gerechtes Verhalten als ethisch besonders wertvoll gilt und von Seiten der Politik und großer Teile der Öffentlichkeit gefördert und gefordert wird, liegt eine reale Gefahr für die Freiheit, denn diese beruht auf einer Ordnung, die individuelle Freiheit ermöglicht und schützt. Sie beruht darauf, dass Menschen immer wieder in einer Weise handeln können, die von der Mehrheit nicht gebilligt oder unterstützt wird. Sie beruht auch darauf, dass Unternehmer ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Sie beruht auf der Möglichkeit eigener moralischer Maßstäbe und Bewertungen, individueller Abwägungen von Gut und Böse, von Nutzen und Schaden des eigenen Handelns.

Hier könnte eingewandt werden: Für all das ist CSR kein Problem – es beruht ja auf dem Prinzip der Freiwilligkeit, wie immer wieder betont wird [1].  Doch dieser Einwand ist oberflächlich: Die Vorstellung einer „gesellschaftlichen Verantwortung“ formuliert eine Unternehmensverantwortung gegenüber unklaren Adressaten, denn es ist nicht klar, wer die Gesellschaft repräsentiert. Zudem bleibt unklar, wie weit Unternehmen ihren ökonomischen Erfolg für soziale oder ökologische Zielsetzungen relativieren sollen. Daher bewegen sich die Unternehmen mit der Akzeptanz von CSR auf sehr unsicherem Terrain, denn es bleibt den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen überlassen, sich als Stellvertreter der Umwelt oder von gesellschaftlichen Gruppen zu gerieren und ökologische oder soziale Forderungen zu stellen.

Die Unternehmen zwingt dies umgekehrt, eine strikte Risikovorsorge zu betreiben, um möglichst nicht Gefahr zu gehen, in negativer Weise an ihrer Aussage, gesellschaftlich verantwortlich zu agieren, gemessen werden zu können. Dies kann ihnen etwa den Vorwurf des „Greenwashing“ einbringen, also nicht den Ansprüchen gerecht zu werden, an denen sie sich selbst messen wollen oder die selbsternannte Anspruchsgruppen einfach definieren. Der Druck auf die Unternehmen, sich dem zu beugen, ist enorm, denn die politische Unterstützung von CSR ist sehr groß; Initiativen auf nationaler und europäischer Ebene sind gut finanziert und hoch angebunden. Davon geht Druck auf die Unternehmen aus, sich CSR-gemäß opportunistisch zu verhalten. Doch die Tendenz, eigene Wertentscheidungen einfach und kostengünstig durch die Orientierung an Mehrheitsbewertungen oder das Befolgen von gerade bei Medien und Meinungsführern populären Entscheidungskriterien zu ersetzen, ist in einem allgemeinen Sinne freiheitsgefährdend – sie erodiert individuelle Wertentscheidungen.

„Was uns als gesellschaftliche Meinung verkauft wird, ist immer die Meinung bestimmter Gruppen“

Dabei beschreiten die Europäischen Institutionen zudem den Weg, CSR zu einer unternehmerischen Pflicht zu machen und damit die unternehmerische Freiheit einzuschränken. So beschloss das Europäische Parlament in diesem Jahr die CSR- Berichtspflicht für viele Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern. Dies führt in Richtung einer weiteren Vergesellschaftung, Politisierung und Entindividualisierung von Verantwortung.

Bei einer Kritik der „Social“, also gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen, muss man nicht so weit gehen wie Margaret Thatcher, die behaupte, es gäbe überhaupt gar keine Gesellschaft („There is no such thing as society“), um zu sehen, dass das, was uns als gesellschaftliche Meinung verkauft wird, immer die Meinung bestimmter Gruppen ist. Eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, also irgendwie gegenüber „allen“, wird in der Öffentlichkeit gern und oft erfolgreich suggeriert. Gerade sogenannte Nichtregierungsorganisationen (NGOs) gerieren sich hierbei als Vertreter der Gesellschaft und üben so in vielen Fragen Druck auf Unternehmen aus. Doch sie sind für ihr Handeln nicht verantwortlich – sie tragen seine Folgen nicht.

Im Namen einer diffusen, übergeordneten Verantwortlichkeit werden unternehmerische Entscheidungsfreiheit und Verantwortung eingeschränkt. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, von welchen Interessen diese Gruppen geleitet werden. Entscheidend ist, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Meinungen vorherrschen und für viele Menschen handlungsleitend sind. Daraus folgt jedoch nicht, dass sie in einer besonderen Weise vernünftig oder moralisch wertvoll sind. Dass beispielsweise eine Mehrheit der Deutschen für den Mindestlohn, gegen die Spekulation mit Getreide und anderen Rohstoffen für die Nahrungsmittelherstellung oder gegen gentechnische Forschung ist, hat keinen ethischen Eigenwert. Es macht die Argumente für oder gegen die jeweiligen Handlungen nicht stärker oder schwächer. Das einfache Befolgen der „gesellschaftlichen“ Meinung ist also kein Ausdruck eines besonders hohen Verantwortungsbewusstseins.

Wer trägt die Verantwortung?

Responsibility, also Verantwortung beinhaltet als wesentlichen Bestandteil die Zuordenbarkeit von Handlungen und ihren Folgen. Den Nutzen und den Schaden von Entscheidungen haben immer einzelne Menschen oder klar definierte Kollektive. Verantwortung beruht darauf, dass diejenigen, die Entscheidungen maßgeblich treffen und diejenigen, die von ihren Folgen profitieren beziehungsweise unter ihnen leiden, so weit wie möglich identisch sind.

Das Konzept CSR sorgt im Gegensatz dazu für eine Diffusion der Verantwortung. Es führt dazu, dass sich diese Zuordnung im Nebel der allumfassenden Gesellschaft auflöst. Diejenigen, die gegen die sogenannte Nahrungsmittelspekulation protestieren und ein gesellschaftliches Klima schaffen, das Unternehmen dazu bringt, sich aus diesem Geschäftsbereich zurückzuziehen, haften nicht für die Folgen. Diese können ihnen somit ziemlich egal sein – ihre handlungsleitenden Maximen sind andere.

Nicht nur der Gegenpart der Verantwortung und Lieferant von Wertmaßstäben, die Gesellschaft, ist ein nebulöses und Verantwortung erschwerendes Konstrukt. Auch das Unternehmen selbst, der Träger der Corporate Social Responsibility, ist problematisch – wenn auch in nicht so starken Maße wie die Gesellschaft. Doch die Tendenz der Entmachtung der eigentlichen Träger von Verantwortung, der Eigentümer, manifestiert sich auch hier. Eigentümer sind diejenigen, die die Folgen von Unternehmensentscheidungen tragen – oder jedenfalls tragen sollten. Sie sollen die Wertentscheidungen treffen, die dem Handeln des Unternehmens zugrunde liegen. Ihre Rolle ist der Kern der Marktwirtschaft, ist auch der Keim von allem Neuen, von jedem Fortschritt.

Fortschritt ist selten oder nie aufgrund der Umsetzung von Mehrheitsmeinungen geschehen. Es waren oft (oder immer) diejenigen, die auf eigenes Risiko Dinge getan haben, die andere für unmöglich, gefährlich oder verwerflich hielten, die Neues ermöglicht haben, die das Leben vieler Menschen verbessert haben. CSR dagegen befördert angepasstes Denken und Handeln. Das ist nicht von vornherein schlecht. Wenn es jedoch mit politischer Unterstützung immer mehr zum Leitbild für unternehmerisches Handeln wird, ist das gefährlich. Die Stärke einer freien Gesellschaft und eines freien Marktes ist die Vielfalt, das ständige Vorstoßen in Neuland – bei Übernahme der Risiken durch diejenigen, die die Entscheidungen treffen. Das Leben mit einer Vielfalt von Wertentscheidungen mag zuweilen unbequem sein. Doch es eröffnet auch die Chance des Lernens und der Selbstverwirklichung, ohne die sich eine Gesellschaft nicht frei nennen darf.

Das Gesagte bedeutet nicht, dass „gesellschaftliche“ Debatten falsch oder schädlich sind – ganz im Gegenteil. Sie können einerseits langfristig zu politischen Entscheidungen führen, die dann im Rahmen des Rechtsstaates befolgt werden müssen, aber gleichzeitig wieder Gegenstand von Kritik sind. Sie können auch dazu führen, dass viele Menschen ihre Meinungen in einer bestimmten Weise ändern. Doch all das geht auch ohne das Konzept der Corporate Social Responsibility. Es suggeriert eine besonders wertvolle Form der Verantwortung, trägt jedoch dazu bei, dass Verantwortung von den individuellen Entscheidungsträgern gelöst und damit entwertet wird.

Unternehmen und insbesondere die Eigentümer tragen hohe Verantwortung – gegenüber ihren Vertragspartnern – seien es Kunden, Lieferanten oder Mitarbeiter – gegenüber „der Gesellschaft“ tragen sie so viel Verantwortung wie jeder andere auch – keine.


Bei diesem Artikel handelt es sich um eine Vorabpublikation aus der nächsten Novo-Printausgabe (#118 – II/2014), die am Mittwoch den 29. Oktober erscheinen wird. Sichern Sie sich bereits heute ein Exemplar  oder werden Sie Abonnent, um die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts zu sichern.

Sascha Tamm hat Philosophie, Politikwissenschaft und Physik studiert. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die politische Philosophie des Liberalismus sowie Fragen der Marktwirtschaft und der europäischen Integration.

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David Henderson: Misguided Virtue: False Notions of Corporate Social Responsibility.David Henderson: Misguided Virtue: False Notions of Corporate Social Responsibility. Bertrams Print on Demand (20. Oktober 2001).


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Anmerkungen

1Siehe dazu etwa: The European Economic and Social Committee and the Committee of the Regions: “Communication from fhe Commission to the European Parliament. A renewed EU strategy 2011-14 for Corporate Social Responsibility.”

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