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Peta: Der Tierrechte-Zirkus

Von Andreas Müller

Geht man auf die Peta-Forderung nach einem Verbot von Zirkustieren ein, müsste man logisch betrachtet auch den anderen Forderungen der radikalen Tierrechtsorganisation folgen, argumentiert Andreas Müller. Die Öffentlichkeit sollte sich gut überlegen, ob sie das wirklich möchte.


Der britische Premierminister David Cameron nannte den Einsatz von Zirkustieren eine „überholte Tradition“ [1]. In einem Brief an die Organisation Animal Defenders International versicherte er, dass ein Verbot schon geplant sei. Woran bemisst man jedoch, was eine „überholte Tradition“ ist? Man könnte ebenso die Achtung des Sabbats als überholte Tradition ansehen und diese verbieten. Oder das Fischessen am Freitag – was Peta (People for the Ethical Treatment of Animals) im Übrigen gelegen käme. Es geht also nicht um Traditionen, sondern um Tierrechte, die sich im Westen auf dem Vormarsch befinden. Die Tierrechtler und für deren Forderungen offene Regierungen beginnen ihren Verbotsfeldzug mit Zirkussen, weil Zirkusse in der Regel kleine mittelständische Unternehmen sind. Im Gegensatz zur weltweit tätigen NGO Peta haben sie keine PR-Abteilung, die die öffentliche Meinung beeinflussen kann. Im Grunde ist Peta nichts anderes als eine PR-Agentur, die Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Zirkusse sind derweil eigentlich Zirkusse.

Das Verbot von Zirkustieren ist ein globaler Trend. Die südamerikanischen Länder Bolivien, Peru, Paraguay und Kolumbien haben den Einsatz von Zirkustieren in den letzten Jahren untersagt. Im Juni 2014 ist Mexiko mit einem Verbot nachgezogen [2].  Selbst die Hasen, die Zauberkünstler einst aus ihren Hüten zauberten, müssen in Zukunft zu Hause bleiben [3]  – oder auf den Tellern der Mexikaner. Schließlich dürfen die Häschen weiterhin geschlachtet und gegessen werden, nur nicht mehr aus Hüten gezaubert. Das wäre zu grausam.

„Im Grunde ist Peta nichts anderes als eine PR-Agentur, die Öffentlichkeitsarbeit betreibt.“

Armando Cedeno, der Präsident der mexikanischen Zirkusvereinigung, sagte, dass 50.000 Zirkusangestellte ihren Beruf verlieren könnten. Was mit den Zirkustieren geschehen soll, ist völlig unklar. „Es ist unmöglich, diese Tiere in ihren natürlichen Lebensraum zurückzubringen, weil sie sterben würden“, sagte Cedeno. Trotzdem steht nun eine Strafe von umgerechnet bis zu 70.000 US-Dollar auf die Haltung von Zirkustieren in Mexiko. In vielen anderen Ländern sind Zirkustiere oder manche davon verboten. In unseren Breitengraden haben Dänemark, Belgien und Österreich den Einsatz von Zirkustieren bereits untersagt [4].  In Deutschland diskutiert man gerade über ein solches Verbot. Es erscheint unwahrscheinlich, dass ausgerechnet Deutschland bei einem Verbotstrend nicht mitmachen wird. Daher sollte auf die Logik des Zirkustierverbots hingewiesen werden, weil die Folgen abzusehen sind.

Die radikale Tierrechtsorganisation Peta fällt mehr als andere Gruppen allerorts mit Aktionen und Kampagnen gegen Zirkustiere auf. Sie gelangt damit häufig in die Medien. Es ist aufsehenerregend, wenn eine Menge halbnackter Leute auf der Straße liegt und misshandelte Tiere spielt – oder wenn Models für Tierrechte die Hüllen fallen lassen. Prominente verzichten auch gerne auf einen Pelz und weniger gerne auf ihre Yacht. Ob darum Peta von allzu vielen Menschen inhaltlich ernstgenommen wird, ist ein bisschen unklar. Verlässliche Umfragen sind rar gesät im Tierrechts-Bereich. Halbnackte Mädels, Prominente, Kunstblut und alte Horrorbilder von misshandelten Tieren sind jedenfalls keine inhaltlichen Argumente.

„Halbnackte Mädels, Prominente, Kunstblut und alte Horrorbilder von misshandelten Tieren sind keine inhaltlichen Argumente.“

Petas Ideologie ist zumindest recht konsequent. Peta fordert, dass jegliche Nutzung von Tieren durch den Menschen ein Ende finden soll. Die Organisation fordert unter anderem, dass die Massentierhaltung eingestellt wird – das wäre das Ende der modernen Fleischindustrie und somit von für breite Bevölkerungsschichten erschwinglichen Fleisches auf unseren Tellern. Sie fordert ein Ende von Tierversuchen – dies würde die Entwicklung z.B. von Medikamenten erheblich beeinträchtigen. Sie fordert das Ende der Nutzung von Tieren in der gesamten Unterhaltungsindustrie – also auch in Filmen. Die Zeiten von Tierstars wie Flipper, Lassie und dem Orkawal Willy wären dann gezählt. Sie fordert, auf das Angeln zu verzichten. Sie fordert, keine Tiere mehr zu töten, die als Schädlinge betrachtet werden – das wäre das Ende der Landwirtschaft. Und somit das Ende von vielen Milliarden Menschen. Laut Peta gibt es ohnehin keinen Grund für „menschliche Sonderrechte“. „Eine Ratte ist ein Schwein ist ein Hund ist ein Junge. Sie sind alle Säugetiere“, erklärte Peta-Präsidentin Ingrid Newkirk [5]
.  Es ist bemerkenswert, dass eine solche Organisation einen derartigen Einfluss gewinnen konnte. Vielleicht ist es das angesichts der anderen anti-humanistischen Trends unserer Zeit aber auch nicht.

Sieht man sich nun konkret die Tierhaltung in Zirkussen an, so fällt auf, dass sie mit der Tierhaltung in Zoos, in der Landwirtschaft und überall sonst vergleichbar ist, wo Tiere im Westen gehalten werden. In der Tat ist dies das Ergebnis einer großen Untersuchung zum Thema von 2007. Sie stammt von einer Arbeitsgruppe des britischen Ministeriums für Umwelt, Lebensmittel und Landwirtschaft. Für die Studie wurden Informationen von Experten der Zirkusindustrie wie auch von Tierschützern geprüft. Das Ergebnis: „Es mangelt an Nachweisen dafür, die aufzeigen, dass es in Wanderzirkussen besser oder schlechter um das Tierwohl gestellt ist als bei anderer Haltung in Gefangenschaft.“ [6]
  Für Peta stellt dies kein Problem dar. Schließlich möchte Peta die Gefangenschaft von Tieren überall beenden, auch in der Fleischindustrie und in der Landwirtschaft.

„Es stellt sich die Frage, auf welcher ethischen Grundlage man die Haltung von Zirkustieren verbieten könnte, nicht aber die Haltung von anderen Tieren.“

Für andere Menschen stellt sich die Frage, auf welcher ethischen Grundlage man die Haltung von Zirkustieren verbieten könnte, nicht aber die Haltung von anderen Tieren. Ein Argument lautet: Zirkustiere dienen angeblich nur zur Unterhaltung. Das könnte man über Haustiere wie Hunde und Katzen allerdings auch sagen. Wir brauchen nicht unbedingt Haustiere. Hobby-Angeln ist sowieso nur Unterhaltung. Viele Menschen essen Hamburger, weil ihnen langweilig ist und nicht, weil sie am Hungertuch nagen. Oder sie holen sich beim Chinesen Nudeln mit Hühnerfleisch, wenn sie in der Stadt Einkaufen gehen. Wir benötigen erheblich weniger Fleisch, um zu überleben, als die meisten von uns essen. Außerdem: Niemand muss sich Schweinchen Babe und derartige Filme im Kino ansehen. Lederschuhe brauchen wir ebenso wenig zum nackten Überleben. Ein Großteil unserer Tiernutzung ist also nicht unbedingt nötig. Also warum sollte man die Nutzung von Zirkustieren verbieten, nicht aber den ganzen Rest? Rein logisch hat Peta durchaus Recht: Wenn wir A sagen, müssen wir auch B sagen. Das wäre ein Einfallstor für weitreichendere Forderungen. 

Was außerdem gerne vergessen wird, ist die Tatsache, dass wir Menschen uns ähnlichen und größeren Strapazen aussetzen als die Tiere. Und dies für weniger „nützliche“ Zwecke, als andere Menschen zu unterhalten. Es gibt Bergsteiger, die nach jahrelangem Training, vielen Verletzungen und Unannehmlichkeiten erschöpft den Gipfel ihrer Wahl endlich bestiegen haben. Von Tieren verlangen wir keine „sinnlosen“ Tätigkeiten. Sie sind stets an menschliche Zwecke gebunden, sei es zur Nahrung, Unterhaltung, als Transportmittel oder sonstiges. Außerdem: Nicht nur die Tiere müssen mit den Wanderzirkussen längere Reisen unternehmen, sondern auch die menschlichen Darsteller. Ob die wirklich immer mehr Freilauf haben und bequemer leben als die Tiere, sei dahingestellt. Die Tiere haben aber keine Wahl, wird dann eingewendet. Nun, das liegt daran, dass Tiere keinen freien Willen haben. Sie haben von Natur aus keine Wahl. Sie folgen ihren Instinkten. Kann ein Tier „artgerechter“ seinen Instinkten folgen, wenn es in freier Wildbahn von einem Löwen gefressen wird, als wenn es sein Leben lang in einem Zirkus versorgt wird? Welche Unannehmlichkeiten sind größer?

Die weiter oben erwähnte Arbeitsgruppe der britischen Regierung forderte in ihrem Bericht vor allem eines: Klare Regeln. Einheitliche Maßstäbe, wie Zirkustiere gehalten werden müssen und wie die Einhaltung der Richtlinien kontrolliert werden soll. Tierliebhaber können viel für Tiere tun, ohne damit dem Menschen zu schaden. Man muss nicht alles gleich verbieten. Trotzdem beugen sich überall Regierungen freier Nationen den Forderungen der extremsten Tierrechtler. Es wird auf jeden Fall spannend zu beobachten sein, wohin dieser Trend führt.

Andreas Müller studiert – nach erfolgreichem Abschluss in Germanistik und Anglistik – Journalismus an der FHWS in Würzburg. Er war vier Jahre lang bei der Giordano Bruno Stiftung als Redakteur tätig. Sein neuestes Buch ist eine Übersetzung der Aphorismen von Jonathan Swift und Alexander Pope, zusammen mit Michael Wollmann: Gedanken über die verschiedensten Gegenstände.

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Anmerkungen

1Anushka Asthana: „Cameron Stands By Wild Animals Circus Ban“, Sky News online, 16.08.2014.
2Ollie Gillman: „Death of Mexico’s extreme circus: How central American country is bringing an end to 200-year-old tradition as it embraces animal rights“, Daily Mail online, 13.08.2014.
3Scharon Harding: „Another Mexico State Bans the Use of Animals in Circus Shows, Magicians May No Longer Use Rabbits, Doves“, Latin Post online, 23.08.2014.
4Peter Klebe: „Manege frei für Wildtiere: Kulturgut oder Qual“, Hessisch/Niedersächsische Allgemeine online, 28.08.2014.
5Vgl. Georg Alfes: „Für Peta sind Menschen wie Ratten“, Freie Welt online, 16.07.2014.
6Circus animal ban ‘not supported’“, BBC online, 22.08.2014.

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