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Politische Kultur: Mehr Humanismus wagen

Von Frank Furedi

Im feudalistischen England entwickelte John Milton das Bild eines mündigen Bürgers, der sich von der Obrigkeit emanzipiert. Heute wird dem Bürger das Denken durch den fürsorglichen Staat abgenommen. Ist es da nicht Zeit sich auf den Humanismus zurückzubesinnen, fragt Frank Furedi.


Gegenwärtig wird viel darüber diskutiert, wie das Leben der Menschen durch staatliche Fürsorge verbessert werden kann. Dabei überbieten sich die Parteien mit Vorschlägen, wie sie möglichst effizient auf die Bedürfnisse der Bürger eingehen. Das Heil der Bevölkerung scheint an den Fäden des Wohlfahrtsstaats zu hängen. Die Tendenz, Politik und Gesellschaft mit Regulierung und technokratischer Aufsicht gleichzusetzen, geht einher mit einer Missachtung der Mündigkeit erwachsener Menschen. Die einzige Verantwortung die man den Bürgern zugesteht, ist die, wählen zu gehen. Nach dem Ankreuzen der Kandidaten wird von ihnen erwartet, sich für die nächsten vier oder fünf Jahre zurückzuziehen und sich darauf zu verlassen, dass der Staat schon alles richten wird.

Diese Passivität widerspricht radikal der humanistischen Denktradition. Unter Öffentlichkeit versteht sie nämlich mehr als eine zufällige Ansammlung von Menschen. Vielmehr besteht sie aus Individuen, von denen jedes bereit ist, Verantwortung für sich und das Wohlergehen der Gemeinschaft zu übernehmen. Es muss also darum gehen, das Gesellschaftsleben zu revitalisieren.

Humanismus

Ursprünglich entstand der Humanismus als Antwort auf die fatalistische Kultur des europäischen Spätmittelalters. Eine der bedeutenden Errungenschaften des Humanismus ist die Einsicht, dass die Menschen nicht dem Schicksal unterworfen sind. Während der Renaissance entwickelte sich diese Idee weiter, so dass die Geschichte als Produkt menschlichen Handelns betrachtet werden durfte. Mit der Zeit wurden die Menschen sich ihrer selbst bewusst – sie waren nicht nur Objekte des Wandels, sondern konnten ihn als Subjekte selbst gestalten.

Die wachsende Bedeutung der menschlichen Gestaltungsmöglichkeit beruhte auf der Erkenntnis, dass Menschen durch Wissenserweiterung befähigt werden, die Probleme in ihren Gemeinschaften zu lösen. Vom humanistischen Standpunkt betrachtet folgt aus dieser Erkenntnis die Ermunterung zu Autonomie und Selbstbestimmung. Autonom ist die Voraussetzung für die notwendige moralische Unabhängigkeit der Bürger, um eine verantwortliche Rolle in der Gesellschaft zu spielen.

Durch die Autonomie sind die Menschen in der Lage, Verantwortung für ihr Leben und das der anderen zu übernehmen und somit eine Persönlichkeit zu entwickeln. Um moralische Unabhängigkeit pflegen zu können, ist Freiheit erforderlich, den eigenen Lebensweg zu reflektieren. So delegieren verantwortungsbewusste Bürger Entscheidungen über ihren Lebenswandel nicht an die gewählten Volksvertreter, vielmehr probieren sie ihre eigenen Ideen aus. Der darauf folgende Meinungsaustausch mit anderen verantwortungsbewussten Bürgern und ein gemeinsames Verantwortungsgefühl gegenüber der Gesellschaft ermöglichen Solidarität, die gewissermaßen das Fundament eines lebendigen Gemeindelebens ist.

Einer der ambitioniertesten Versuche den moralischen Status der Menschen zu heben und ihre Fähigkeit zum unabhängigen Urteilen zu fördern, stammt von dem englischen Denker John Milton (1608-1674). Er entwickelte das Idealkonzept des qualifizierten Lesers, des „fit reader.“ Miltons Versuch, ein Volk aktiver Lesen zu kultivieren, ist besonders wichtig in seinen Schriften vor und während des Englischen Bürgerkriegs zwischen Parlamentariern und Royalisten (1642-1651). Durch das Adjektiv „qualifiziert“ beschrieb er das Idealbild eines Lesers, der aufgefordert ist, sich selbst zu behaupten und seine Fähigkeit durchsetzt, sowohl Urteile zu fällen als auch unabhängig zu denken.

In Miltons berühmter Verteidigung der Redefreiheit, der Areopagitica, geht er näher auf die notwendige Fähigkeit des Lesers ein, rationale Urteile zu fällen. Geschrieben wurde das Werk 1644, also mitten im Bürgerkrieg. Milton zielte damit auf die parlamentarische Vorzensurverfügung von 1643, laut der Autoren ohne vorherige Genehmigung der Regierung ihre Werke nicht veröffentlichen durften. In der Areopagitica argumentiert Milton, dass durch die Zensur das Fundament einer gerechten Gesellschaft beschädigt wird, weil sie einen freien, offenen und rationalen Diskurs unterminiert. Seiner Meinung sind „fit reader“ dank ihrer unabhängigen Urteilskraft die vertrauenswürdigsten Wächter einer gerechten Gesellschaft.

„Vernunft ist nichts als Wahl“

Nach Milton ist das Gesellschaftsleben ein aktiver und herausfordernder Prozess, der die Menschen auf die Probe stellt und zum selbständigen Denken zwingt. “Fit reader“ sind diejenigen, die der „Prüfung der Bücher“ ausgesetzt sind, was bedeutet, dass sowohl das Buch den Leser als auch der Leser das Buch prüft. [1] Der Akt des Lesens und des Debattieren war direkt mit dem Akt des Nachdenkens verbunden, der wiederum eng mit dem Akt des Urteilens verwandt war. In einer der denkwürdigsten Passagen der Areopagitica heißt es, als Gott Adam den Verstand gab. „ gab er ihm die Freiheit zu wählen; denn Vernunft ist nichts als Wahl“ [2]. Milton bestand darauf, dass die Parole „Vernunft ist nichts als Wahl“ nicht nur eine deutliche moralische Rechtfertigung der Pressefreiheit, sondern auch des unzensierten Lesens ist. Dadurch verschob Milton den Fokus der moralischen Autorität von der Obrigkeit zum Gewissen und der Einsicht des urteilsfähigen Bürgers.

Im einundzwanzigsten Jahrhundert werden die Fähigkeit der Menschen zur Ausübung moralischer Autonomie und seine Urteilsfähigkeit nicht mehr ernst genommen. Es wird weithin behauptet, dass die Menschen nicht ihre wahren Interessen verstehen und daher dazu tendieren irrationale Entscheidungen zu treffen. Die Milton’sche Beziehung zwischen Staat und Bürger wird damit ins Gegenteil verkehrt. Es ist nun die Rolle des Staates festzustellen, was gut für die Menschen ist. Er stellt öffentliches Bewusstsein her und bringt uns mit Sozialtechniken dazu „das Richtige“ zu tun.

Heute ist die Betonung des menschlichen Handelns ersetzt worden durch die Betonung der menschlichen Verletzlichkeit und Schwäche. In den westlichen Gesellschaften werden die Menschen zunehmend als Objekte im Prozess der Veränderung wahrgenommen, die daher unfähig sind ihr Schicksal selbst zu beeinflussen. Individuen spielen, weder als autonom noch selbstbestimmt betrachtet, eine unbedeutende Rolle als Objekte der Geschichte.

In unserer orientierungslosen und konfusen Ära wird die Idee individueller Autonomie
oft als eine von rechten Marktapologeten in Umlauf gebrachte Illusion diskreditiert. Das Argument lautet: In einer von multinationalen Konzernen und Medienkonglomeraten beherrschten Welt geht den Einzelnen die Fähigkeit zum autonomen Handeln verloren.
Sie sind so schwach und verletzlich, dass sie der Hilfe staatlicher Institutionen bedürfen.

Freiheit

Die Tatsache, dass heute niemand mehr über die Rolle des Bürgers in der Gesellschaft diskutiert, führt zur Verunglimpfung der Freiheit. Wie Milton zeigte, ist die Wahlfreiheit das Fundament, auf dem Autonomie und die Fähigkeit nachzudenken und zu urteilen aufbauen. Die Redefreiheit hat dabei logischerweise den ersten Rang unter den Freiheiten inne. Die Freiheit nach seinem Gutdünken zu handeln, verschafft die Erfahrungen die erforderlich sind, um sich selbst zu erkennen und moralische Autonomie zu erlangen. Deswegen tendiert der Humanismus zu einer libertären Moral und intellektueller Empfindsamkeit.

Doch aus einer Reihe von Gründen fühlt sich die heutige Gesellschaft vom Ideal der Freiheit entfremdet. Man redet immer noch über Freiheit, doch längst ist das Prinzip zur Plattitüde verkommen. Viel wichtiger ist jedoch, dass die Idee der Freiheit eindeutig an kultureller Unterstützung verloren hat. Die Freiheit wird oft als ein „rechter Mythos“ dargestellt. Während die Freiheit während des größten Teils der Menschheitsgeschichte mit radikalen, oftmals linken fortschrittlichen Bewegungen in Verbindung gebracht wurde, wird sie heute als zentraler Begriff reaktionären Denkens betrachtet.

„Freiheit ist mehr als ein Mittel zum Zweck, sie ist ein Wert an sich“

Eine Konsequenz dieses Bedeutungsverlusts der Freiheitsideale, ist, dass die Gesetzgeber mehr Zeit damit verbringen darüber nachzudenken, wie man die Freiheit des Einzelnen einschränken kann, anstatt sie zu fördern. Die Freiheitsgegner des einundzwanzigsten Jahrhunderts lehnen den menschlichen Freiheitstrieb grundsätzlich ab. Stattdessen betonen sie immer wieder die Nachteile, die durch unreguliertes Verhalten entstehen. So wird die Rede- und Meinungsfreiheit als zweifelhaftes Vergnügen angesehen, als etwas das eingeschränkt werden muss, um die Schwachen zu beschützen. Seit dem Beginn des sogenannten „Krieges gegen den Terror“ wurde eine Reihe von Beschränkungen der Freiheit vorgenommen. Euphemistisch wird hier von einem Tauschhandel zwischen Freiheit und Sicherheit gesprochen. Dass Freiheit so einfach eingetauscht werden kann, ist symptomatisch für den Mangel an moralischer Bedeutung, die die Obrigkeit der Freiheit zumisst.

Um die Kultur des Humanismus wiederzubeleben bedarf es der Unterstützung des Freiheitsideals. Der Libertarismus ist Ausdruck der Überzeugung, dass Freiheit nicht verhandelbar ist. Freiheit ist mehr als ein Mittel zum Zweck, sie ist ein Wert an sich.

Libertarismus ist humanistisch

Zu oft wird der Humanismus lediglich als weltliche Form rationalen Verhaltens gesehen. Zum Teil stimmt das natürlich auch. Aber der Humanismus ist auch eine Weltanschauung, die die Fähigkeit des Einzelnen betont, Risiken einzugehen und Geschichte zu schreiben. Der Libertarismus leidet auch darunter, als skrupellose Verehrung des freien Marktes missverstanden zu werden. Tatsächlich betrachten einige, die sich als Libertäre begreifen, den freien Markt als Lösung sämtlicher Menschheitsprobleme.

Doch haben die liberalen Ideale, die einst jene inspirierten, die den Einzelnen von gesellschaftlichen Zwängen emanzipieren wollten, kaum etwas mit dem Markt zu tun. Im besten Sinne humanistisch ist der Libertarismus, weil er den mündigen Bürgern zutraut, am besten die Probleme der Gesellschaft zu lösen.

Der Markt ist für gewöhnlich effizienter als der Staat, wenn es darum geht, die Produktivität und Effizienz zu steigern sowie Ressourcen zu verteilen. Die Libertären haben auch mit Sicherheit Recht, wenn sie gegenüber dem staatlichen Eingreifen in vielen Bereichen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens misstrauisch sind. Aber die Fetischisierung des Marktes führt genauso in die Irre wie die Verehrung des Staates. In beiden Fällen wird den Menschen eine passive Rolle zugewiesen. Sie sind die Statisten in einem Stück bei denen Kräfte außerhalb ihrer Kontrolle die Regie führen. Unter solchen Umständen haben Freiheit und individuelle Autonomie keine Bedeutung mehr.

Wenn aber Humanismus und Libertarismus miteinander in eine aktive Beziehung gebracht werden, kann diese unsere Gesellschaft vitalisieren. Die kreative Spannung zwischen der humanistischen Entdeckung der Handlungsfähigkeit und der libertären Betonung des Freiheitsstrebens, schafft die Bedingung für das Entstehen einer modernen Version des Milton’schen qualifizierten Bürgers. Es könnte eine mächtige Synthese sein. Zudem würde es garantieren, dass politische Debatten nicht länger von den müden Streitereien über Steuersenkungen oder -erhöhungen bestimmt würden.

Aus dem Englischen übersetzt von Christoph Eichler.

Frank Furedi ist Soziologe an der University of Kent und Kommentator beim britischen Novo-Partnermagazin Spiked. Dort ist Beitrag zuerst in leicht veränderter Form unter dem Titel „We need to inject some humanism into British politics“ im britischen Novo-Partnermagazin spiked erschienen.

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John Stuart Mill: Über die FreiheitJohn Stuart Mill: Über die Freiheit, Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag (1986).


Anmerkungen

1Sharon Achinstein: Milton and the Revolutionary Reader, Princeton University Press 1994, S.65.
2John Milton: Areopagitica, in Wilhelm Bernhardi (Übers.): John Milton’s politische Hauptschriften, Koschny 1874, S.54.

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