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GreenTec Awards: Revue der Belanglosigkeiten

Ein Kommentar von Thilo Spahl.

Ökoinnovationen dienen der Befriedigung niedriger Erwartungen. Wenn plötzlich jemand in ganz andere Dimensionen vordringt, ist die Irritation groß. Dieses Jahr musste bei der grünen Jubelveranstaltung doch tatsächlich ein Kernreaktor umschifft werden.


„Im Rahmen einer glamourösen Gala fand am 30. August in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom in Berlin die jährliche Preisverleihung der GreenTec Awards [1], Europas größtem Umwelt- und Wirtschaftspreis, statt. In Anwesenheit von führenden Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien wurden die innovativsten grünen Produkte, Projekte und Umwelttechnologien in insgesamt acht Kategorien mit einem GreenTec Award ausgezeichnet“, so die Zusammenfassung der Veranstalter.

Wer sich für die Glamourkomponente interessierte – und das werden wohl die meisten gewesen sein, die sich mit der ganzen Angelegenheit befasst haben – dem wurden einige Namen präsentiert, von denen unsereins entweder noch nie etwas gehört hat oder gerne nie etwas gehört hätte: „Der grüne Umweltgipfel des Jahres hat viele Prominente nach Berlin-Mitte gelockt. Zu den Laudatoren zählten die beliebte Moderatorin und Jurymitglied Sabine Christiansen, das Top-Model Franziska Knuppe, die Köchin Sarah Wiener, der Stifter und ehemalige Fußballprofi Christoph Metzelder sowie die Moderatoren Mareile Höppner, Nela Panghy-Lee und Stefan Gödde.“

„Wer sich für die Innovationen interessiert, wurde natürlich enttäuscht.“

Und auch wer sich für die Innovationen interessiert, wurde natürlich enttäuscht. Die „innovativsten grünen Produkte, Projekte und Umwelttechnologien“ sind ein Solar-Wäschetrockner (so was hieß früher Leine und war 2000 Euro billiger), ein Mikrokraftwerk auf Brennstoffzellenbasis (Erfindung der Brennstoffzelle ereignete sich im Jahr 1838), die gute Absicht, mit geeigneten Booten Plastikmüll aus dem Meer zu sammeln (nennt man heute „Marine Littering“), ökologisch korrekte Musik (ein Typ namens Rea Garvey ist „Ausnahmekünstler, der in seinem Schaffen gute Musik mit berührenden, aufrichtigen und authentischen Texten mit beispielhaftem Umweltengagement zusammenbringt, was ihn zu einem würdigen Preisträger des Green Music Award 2013 macht“), noch eine Brennstoffzelle, diesmal für lärmreduzierten Flugzeugbetrieb am Boden (Airbus), eine moderne Mitfahrzentrale (heißt heute „Social Mobility Network“), eine besonders kreative Werbetexterinterpunktionsleistung namens „Think Blue. Factory.“ (Effizienzprogramm bei VW mit verbesserter Hallenbelüftung und dergleichen), eine Internetplattform, auf der man alte Gewürzpackungen verschenken kann, statt sie in den Müll zu werfen (www.foodsharing.de, in Kassel werden mir gerade 250 g Reis mit Ablaufdatum April 2013 angeboten, sollte man vielleicht mal vorbeifahren und abholen), Filter zur Reinigung von Straßenabwasser (zur Erhaltung der „lebensnotwendigen Ressource Wasser für die Bevölkerung und zukünftige Generationen“). Und zu guter Letzt noch ein neuer Typ von Kernreaktor, der sicher ist, Atommüll verbrennen kann und die Welt dauerhaft mit CO2-freiem, billigen Strom und Treibstoff versorgen kann.

Nein, das war natürlich ein Scherz. Das Berliner Institut für Festkörper-Kernphysik
[2] war zwar tatsächlich mit dem Konzept für den sogenannten Dual-Fluid-Reaktor [3] angetreten. Er war dummerweise auch noch in seiner Kategorie aus der Online-Abstimmung als Sieger hervorgegangen und damit fürs Finale nominiert, was den erstaunten Erfindern auch mitgeteilt wurde. Aber dann haben die Veranstalter doch noch gemerkt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Kurzerhand wurde nachträglich das Reglement geändert und mitgeteilt, dass die Einreichung leider aufgrund der „wissenschaftlichen, sozialen und kommunikativen Aspekte (…) im Licht der Zielsetzung des Awards“ nicht berücksichtigt werden kann. Da es sich tatsächlich eher um einen Kommunikationspreis als um einen Technologiepreis handelt, ist das einleuchtend, wenn auch nicht gerade fair.

Wegen verschiedener Proteste gab es noch weitere, peinliche Rechtfertigungsauslassungen der Veranstalter. Die ausführliche Begründung [4] endet kämpferisch mit dem schönen Satz „Die GreenTec Awards werden keinesfalls Bühne für Kernkraftexperimente sein.“ Aber hallo, das wäre sozial, kommunikativ und glamourtechnisch ja auch noch schöner!

Thilo Spahl ist Ressortleiter Wissenschaft bei NovoArgumente und lebt in Berlin.

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Anmerkungen

1Zur Webseite der GreenTec Awards.
2Zur Webseite des Berliner Instituts für Festkörper-Kernphysik.
3Götz Ruprecht: „Der Dual-Fluid-Reaktor – ein neues Konzept für einen Kernreaktor“, ScienceScepticalBlog, online 10.09.2013.
4GreenTec Awards: „Stellungnahme der Veranstalter der GreenTec Awards zum Ausschluss der Bewerbung ‚Dual Fluid Reaktor‘ aus dem diesjährigen Wettbewerb durch die Jury“, online 10.09.2013.

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10.09.2013 | Permanenter Link |

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Kommentare

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Technologien die ideologisch nicht kompatibel sind, sollten sich eben nicht auf einem gemeinsamen Feld messen.
Die sog. “greenwash” Bemühungen der Atomindustrie halte ich zwar für legitim, aber man (beide Seiten) darf sich nicht beschweren, wenn, wie es in der angeblich freien Marktwirtschaft eben so ist, auch mit weniger feinen Methoden gegeneinander gearbeitet wird.
Das betriftt sowohl Aussagen, Fördergelder udgl. mehr.

e.moser
11.09.2013  09:34

Vielleicht sollten Sie fairerweise ergänzen, dass das IFK gegen die Denominierung des Dual Fluid Reaktor bei den Greentec Awards geklagt hat, aber am 21. August vor Gericht in der Hauptsache unterlag.

Rainier
11.09.2013  13:56

Und? Was sagt uns das, sehr geehrter Rainier? Wird der nachträgliche Ausschluß vom Wettbewerb dadurch richtiger, gerechter (nachdem man schon vorher gratuliert und zur Preisverleihung eingeladen hatte, wenn ich mich recht entsinne)?

Bei Rechtsfragen muss man die Details genau kennen. Die Richter könnten festgestellt haben, dass die Juroren auch gegen ein Mehrheitsvotum “Herr des Verfahren” bleiben und frei in ihrer Entscheidung sind. Was der juristische Laie als “schreiendes Unrecht” empfindet, stand dabei gar nicht zur Verhandlung - will ich mal hoffen!

Aber warum sollte in diesem “Gouvernantenstadl” der “lange Marsch durch die Institutionen” ausschließlich in Politik, Schule und Kirche stattgefunden haben!?

Dieter Sulzbach
12.09.2013  23:56

@ e.moser “Technologien die ideologisch nicht kompatibel sind,”
Ich dachte immer eine Technologie unterscheidet sich von einer Ideologie, in dem sie einen Nutzen nachweisen kann oder auch nicht - aber Sie haben schon recht, heute muss eine Technologie sich nicht ‘technisch’ bewähren’, wie dieses Beispiel zeigt, sondern ideologisch.

Clemens M.
13.09.2013  16:44

Ein kurzer Blick auf die “Botschafter” von “GreenTec” dokumentiert , dass es sich hierbei um eine komplette Theatervorstellung handelt. Wissenschaftliche Ausbildung Fehlanzeige; alles Sozialwissenschaftler und Sozial-praktiker.

Wir befinden uns im Jahr 2013 in einem Neuen, Düsteren Mittelalter, in dem die Irrationalität und das Unwissen moralisch überhöht wird. Ein gutes Beispiel dafür ist auch die Mobilfunktechnik und deren Verteufelung ohne jede wissenschaftliche Grundlage.

Der naturwissenschaftlich gebildete Mensch in unserem Land muss wie einst Galilei oder Kepler seine Einsichten mit Vorsicht unter das Volk bringen, da dieses im Bann einer politisch und finanziell motivierten Verblendung steht. Mächtige Interessen haben Heute wie damals das Volk im geistigen Würgegriff der Unvernunft.

Frank Gerlach
20.10.2013  23:30

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