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Europäische Umerziehung für Neinsager
Von Sabine Reul
Auf seiner Sitzung Mitte Dezember beschloss der Europäische Rat, die Iren im Herbst 2009 nochmals zur Abstimmung über den Lissabonner Vertrag an die Urnen zu rufen. Nach dem Nein zum Vertrag von Nizza im Jahre 2001 hatten die Iren im vergangenen Sommer das EU-Vertragswerk schon zum zweiten Mal und zwar mit einer noch größeren Mehrheit von fast 54% abgelehnt. Offenbar sollen sie so lange abstimmen, bis sie den Staatschefs der Europäischen Union das erwünschte Ja zum EU-Vertrag liefern. Frei nach Brecht möchte man dem EU-Apparat daher raten, er möge doch am besten gleich das Volk auflösen und ein anderes wählen.
Der ganze Vorgang illustriert die bizarre Welt der europäischen Politik. Da ist eine Abstimmung keine Abstimmung und ein Nein kein Nein. Politische Strukturen und Entscheidungen reflektieren hier nicht den Willen der Bürger, sondern die Bürger sind aufgerufen, vorgegebene Strukturen und Entscheidungen hinzunehmen. Da die Iren diesem Reglement nicht folgten, hat man sie seit dem Sommer entweder als unwissende Tölpel verunglimpft oder ihr Votum als Irrtum auszulegen versucht. Laut Jo Leinen (SPD), Vorsitzender des Ausschusses für konstitutionellen Fragen im Europaparlament, war das irische Nein kein Nein, sondern lediglich eine „flatterhafte Aussage“. Und nun sollen die Iren einer konzertierten Umerziehungskampagne unterzogen werden, damit sie im Herbst 2009 das gewünschte Abstimmungsergebnis liefern. Eine größere Travestie demokratischer Sitten lässt sich schwer ausmalen.
Das Votum der Iren war deutlich: Sie waren der Meinung, der Lissabonner Vertrag sei schlecht. Auch wenn dafür bei verschiedenen Wählergruppen unterschiedliche Gesichtspunkte maßgeblich waren, lässt sich an diesem Befund kaum rütteln. Und natürlich hatten sie vollkommen Recht, denn dieses Vertragswerk zementiert den oligarchischen, demokratiefernen Charakter der aktuellen europäischen Politik. Axel Schäfer, ebenfalls Mitglied der SPD und Vorsitzender des Europaausschusses im deutschen Bundestag, meinte nach dem irischen Referendum im Juni vergangenen Jahres: „Es gibt kein anderes Europa außer diesen Vertrag.“ Das ist nicht wahr. Es gibt durchaus ein anderes, besseres und erfolgreicheres Europa. Doch das lässt sich erst verwirklichen, wenn sich zur ablehnenden Reaktion auf EU-Defizite auch positiv formulierte Forderungen für eine echte Neugestaltung Europas gesellen.
Weitere Artikel zum Thema finden sich in unserem Web-Dossier „Europa“, http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_dossiers/europa/
Buchtipp:
The Manifesto Club’s „EU Phrasebook - 27 Ways to Say, ‘No Doesn’t Really Mean No’“
Das am 8. Dezember veröffentlichte Buch stellt dar, wie Politiker aller 27 EU-Mitgliedsstaaten versuchten, das eindeutige Votum der Iren, Franzosen und Niederländer umzuinterpretieren bzw. zu diskreditieren. Das „Phrasebook“ dokumentiert die Demokratie- und Bürgerfeindlichkeit der führenden Politiker Europas in schonungsloser Offenheit. Weitere Informationen zum „Phrasebook“ finden sich unter http://www.manifestoclub.com/euphrasebook .
17.12.2008 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Politik und Demokratie
Sehr geehrter Herr Grantzau,
danke sehr für Ihren Kommentar. Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass US- oder sonstige Kreise versucht haben, auf das Ergebnis Einfluss zu nehmen. Aber das ist bei Abstimmungen sicher immer der Fall. Was neu ist, ist dass unterstellt wird, Wähler seien so dumm, dass sie sich nicht eine eigene Meinung bilden, sondern willfährige Opfer von Manipulationen sind. Doch es hat ihnen ja in der Urne schließlich keiner die Hand geführt.
Mir ist sehr unbehaglich angesichts dieser degradierenden Sicht der Bürger - nicht zuletzt angeichts der Tatsache, dass die Politik immer weniger zu wissen scheint, was sie tut, sind die Bürger gefragt, Fehlentwicklungen entgegenzutreten. Außerdem mehren sich ja auch die Zeichen für zunehmende Spannungen auf internationaler Ebene im Kontext der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise. Anti-Amerikanismus hat schon in den letzten jahren keinen guten Beitrag zu einer aufgeklärten europäischen Politik geleistet. Das könnte in nächster Zeit noch zu einem deutlich brisanteren Problem werden.
Also würde ich aus beiden genannten Gründen dieser Art ‘Verschwörungstheorie’ mit großem Vorbehalt begegnen wollen.
Was meinen Sie? Ich freue mich auf Ihre Gegenargumente.
Beste Grüße
Ihre
Sabine Reul
Frau Reul,
vielen Dank für diesen Beitrag, der hoffentlich die Diskussion zu dieser umstrittenen Problematik befördern wird.
Herr Grantzau,
Die Unterstellung, die Abstimmung einer Mehrheit der Iren gegen den EU-Vertrag, könnte das Ergebnis einer äußeren Beeinflussung gewesen sein trägt schon gewisse “mugabische” Züge und ist ein Ausdruck des in EU-Kreisen vorherrschenden Demokratie-Verständnisses.
Hierbei richtet sich der Blick nicht nur in Richtung USA, sondern selbst gegen Mitglieder der EU und deren Repräsentanten. Dies bekam der tschechische Präsident Vaclav Klaus anläßlich eines Besuches einer Delegation des EU-Parlamentes zu spüren.
Ich zitiere hier als extremes Beispiel die Äußerungen eines Daniel Cohn-Bendit:
“...Zum Vertrag von Lissabon: Ihre Ansichten darüber interessieren mich nicht, ich will wissen, was Sie tun werden, wenn er vom tschechischen Abgeordnetenhaus und vom Senat angenommen wird. Werden Sie den demokratischen Willen der Volksvertreter respektieren? Sie werden ihn unterschreiben müssen. Weiter will ich, dass Sie mir das Ausmaß Ihrer Freundschaft mit Herrn Ganley (dem Chef der irischen Libertas-Partei, die mit ihrer Kampagne maßgeblich das Nein der Iren zu Lissabon hervorrief) in Irland erklären. Wie können Sie sich mit einem Mann treffen, von dem nicht klar ist, wer ihn bezahlt? In Ihrer Funktion haben Sie sich nicht mir ihm zu treffen. Das ist ein Mann, dessen Finanzen sich aus problematischen Quellen speisen und der die jetzt zur Finanzierung seiner Wahlkampagne für das Europaparlament nutzen will….”
Das Protokoll des Treffens läßt sich hier nachlesen:
http://www.welt.de/welt_print/article2848566/Kein-Besuch-von-Freunden.html
Krasser kann man nicht die vorherrschende Haltung der EU zum Ausdruck bringen, daß gefasste Beschlüsse einfach umzusetzen sind, ohne Wenn und Aber - Basta!
Ich jedenfalls möchte eine EU der Bürger und keine EU, deren (Parteitags-)Beschlüsse dem Bürger ungefragt ubergestülpt werden sollen. Aber der Respekt gegenüber der Meinung anders Denkender ist ja nicht nur in der EU etwas unter die Räder gekommen.
Mit besten Grüßen
Stefan Fischer (Bibliothekar)




Sehr geehrte Frau Reul,
sind Hinweise, daß die USA das Abstimmungsergebnis der Iren bezüglich des EU-Vertrages “maßgeblich beeinflußt haben” nichts als üble Nachrede?
Mit besten Grüßen verbleibe ich
Erich Grantzau
Erich Grantzau
18.12.2008 18:51