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Mother’s Little Helper

Von Edgar Dahl

In ihrem 1966 veröffentlichten Song „Mother’s Little Helper“ sangen die Rolling Stones von Hausfrauen, die sich mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert fühlten und deshalb gerne zu einer kleinen gelben Pille griffen. Bei dieser Pille handelte es sich um das 1963 entwickelte Valium, einen auch heute noch beliebten Tranquilizer, der den Wirkstoff Benzodiazepin enthält und eine stark beruhigende Wirkung entfaltet. Heute arbeitet die Psychopharmakologie fieberhaft an sogenannten „Happy Pills“ – Tabletten, die in nur wenigen Minuten die Stimmung aufhellen und verdrießliche Gesichter in strahlende verwandeln sollen.

So willkommen die Entwicklung eines derartigen Präparats auch erscheinen mag, gibt es doch vielerorts auch ernste Bedenken. So hat etwa der amerikanische „President’s Council on Bioethics“ die Erzeugung einer „Glücksdroge“ erst kürzlich zu einer großen gesellschaftlichen Gefahr erklärt. Diese bestehe darin, dass uns nach der Religion nun die Pharmakologie ein „Opium des Volkes“ bescheren könne. Wie in Aldous Huxleys berühmtem Roman Schöne neue Welt könnte der Staat seinen Bürgern eine Glücksdroge verabreichen, um sie ruhigzustellen. Statt gegen etwaige soziale Missstände aufzubegehren, würden sie kurzerhand betäubt.

Andere sehen die Gefahr von Happy Pills nicht in dem Heraufziehen einer schönen neuen Welt, sondern in der Verarmung des Menschen. Wer wäre noch bereit, Tugenden zu üben und Talente zu entwickeln, wenn er das Glück, das er hieraus bezieht, auch ohne die nötige Disziplin erlangen kann? Heißt es nicht zu Recht „Ohne Fleiß kein Preis“? Wieder andere sehen die Gefahr von Happy Pills darin, dass wir uns schon bald alle genötigt sehen könnten, zu ihnen zu greifen, weil sie denen, die sie einnehmen, Wettbewerbsvorteile verschaffen. Wer stellte beispielsweise nicht lieber eine freudestrahlende als eine mürrisch dreinblickende Sekretärin, Lehrerin oder Flugbegleiterin ein?

Da Happy Pills noch Zukunftsmusik sind, ist jede Diskussion über ihre vermeintlichen sozialen Folgen selbstverständlich rein spekulativ. Dass wir uns im Reich der bloßen Spekulation befinden, bedeutet jedoch nicht, dass sich nicht schon jetzt vernünftig darüber diskutieren ließe. Schließlich erscheinen einige Spekulationen weit plausibler als andere. Ich selbst halte die Gefahren, die in der Diskussion um die Happy Pills heraufbeschworen werden, für übertrieben. Ich betrachte es als sehr unwahrscheinlich, dass Glückspillen schon bald unser täglich Brot werden. Viel wahrscheinlicher erscheint es mir, dass sie die Rolle eines edlen Tropfens einnehmen werden, den man sich nur bei besonderen Gelegenheiten gönnt.

Warum? Nun, in der Pharmakologie gibt es einen alten Lehrsatz, der sich bis heute noch immer bewahrheitet hat. Er lautet: „Keine Wirkung ohne Nebenwirkung!“ So wie Prozac, das berühmte Antidepressivum, das den Wirkstoff Fluoxetin enthält, bei vielen Menschen zu einer Zunahme des Gewichts und einer Abnahme des Geschlechtstriebs führt, so werden gewiss auch die Happy Pills unerfreuliche Nebenwirkungen haben. Worin auch immer die erwartbaren Nebenwirkungen der Glücksdroge bestehen mögen, sie werden einen Massenkonsum mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit verhindern.

Neben rein körperlichen Nebenwirkungen werden Happy Pills sicher auch seelische Nebenwirkungen haben. So wie Alkohol einige Menschen charmanter, andere dagegen aggressiver macht, so wird auch die Glücksdroge wahrscheinlich einige Menschen unwiderstehlich, andere dagegen unausstehlich machen. Wie jeder weiß, gehen sehr viele Menschen vorsichtig mit Alkohol um, weil sie nicht die Kontrolle über sich verlieren wollen und sich am nächsten Tag keine Vorwürfe anhören möchten.

Und schließlich betrachten viele Menschen den Zustand überschwänglichen Glücks auch keineswegs als so begehrenswert, wie viele Kritiker anzunehmen scheinen. Ganz gleich, wer wir sind und was wir tun, das Leben bringt Probleme mit sich, deren Lösung nicht nach Leichtfertigkeit, sondern nach Ernsthaftigkeit verlangt. Es ist beispielsweise nur schwer vorstellbar, dass Menschen, deren Arbeitsstelle in Gefahr ist, deren Ehe zu scheitern droht oder deren Kinder krank sind, sich mit einer Glücksdroge betäuben werden, statt den Problemen ins Gesicht zu sehen. Was für die Unannehmlichkeiten des Lebens gilt, gilt auch für seine Annehmlichkeiten. Wer Shakespeares Dramen, Bergmans Filme oder Mahlers Symphonien schätzt, wird seine Stimmung nicht durch die Einnahme einer Glücksdroge beeinflussen wollen, die ihm den Genuss seiner Lieblingswerke verdirbt.

All dies spricht nicht nur gegen die bedenkenlose Einnahme von Happy Pills, sondern auch gegen die eingangs erwähnten Befürchtungen. Anders als das Soma der Schönen neuen Welt soll die Glücksdroge nicht apathisch, sondern emphatisch wirken. Sie wird die Menschen also nicht betäuben, sondern beleben. Von daher spricht nichts dafür, dass Happy Pills ein Volk von Phlegmatikern und Lethargikern erzeugen wird.

Auf ähnlich schwachen Füßen steht die Befürchtung, dass Happy Pills schon bald als eine Abkürzung zum Glück betrachtet werden. Eine Frau, die täglich Cello spielt, oder ein Mann, der täglich Joggen geht, tut dies nicht wegen des Glücks, das sich anschließend einstellt. Die Cellistin spielt, weil sie Musik liebt, und der Jogger läuft, weil er Athletik schätzt. Das Glück, das sich nach ihren Mühen einstellt, ist nicht das Motiv, sondern der Effekt ihres Tuns.

Und was ist mit den beruflichen Wettbewerbsvorteilen? Sicher, ein Wirt wird eher eine frohgemute als eine sauertöpfische Kellnerin einstellen. Doch das relevante Kriterium für die Einstellung von Mitarbeitern wird weiterhin die Kompetenz und nicht der Gemütszustand einer Bewerberin sein. Zudem verlangen die begehrtesten Berufe in unserer Gesellschaft, wie etwa der des Richters, des Arztes oder des Politikers, nicht Überschwänglichkeit, sondern Nüchternheit, Verantwortlichkeit und Urteilsfähigkeit.

Wir sollten die Gefahren, die aus der Entwicklung von Happy Pills erwachsen, also nicht überschätzen. So wie uns eine übertriebene Redseligkeit, Leichtgläubigkeit und Unbesonnenheit zur Vorsicht im Umgang mit Alkohol gemahnt hat, so werden uns dieselben Gefahren auch zu einem vorsichtigen Umgang mit der Glücksdroge anhalten.

Dr. phil. Edgar Dahl ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin und Dozent am Institut für Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Münster. (ukmuenster.de).

In Novo67/68 (11 2003 – 2 2004) stellte Dahl in seinem Artikel „Das Geschlecht der Kinder ist egal“ fest, dass erstaunlich wenige Menschen in Deutschland ein Interesse an Sex Selection haben.

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27.07.2011 | Permanenter Link |

Kategorie(n): Wissenschaft und Technik

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Eine Gesellschaft, in welcher solche weichen Drogen notwendig sind, halte ich für am Ende!

e.moser
27.07.2011  12:38

Meiner Ansicht nach ist bei allen Drogen das Problem das sie auf Dauer süchtig machen. Egal ob ich nun die sozial akzeptierten oder die illegalen Drogen nehme, sie (die einzelnen Substanzen) unterscheiden sich eigentlich nur darin wie groß die unerwünschten Nebenwirkungen sind und wie leicht oder schwer man wieder von ihnen „runter kommt“. Die neuen Drogen werden da keinen Unterschied machen. Sicher, die Chemiker werden versuchen dafür zu sorgen, daß die unerwünschten Nebenwirkungen so gut es geht eliminiert werden, aber am Ende dürfte es sich eben um ganz normale Drogen handeln.

Die Menschen die bis jetzt schon verantwortlich mit Drogen (gleich welcher Art) umgehen können, werden das auch mit den neuen Ausführungen tun. Viele andere werden aber dann eben von diesen leichter erreichbaren Pillen abhängig.

Ich gehöre ausdrücklich nicht zu denen die einen Nanny-Staat fordern. Zur Freiheit gehört nun einmal auch dazu sich ins Unglück stürzen zu können. Aber ich wage doch zu behaupten: Wenn man eine neue Glück verheißende Droge auf den Markt bringt und diese einigermaßen erschwinglich ist, dann wird diese Droge auch ebenso wie alle anderen ihren Markt finden. Und wie bei jeder Droge wird auch diese mit Sicherheit mißbraucht werden. Je leichter sie verfügbar sein wird und je unauffälliger man sie nutzen kann umso mehr.

Neo
28.07.2011  11:25

Nun, die Idee ist natürlich, dass “Happy Pills” wie “Viagra” wirken - schon nach wenigen Minuten, ohne Ahängigkeit und ohne große Nebenwirkungen.

Edgar Dahl
28.07.2011  23:21

Man kann natürlich versuchen auf verschiedene Weise ethisch oder philosophisch zu argumentieren. Man kann sich die Fragen stellen, wie eine Gesellschaft aussieht, in der Menschen Substanzen zu sich nehmen, die ihre Psyche verändern.
Doch bei aller Diskussion sollte man berücksichtigen, dass die Menschen nicht gleich sind. Es gibt Menschen, die durch genetische Disposition oder auch während der Zeit ihrer Erziehung unter nachteiligen Faktoren zu leiden hatten, die sie im Unterschied zu ihren Lebensgenossen, welche eine vorteilhafte Entwicklung nahmen, benachteiligen.
Diesen Menschen würde durch diese stimmungsverbessernden Substanzen ganz erheblich geholfen, denn sie leiden unter ihrer Situation.
Bereits heute können diese Menschen durch Psychopharmaka eine Verbesserung ihrer Situation erfahren. Dies ist allerdings oft nur im Rahmen einer Psychotherapie möglich, in deren Rahmen eine psychopathologische Störung diagnostiziert wurde.
Bei der nun hier diskutierten Problematik geht es aber um wesentlich leichtere Störungen wie sie möglicherweise bei viel mehr Menschen vorkommt, als man es sich vorstellen kann. Man ist schlecht gelaunt, müde, gestresst. Wenn man seine Stmmung nun mit einer in möglichst nebenwirkungsfreien Substanz ein wenig aufhellen könnte, gesprächiger, ruhiger, kontaktfreudiger und eloquenter würde, dann wäre dies doch in jedem Falle zu begrüßen.
Ich jedenfalls würde gerne zu einer solchen Substanz greifen und hätte keine Berührungsängste.

Burkhard
31.07.2011  12:20

Zum einen kenne ich bisher keinen rinigermaßen überzeugenden Hinweis darauf, dass die im Artikel besprochenen Medikamente überhaupt eine Wirkung bei gesunden Menschen haben. (Es kann natürlich sein, dass mir die neueste Publikation entgangen ist.) Zwischen der täglichen “Psychopathologie” (ob Stimmungsschwankungen oder Gedächtnisausfällen) und den wirklichen seelischen Krankheiten liegen Welten; die Substanzen, die z.B. die Lage der Patienten mit schweren Gedächtnisstörungen wesentlich verbessern, steigern das normale Gedächtnis um kein Jota.
Zum anderen hat Neo natürlich Recht, dass alle Substanzen in dem einen oder anderen Maß süchtig machen, aber dies betrifft auch die Substanzen, an die wir in diesem Zusammenhang nicht denken, etwa Tee oder Fleisch. Kennen Sie keine Menschen, die sich einen Morgen ohne Kaffe nur mit Schrecken vorstellen können? d.h. dieses Moment würde ich nicht überdramatisieren, solange die negaitven Nebeneffekte fehlen.
Ein m.E. viel tieferes Problem besteht darin, dass wirklich glücklich ein Mensch nur durch seinen eigenen Erfolg bzw. durch Verbindung mit einer anderen Person (die übrigens für einige auch Gott sein kann) wird. Das Maximum, was eine Droge machen kann, wäre zu helfen eine Krise zu überwinden - alles darüber hinaus lassen wir den Autoren von Science Fiction und Utopien.

bkotchoubey
08.08.2011  19:13

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