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Entgleiste Aufklärer: Die Panikmacher von Patrick Bahners
Rezension von Sabine Beppler-Spahl
Sie verstehen sich als Aufklärer und kritisieren den Islam. Zu ihnen gehören so unterschiedliche Personen wie die Publizisten Necla Kelek und Henryk Broder, die Feministin Alice Schwarzer, der Schriftsteller Ralph Giordano, aber auch klassische „Vaterlandsliebende“ Immigrationskritiker wie der CDU Politiker Hans-Jürgen Irmer oder ehemalige Spitzenbeamte wie Thilo Sarrazin. Ihnen ist gemein, dass sie in der islamischen Religion eine der größten Bedrohungen unserer Zeit sehen. Außerdem haben sie alle ihren Platz in der brillanten Streitschrift von Patrick Bahners: Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam.
Patrick Bahners, seit 2001 Feuilletonchef der F.A.Z., nimmt einige der gut gepflegten Mythen der Islamkritik gründlich unter die Lupe. Da ist die Frage, wieso diese Gruppe das Image einer vom politischen „Mainstream“ geächteten Minderheit für sich beansprucht –obwohl ihre Protagonisten als Talkshowgäste unsere Abendprogramme füllen.
Thilo Sarrazin z.B., dem die seltene Ehre einer Vorveröffentlichung seines Buchs Deutschland schafft sich ab in den meistgelesenen Publikationen der Republik zuteilwurde, stilisiert sich in der Kontroverse als Opfer der politischen Klasse. Wie ein Drehbuch spielt sich die „Causa Sarrazin“ bei Patrick Bahners noch einmal ab: Ein hoher Beamter, der seinen Arbeitgeber durch wiederholte Missachtung von Absprachen zur Weißglut bringt und es auf Provokation anlegt, ein Bundespräsident, der sich weit aus dem Fenster lehnt, und schließlich eine Kanzlerin, die glaubt, sich der Debatte mit einer knappen Bemerkung entledigen zu können.
Die Art und Weise wie sich der Skandal ausweiten konnte, zeigt, mit wie viel Nervosität und Zwiespalt die Politik auf das Thema Immigration reagiert. Die Opferrolle Sarrazins ist ebenso schizophren wie die offizielle Reaktion: Nachdem er zunächst vor allem wegen seiner eugenischen Statements als böser Bube abgekanzelt wurde, beeilten sich immer mehr Politiker– von Merkel bis Gabriel – ihm, was die Immigration betrifft, recht zu geben. Unter dem Vorwand, die Menschen in Deutschland ernst nehmen zu wollen, ließ die Politik Vorurteile weiter wuchern, so Bahners. Sie „beteiligte sich am Aufwiegeln, um abzuwiegeln, aus Angst vor der Angst“ (S. 45).
Wenn es Sarrazin also gelang, den Rahmen der Integrationsdebatte zu bestimmen, dann auch, weil das Thema Immigration durch die etablierten Parteien selten konstruktiv aufgegriffen wird. „Integrationspolitischer Parteienstreit“, so Bahners, „erschöpft sich meist im ermüdenden Ritual der polemischen Vergangenheitsbewältigung“. Gelegentlich sei vor Wahlen geäußert worden, die Ausländerpolitik eigne sich nicht als Wahlkampfthema – obwohl in einer Demokratie alles zur Diskussion und Abstimmung gestellt werden müsse. Die Forderung, etwas nicht anzusprechen, sei ohnehin ein Widerspruch in sich (S. 33). Ja, die Idee, dass bestimmte Gedanken nicht ausgesprochen werden dürfen, weil sie Sensibilitäten verletzen könnten, ist autoritär und undemokratisch. Doch die Vorstellung, in der sogenannten Tabuverletzung der Islamkritik läge ein fortschrittlicher, aufklärerischer Wert, ist denkbar simpel.
Es ist wahrlich eine traurige, seichte „Aufklärung“, die sich allein aus ihrer anti-islamischen Rhetorik speist. Wo verläuft die Trennlinie zwischen dieser Form der Aufklärung und einer simplen Aufstachelung von Affekten? Die Mobilisierung gegen eine Minderheitenreligion braucht, um sich aufklärerisch zu geben, einen breiteren, größeren, moralischen Rahmen. Diesen finde sie, laut Bahners, in der Sprachkritik. Unter dem „Feldzeichen“ der Kritik an der „politischen Korrektheit“ „sammeln sich heute alle, die das politische System und die damit verbundenen Institutionen für eine Verschwörung der Herrschenden halten“ (S. 35).
Das Buch zeigt, welch schräge Vögel es sind, die hier unheilige Bündnisse eingehen. Da ist z.B. der ehemalige FAZ-Redakteur und „Geheimdienstspezialist“ Udo Ulfkotte mit seiner Organisation „Pax Europa“. Da sind aber auch alt-linke Religionskritiker wie Johannes Kandel von der Friedrich-Ebert-Stiftung oder der Islamwissenschaftler und Buchautor Hans-Peter Raddatz. Sie veranstalten Foren und veröffentlichen Artikel oder Bücher mit Titeln wie: „Der Siegeszug des Islam geht über die Kreissäle“ oder „Der Tsunami der Islamisierung“. Sie warnen vor einer zunehmenden Islamisierung der bei uns lebenden Muslime. Das klingt nicht nach tiefschürfender Analyse, ist aber eine einfache Art, sich als Vorkämpfer für Wahrheit und Freiheit darzustellen – für Werte also, die in Europa zur Zeit tatsächlich unter Druck kommen. Wie viel leichter ist es, ein solch einfaches schwarz-weiß Bild zu vertreten, das im Islam die größte Bedrohung sieht, als sich Gedanken über die wirklichen Ursprünge der aufklärungsfeindlichen Rückwärtsgewandtheit unserer Zeit zu machen.
Auch Necla Kelek, die als Kronzeugin gegen den Islam auftritt und wegen ihrer Erfahrungsberichte als besonders authentisch gilt, wird im Buch viel Raum eingeräumt. So erfährt man, dass ihre Promotionsarbeit ganz andere Aussagen machte, als ihre späteren Bestseller. Bahners Erklärungen für Keleks Sinneswandel– er begründet sie psychologisch als Abrechnung mit dem kemalistischen Vater – mögen zutreffen oder nicht. Wichtig ist der Hinweis, dass bei uns die mediale Heldenverehrung des Leidens besonders ausgeprägt ist. Wie bei der Islamkritikerin Ayaan Hirsi werden die eigenen Erlebnisse zum wichtigsten Beweis der Anklage. „Der Opferstatus garantiert die Wahrheit der Kritik“, so Bahners (S. 155). Das größte Idol der „reinen, inkorrekten, hässlichen Wahrheit“ (S. 62) in den Schattenboxclubs der Islamgegner sei jedoch der Autor, Henryk M. Broder, der mit dem Satz zitiert wird: „Ich halte Toleranz für keine Tugend, sondern für eine Schwäche – und Intoleranz für ein Gebot der Stunde“ (S. 76).
Patrick Bahners hat uns ein kluges, überfälliges Buch geliefert, das die irrationalen Auswüchse der Islamkritik gut dokumentiert – von den Muslimtests in Baden-Württemberg, den aus der Luft gegriffenen Statistiken eines Heinz Buschkowsky bis hin zu den Falschmeldungen über Ehrenmordprozesse, die unsere Gerichte in die Nähe der Scharia verorten. Die Rolle der Religion in einem säkularen Staat ist ein Thema, das uns noch beschäftigen wird, ebenso die Frage, wie mit Kopftuch tragenden Lehrerinnen verfahren werden soll. Das Beste am Buch ist aber, dass Bahners den zutiefst intoleranten und zensorischen Charakter der Islamkritik aufzeigt. Hier sind keine Aufklärer am Werk, sondern moderne Eiferer. Sie würden lieber heute als morgen den Grundsatz der Religionsfreiheit für Muslime aufheben. Ein Grundsatz, der einst Kernpunkt der wirklichen Aufklärung war. Um die von ihnen beschworene Überflutung Deutschlands durch „Barbaren“ zu stoppen, gehen sie über den Geist des liberalen Rechtsstaats hinweg.

Patrick Bahners: Die Panikmacher: Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift, C. H. Beck, 2011, S. 320, EUR 19,95
Sabine Beppler-Spahl ist Novo-Redakteurin und lebt in Berlin.
Zum Thema hat sie bei NovoArgumente Online u.a. “Verbietet nicht die Burka” oder “Sarrazin ist der wahre Klimapessimist” veröffentlicht.
Lesen und diskutieren Sie alle Artikel der neuen Ausgabe. Die komplette Inhaltsangabe finden Sie hier: Inhalt. Ein Jahresabonnement kostet nur 37,80 Euro (Studenten 28,50 Euro). Zögern Sie nicht und bestellen Sie noch heute in unserem Shop. Damit bleiben Sie am Ball und sichern die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts.
13.04.2011 | Permanenter Link |
Kategorie(n): BIBLIOTHEK
Dies Rezension sagt eigentlich nichts über das Buch von P. Bahners aus, sondern vielmehr über den Standpunkt der Autorin.
Sie bettet geschickt polemisierte Vorurteile in eine Kritik an Polemik und Vorurteilen ein.
Die sogenannten Islamkritiker werden hier haargenau mit dem, was sie ihrerseits kritisieren diffamiert.
Die Unterstellung, daß es den Kritikern nur um eine Aufweichung der Religionsfreiheit geht und Gegenstandpunkte zu PC auf kollektiven Verschwörungsideen basieren ist sachlich falsch und kann auch durch Texte z. B. bei Broder und seinen Kollegen nicht belegt werden.
Hier(z. B. Achgut ) werden nur Gegenleistungen ethischer und verfassungsmäßiger Kathegorien für die Inanspruchnahme von Religionsfreiheit gefordert und berechtigte Kritik am Tendenzjournalismus und einem leichtsinnigen Vorschuß an Wohlwollen ausgeübt.
Oder hat jemand, der Mordanschläge durch Islamisten oder umgesetzte Scharia-Todesstrafen relativiert und rechtfertigt, je einen medialen Entrüstungssturm ausgelöst, wie umgekehrt die Kritik an den Muslimen???
Es sind nach meiner Erfahrung häufig diejenigen, die vollstes Verständnis für irrationale Atomphobie und die daraus resultierenden politischen Entscheidungen haben, die den “Islamophoben” gerne in die Nähe von psychisch Kranken rücken, was ein Widerspruch ist, die Tendenz entlarvt.
Weitere Diffamierungsinstrumente sind der Vorwurf von Intoleranz und die Behauptung, daß nur eine “Minderheit des Muslime” problematische Werte vertritt und deshalb eine Kritik generell unangemessen ist.
Diese These läßt sich sachlich leicht widerlegen (z.B. türkische Tageszeitungen zu 09/11, Umfragen zu Selbstmordattentaten bei Muslimen etc.)
“Eiferer, schräge Vögel, Schattenboxclubs der Islamgegner, Opferstatus”, N. Kelecs Kritikstandpunkt wird aus der Distanz psychologisch pathologisiert.
Für die Meinungsorgane Zeit, SZ, FAZ, Spiegel und neuerdings auch Google News läßt sich das meiner Meinung nach statistisch nachweisen, daß vorwiegend proislamisch publiziert wird.
Der von mir kritisierte Beitrag lag vom Niveau seiner Sachlichkeit deutlich unter dem Durschnitt, dessen, was ich hier sonst so gelesen habe.
Die Rezension eines Buches, das ich nicht gelesen habe, kommentieren ich nicht. Aber die Aussage dieses Satzes erschließt sich mir nicht: ” Unter dem „Feldzeichen“ der Kritik an der „politischen Korrektheit“ „sammeln sich heute alle, die das politische System und die damit verbundenen Institutionen für eine Verschwörung der Herrschenden halten“. Wer hilft mir?
“Da ist die Frage, wieso diese Gruppe das Image einer vom politischen „Mainstream“ geächteten Minderheit für sich beansprucht –obwohl ihre Protagonisten als Talkshowgäste unsere Abendprogramme füllen.”
Ich kann mich nur an Talkshows erinnern, wo die Islamkritiker in deutlicher Minderheit waren, z.T. war nicht einmal der Moderator neutral. Gibt es irgendein Gegenbeispiel, wo das nicht so war?




Eine Rezension sollte man nach Möglichkeit nicht derart mit der eigenen Meinung vermischen. Allein schon deshalb ist diese Rezension nicht lesenswert. Übrigens: Der Begriff des Tolerierens wird immer dann besonders gern hervor gekramt, wenn eigentlich Ignorieren gemeint ist. Es geht nicht darum, anderes zu tolerieren, sondern es in seinen Auswirkungen zu ignorieren. Aber da es nicht so gut klingt, bemüht man eben den tollen Begriff Toleranz.
Til Becker
14.04.2011 13:49