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Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl
Von Thilo Spahl
In deutschen Medien wird im Zusammenhang mit den Ereignissen im Atomkraftwerk von Fukushima immer wieder der Vergleich mit dem Reaktorunfall im damals noch sowjetischen Tschernobyl bemüht - auch wenn eine mit den Ereignissen von 1986 vergleichbare Entwicklung in Japan unwahrscheinlich ist. Dabei werden Ausmaß und Folgen des schwersten Atomunfalls aller Zeiten häufig übertrieben wiedergegeben. Aus diesem Grund veröffentlicht NovoArgumente hier den Artikel „Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl“ (Novo Nr. 3-4 2006) von Thilo Spahl. Er berichtet über die wichtigsten Punkte eines im September 2005 vom „Tschernobyl-Forum“ vorgelegten umfassenden Berichts, in dem mehr als 100 Naturwissenschaftler, Ökonomen und Gesundheitsspezialisten die Folgen des Reaktorunglücks in Tschernobyl vor 25 Jahren zusammengefasst haben.
Ein riskantes Experiment im Block 4 des ukrainischen Kernkraftwerks führte am 26. April 1986 zur Explosion des Reaktors. Etwa 350.000 Anwohner wurden evakuiert. Der größte Teil der freigesetzten radioaktiven Stoffe zerfiel innerhalb weniger Wochen. Langlebigere radioaktive Stoffe, die freigesetzt wurden (Cäsium-137, Strontium-90), haben eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren. Der Tschernobyl-Reaktor ist mit westeuropäischen Technologie- und Sicherheitsstandards nicht vergleichbar.
Die aktuellen Ergebnisse des „Tschernobyl-Forums“ stehen zum Teil in deutlichem Widerspruch zu den verbreiteten Vorstellungen von den Folgen dieses größten anzunehmenden Reaktorunfalls (GAU). In den deutschen Medien war in den letzten Jahren von bis zu 500.000 Tschernobyl-Toten und 3,5 Millionen Strahlenopfern mit Behinderungen zu lesen. Die wichtigsten Ergebnisse des „Tschernobyl-Forums“ lauten:
• Bis Mitte 2005 wurden weniger als 50 Todesfälle direkt der Strahlung aus der Katastrophe zugeschrieben. Praktisch alle Opfer gehörten zu den Rettungskräften, die sehr stark bestrahlt worden waren. Viele starben in den ersten Monaten nach dem Unfall, aber andere haben bis ins Jahr 2004 überlebt.
• Von den über 200.000 Rettungs-, Bergungs- und Sanierungskräften, die 1986 bis 1987 eingesetzt und bestrahlt wurden, könnten Schätzungen zufolge 2200 an den Folgen der Bestrahlung vorzeitig sterben.
• Die meisten Rettungskräfte und Einwohner der kontaminierten Gebiete erhielten eine im Vergleich zur Bestrahlung aus natürlichen Quellen schwache Ganzkörperdosis. Daher waren weder Anzeichen noch eine Wahrscheinlichkeit für eine verminderte Fruchtbarkeit in den betroffenen Bevölkerungsgruppen festzustellen. Auch gab es keine erhöhte Zahl angeborener Missbildungen, die auf Bestrahlung zurückzuführen wären.
• Etwa 4000 Schilddrüsenkrebsfälle – hauptsächlich bei Personen, die zum Zeitpunkt des Unfalls Kinder oder Jugendliche waren – sind auf die Kontamination nach dem Unfall zurückzuführen. Mindestens neun Kinder sind daran gestorben.
• Die Gruppe internationaler Fachleute stellte bei den betroffenen Einwohnern keine Anzeichen für eine Erhöhung der Krebshäufigkeit durch den Unfall fest.
• Abgesehen von den Krankheiten und Todesfällen infolge der Bestrahlung sind die Auswirkungen von Tschernobyl auf die geistige Gesundheit „das größte vom Unfall ausgelöste volksgesundheitliche Problem“. Der Bericht schreibt die schädlichen psychischen Folgen dem Fehlen genauer Informationen zu. Hinzukommen dürften die Übertreibungen des Katastrophenausmaßes in Westeuropa.
• Mit Ausnahme der noch immer geschlossenen, stark kontaminierten 30-Kilometer-Zone um den Reaktor, bestimmter abflussloser Seen und von Wäldern, zu denen der Zutritt eingeschränkt ist, sind die Strahlenpegel in den meisten Fällen auf annehmbare Werte zurückgegangen.
• Der ökonomische Schaden durch die Reaktorkatastrophe wird auf mehrere 100 Milliarden Dollar geschätzt.
Das „Tschernobyl-Forum“ besteht aus der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), der Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), dem Büro der Vereinten Nationen zur Koordination humanitärer Hilfe (UN-OCHA), dem wissenschaftlichen Ausschuss der Vereinten Nationen über die Wirkung ionisierender Strahlung (UNSCEAR) und der Weltbank sowie den Regierungen Weißrusslands, der Russischen Föderation und der Ukraine.
Eine Zusammenfassung des Berichts findet sich auf der Website der Weltgesundheitsorganisation.
Thilo Spahl ist Ressortleiter Wissenschaft von NovoArgumente.
Anmerkungen
1. Eine Ausnahme ist der Artikel „Der nukleare Ernstfall“ aus der F.A.Z. vom 18.03.2011. Hier wird auf einen Bericht verwiesen, der in fünf Wochen auf der zentralen Gedenkkonferenz der Vereinten Nationen zur Tschernobyl-Katastrophe in Kiew vorgestellt werden soll. Die aktuelle Situation in der Ukraine wird folgendermaßen beschrieben: „Die große Mehrheit der Bevölkerung muss nicht weiter in ständiger Sorge um Folgeschäden aus dem Reaktorunfall von Tschernobyl leben.“
Bei NovoArgumente erschienen u.a. folgende Artikel zu den Ereignissen in Japan:
Frank Furedi: “Japan: eine Katastrophe, kein Katastrophenfilm”
Yvonne Caldenberg: “Geistiges Erdbeben nach Japan: “Das Oberste nach unten kehren”
Matthias Heitmann: “Fukoshima und die Globaliserung der Angst”
Klaus-Dieter Humpich: “Fukushima-Störfall: Japan ist nicht die Sowjetunion!”
Sabine Beppler-Spahl: “Nach dem Erdbeben: Lehren aus Japan”.
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18.03.2011 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Wissenschaft und Technik
Wieder so ein Fall, in dem Gemeingütern wie Luft und Wasser kein Wert beigemessen wird und daher ohne Konsequenzen Verschmutzung/Verseuchung dieser Güter vonstatten geht. Die Externalisierung der Kosten in schlechtester Kapitalistischer Manier. Die Einen schöpfen Gewinne, die Anderen haben alle Lasten zu tragen ohne an Gewinn oder Wohlstand beteiligt zu sein.
Interessant scheint die Tatsache zu sein, dass die Risikoeinschätzung aufgestuft von Wasserkraft=geringstes Risiko, über AKW dann schon als nächstsicheres, dann Windkraft und Fotovoltaik als höheres Risiko betrachtet darf wohl ins Grübeln kommen.
Hier eine Lesetipp: Mit einer Sonderseite unterstützt die Helmholtz-Gemeinschaft Recherchen zur Lage in Fukushima. Zu Themen wie nukleare Sicherheit, Langzeitfolgen radioaktiver Strahlung sowie zur Fernerkundung des Schadens durch Satellitenbilder, zu Erdbebenforschung und Tsunamifrüherkennung arbeiten Wissenschaftler in sieben Helmholtz-Zentren. Die Helmholtz-Gemeinschaft hat sechs Arbeitsgruppen eingerichtet. Die Webseite wird ständig aktualisiert: http://www.helmholtz.de/japan
Hier noch ein Hinweis auf einen recht umfangreichen review, gestützt auf etwa 5.000 wissenschaftliche paper, die sich mit den Folgen der Tschernobyl-Katastrophe beschäftigen. Diese paper (Sprache: meist slawisch) sind in dem oben zitierten IAEO-Report nicht einmal erwähnt.
Der link zeigt zu einem Buch bei google (englisch) und war > 600 Zeichen lang, daher hier der Übersicht halber ein Tiny-URL-link, sorry.
Billiger Strom!
Etwa € 200 Mrd. sind die vorläufigen Kosten aus dem “Störfall” Fukujima, beinhalten zwar Produktionsausfälle der Industrie, aber noch nicht dei Folgeschäden.
Teilsweise Kernschmelze, dafür aber völlige Ratlosigkeit. Das schafft Vertrauen!
Hier noch zwei sehr interessante und sachliche Quellen zu Tschernobyl:
Zum einen der “Tschernobyl: Gesundheitliche Folgen - BMU-Sachstandsbericht Nr. 1” aus dem Jahr 2000, verfasst von der GRS:
http://www.grs.de/content/grs-s-47-tschernobyl-gesundheitliche-folgen-bmu-sachstandsbericht-nr-1
Und zum anderen eine Beschreibung zum Fortschritt und Aufwand des sog. “The New Safe Confinements” - ein Bau mit den Dimensionen von ca. 110m x 257m x 164m und ca. 29 mio Tonnen Gewicht. Das ist ein Projekt, das von der Europäischen Bank für Wiederaufbau als Fondmanager in Zusammenarbeit mit der ukrainischen Regierung geführt wird:
http://www.ebrd.com/pages/sector/nuclearsafety/chernobyl.shtml
Die gemachten Erfahrung zeigt, Japan wird ein in allen Dimensionen schweres Erbe Schultern müssen: auf individueller, wirtschaftlicher, zeitlicher und sozialer Ebene.
Wie sich doch die Art der Krisenbewältigung zwischen Öl/Golf-Mexiko und AKW in Japan gleichen. Da wird mit Papierschnitzel, alten Autoreifen und weiteren “hochtechnologischen Hilfsmitteln” versucht seine Hilf/Ratlosigkeit zu verschleiern, was aber nur angesichts des tatsächlichen Umfanges der Katastrophen nicht zum Lachen verleitet.
Das Vertrauen in diese Art von Management muss endend wollend sein, nicht nur bei Kernkraftskeptikern.
Einer neuen “Studie” der IPPNW zufolge sind nun schon 600 Millionen Europäer in Folge des Tschernobyl Unfalls krank. Ich frage mich: wieso nicht gleich 800 Millionen? Die Antwort ist einfach. Europa hat nur 740 Millionen Einwohner, und man muss ja den Eindruck vermeiden, man übertreibe.
Siehe: http://www.ippnw.de/startseite/artikel/91b0c77740/nicht-krebserkrankungen-und-genetisc.html
Ich frage mich, wie es die Europäer geschafft haben, ihre Lebenserwartung seit Tschernobyl um volle 5 Jahre zu erhöhen.




Da man ja hier zur offenen Debatte eingeladen ist, sollte neben dem Report, der unter dem Dach der IAEO verfasst wurde [1] auch “Der andere Tschernobyl-Report” nicht unerwähnt bleiben [2] - in Auftrag gegeben und privat finanziert wurde die Studie von der Grünen Europaabgeordneten und Atomkraftgegnerin Rebecca Harms. Das Magazin “NewScientist” hat zu dem “anderen” Report Stellung genommen [3] und kommt u.a. zu dem Schluss, der WHO-Report sei ein politisches Instrument zur Kommunikation gewesen und wissenschaftlich fragwürdig. Beide reports halten fest, das die genaue Zahl der Todesfälle aufgrund der Katastrophe niemals feststellbar sein wird, aber der zweite Report kommt zu 7,5 - 15 mal höheren Zahlen (Schätzungen) als die 4.000, die in der Pressemitteilung der IEAO genannt werden.
Es ist jalso keineswegs so, dass der von Ihnen angesprochene Report—nur etwa, weil er “offiziell” ist—unstrittig ist. Ich finde es schade, das (wie üblich bei dem Thema hier) die Debatte hier nicht von vornherein so offen geführt wird, das also z.B. die Kritik am Report unerwähnt bleibt. Und die Kritikpunke sind vielfältig:
- dem Report wird vorgeworfen, parteiisch zu sein und die Folgen des Reaktorunglücks vorsätzlich zu verharmlosen
- methodische Mängel: ein erheblicher Teil der Strahlenbelastungen fiel ja z.B. in Mittel- und Westeuropa anfiel (wie R. Yogeshwar kürzlich anmerkte, ist die Belastung von Wildschweinen in Süddeutschland im Winter immer noch messba und besonders hoch - was an der speziellen Nahrungsaufnahme liegt, s. auch S.5 in [1])...die WHO Studie berücksichtigt jedoch nur die Folgen in Weißrussland, Russland und der Ukraine
- Publikationen, die höhere Opferzahlen nahe legen, wurden gar nicht erst betrachtet
- die Untersuchungen fing erst fünf Jahre nach dem Unglück an
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Tschernobyl-Forum
[2] http://www.chernobylreport.org/?p=downloads
[3] http://www.newscientist.com/article/mg19025464.400-how-many-more-lives-will-chernobyl-claim.html
swieder
18.03.2011 22:28