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Ägypten im Aufbruch, westliche Demokratien im Wachkoma

Von Matthias Heitmann

Befreiungsbewegungen, noch dazu solche gegen bis vor Kurzem wohlgelittene autoritäre Regimes, werden trotz aller wohlfeiler Rhetorik naturgemäß im Westen mit einem gerüttelt Maß an Skepsis und Furcht betrachtet. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Sie sind im Falle Ägyptens natürlich auch strategischer Natur, denn die Stabilität im Lande des Suez-Kanals an der Grenze zu Israel ist sicherlich von Bedeutung. Aber das ist nicht der ausschlaggebende Punkt. Entscheidend sind vielmehr die Unsicherheit, die demokratische Bewegungen mit sich bringen, die Dynamik, die sie entfalten sowie die unbequemen Fragen, die sie aufwerfen. Unsicherheit, Dynamik und kritische Fragen – all das sind Dinge, die dem modernen Demokratieverständnis des Westens zuwider laufen.
Demokratie wird hierzulande in erster Linie als eine Regierungstechnik verstanden und umgesetzt. Sie verläuft in geordneten Bahnen, die spontane Bewegungen nicht nur nicht zulassen, sondern so angelegt sind, diese systematisch zu verhindern. Die Demokratien des Westens sind entrückte, dem direkten Zugriff und der unmittelbaren Beteiligung der Menschen weitgehend entzogene Systeme. So verstanden, ist Demokratie weniger eine Beteiligungsform als vielmehr eine Legitimationsform. Direkte Beteiligung ist eher unerwünscht. Am deutlichsten ist dies auf der europäischen Ebene ausgeprägt: Hier operiert mit der EU-Kommission ein Apparat, der gänzlich ohne direkte Rechenschaftspflicht gegenüber einem „europäischen Wahlvolk“ auskommt und sich ganz ungehemmt auch über Beschlüsse demokratisch legitimierter Regierungen hinwegsetzt.

Vergleicht man diese Demokratie westlicher Prägung mit dem, was sich in den letzten Tagen in Ägypten ereignete, wird deutlich, warum es westlichen Regierungsvertretern angst und bange werden konnte. Die vielfach vorgetragene Sorge, in Ägypten könnten islamistische Kräfte die Demokratiebewegung missbrauchen und sozusagen „hijacken“, war da nur ein vorgeschobenes Argument. Es trat schnell in den Hintergrund, als man sich in der Hoffnung bestätigt sah, dass die ägyptische Moslembruderschaft keine radikalen Gottesstaatler, sondern potenzielle Ansprechpartner im Ringen um die Kontrolle der Massen sein könnten. Denn diese Massen sind es, die in den Machtzentren der Welt tatsächlich Unruhe auslösen: Sie bildeten eine offenkundig unpolitische und alles andere als politisch konsistente oder greifbare Bewegung, die einem vom Westen bis an die Zähne bewaffneten Staatsapparat durch gewaltfreien Widerstand Paroli bot – ohne gewählte Sprecher und Delegierte, ohne abgestimmtes Programm und ohne Satzung –, und dies ausgerechnet in einem Land, das noch vor wenigen Wochen in einer Art politischem Wachkoma lag.
Von dieser demokratischen Bewegung, die auf dem Tahrir-Platz in Kairo um jeden Meter Boden kämpfte und Mubarak in die Flucht schlug, ist das, was wir im Westen unter „geordneten demokratischen Verhältnissen“ verstehen, nicht nur Lichtjahre entfernt – sie stellt zugleich eine Bedrohung dar, da hier reale Menschen eine spontane Dynamik verbreiten, die sich schwer kontrollieren lässt. Die Uneinheitlichkeit der ägyptischen Bewegung ist zwar ihre große Schwäche, aber gleichzeitig auch ein Problem für die westliche Welt, der es schwerfällt, Ansatzpunkte für die eigene Einflussnahme zu finden. Die Menschen sind hier weder einfach zu organisierende „Manöviermasse“ noch „Stimmvieh“, sondern in erster Linie Unruheherd. Aber es ist eine potenziell befreiende Unruhe, und auch eine verschiedene Bevölkerungsgruppen zumindest vorübergehend vereinigende.

Dieser die Menschen verbindende Aspekt ist ein weiterer, der in Europas Hauptstädten Unbehagen erzeugt: Über Jahre hinweg wurden nationale wie internationale Konflikte in erster Linie dadurch befriedet, dass man die Konfliktparteien (ob religiöser oder ethnischer Natur) versuchte, möglichst hermetisch voneinander abzuriegeln, da man nicht davon ausging, dass es realistische Chancen auf Versöhnung und Vereinigung geben könnte. Eine Region, in der man derartige Chancen für besonders unrealistisch hielt, war, bis vor kurzem, die arabische Welt. Dass gerade sie nun für einen kurzen Moment das Gegenteil bewies, drohte, das westliche Demokratie- und Menschenbild noch stärker als ein begrenztes zu entblößen. Die Frage, die sich nun viele stellen, lautet, ob „Arabien Freiheit kann“. Aber ist das die richtige Frage? Und wer stellt sie? Denn „Stuttgart 21“ hin, „Wutbürger“ her – was hierzulande in den letzten Monaten von manchen als Ausbruch aus der politischen Lethargie gefeiert wird, ist in Wahrheit Ausdruck aktiver Politikverdrossenheit. Was Demokratie und Bürgerbewegung anbelangt, so sind wir die eigentlichen Wachkoma-Patienten.

Matthias Heitmann ist freier Publizist und Novo-Redakteur. Seine Website findet sich unter http://www.heitmann-klartext.de. Der Artikel erschien am 14.2.11 unter dem Titel „Entfesselte Demokraten“ in gekürzter Fassung im Kölner Stadtanzeiger (dort Seite 4).

In der aktuellen Ausgabe von NovoArgumente erschien von ihm der Artikel “‘Ich hasse Blogs!’, bloggt der Redakteur”, der auch zur Online-Debatte frei gegeben ist.

Bei NovoArgumente sind drei weitere Artikel zum Thema erschienen:

Brendan O’Neill: Aufstand in Ägypten: “Warum gerade jetzt?” und “Was passiert als nächstes”
Frank Furedi: Das Streben nach Freiheit führt nicht in den Gottesstaat
Brendan O’Neill: Sieg für das ägyptische Volk!

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Mehr zum Thema finden Si eim Novo-Dossier "Nahost-Konflikt"

14.02.2011 | Permanenter Link |

Kategorie(n): Weltgeschehen und Entwicklung

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Kaum ein Staat schafft es eine wie in dem Text suggerierte Demokratie herzustellen. Also eine Demokratie in der das Volk direkte Wahlentscheidung auf jedes zentrale Organ hat und eigentlich auch viele wesentliche Entscheidungen legitimieren muss.

Ich nehme an, dass die Schweiz das einzige Land ist, das diesem Ideal einigermaßen nah kommt. Vielleicht ist der Grund dafür, dass das einfach extrem kompliziert ist, so ein System zu etablieren.

Es reicht ja nicht einfach mehr Wahlen zu veranśtalten und pro Wahl 10-mal mehr Stimmzettel für die verschiedensten Themen herauszugeben. Das Volk muss sich auch stärker in den politischen Prozess einbinden. Wenn nicht, wird die Mitbestimmung zum Problem. Übrigens ist die Wahlbeteiligung in der Schweiz auch nicht besser als die in Deutschland.

Vermutlich muss man sich wie beim Sozialismus, damit abfinden, dass zwischen Theorie und Praxis im allgemeinen Welten liegen.

So gesehen bezweifle ich auch, dass westliche Staaten etwas gegen wie auch immer geartete Demokratien haben sollen. Ha, soll überhaupt mal ein nicht-westlicher Staat versuchen eine nicht-westliche Demokratie zu etablieren, in der das Volk mehr mitbestimmen kann, als bei uns!

Dass die Muslimbruderschaft ein vorgeschobenes Argument sein soll, halte ich aber für ein starkes Gerücht. Gibt es dafür irgendwelche Indizien? In den Medien (wars nicht sogar bei Novo letzte Woche?!) war tatsächlich zu lesen, dass viele Demonstranten gefordert hatten, keine islamischen Parolen zu skandieren. Weil die nämlich ganz genau wissen wie die Realität aussieht: Muslimbruderschaft ist Teil des Demonstrationspaketes => Westliche Welt als Feind á la Iran. Nein nein, Fakt ist, dass die Muslimbruderschaft seit Jahren mit großer Gewalt unterdrückt worden ist, damit sie nicht zu laut wurde.

Philip
14.02.2011  15:05

Ich sage in dem Artikel nichts dazu, welche Strömungen bei der Moslembruderschaft dominant sind. Ich spreche über die Haltung der westlichen Regierungen. Sehr schnell hatte sich die Annahme durchgesetzt, die MB könnten bei der Einhegung der Proteste evtl. eine stabilisierende Rolle spielen. Der Satz lautet: “Die vielfach vorgetragene Sorge, in Ägypten könnten islamistische Kräfte die Demokratiebewegung missbrauchen und sozusagen „hijacken“, war da nur ein vorgeschobenes Argument. Es trat schnell in den Hintergrund, als man sich in der Hoffnung bestätigt sah, dass die ägyptische Moslembruderschaft keine radikalen Gottesstaatler, sondern potenzielle Ansprechpartner im Ringen um die Kontrolle der Massen sein könnten.” Nahezu allen Berichten aus Ägypten folgend ist der Einfluss der MB begrenzt auf 10 bis 20 Prozent. M.a.W.: 80 bis 90 Prozent der Ägypter würden sie nicht wählen - ein Anteil, der nicht darauf schließen lässt, dass hier unmittelbar eine populäre islamische Revolution droht. Ein weiterer Grund, die demokratischen Kräfte im Land zu stärken!

Matthias Heitmann
14.02.2011  18:22

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