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Sarrazin ist der wahre Klimapessimist

Von Sabine Beppler-Spahl

Wird Sarrazin der neue Held unserer Weltanschauung? Sogar der SPD Vorsitzende Gabriel, der zuvor seinen Ausschluss aus der Partei gefordert hat, gibt ihm „teilweise Recht“. Es spricht sich herum, dass es falsch war, so schnell mit Maulkorb und Zensur zu drohen. Hätte er die Genetik nicht angesprochen.…, so heißt es.


Das ist interessant, denn im Grunde ist Sarrazin ganz Mainstream, sieht man von der Rhetorik ab. Sarrazin verkörpert den Pessimismus und die Zukunftsfeindlichkeit, die unsere Gesellschaft prägt, besser als der beste Umweltaktivist. Auch für ihn sind Menschen das Problem: Zu viele von der falschen Sorte Mensch belasten das Land und verschwenden dessen Ressourcen. Malthus lässt grüßen!


Hinzu kommt, dass er alles als statisch betrachtet. Wer heute arm ist, wird es morgen auch sein, denn wir sind in unseren Kulturen gefangen. Wir sehen das an den ewig armen Staaten, die gestern arm waren, heute arm sind und morgen auch arm sein werden. Sind nicht die Gene daran schuld, dann eben die Kultur. Dass sich unsere Welt ständig verändert, Länder, die gestern noch arm waren und als verloren galten (Argentinien, China, Brasilien, Südkorea usw.) heute plötzlich zu den Aufsteigern gezählt werden, passt in dieses pessimistische Bild nicht hinein und wird ausgeblendet. Wichtig ist nur: Sarrazin spricht vielen, die schon lange nicht mehr daran glauben, dass sozialer und wirtschaftlicher Fortschritt möglich ist, ganz und gar aus dem Herzen!


Diese statische, rückständige und pessimistische Sicht zeigt sich auch in der Debatte um die Schulversager. Galt eine gute, humanistische Schulbildung einst als Mittel, soziale Grenzen zu sprengen und als Chance, Kindern den Aufstieg zu ermöglichen, haben wir uns heute längst der Kultur der niedrigen Erwartungen angepasst – zumindest, was muslimische Kinder betrifft. Sie werden, wegen ihrer kulturellen (?), genetischen (?) oder sonst wie geerbten Rückständigkeit, so heißt es, immer Schulversager bleiben. Etwa eine selbsterfüllende Prophezeiung?


Frei nach Sarrazin gilt: Deutschland gibt auf. Die Integration ist gescheitert. Bauen wir die chinesische Mauer (das schreibt er im ersten Kapitel wirklich!), um uns wenigsten noch vor den schlimmsten Bedrohungen der Zukunft zu retten!


Mit diesem Welt- und Menschenbild trifft Sarrazin auch bei den Multikultis auf offene Ohren und kommt daher so leicht davon. Schließlich hat auch der Multikulturalismus jahrzehntelang die Unterschiedlichkeit der Kulturen gefeiert, statt daran zu glauben, dass Fortschritt die Menschen eint. Jede ausgestorbene archaische Sprache oder jeder ethnische Tanz, den niemand mehr tanzen wollte, wurde betrauert. Pfui Teufel!


Wie gut, dass so viele türkische, arabische, chinesische oder sonstige Immigranten sich wenig um dieses Weltbild scheren und einfach ihren Weg gehen, ihre Kinder zur Schule schicken, Firmen gründen, Geld in die Heimat schicken usw.

Sabine Beppler-Spahl ist Novo-Redakteurin.

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07.09.2010 | Permanenter Link |

Kategorie(n): Politik und Demokratie

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Sabine Beppler-Spahl hat mit diesem Beitrag NOVO keinen Dienst erwiesen. Leider.  Das schlampige Resümee von Sarrazins Thesen ( “… muslimische Kinder … werden … immer Schulversager bleiben.”) zeigt, dass sie offensichtlich die Programmatik von NOVO mal eben außer Acht gelassen hat:  ” Uns interessieren Fakten und nicht, was das Stimmungsbarometer misst.” Beppler-Spahls Unterstellung eines sarrazinschen fatalistischen Pessimus fügt sich zehntelgenau in die Messergebnisse des öffentlich-rechtlichen Stimmungsbarometers. 
Da hilft nur eines : Sarrazin genau lesen! Dann kommt man zu anderen Schlussfolgerungen als zu den in den Medien ständig wiedergekäuten, bis einem das Kotzen kommt.

Josef Hueber
07.09.2010  22:55

Also, sehr geschätzte Frau Beppler-Stahl, ob Herr S. ein pessimistischer Alarmist ist oder ein Mahner, der aufrütteln will, das geht mir so ziemlich…Sie wissen schon. Herr S. ist ebenso meilenweit im Denken von Menger, Mises und Co. entfernt, wie ein Imam von Kant. Es wäre an der Zeit, dass wir das Poltern von Querköpfen in die richtigen Bahnen lenken. Dafür ist doch NOVO angetreten. Kein Fußbreit mehr für den Nanny-Staat. Schluss mit der Bevormundung des Bürgers. Dann klappt es auch mit der Überwindung von demografischen Krisen (Heinsohn). Auch wenn es paradox erscheint, denn Mister S. will ja mehr Nannys für die Kids aus der Unterschicht, anstatt die Lehrpläne an den Schulen zu revolutionären im Sinne einer lebensnahen Wirtschaftstheorie (welchen Unsinn ich ertragen musste, den mir meine drei Söhne aus ihrer Schulzeit vor dem Abitur auftischten war reine Folter). Also, Herr S. hat schon das Potential, ungewollt, uns für folgende Überlegungen zu sensibilisieren:

Einst war der Staat für den Bürger da. Jetzt ist es umgekehrt. Der Staat mischt sich ein, welche Autos wir fahren, was wir essen, welche Musik wir hören. Wo bleibt die Freiheit des Einzelnen? Wie schaut dieser Staat den Bürger an? Ist der Bürger in der Lage, seinen eigenen Weg zu gehen, oder glaubt der Staat ihm diesen Weg vorzeichnen zu müssen? Ist er ein Erwachsender, dem man das Erwachsensein auch zutrauen kann, oder ist er ein ewiges Kind, das erzogen werden muss. Steht der Staat heute nicht am volkspädagogischen Katheder? Mangelt es ihm nicht zunehmend am Respekt vor den Bürgern? Unter dem Vorwand der Steuerehrlichkeit schnüffelt er die Privatsphäre aus, er bevormundet im höheren Glauben an das Gemeinwohl. Sein Motto: viele schwer Erziehbare und Halbkriminelle da draußen!  Was steht auf dem Portal des Deutschen Reichstages? Richtig. Dem deutschen Volke. Ein liberaler Rechtsstaat hat die Aufgabe, den Bürger in seinen Rechten zu schützen, die innere und äußere Sicherheit zu garantieren. Er hat neutral zu sein und sich nicht in das private Leben seiner Bürger einzumischen Man zahlt seine Steuern und das war’s dann.
Aber was ruft uns der Staat täglich zu? Er verkündet, ich weiß, was gut für dich ist. Wieso? Woher weiß er das? Ist das nicht eine respektlose Anmaßung? Es geht nicht mehr darum, was du willst, sondern was du sollst. Du sollst nicht rauchen, weniger trinken, aufs Gewicht achten, weniger Fleisch essen, nachhaltig konsumieren und Autos fahren, die nicht älter als neun Jahre sind. Und die Sprache des Staates ist subtil, wir erkennen nicht sofort den sanften Terror. Da geht es um die geistige Orientierung. Oder um Fördermaßnahmen, ohne die der Bürger wohl nicht überleben könne. Man will aktivieren und gestalten, aber natürlich sozialverträglich. Ganz schlimm wird es in Wirtschaftsfragen. Zum Beispiel, man müsse die Sparneigung brechen und die Konsumlust stimulieren. Also, dies ist ein Staat, der nicht führen und schützen will, sondern erziehen und bevormunden.
John Stuart Mill sagte, „Ein Staat, der die Bürger zu Zwergen macht, und sei es zu einem guten Zweck, der wird eines Tages feststellen, dass man mit kleinen Menschen keine großen Dinge erreichen kann.“

Carl Meinen
08.09.2010  00:43

Bedauerlicherweise trifft auf den Beitrag von Herrn M. (08.09.2010 00:43) das zu, was im “Zerbrochnen Krug” von Kleist Gerichtsrat Walter den Dorfrichter Adam wissen lässt: „In Eurem Kopf liegt Wissenschaft und Irrtum /Geknetet, innig, wie Teig, zusammen;/ Mit jedem Schnitte gebt Ihr mir von beidem.“

Es stimmt ja: Unser Staat entwickelt sich fortlaufend zum perfekten Nanny-Staat. Dem Bürger soll in wachsendem Ausmaß vorgeschrieben werden, was er zu denken und zu tun hat, in allen Bereichen des Lebens ( Bin gespannt, wann endlich das Duschen ohne Wasser Pflicht wird, so wie es in Gaststätten bereits das wasserlose Pissoir gibt.). Symptomatisch: Eine vor Jahren durchgeführte Umfrage ( Quelle leider nicht präsent) hat ergeben, dass sich die Mehrheit der Deutschen ein MEHR an Verboten wünscht. Unmündigkeit ist bereits des freiheitsliebenden Deutschen Reifezeugnis.

Doch zurück zu Herrn M.s Zitat : “Es wäre an der Zeit, dass wir das Poltern von Querköpfen in die richtigen Bahnen lenken.” Hier äußert sich doch GENAU die Denke, die vorher ( zu Recht) zurückgewiesen wurde. Wer ist denn “wir”? Was heißt es denn, Ansichten in ” die richtige Bahn lenken” ?  Genau dies tun Regierung und Medien mit Konsequenz und Erfolg.
Und genau diese bisher erfolgreiche Arbeit hat Herr S. gestört.
Kein Grund also, ihn nicht mit vollem Namen Sarrazin zu nennen.

Josef Hueber
08.09.2010  10:26

Habe gerade das Forsa-Stimmungsbarometer zur Kenntnis genommen, das sagt, 70% der Deutschen stimmten Sarrazins Thesen teilweise oder ganz zu. Welche Thesen gemeint sind, blieb allerdings unerwähnt.

Thilo Spahl
08.09.2010  12:26

Ich finde Frau Beppler-Spahls Beitrag sehr erfrischend. Es geht ja nicht nur um Herrn Sarrazins Thesen und den Weltuntergangston, den er anschlägt, sondern auch um seine Lösungsvorschläge (obwohl es vermutlich polemisch ist: ich frage mich, welches aktuelle Problem mit Schuluniformen eigentlich nicht zu lösen wäre…).

Die “Reaktion von Regierung und Medien” auf Sarrazins Äußerungen - im Klartext: in erster Linie der Versuch, ihn auf eine Art und Weise mundtot zu machen, die nicht mehr mit den rechtsstaatlichen und freiheitlichen Ansprüchen in Einklang zu bringen ist, die dieser Staat und diese Gesellschaft sich selbst gegenüber erfüllen müssen -  steht auf einem anderen Blatt; das war nicht Gegenstand von Beppler-Stahls Einlassung.

Rainer Bayer
09.09.2010  20:04

Was Sarrzin mit einem Klimaskeptiker zu tun hat, wird wohl Frau Beppler- Spahl’s Geheimnis bleiben. Es wäre schön, wenn novo-Redakteure zuerst das lesen, was sie kritisieren. In der FAZ am Sonntag war ein hervorragender Beitrag zweier Wissenschaftler, die sich mit Genetik und Intelligenz beschäftigen. Sie kamen zum Schluss, dass Herr Sarrazin einschlägige Literatur zum Thema, wegen dem er angegriffen wird, gelesen und sogar verstanden hat. Es seien ihm keine wesentlichen Fehler unterlaufen. Aber so etwas passt wohl nicht ins Meinungsbild und zur politischen Korrektness.

Otto Wildgruber
10.09.2010  21:23

@ W. Wildgruber

RICHTIG!

NOVO-Leser, NOVO-Förderer, NOVO-Fan (dennoch!)
10.09.2010  21:50

Sarrazin ist genau das Gegenteil eines Klimaskeptikers. Er beklagt nicht die Zustände, sondern er rüttelt auf und fordert Konsequenzen und Verantwortung. Seine Analyse teile ich, seine Lösungsvorschläge nicht. Aber er macht Vorschläge, das unterscheidet ihn von all jenen, die die Probleme wegwischen und nicht wahrhaben wollen.

Novo hat (völlig zu Recht) oft kritisiert, dass Politiker keine Eigenverantwortung übernehmen sondern sich nur auf “Expertenmeinungen” zurückziehen und damit den demokratischen Staat delegitimieren. Jetzt kommt jemand mit eigenen Vorschlägen und wird auch hier lächerlich gemacht. Wer gegen NOVO polemisieren will, kann das genauso als Indiz für eine zutiefst pessimistische Weltsicht werten.

@Thilo Spahl
Umfragewerte sind eine schwache Ausrede. NOVO ordnet sich hier brav dem Zeitgeist unter, verzichtet auf eine eigenständige, tiefgehende Analyse und veröffentlicht Artikel, die überall stehen könnten. Ich bin nur deshalb Abonnent, weil NOVO bisher nicht austauschbar war. Ich hoffe, in der nächsten Ausgabe auch einen Gegenstandpunkt zu Sabine Beppler-Spahl zu finden.

Gernot
11.09.2010  18:04

Da stand nicht “Klimaskeptiker”, da stand “Klimapessimist”. Und genau als Pessimist präsentiert sich Herr Sarrazin.

@ Wildgruber. Ja, in der FAZ findet zumindest eine Debatte statt. Am Tag nach dem von Ihnen angeführten Beitrag von Rindermann und Rost äußerte sich mit Manfred Velden ein weiterer Wissenschaftler. Auch er bestätigte Sarrazin, Gelesenes korrekt wiedergegeben zu haben, ist aber der Meinung, dass diese Expertenmeinungen (auf die sich Sarrazin wie der Rest der Mainstreampolitik, natürlich stützt, um seine Auslassungen vermeintlich wissenschaftlich zu legitimieren) nichts taugen. Er kommt zu folgendem Schluss:

“Was Sarrazin betrifft, so kann ihm wissenschaftlich eigentlich kein Vorwurf gemacht werden. Er hat als Laie nur das weitergegeben, was manche Experten vorher behauptet haben. Da er offenbar an die Wissenschaftlichkeit dieser Behauptungen glaubt, kann man ihm auch keine rassistische Einstellung vorwerfen. Bleibt die Frage: Wieso stellen die selbsternannten Experten immer noch solche Behauptungen auf, die eugenisches Gedankengut fördern.”

siehe: http://www.faz.net/s/Rub9B4326FE2669456BAC0CF17E0C7E9105/Doc~E351E0715DAB2411D9913813A90725F35~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Mit anderen Worten. Es ist kein Wunder, dass die Wissenschaftler, die Sarrazin das Futter für seine Auslassungen gegeben haben, ihn (und damit sich) hinterher auch verteidigen.

Thilo Spahl
11.09.2010  20:05

@Thilo Spahl

Aus dem Inhalt meines Kommentars geht eindeutig hervor, dass ich “Klimapessimist” meinte. Leider bin ich nicht in der Lage, meinen Beitrag dahingehend zu editieren.

Dass Sie Manfred Velden als Kronzeugen der Anklage heranziehen, ist allerdings mehr als skurril. Immerhin leugnet er die genetische Prädisposition psychischer Erkrankungen, die z.B. bei Schizophrenie einwandfrei erwiesen ist.

Paranoide Angst, die Erforschung der Vererbung führe zwangsläufig zu eugenischem Massenmord, ist ein Musterbeispiel von Fortschrittsfeindlichkeit. Dass ein NOVO-Redakteur auf solche Argumente einsteigt ist desillusionierend.

Gernot
11.09.2010  21:17

@ Thilo Spahl
Dass es Experten mit unterschiedlichen Meinungen gibt, sollte eigentlich zum Standardwissen jeden Bürgers gehören. Auch dass es heute kaum noch freie, ergebnisoffene Forschung gibt, sollte nicht überraschen.
Sarrazin hat bei seinen Quellenangaben das auch berücksichtiigt. Leider nicht Herr Velden. Für ihn scheint es nur richtige Experten zu geben, die seine Meinung teilen. Alles andere sind dann selbsternannte Experten, die man getrost übersehen kann. Das kann jeder sehen, der Debatten zu umstrittenen Themen verfolgt.
Wieso dürfen nur Experten, deren Meinung man teilt, ernst genommen werden? Das schmeckt heftig nach Zensur.
Meine Welt ist das nicht, auch wenn ich damit als politisch völlig unkorrekt, also nicht tragbar, gelten mag.

Otto Wildgruber
11.09.2010  21:33

Bei der Aufregung um Sarrazin und dem massiven Vorgehen gegen seine Person spielen Sachthemen eine untergeordnete Rolle, und er wird sicher nicht Galionsfigur eines tendenziell rassistischen und zukunftsfeindlichen deutschen Mainstreams. Es ist mehr das Kratzen am Image der dominierenden Weltanschauung, das Bewegung ins Gefüge bringt. Insofern sehe ich durchaus eine Verbindung z.B. zur Nachdrücklichkeit der Proteste nach dem tödlichen Gedränge auf der Love Parade, oder dem teils ungewöhnlichen Aufbegehren gegen Stuttgart 21, oder dem sogenannten Anti-AKW-Revival.

Entsprechend ist es nicht überzeugend, eine inhaltliche Kritik an vorherrschenden, letztlich reaktionären Argumenten ausgerechnet an Sarrazin festzumachen. Und Sarrazin als den wahren Klimapessimisten zu bezeichnen ist eher ein Gag, den außerhalb der Novo-Welt kaum einer verstehen wird.

Man kann hergehen und in allem Neuen, was sich ereignet, Bekanntes suchen - und bis zu einem bestimmten Punkt muss man das auch, und natürlich ist es auch zu finden, gibt es diese Anknüpfungen, die zu thematisieren mitunter Sinn machen kann. Aber man sollte sehr aufpassen, dass dieses Erkennen bekannter Muster nicht die Wahrnehmung des Spezifischen und Besonderen überdeckt - des Neuen, das Geschichte (aus)macht. Im Fall Sarrazin geht es nicht um Malthus.

Novo hat sich stets bemüht, ein klareres Bild von den Ereignissen zu gewinnen, die uns umgeben und bewegen. So hat Sabine Reul die Krise der Politik, ja der Demokratie, immer wieder thematisiert, detailliert analysiert und vortrefflich beschrieben. Es wäre gut, gerade in der Debatte um Sarrazin und die Folgen zu dieser Linie zurückzukehren. Ohne ein Verständnis der neueren politischen Entwicklungen ist auch die Erregung, die Sarrazin verursacht, nicht zu verstehen.

Manche mögen meinen, dass es unter der glatten, bundesrepublikanischen Oberfläche brodelt. Das ist, wenn mit solchem Brodeln auch politische Hoffnungen verbunden werden sollen, sicher übertrieben. Was aber unter der Decke grummelt und pocht, ist eine unbestimmte Furcht: Dass die großen und imponierenden Gesellschaftsgebäude mit ihren glänzenden und weniger glänzenden Fassaden, in denen wir insgesamt doch recht erträglich zu leben vermögen, vielleicht längst tiefe Risse im Fundament haben könnten. Strukturen, die noch immer Wohlstand sichern, vielleicht über keine verlässliche Statik mehr verfügen. Es ist eine Angst vor dem, was sich hinter den polierten Oberflächen verbergen könnte. Und es ist Angst vor der Panik, die entstehen könnte, wenn Fassaden nicht mehr halten, tragende Elemente nachgeben, große Konstruktionen zu wanken beginnen oder ins Rutschen kommen.

Diese innere Sorge und Unruhe ist zwar fast überall zu finden, besonders ausgeprägt aber in der politischen Klasse vorhanden. Sie zeigt sich sowohl bei Sarrazin, als auch bei seinen Feinden. Sie ist die eine Seite der Debatte.

Die andere Seite ist der Frust in der Bevölkerung über eine stromlinienförmige Politik mit ihren hohl klingenden Phrasen und Scheindebatten, die sich abgehoben vom wirklichen Leben in einer eigenen Sphäre um sich selbst zu drehen scheint, und doch nichts weniger als die Zukunkft dieses Landes verhandelt und gefährdet. Und vor allem, und damit verbunden, eine neue Lust am Widerspruch, Andeutungen einer neuen Sehnsucht nach einem wahreren Leben, nach realer Bewegung und Veränderung.

In diesem Spannungsfeld steht für nicht wenige Sarrazin eher für den Tabubruch, für das Aufbegehren gegen die Lügen und Verblendungen im deutschen Establishment. Und dieses hat mit einer bislang beispiellosen Hexenjagd gegen einen aus ihrer Mitte reagiert, an der sich selbst höchste Repräsentanten unseres Staates beteiligten.

Was wir heute insbesondere benötigen, sind offene, wirkliche Debatten. Versuchen der Politik, das erlaubte Meinungsspektrum auf ihre eigenen Ideologien zu beschränken, muss konsequent und mit Nachdruck widersprochen und entgegengewirkt werden. Und dies sollte auch hier, vor allem anderen, geschehen.

Lutz Heckelmann
12.09.2010  16:24

In Wirklichkeit scheint mir, Sarrazin sagt teils sehr richtige und teils absurde Dinge. Zu den absurden zählen zweifelsfrei seine Schlussfolgerungen aus neueren Erkenntnissen zur Vererbung, die bei ihm in der Annahme eines fest begrenzten Intelligenzreservoirs von Populationen gipfeln, dessen Ausschöpfung in Deutschland seiner Ansicht nach in Kürze drohe. Zu den guten zählen seine Kritik am aktuellen Bildungschaos und seine Forderung, die Schule solle wieder das leisten, wozu sie da ist – also Wissen und Lernfähigkeit vermitteln – und ebenso seine Kritik der Abhängigkeitskultur, die unser Sozialstaat hervorgebracht hat. Das alles sind Aussagen, die sich nicht von denen vieler anderer Kritiker des aktuellen sozialen Wert- und Orientierungsverlusts unterscheiden. Und er nimmt zu beiden Fragen im Übrigen auch durchaus sozialdemokratische Positionen ein – bekennt sich also ausdrücklich zur Notwendigkeit eines umverteilenden Sozialstaats und einer allen Schichten Chancen bietenden Bildung.
Diese Positionen stehen etwas quer zu seiner überaus deterministischen Befürchtung, das Zusammentreffen eine Reihe von Prozessen werde Deutschland demnächst „abschaffen“ – also die Alterung der Gesellschaft, niedrige Geburtenraten, die neue wirtschaftliche Konkurrenz aus Fernost und schließlich das Anwachsen einer beschäftigungslosen „Unterklasse“ (die für ihn geradezu albtraumhaft Menschen muslimischen Hintergrunds verkörpern). Sabine Beppler meint meines Erachtens zu Recht, dass Sarrazin mit dieser deterministischen Wahrnehmung ganz auf Linie der grün-linken Ideologie natürlicher und sozialer Schranken des Fortschritts liegt. Vielleicht haben das manche Kommentatoren nicht ganz richtig verstanden. Sarrazin überträgt die heute gängige Idee, wir müssten unsere Lebensweise begrenzen, auf das Thema Immigration und Integration. Das erfreut natürlich jene, deren Unwohlsein angesichts einer ungewissen Zukunft sich gern an Migranten festmacht. Und es regt natürlich jene fürchterlich auf, die darin – durchaus zu Recht – einen Angriff auf ihr elitäres politisch korrektes Meinungsmonopol wittern.
Dabei steht Sarrazin – sieht man von seinem Unsinn vom genetisch bedingten Kulturverlust ab – auch was die konkreten Forderungen zur besseren schulischen Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund betrifft, völlig in Einklang mit den entsprechenden Vorschlägen von Bildungspolitikern jeder Partei. Ganz dem herrschenden Konsens folgend, sieht er – zumindest bei bestimmten Menschen – als einzige Lösung massive Eingriffe in die persönliche Lebensführung durch Staat und Politik. Also auch hier durchaus nichts wirklich Neues. Auch aus diesem Grund ist es symptomatisch für die hochgradige Nervosität in Regierungskreisen, dass man meint, Sarrazin perhorreszieren zu müssen.
Was Sarrazins Buch sympathisch macht ist Folgendes: anders als die Üblichen Ruck-Bücher aus politischen Federn ist es ein überaus informatives, gut recherchiertes, stringent argumentiertes und die Leser ernst nehmendes Werk, das sich bemüht, gesellschaftliche Zusammenhänge in all ihrer Komplexität und jenseits hohler Phrasen – eigenwillig – zu interpretieren. Das wird ihm sicher viele wohlwollende Leser bringen. Es wäre zu wünschen, dass die, die seine Positionen nicht mögen, sich ernstlich mit ihnen auseinandersetzen.

Sabine Reul
12.09.2010  18:57

@ Gernot:
Nie würde ich die Idee teilen, die Erforschung der Vererbung führe zwangsläufig zu eugenischem Massenmord. Ganz im Gegenteil. Ich habe in Artikeln und Büchern vielfach nicht nur die Erforschung sondern auch individuelle Eingriffe ins Genom verteidigt. Und zwar aus einem Grund: weil Eugenik als Versuch der Einflussnahme auf den Genpool mittels staatlicher Steuerung der Reproduktion (durch Mord und Zwangssterilisierung, aber auch durch staatliche Geburtsprämien für ausgewählte Eltern) nicht auf Forschung sondern auf Ideologie beruht.
Und zu paranoider Angst neige ich auch nicht.

Thilo Spahl
12.09.2010  20:46

Aus meiner Sicht bringt Sabine Beppler-Spahl die Sache auf den “uralten” Punkt.

Malthus läßt grüssen. Ob es um die “tödliche” Technologie der Eisenbahn im 18 Jahrhundert, die Unmöglichkeit der Ernährung der Milliarden (das war das Thema von Robert Mathus), die bevorstehende Klimakatastrophe oder eben das Aussterben der Deutschen (wer genau ist das?) geht, der Weltuntergang ist stehts vor der Tür…

Aber die Erfahrung der letzten 300 Jahre zeigt auch, dass der Weltuntergang den die Pessimisten fast schon religiös zelebrieren, genau vor dieser Tür auch geblieben ist.

Meine 2 Cent zu dem Thema gefällig? Dort wird er auch in Zukunft bleiben.

Nur Bürokraten - echte und geistige - können auf den Gedanken kommen, dass Weiterentwicklung und Finden von neuen Wegen nicht geschehen kann. Was, zumindest für diese Gruppe, auch richtig ist. Der Rest der Welt wird sich aber, wie seit Jahrtausenden, etwas ausdenken, ausprobieren und wenn es funktioniert übernehmen.

Und wetten, sobald die neue Idee nicht zur Vernichtung der Menscheit führt werden auch die Bürokraten dieser Welt sie einsetzen, schließlich fahren manche sogar heute bereits mit der Eisenbahn ohne Anst zu haben bei 20 km/h den Schocktod zu sterben.

Norbert
13.09.2010  17:13

@Thilo Spahl:

Dann stimmt wohl meine Analyse, dass Velden nur deswegen als Kronzeuge herhalten musste, weil er gerade gelegen kommt, um das hinschlagen auf Sarrazin zu rechtfertigen.

@Sabine Reul:
Gerade das Beispiel ausgewanderter Inder und Pakistanis, das Sarrazin verwendet, zeigt, dass er die Begrenzung des intellektuellen Potentials in der Kultur und nicht in den Genen sieht.

Die Anerkennung dieser Grenzen wirkt nur für Universalisten Fortschrittsfeindlich. Wer Grenzen einer Gruppe anerkennt, muss sie aber nicht als gesamtgesellschaftliches Problem sehen, sondern kann die Anstrengung auf diejenigen lenken, die Potential haben und mit ihnen den Fortschritt bauen.
Ja, dadurch kann es passieren, dass manche großen Geister unentfaltet bleiben, deren Entfaltung einen Mehrwert für unsere Gesellschaft gebracht hätten. Gleichzeitig kann aber die ganze Energie für Innovation genutzt werden, die man derzeit in hoffnungslose Fälle steckt.

@Norbert

Dass es irgendwie weiter geht, steht außer Zweifel. Dennoch sollte es - metaphorisch gesprochen - das Ziel sein, eine Renaissance zu schaffen ohne 800 Jahre Mittelalter ertragen zu müssen. Sarrazin verwendet das Untergangsszenario ja nicht, weil er den Untergang herbeisehnt, sondern um das Land zu eben dieser Renaissance aufzurütteln. Wer ihm die Fortschrittsorientierung abspricht, hat ihn nicht verstanden.

Gernot
14.09.2010  16:27

Klingt ein wenig wie aus der Süddeutschen ... wo sind wir denn hier?

Mikeart
14.10.2010  21:09

Den Artikel habe ich erst gelesen und er hat mich zuerst schockiert. Zum Ende war ich aber wieder beruhigt. Frau Spahl formuliert zwar sehr provokant, aber ich erkenne einen Denkansatz, der mir sehr sympathisch ist. Beim Lesen “Wohlstand für alle” von Ludwig Erahd, dem offiziellen Erfinder der sozialen Marktwirtschaft kommt das humanistische Weltbild zum Tragen. Er schwärmte von eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die es jedem Einzelnen ermöglicht, aber auch freiläßt sich mit seinen von Gott gegeben/geschenkten Talenten etwas aufzubauen/zu erwirtschaften. Wohlstand durch Leistung und dadurch Wohlstand für alle. Leider müssen wir feststellten, das dieser Grundgedanke seit 1968 vehement in den Hintergrund getreten ist. Dies offenbarte sich sehr früh. Ex-Minister K. Schiller trat am 2.Juli 1972 von seinen Ämtern zurück und begründete dies auf eine Art und Weise, die eine schallende Ohrfeige für Willi Brandts Politik war. Schiller und L. Erhard unterstützten 1972 eine CDU-Kampagne für die Soziale Marktwirtschaft. Was ist seitdem passiert? Viel, sehr viel aber nichts besser. Es wird ein Scherbenhaufen hinterlassen, den die Verursacher nicht beseitigen wollen/müssen. Verschlimmbesserung ist en vogue, weil man ein “falsches” Menschbild hegt!

Harry Hain
02.11.2010  20:34

Was mir an der ganzen Diskussion auffällt, ist ein Punkt, der auch von Herrn Sarrazin in den Mittelpunkt gestellt wird, den man immer wieder hört: die “gottgegebenen” Talente, die genetischen “Talente”, damit zusammenhängend die angeblich schichtenspezifischen “Intelligenzressourcen”. Sollte das wahr sein, dann bewegen wir uns Menschen in doch recht eng umrissenen Grenzen, unsere “Freiheit”, unsere “Spielräume” für unsere Entwicklung, sind so doch UNVERRÜCKBAR vorgegeben. Kann man da wirklich nichts mehr machen? Sind “Talente” wirklich vorgegeben und unveränderlich? Sind “Talente” nicht auch durch eigenes Tun veränderbar? Hat nicht ein Zweig in der Genetik, ich glaube, die “Epigenetik”, die Möglichkeit eröffnet, dass wir auch unsere genetischen Prädispositionen durch unser aktives Tun verändern können? Ist (vorgeblich fehlendes) “Talent” nicht oft auch eine bequeme Ausrede für eigenen Misserfolg oder gar für ein untätiges, fatalistisches Einfügen in eine eher bescheidene Lebensperspektive?

Kai Rogusch
03.11.2010  22:23

@ Kai Rogusch
Talente (Begabung) sind (zu Recht) quantitativ und qualtitativ ungleich verteilt. Es lebe der Unterschied. Talent zu haben ist noch kein Garant für Erfolg, aber durchaus schon einmal eine Vorausetzung (von vielen). Hinzu gesellen sich z. B. Fleiß, Ehrgeiz, Disziplin etc. Aber auch gewisse Umstände von Zeit(geist) und Umgebung, die wir als Individuum und auch als Gruppe nie 100%ig steuern und beeinflussen können (Gott sei Dank). Schicksal entzieht sich nicht selten unserer Macht. Trotzdem sind wir auch unseres Glückes Schmied, da das Glück oftmals mit dem Tüchtigen ist. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.
Ich teile ähnlich Ihre Ansicht, daß unsere Erfahrungen (geistig, seelisch, körperlich)  auch auf der genetischen Ebene gespeichert und weitergegeben werden können. Eine Löschung (oder Abschaltung?) ist genau so denkbar! Jedoch teile ich nicht Ihre pessimistische Talentdefinition. Ich sehe Talente optimistisch und damit als ein Geschenk aus dem ich schöpfen kann. Meine Aufgabe ist es daraus das beste zu machen. Was das ist, ob ich es mache, wieviel ich daran arbeite usw. ist mir freigestellt (Freiheitlichkeit). Aber die Chancen sollten wir alle frei nutzen dürfen (Chancengleichheit), um im gegenseitigen (fruchtbaren) fairen Wettbewerb gemeinsam aufzusteigen/weiterzuentwickeln.

Harry Hain
04.11.2010  10:47

@Kai Rogusch:

Die Annahme der Epigenetik besagt, dass die Verpackung unserer Erbsubstanz so verändert wird, dass manche Bereiche nicht mehr lesbar sind, oder vorher nicht lesbare Teile nun gelesen werden können.
Dennoch wird nichts hinein geschrieben, sondern alles war schon da.
Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass die selben Talente irgendwie in jedem von uns schlummern und nur erweckt werden müssten. Ich halte das aber für einen letzten Strohhalm, an den sich Universalisten klammern, um die grundlegende Unterschiedlichkeit zwischen Menschen nicht anerkennen zu müssen.

Wer Freiheit als die Freiheit sieht, sich vom gegebenen Potential zu lösen, nach dessen Definition kann der Mensch nicht frei sein.

Dabei ist der Mensch frei, hat er doch die Freiheit, das gegebene Potential auszuschöpfen.

Gernot
04.11.2010  22:23

Nativismus und Universalismus sind keine Gegensätze. In der Tat haben die Menschen unterschiedliche Begabungen und auch Persönlichkeitsdispsitionen, die sehr stabil sind und die man daher als angeboren bezeichnen kann. Die Welt wäre langweilig, wenn wir nicht alle verschieden wären, und sie wäre traurig, wenn wir alle zu Einheitscharakteren sozialisiert werden könnten.
Ein nun wieder verstärkt verbreiteter Irrglaube ist indes, “angeboren” würde “erblich” in dem Sinne bedeuten, dass intelligente Eltern intelligente Kinder bekommen. Dem ist keineswegs notwendigerweise so, sondern wir haben in allen Schichten eine Normalverteilung. Deshalb muten Leserbriefe von promovierten FAZ-Lesern, die uns, Sarrazin paraphrasierend, vorrechnen, dass es in x Jahren in Deutschland aufgrund unterschiedlicher Reproduktionsrate und erblicher Intelligenz nur noch Unterschicht gebe, doch recht putzig an.

Ich zitiere hier mal Steven Pinker, einen Universalisten und Nativisten, der, weil er sich gegen Auswüchse des Umweltdeterminismus wendet, oft als Kronzeuge für rassistische oder ethnisierende Behauptungen missbraucht wird.

“Evolutionary biology gives reason to believe that there are systematic specieswide universals, circumscribed ways in which the sexes differ, random quantitative variation among individuals, and few if any differences among races and ethnic groups.”

Kurz: Wir sind alle gleich verschieden. Die Vorstellung einer genetisch minderwertigen Unterschicht ist lächerlich.

Thilo spahl
04.11.2010  23:06

Versuchen wir, bitte, nochmals, die toten Fliegen vom Hackfleisch zu trennen.
Erstens ist die Einwanderung ein WAHRES Problem, und dies völlig unabhängig von jeglichen biologischen Grundlagen (oder deren Abwesenheit). Biologie ist, muss ich als Biologe gestehen, in der vielseitigen Begabung von Herrn Sarrazin nicht die stärkste Seite, so dass darüber disktieren mir echt langweilig erscheint. ABER: Die Tatsache, dass zur Lösung eines Problems schlechte, sogar dumme Vorschläge gemacht werden, beweist nicht, dass es kein Problem gibt. Leider bleibt mir nicht ganz klar, ob Frau Beppler-Spahl diese Logik einsieht. Ich schreibe dies auch unter dem Eindruck ihres letzten Textes in WamS.
Zweitens sollen wir bei diesem Problem zwischen politischen und wirtschaftlichen Aspekten trennen. Das Wort “free” hat im Englischen 2 Bedeutungen: “frei” und “umsonst”. Das Recht auf freie Wahl des Wohnorts beinhaltet nicht das Recht auf free full cost. Die reale Frage bei den Roma in Frankreich ist nicht, OB sie in Frankreich leben dürfen (natürlich ja!), sondern WOVON sie in Frankreich leben dürfen. Auch viele Amerikaner sagen “we wouldn’t have anything against the illegal immigrants, if only they pay tax.”
Das bedeutet aber, dass alle Beispiele aus vergangenen Zeiten, welche positive Rolle die Einwanderung in der Geschichte der USA, Australiens, Israels und vielen anderer Länder gespielt hat, sind IRRELEVANT und daher irreführend. Der Grund ist, dass es zu jenen vergangenen Zeiten keine sozialen Sicherheitssysteme existierten, jedenfalls keine so ausufernden wie heute in D. Und wenn jemand vorschlägt, die Einwanderer aus den sozialen Systemen auszuschliessen, so habe ich mit dieser Person herzliches Beileid: Sie wird in wenigen Tagen öffentlich aufgefressen.
Drittens bestehen außer politischen, wirtschaftlichen und religiösen Unterschieden auch Unterschiede in Bildung, und v.a. in der Stellung, die die Bildung in der jeweiligen Kultur innehat. Man vergleiche nur die Leistung im Fach Deutsch bei türkischen und chinesischen Schulkindern - glaubt jemand, dass die deutsche Sprache für Menschen mit Muttersprache Chinesisch tatsächlich so leicht ist? Die Multi-kulti-Diskussionen wollen uns vor das Dilemma stellen, ob die Probleme der moslemischen Einwanderer vom Islam herkommen (die Antwort “von rechts”) oder von der Armut (die Antwort “von links”). Weder noch. Es handelt sich um ein Milieu, das “bildungsfern” zu benennen völlig falsch wäre. Passenderes Wort ist “bildungsfeindlich”.
Damit sind wir ohne jeglichen Zugriff auf die halbmythologische Genetik bei zwei Gründen, warum die Einwanderung HIER und in DIESEM Land negative Konsequenzen hat, während sie IM ALLGEMEINEN eine durchaus positive Tendenz ist. Diese Gründe sind: Das soziale System, in dem die Freiheit des Wohnwechsels mit dem Recht, alles umsonst zu bekommen, verwechselt wird; und eine solche Politik, die zu bestimmten Vorteilen für bildungsfeindliche Kulturen führt.

bkotchoubey
15.11.2010  15:32

Lieber Herr Kotchoubey,

vielen Dank für Ihren Kommentar.

“Wogs, Nignogs und Pakis kommen nach Großbritannien, stehlen unser Zuhause, unsere Jobs und unsere Ressourcen und tragen herzlich wenig zu unserem einst glorrreichen Land bei. Sie sind von Natur aus, unintelligent. Sie sperren sich auch gegen Bildung und können sich nicht an das Leben in einem zivilisierten, westlichen Land anpassen (...) Sie und wir wären besser dran, wenn wir sie zurücksenden würden - ihre verrückte Musik, ihren Curry und ihre zahllosen Verwandten dazu”.

Von wem ist hier die Rede? Von Chinesen (Wogs), Indern (Nignogs)  und Pakistanis (Pakis). Das Zitat stammt aus England, aus dem Jahr 1982. Ich selber habe um diese Zeit in England gelebt und erinnere mich an die aufgeheizte Stimmung gegen Asiaten. (Zitiert bei K. Mali: From Fatwa to Jihad, GB 2009, S. 39). Davor habe ich in Hongkong gelebt und möchte gar nicht erst aufführen, für wie dumm viele Europäer damals die Chinesen hielten.

Ein weiteres Zitat:

“Unter den Widersprüchen, die in meinem Kopf abgespeichert waren, war eine davon die Tatsache, dass viele erfolgreiche Menschen - mein Vater gehörte dazu - Kinder von Immigranten waren, die nicht im Geringsten durch ihre kulturell unbeholfenen Eltern (die weder die Sprache noch die Gepflogenheiten oder das know-how ihres Gastlandes annahmen) behindert wurden”.

Hier spricht Steven Pinker, in seinem Vorwort zum Buch “Nurture Assumption” von Judith Rich Harris. Die Wahrnehmung einer tatsächlichen oder unterstellten “Unangepasstheit “, “Bildungsferne” “Cliquenbildung” usw. von Einwanderern durch die aufnehmende Gesellschaft ist ein Phänomen, das Einwanderung immer begleitet hat.

Ich respektiere Ihre Meinung sehr und lese stets mit Freude Ihre Artikel, aber Ihre Meinung zur heutigen Einwanderung teile ich nicht - und schon gar nicht die Meinung, bestimmte Kulturkreise ließen sich nicht eingliedern. Meine Erfahrung passt nicht zu Ihrer Darstellung. Meine Kinder gehen in eine Schule mit einem großen Anteil türkischer und arabischer Schüler (12 von 24 Kindern in der Klasse meiner Tochter haben heute das Opferfest gefeiert). Bildungsfeindlichkeit kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Es erscheint mir zu einfach, die Probleme des deutschen Schulsystems mit der Einwanderung in Verbindung zu bringen, wie dies heute oft geschieht. Wenn es stimmt, dass türkische Eltern nicht ganz so viel mit ihren Kindern lernen, dann sollten wir sie dafür nicht kritisieren, sondern in Schutz nehmen; denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Aufwand, den bürgerliche Eltern betreiben, um ihre Kinder erfolgreich durchs Schulsystem zu bringen, kein Modell für alle sein kann und sollte.
Ich war übrigens selber lange genug Immigrantenkind (allerdings eine Deutsche im englischsprachigen Ausland, s.o.) und weiß, wie schwer mir der Erfolg in einem englischen Grund- und Sekundarschulsystem gefallen ist. Meinen Eltern war das englische Schulsystem sicher so fremd wie das deutsche System vielen türkischen Eltern.

Die Tendenz, Türken oder andere als bildungsfeindlich abzustempeln wird es diesen Kindern nicht leichter machen (eine selbsterfüllende Prophezeiung?) und wird uns davon abhalten, unsere eigenen Probleme und unsere Kultur der niedrigen Erwartung in der Bildung zu überwinden.

Mit ansonsten solidarischen Grüßen

Ihre Sabine Beppler-Spahl

Beppler-Spahl
16.11.2010  19:01

Sehr geehrte Frau Beppler-Spahl,
darf ich versuchen, Ihre Argumente für mich umzuformulieren, und Sie korrigieren mich, wenn etwas nicht stimmt. Das kann langweilig sein, aber sachliche Diskussionen sind oft langweilig; nur TV-Debatten sind spannend, daher bringen sie nichts.

1.  Sie sagen, dass Sie gute, intelligente und gebildete türkische Kinder kennen.
Ich kenne nicht nur solche, sondern auch hervorragende Künstler und Wissenschaftler türkischer Abstammung. Und wie könnte es auch anders sein, wie könnte das Land den Fortschritt gemacht haben, den es seit Atatürk gemacht hat, wenn das Volk nicht viele brillante Köpfe hätte? (Seit einigen Jahren macht es auch Rückschritt, aber das ist ein anderes Thema…) Aber was soll dieses Argument beweisen? Behauptet wirklich jemand, dass „alle Türken dumm sind“? Können Sie mir jemand zeigen, der zwischen den Aussagen “Alle Terroristen sind Moslems“ und „Alle Moslems sind Terroristen“ nicht unterschieden kann? Hoffentlich gehen wir nicht so weit, unseren Opponenten offensichtlich absurde Meinungen zuzuschreiben, denn dann hätte Diskussion keinen Sinn mehr. Selbst harte Antesemiten können sagen, „ich kenne aber auch ´n paar gute Juden“. Deshalb wäre ich wirklich jemand hier in Forum dankbar, der mir erklären würde, wozu das Argument „ich kenne auch solche“ zu gebrauchen wäre.

2.  Bei allen Einwanderungswellen in der Geschichte gab es Abwertungs- und Abneigungseinstellungen der Einheimischen; dennoch erwies sich später die Wirkung dieser Einwanderer auf die respektive Gesellschaft als ausgesprochen positiv. Daher, so das Argument, ist zu erwarten, dass auch die gegenwärtigen Einwanderungswellen in Europa, die heute so kritisch betrachtet werden, sich später als Bereicherung europäischer Gesellschaften zeigen. Eine Variante des Arguments lautet: Dieselben negativen Gefühle, Berührungsängste und Befürchtungen gab es in der Vergangenheit auch gegenüber solchen Einwanderungsgruppen (z.B. Chinesen, Juden), die heute allgemein in Europa als völlig harmlose oder gar sehr nützliche angesehen werden. Daher ist zu erwarten, dass dasselbe auch z.B. mit den moslemischen Einwanderern, die heute so negativ beurteilt werden, in der nächsten Zukunft passiert.
M.E. stimmt die Aussage, die Einwanderung habe IMMER und ÜBERALL in der Geschichte positive Effekte auf die Gastgebergesellschaft gehabt, nicht ganz. Die List der Geschichtsbücher besteht eben darin, dass man dort alles finden kann. Das berühmteste Beispiel negativer Konsequenzen einer massiven Einwanderungswelle ist natürlich – Sie wussten’s auch, Sie haben’s nur vergessen – der Zusammenbruch der antiken Zivilisation im 5.Jh. unter dem Druck von den Massen eingewanderter aber nicht integrierter Barbaren (hauptsächlich germanischer Herkunft übrigens). Denn natürlich wurde das Römische Reich nicht von den vom Norden kommenden germanischen Armeen „erobert“, sondern es brach durch die Spannung zwischen der immer wachsenden Zahl und Bedeutung der barbarischen Einwanderer in der Gesellschaft und ihrer fehlenden Integration zusammen.
Was unterscheidet also eine erfolgreiche Integration von einer katastrophal erfolglosen, eine „nützliche“ Einwanderung von einer „schädlichen“? Der Verdienst Thilo Sarrazins sehe ich zusammen mit der großen Mehrheit der Bevölkerung darin, dass er diese Frage STELLT, und nicht darin, dass er sie richtig beantwortet. Was gibt mir Recht, fragen Sie, hier von der Bevölkerung zu sprechen? Die Tatsache, dass, falls die die Position Sarrazins befürwortende Bevölkerung tatsächlich alle INHALTE seiner Schriften geteilt hätte, so müssten wir annehmen – wie die deutsche Elite auch gerne tut – dass dieses Volk ausländerfeindlich bis rassistisch tickt, dass es für eine Demokratie unreif und wie ein starker aber dummer dressierter Bär, von einer aufgeklärten intellektuellen Schicht an einem Ring geführt werden soll. Ich kann diese Einstellung nicht teilen.
  Meine eigenen – zugegeben genauso vorläufigen – Antwortvorschläge habe ich in meinem vorigen Kommentar zu formulieren versucht. Vor allem folgt aus der Tatsache, dass gegenüber sehr verschiedenen Einwanderungsgruppen oft die gleichen fremdenfeindlichen Parolen zu hören sind, m.M.n. NICHT, dass diese verschiedenen Gruppen auch die gleichen Anpassungsprobleme haben. Die Sicht der radikalen Linken, dass alle Einwanderer gleich gut sind, ist einfach die mal –1 multiplizierte Sicht der radikalen Rechten, dass sie alle gleich schlecht sind, und m.W. sieht auch die empirische Forschung gewaltige quantitative und qualitative Unterschiede zwischen den Problemen, die unterschiedliche kulturelle Gruppen im Zuwanderungsprozess haben und dementsprechend auch auf die Gastgebergesellschaft stellen. Können Sie sich vorstellen, dass in einem indischen Tempel gepredigt wird, Europa und die USA zu hassen? Können Sie, bei allem Vorbehalt gegenüber der chinesischen Führung, sich vorstellen, dass der chinesische Ministerpräsident in eine Chinatown etwa nach New York oder Toronto kommt und in einer Rede die Bewohner dazu aufruft, sich im Gastgeberland nicht zu integrieren? Sie werfen mir vor, den falschen Schluss über die Bildungsfeindlichkeit im moslemischen Milieu aufgrund des unzulässigen Vergleichs zwischen der türkischen Unterschicht und der deutschen Mittelschicht zu machen. Aber in meinem Kommentar war die Vergleichsgruppe nicht die Kinder deutscher Lehrer und Ärzte, sonder die Kinder chinesischer Kellnerinnen und Putzfrauen! Und unter Bildungsfeindlichkeit wird nicht bloß die Menge der bei den Hausaufgaben des Kindes verbrachten Zeit gemeint (denn nach diesem Kriterium gehöre ich zu den bildungsfeindlichsten Vätern der Welt), sondern dass in bestimmten Kulturkreisen die Bildung im besten Fall gar keinen Wert hat, im schlechteren Fall sogar einen negativen, denn sie ist ein schändliches Zeichen der fehlenden Männlichkeit.
Kulturen sind unterschiedlich. Die Idee, dass eine Frau zu den Menschen und nicht zum Vieh gehört, ist gar nicht selbstverständlich, sondern ein Produkt einer jahrhundertelangen kulturellen Entwicklung. Selbst heute ist die Mehrheit der Männer auf der Erde bestimmt nicht dieser Ansicht, denn ihre Zivilisationen haben diese Entwicklung nicht mitgemacht. Der Gedanke, dass kulturelle Unterschiede auf soziale Unterschiede zurückzuführen seien, ist zwar in der Sozialdemokratie sehr populär, stimmt aber empirisch nicht.
3.  Sie meinen, dass die Probleme der Einwanderer v.a. aus selbsterfüllenden Prophezeiungen entstehen. Werden sie z.B. von der Gastgebergesellschaft zu „dumm“ erklärt, so werden sie tatsächlich weniger intelligent als sie sein könnten (der sog. Rosenthal-Effekt).
Wiederum finde ich, dass die Tatsache der kulturellen Unterschiede diese Meinung auf einfachem logischem Wege widerlegt. Schauen Sie:
WENN (a) die Integrationsprobleme der Einwanderer v.a. durch die Xenophobie der Gastgebergesellschaft entstehen,
und
WENN (b) die xenophobischen Ausrufe gegen Juden, Chinesen, Inder, Araber und Türken (fast) identisch sind (waren),
DANN müssen auch Juden, Chinesen, Inder, Araber und Türken die (fast) identischen Probleme haben.
Da der Schluss offensichtlich falsch ist, muss entweder (a) oder (b) oder beide notwendigerweise falsch sein. Da ich (b) eher glaubwürdig finde, ist (a) für mich notwendigerweise falsch.
Ich wiederhole nochmal – im verzweifelten Versuch, Missverständnis zu vermeiden: Ich finde Ihre Position völlig OK, solange Sie meinen, dass Problemlösungsvorschläge von [Sarrazin, Kotchoubey, … jeder andere Name] nicht zufriedenstellend sind. Aber Sie scheinen, wie der Mainstream der deutschen „öffentlichen“ (d.h. zur Veröffentlichung zugelassenen) Meinung, nicht die Problemlösungen, sondern das Problem selbst zu leugnen. Insoweit kann ich Ihnen nicht zustimmen.
Ihr
B.K.

bkotchoubey
08.12.2010  18:26

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