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Migration – Je mehr desto besser?

Von Sabine Beppler-Spahl

Warum reden alle über das Buch von Thilo Sarrazin, ohne es gelesen zu haben? Was kann an einem geschriebenen Wort so gefährlich sein, dass sogar die Kanzlerin dem Bundesbanker vorwirft, er spalte die Gesellschaft?

„Ich analysiere einen Missstand, der Innovation in Deutschland behindert. Erst ganz spät im Buch komme ich auf das Thema Migration“, verteidigt sich Sarrazin in einem Interview der Welt am Sonntag (29.08.2010). Trotzdem: Die Vorveröffentlichung der ersten Kapitel lassen ahnen, dass es sich um ein zutiefst unbefriedigendes Werk handelt. Dem hohen Anspruch des Autors, Missständen „forschend“ nachzugehen und sie mit Hilfe harter Zahlen und Fakten zu analysieren, wird das Buch nicht gerecht. Die Folgerungen Sarrazins, dass Deutschlands Probleme durch muslimische Immigranten verursacht und verstärkt werden, klingt allzu einfach. Es ist das alte Lied, das Ausländer und Immigrantenfamilien für die sozialen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Probleme eines Landes verantwortlich macht.

Nehmen wir das von Sarrazin angesprochene Beispiel der Schule. Auch wenn nicht jeder Schulversager ausländische Wurzeln hat, so stimmt es sicher, dass überdurchschnittlich viele Berliner Schüler mit großen schulischen Problemen der von Sarrazin angesprochenen „muslimischen Herkunft“ zugeordnet werden können. Aber heißt dies, dass diese Kinder die Probleme des Schulsystems verursachen? Lassen sich die Schwierigkeiten, die Lehrer mit manchen Schülern (Sarrazins Frau ist Lehrerin) immer wieder haben, darauf zurückführen, dass diese Schüler einfach nicht anpassungs- oder ausbildungsfähig sind? Lässt sich hieraus gar eine genetische oder sonst wie angeborene Minderwertigkeit ablesen? Ich bitte Sie!

Die Wahrheit ist vielmehr, dass diese Kinder die ersten Opfer eines Schulsystems sind, das nicht weiß, für was es wirklich steht und in dem sich die Kultur der niedrigen Erwartungen seit langem breit gemacht hat. Auch ich beobachte an der Berliner „Brennpunktschule“ meiner Kinder ein ständiges Verwirrspiel darüber, was von Schülern zu erwarten ist, ob mehr oder weniger schulischer Druck das Richtige ist, ob bestimmte Werte wie Ehrgeiz oder Pünktlichkeit überhaupt vertreten und gefordert werden dürfen, ob das Lernen noch individueller sein sollte oder ob man wieder mehr Wert auf einen einheitlichen Lehrkanon setzen sollte, ob mehr Psychologen und Therapie oder mehr inhaltliche Förderung das Richtige ist usw. Das Ergebnis ist eine tiefe Verunsicherung von Lehrern, Eltern und Schülern, die sich negativ auf inhaltliche Standards auswirkt.

Sarrazins Thesen mögen besorgniserregend sein, aber die Forderungen seiner Gegner, die ihm mit Verboten und Ausschlüssen kontern, sind noch beängstigender. Dabei geht es nicht nur darum, dass es immer falsch und ein Zeichen inhaltlicher Schwäche ist, Debatten durch Verbote (gar Berufsverbote) zu unterbinden. Es geht darum, dass auch Sarrazins Gegner Immigration für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Immigration ist seit langem ein Thema, mit dem eine gut situierte bürgerliche Schicht ihre Toleranz und Abgrenzung gegenüber den „einfachen Menschen“ zur Schau stellt. Wer sich kosmopolitisch aufgeklärt gibt, wirbt für Multikulti als Lifestyle (aber natürlich nicht für wirklich offene Grenzen im politischen Sinne). Das hat dazu geführt, dass Immigration in den vergangenen Jahren zu einer Art „elitärer Debatte“ verkommen ist, bei der jeder Abweichler sofort als unaufgeklärter „Pleb“ abgestempelt wurde. Wenn überhaupt, hat dies die Gesellschaft gespalten. Aus Sicht derer, die, wie ich, für offene Grenzen eintreten, ist es an der Zeit, die Schwächen dieser Multikulti-Bewegung zu erkennen. Immigranten sind nicht für die sozialen Probleme in Deutschland verantwortlich, aber der Traum von der „Einheit in der Vielfalt“ kann eine ernsthafte Debatte darüber, wie wir leben wollen und welche Werte unsere Gesellschaft vertreten sollte, nicht ersetzen.

Sabine Beppler-Spahl ist Novo-Redakteurin.

Hinweis: Am 11. November findet um 18.00 im Kino Tilsiter Lichtspiele in Berlin eine Veranstaltung zum Thema Immigration statt.

31.08.2010 | Permanenter Link |

Kategorie(n): Kultur und Gesellschaft

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Besten Dank, dass jemand den Mut hat, die Vernichtung der beruflichen Existenz Sarrazins als das zu thematisieren, was sie ist: Der Versuch, die Argumente des Gegners zu ersticken, statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Was mich dennoch stört, ist die versuchte “Ausgewogenheit” zwischen der sachlichen Position Sarrazins und der unsachlichen Position seiner Gegner. Das Urteil über ein Buch wird nicht besser, wenn man es nur in die Hand nimmt, um medial transportierte Vorurteile zu belegen.

Was mich aber wirklich stört, ist diese gutmenschliche Haltung der Täter als Opfer des Systems. NOVO ist immer für die Eigenverantwortung und gegen Bevormundung eingetreten, deswegen bin ich Abonnent. Wieso nicht auch hier?

Natürlich krankt das Schulsystem. Der Einzelne hat dennoch die Aufgabe, sein Bestes zu geben. Sarrazin zeigt deutlich, dass das Einwanderern aus Ostasien und Europa problemlos gelingt, während türkisch- und arabischstämmige Jugendliche in Massen daran scheitern. Diese Korrelation ist signifikant.

Die Aufgabe der Gesellschaft kann nicht sein, die Therapeuten loszuschicken, sondern sie muss die Anreizsysteme so ändern, dass Fleiß und Eigenverantwortung belohnt werden.

Gernot
03.09.2010  11:04

@Gernot

Ich weiß nicht, ob ich sie missverstanden habe, aber Sie können doch nicht ernsthaft behaupten, dass der Begriff “Täter” auf die von Frau Beppel-Spahl als Beispiel genannten Schulkinder zutrifft? Selbstverständlich sind diese Kinder vor allem und erst einmal “Opfer” des Schulsystems! Kinder sind ja gerade keine rechenschaftsfähigen Erwachsenen. Sie werden unter anderem von dem Schulsystem erst dazu gemacht. Lösungen müssen deshalb gerade auch am Schulsystem ansetzen. Und da halte ich Frau Beppler-Spahls Analyse und auch ihre Verbesserungsvorschläge durchaus für schlüssig. Die Schule sollte sich unzweideutig zu der Aufgabe bekennen, in den Schülern den Ehrgeiz wecken zu wollen, etwas aus ihrem Mensch-sein und somit ihrem Leben in dieser Gesellschaft machen zu wollen.
Dazu, dass gerade so viele türkisch- oder arabisch stämmige Kinder in der Schule scheitern: Hier zeigt sich für mich überdeutlich der Zusammenhang zwischen Bildungschancen und materiellem Wohlstand (es sind nämlich nicht nur Türken und Araber – überwiegend Angehörige der Unterschicht- , die in der Schule scheitern, es sind auch viele deutschstämmige Kinder aus armen Verhältnissen). Natürlich haben Migranten auch ihren Anteil an der Integration in eine Gesellschaft leisten, aber es liegt eben auch an der Gesellschaft die materiellen Grundlagen dafür zu schaffen. Bietet diese von Wachstumsskepsis und niedrigen Erwartungen in die Menschheit geprägte Gesellschaft genug Anreize, Chancen und Perspektiven für arme Menschen, Ihre Lebenssituation zu verbessern oder verwaltet sie lediglich den gegenwärtigen Stillstand? Sarrazins Forderung nach massiven Immigrationskontrollen erscheint mir aus dieser Perspektive, eher wie ein feiges zurückweichen vor den eigentlichen Probleme in diesem Land. Eine dynamische und selbstbewusste Gesellschaft könnte auch mit offenen Grenzen und freier Immigration in weitaus größerer Zahl als bisher umgehen. Sarrazins rassistische Ressentiments, die im Gewand eines scheinbar aufgeklärten Kulturalismus daherkommen, helfen uns insofern bei der Analyse der eigentlichen gesellschaftlichen Ursachen dieses Problems nicht weiter.

Johannes Richardt
03.09.2010  13:16

Ja, auch ich kann mit Sarrazins Thesen wenig anfangen. Ehrlich gesagt, kotzten mich Sarrazins Auslassungen an, und dass sie so viel Anklang finden anscheinend in der “Mitte der Gesellschaft” oder wie auch immer man das nennen will, lässt tief blicken…Großes Lob verdient hier übrigens Frank Schirrmacher, mit dem wir bei NOVO sonst nicht so oft einer Meinung sind!

Kai Rogusch
03.09.2010  22:20

Hätte Sarrazin sich mehr mit Gunnar Heinsohn beschäftigt, wäre er nicht so angreifbar.

Gunnar Heinsohn schreibt:

„Der allergrößte anzunehmende demographische Unfall tritt ein, wenn bei steigender Lebenserwartung und abtauchender Geburtenrate eine bildungsferne Masseneinwanderung erfolgt und zugleich heimische Eliten weggehen. In diesem Sektor tummeln sich vor allem westeuropäische Nationen, aber keine kann Deutschland vom letzten Platz verdrängen. In der Berliner Republik sind bald nur noch 13 Prozent der Einwohner unter 15 und schon 20 Prozent über 65. Das heutige Durchschnittsalter nähert sich Japans 44 Jahren. Die ethno-deutschen Frauen haben mit 1,1 Kindern noch weniger Nachwuchs als ihre ostasiatischen Schwestern. Aber alle weiblichen Einwohner zusammen schaffen 1,38 Kinder, weil die 20 Prozent der Migrantinnen 40 Prozent der Babys beisteuern.“

Und weiter:

„Die bald 30 Prozent deutschen Leistungsversager machen vor allem die übrigen 70 Prozent der Schüler nervös. Bisher hat man ihnen nur verraten, dass demnächst 100 Aktive 70 Rentner versorgen müssen, falls es bis 2025 nicht gelingt, jährlich 100.000 – statt der heutigen 500 – Eliteeinwanderer zu gewinnen und zugleich 150.000 tüchtige Auswanderer jährlich in der Heimat zu halten. Scheitern diese Vorhaben, dann müssen 100 Aktive ab 2025 schon 100 Rentner versorgen. Nun finden die tüchtigen Schüler aber heraus, dass womöglich nur 80 Aktive nicht nur 100 Rentner, sondern auch noch 20 Gleichaltrige im Hartz-IV-Archipel finanzieren müssen – und dazu sämtliche Kinder. Nur übermenschliche Heimatliebe kann da die Flucht ins Ausland unterbinden. Und das lockt immer heftiger, weil ja in allen Spitzenländern die demografische Malaise bereits brusthoch steht und niemand sich damit trösten kann, dass Deutschland sie schon Oberkante Unterlippe spürt.“

Aktuell verlassen jährlich 150.000 gut ausgebildete junge Menschen dieses Land. (Und viele noch Studierende bekunden, sie würden schon daran denken, ins Ausland zu gehen) Sie haben schon längst geschnallt, dass im Land der Öko-Beglücker und Sozialarbeiter vieles schief läuft (auf das sie kaum Einfluss nehmen können) und suchen ihr Heil (Glück) in der Flucht (niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten – noch).

Der Kampf um die klügsten Köpfe ist in der Anglo-Welt und im asiatischen Raum schon längst ausgebrochen. Die größte Exportnation von Talenten wird Deutschland sein.

Carl Meinen
03.09.2010  23:06

Sogar vom eigenen Schreibtisch aus kann man sich über eine YouTube-Recherche schnell davon überzeugen, dass der Begriff “Täter” insoweit zutreffend ist, dass die Genannten den Schulunterricht aktiv sabotieren und sich dafür z.B. der gefährlichen Drohung schuldig machen. Wer wie ich persönliche Schilderungen von Handyraub-Opfern kennt, dem kommt das Wort “Täter” eben schneller über die Lippen. Strafmündigkeit ist im Übrigen ab 14 Jahren gegeben.

Der schulische Erfolg hängt eben nicht von der Armut ab, das ist nur eine oft verwendete Schutzbehauptung. Ein höchst aktuelles Beispiel aus Zürich (siehe URL) bestätigt das wieder einmal. “Und noch etwas hat der Ausländerbeirat festgestellt: Ausländerkinder sind sehr unterschiedlich erfolgreich. Am besten schneiden die Tamilen ab, immerhin die fünftgrösste Fremdsprachigengruppe in Zürich.” kann man dort lesen. Die Tamilen, die in die Schweiz geflüchtet sind, waren bei ihrer Ankunft auch völlig mittellos. Dennoch haben sie, im Gegensatz zu den Albanischstämmigen, den nötigen Integrationswillen aufgebracht um als Gruppe erfolgreich zu sein. In ihrer großen Mehrheit scheitern diese Zuwanderergruppen an sich selbst und nicht am System. Die gesellschaftlichen Kosten tragen wir. Statt zu versuchen, sie mit noch mehr Kostenaufwand zu therapieren gilt es, endlich sachliche Regeln zu beschließen, die den Zuzug Integrationsunwilliger verhindern.

Natürlich muss man nicht mit allem was Sarrazin sagt einer Meinung sein. Gerade um Sarrazin zu kritisieren braucht es nicht die Solidarität mit der Betreuungsindustrie, denn er selbst fordert ja mehr staatliche Bevormundung. Kindergartenpflicht ab 3 Jahren, hier würde ich mir als Familienvater eine scharfe Kritik durch NOVO wünschen! Dazu müsste man aber alles lesen und nicht nur die Stellen, die sowieso schon überall zitiert sind und die man als “Auslassungen” abtun kann.

Sarrazins Verdienst ist vor allem der, die verlogene politische Korrektheit aufzudecken, die immer mehr totalitäre Züge annimmt. Ein echter Freigeist erkennt diese nämlich nicht nur dann, wenn es um den Klimawandel geht. Die Tatsache, dass hier mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten (jüdisches Gen) die Vernichtung der beruflichen Existenz eines unbequemen Querkopfes betrieben wird, sollte jedem NOVO-Redakteur zu denken geben. Denn vor Falschzitaten und Verdrehungen ist niemand gefeit. Wer sich da zurück lehnt und behauptet, ihm könne so etwas nie passieren, der belügt sich selbst.

Freut Euch lieber, dass die “Mitte der Gesellschaft” langsam aufhört, sich dem Zeitgeist hündisch unterzuordnen. Vielleicht finden dann auch die Argumente von NOVO einen fruchtbaren Boden. Denn ihr schreibt hoffentlich nicht nur, weil euch eure Argumente so gut gefallen, dass ihr sie gedruckt sehen wollt, sondern weil ihr die Menschen überzeugen wollt.

Gernot
04.09.2010  04:30

Natürlich werden wir hier in NOVO den Rassisten Sarrazin in seinem Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen, wie wir uns zum Beispiel auch gegen das Verbot der Auschwitzlüge aussprechen.
Sarrazins Geschwätz ist zwar eugenischer Unsinn, aber das ist halb so schlimm. Solches haben auch schon andere verzapft. Problematischer sind die Reaktionen von beiden Seiten. Den Rausschmeißer fällt kein besseres Argument ein, als dass man so etwas nicht sagen dürfe, weil es einen schlechten Eindruck macht und dem Image schadet.
Und die Claqueure freuen sich so über Sarrazins Attacke auf die Political Correctness, dass sie offenbar sowohl die wissenschaftliche Unhaltbarkeit der Thesen zur Abschaffung Deutschlands mittels Überfremdung des wertvollen Pools deutscher Intelligenzgene als auch die ausländerfeindliche Attitüde billigend in Kauf nehmen (oder letztlich leider sogar teilen).

Zum Thema erbliche Intelligenz siehe http://idw-online.de/pages/de/news384817

Thilo Spahl
04.09.2010  11:52

Ist nicht Präsident Obama das beste Beispiel gegen den Soziologen Gunnar Heinsohn? Sarrazin und Heinsohn sind nicht sachlich. Wer sich sein Lebensbild aus Statistiken zusammenschustert, hat eine enge Weltsicht. Die Wahrheit ist, dass die Wissenschaft nur wenig Detailwissen über die genetische Entwicklung von Intelligenz hat, dass die Unterschiede innerhalb nationaler Gruppen stärker sind als zwischen ihnen usw. Hierzu hat der Verband Biologie, Biomedizin und Biowissenschaften in Deutschland e.V. eine gute Stellungnahme geschrieben (vgl. http://idw-online.de/pages/de/news384817). Auch die Intelligenzforscherin auf die sich Sarrazin beruft (Elsbeth Stern) widerspricht (FAZ 2.9.2010).  Intelligenz als Selektionskriterium bei der Immigration ist dumm und funktioniert nicht, weil wir die Begabungen von Kindern und Einwanderern gar nicht vorhersehen können.

Die viel interessantere Frage ist, warum dieser Schwachsinn auf so viele offene Ohren stößt. Das hat etwas mit einer sehr grundlegenden Blickrichtung zu tun. Wer sich genüßlich im nationalen Schubladendenken eingerichtet hat (“Chinesen schlau, aber unehrlich, Afrikaner lieb und bunt, aber nicht so schlau, Muslime… ” usw.) verzettelt sich nun einmal in Statistiken, die die eigene Sichtweise zu bestätigen scheinen. Das Problem ist, dass auch der Multikulturalismus dieses Schubladendenken über Jahre gefördert und bestärkt hat. So durfte jeder seine schönen, ethnischen Tänze beim Festival der Kulturen aufführen, und die Unterschiedlichkeit der “Völker”  (wenn auch mit positiver Rhetorik) wurde gefeiert.

Meine Sichtweise ist anders. Ich bin Universalistin und Novo ist es auch. Wir zelebrieren nicht die Unterschiedlichkeit, sondern gehen - wie auch die klassischen Universalisten, die unsere Welt und unser Denken weitergebracht haben- davon aus, dass die Gleichheit der Menschen überwiegt. Dort, wo es Unterschiede gibt, sind sie anders zu erklären, als in einer vermeintlich “inhärenten, angeborenen, genetischen” oder sonstwie naturalistisch begründeten Form.

Ich stimme mit Johannes Richardt überein, wenn er sagt, dass es feige ist, die Probleme in unserem Land auf solche vermeintlichen Unterschiede zurückzuführen und bestimmte Immigranten verantwortlich zu machen.

Sabine Beppler-Spahl
04.09.2010  12:02

Mir fällt es schwer, die ganze Aufgeregtheit nachzuvollziehen.
Keinensfalls kann es darum gehen, ganze Gruppen einer bestimmten Herkunft über einen Kamm zu scheren. Es geht immer - auch in bezug auf die Deutschen - um Risikogruppen. Um es noch neutraler auszudrücken: Man kann Inegrationsrisiken beschreiben - die auch für anderen Länder gelten, bzw. gibt genügend Erkenntnisse über Verläufe von Integration.
Integrationsrisken sind unter anderem: Mangelnde Kenntnisse der Sprache des Aufnahemlandes, Bildungsferne, Ghettobildung, Klassen mit sehr hohem Anteil nichteinheimischer Schüler, restriktiver (sprich: weniger zur Selbständigkeit erziehender) Erziehungsstil und auch - da wird es aber kompliziert - bestimmte religiöse Haltungen. Letztlich könnte man auch sagen; es gibt ein bestimmtes Handlungsrepertoire, das nötig ist, um sich gut integrieren zu können. Und es gibt innerhalb der Migrantangruppen wiederum mehr oder weniger große Gruppen, die nicht über dieses Basics verfügen - und (und das ist, finde ich wesentlich) dies sich auch kaum aneignen können oder wollen, z.B., indem sie sich Angeboten verweigern oder ihre Kinder nicht soweit es ihnen möglich ist, beim Schulbesuch unterstützen.
Ich betreue zur zeit in einer deutschen Großstadt Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, deren Eltern Allg-II beziehen, und erlebe, dass viel an Unterstützung verpufft.

Kathrin Siebert
04.09.2010  13:08

Ich möchte mich einmal mehr bei Frau Spahl bedanken. Es ist mir im Regelfall eine große Freude, ihre Ausführungen zu lesen. Es liest sich so (kann es nur so formulieren) “beruhigend”.
Inwieweit ich nun Herrn S., wie es ihr Mann kommentiert, als Rassisten bezeichnen würde… Naja, von möglicherweise etwas seltsam formulierten Ressentiments zu sprechen, ließe ich mir eher gefallen. Nun muss ich an dieser Stelle eingestehen, dass ich das Buch noch nicht gelesen habe, lediglich die öffentliche Aufregung darum. Ich frage mich bei dem, wie wahrscheinlich es sein kann, dass diese strittigen Aussagen insofern einer unzufriedenen Person zuzuordnen sind, als, soweit bekannt seine Frau das Lehramt bekleidet, ein persönliches Beziehungsproblem mit einem zusehend “ver”-rückten Blickfeld dahinterstehend vermutet werden darf.

@Frau Siebert
Sie reden von Riskogruppen. Wieso dann “immer” dieser vermittelte Eindruck ALG II sei ein Risiko? Die Medienbrache lebt teilweise von Halbjahresverträgen. Läuft es dumm, sieht der nächste Gang das AA, genauer die entsprechende Stelle für ALG II vor. Diese ALG II Schublade finde ich zunehemd anstrengend und wenig aussagekräftig. Sie formuileren Integrationsrisiken wie Ghettobildung. Was genau beschreibt ein Ghetto, was ich muss ich mir darunter vorstellen? Ist es nicht genauso gut möglich, eine Gruppe von Wirtschaftselitären einer ghettoartigen Bildung zu bezichtigen, die sich mit zunehemend engstirnig, wenig umherblickend, nur auf sich fokussiert etc. fortbewegt?... Sprachkenntnisse (Im Übrigen könnten wir das auch derart lösen, und beachte hier die geführte Bildungspolitik in ihren vermeintlichen Ansprüchen, ausschließlich in Englisch zu unterrichten… ironisch gemeint): gut und schön, doch schaue ich mich dabei selbst unter den “Deutschen” (in keinster Weise, Sinn machen…) um; Bildungsferne? Ich durfte mehr als einmal ein Blick in Schulbücher der Kinder meiner Freundin werfen. Diese sind nicht selten sehr weit von Bildung entfernt, sehen im Aufbau schlimmer aus als das Unübersichtliche Layout der Bild, sind bunt bunter am buntesten, als lebe und finde mich und das Leben in einem Blockbuster wieder. Ich bin davon in Bezug auf sogenannte Migranten in keiner Weise überzeugt…
Ich sehe darin eher grundlegende Probleme, die sich meiner Ansicht schon im Umgang mit den “eignen” Leuten wiederfinden lassen. Wie ich finde, beschreibt ihr Kommentar sehr gut,  dass das Problem eher in einem ausgrenzenden als in einem integrierenden Denken im Allgemeinen entspricht. Auch hier kann ich nur Herrn Richardt beipflichten. Wir schauen zu sehr auf die Unterschiede, nicht auf die Gemeinsamkeiten…

Schwarz fehlt eben im Regenbogen. Meiner Ansicht nach schrieb Rukshanda Smith ein wirklich sehr lesenswertes Buch darüber mit eben diesem deutschen Titel: Schwarz fehlt im Regenbogen.

Roman Filz
04.09.2010  14:33

@Kathrin Siebert: Das bestreitet doch keiner, dass es diese von Ihnen angesprochenen Probleme bei der Integration besonders muslimischer Einwandererfamilien gibt. Habe ebenfalls tagtäglich mit Menschen aus problembehafteten Milieus zu tun, wo man immer wieder von Neuem verzweifeln kann. Das Neue bei Sarrazin ist bloß, dass er letztlich sagt: Da ist Hopfen und Malz verloren, und wir müssen die Grenzen dicht machen und dafür sorgen, dass die Cream mehr Kinder bekommt als der genetisch minderbemittelte Abfall.
  Frau Siebert, wenn Herr Sarrazin die von Ihnen angesprochenen, und sicher auch kulturell, lebensgeschichtlich, familiär bedingten Integrationsdefizite muslimischer Milieus zum Anlass nehmen würde, diese Menschen eben noch viel expliziter HERAUSZUFORDERN, ihnen sicher einerseits vor den Kopf zu stoßen, andererseits aber die anspornende Perspektive zu eröffnen, dass die jahrelange Intensivierung von Bildungsanstrengungen einen Ausweg aus rückständigen kulturellen und religiösen Millieus weisen kann, dann würde ich das liebend gern unterschreiben!
Aber gerade das tut Sarrazin eben nicht, und das macht sein Buch (das ich, @Gernot, übrigens gelesen habe, genauso wie ich recht gründlich Sarrazins doch recht eindeutige, und eben nicht “aus dem Zusammenhang” zitierten “Auslassungen” gelesen habe) sehr abgeschmackt.
  Übrigens liegt in Sarrazins sehr stereotypen, sehr abgeschmackten und sehr anmaßenden Auslassungen ein bedeutender Unterschied zu dem Buch der kürzlich verstorbenen Jugendrichterin Kirsten Heisig. Man kann zwar auch ihr Buch kritisieren, doch zumindest bestand ihr Ansatz, sehr im Unterschied zu Herrn Sarrazin, eben nicht darin, Menschen pauschal abzustempeln. Da erkennt man sehr viel mehr Interesse an Einzelschicksalen, und man sieht zumindest das aufrichtige Bemühen, in den (zugegebenermaßen bisweilen tristen) Niederungen des Alltags gesellschaftliche Normen zu verteidigen, gleichzeitig neue Perspektiven zu erarbeiten. Sarrazin ist das Gegenteil: Er legt die Axt an humanistische Grundnormen, er schreibt Menschen ab, er liefert auch keine ernst zu nehmenden Lösungsansätze.

Kai Rogusch
04.09.2010  15:14

@ u.a. Herrn Rogusch

ich bin mir hinsichtlich der eingangs formulierten Unstrittigkeit nicht ganz sicher, bzw. befürchte ich, dass sich der Blick zu sehr und einseitig verstellt, und ob zu schnell außer Acht gelassen wird, wie “behaftet” ein Mensch derzeit schon/noch ist, sobald das Wort Muslime fällt. Sicher, gestern wurde herzlich gelacht, als Simone Solga während des übertragenen Kleinkunstfestivals meinte, nie ist ein Taliban da, wo man ihn braucht. Nebenbei bemerkt, ich höre ihr sehr gerne zu und amüsiere mich köstlich. Spielbergs “Der weiße Hai” reichte aus, einen Hai-Wahnsinn in seinen Darstellungen zu entwickeln, der sich z.B. in seiner Kameraführung noch heute in den meisten pseudowissenschaftlichen Sendungen diverer Privatsender wiederfindet. Wer schaut das, wer reagiert Wie darauf? Ich kann es nicht besser benennen. Irgendetwas, ganz diffus und tief sitzendes stört mich an der Betrachtung, bzw. erscheint mir fehlerhaft und führt zu Folgefehlern, die so unbemerkt bleiben.

Ich kenne einige Auswanderer. Ein Freund von mir ging nach Spanien. Es bedurfte langer sieben Jahre und einer spanischen Freundin, um sich dann doch mal ernsthaft der Sprache zu widmen. War nicht notwendig in den deutschen Hochburgen oder auch Ghettos. Das gleiche gilt für Leute, die nach Indonesien gingen. Ich meine, wir reden von der Sprache. Im Prinzip stimme ich zu. Darf ich auch daran erinnern, wie hier über weite Strecken ein sogenanntes verhandlungssicheres Englisch aussieht? Mir scheint eine zu große Ungleichheit zwischen Qualität und Quantität zu bestehen.

Man darf mich falsch verstehen, es geht nicht darum, keine (An-) Forderungen zu stellen oder ausschließlich Geschenke zu verteilen. Mir ist aus eigener und sehr deulticher Erfahrung auhc die Gruppendynamik bekannt; diese aufgeblassene Großspurigkeit. Das gilt auch für den sogenannten deutschen Teil.

Ingesamt habe ich den Eindruck, es handelt sich um die sich nach und nach entwickelnden Ableger eines Landes, welches sich durch die Welt bewegt, als leide es unter Minderwertigkeitskomplex, der über solche kompensiert wird.

Roman Filz
05.09.2010  11:16

Sprache wird überschätzt. Die Brandstifter der Banlieus konnten alle Französisch, integriert sind sie dennoch nicht.
Lediglich die Geschwindigkeit des Spracherwerbs ist ein guter Indikator, denn wenn ein mir bekannter 4jähriger Iraner, der seit wenigen Monaten in Europa ist, schon gut Deutsch spricht, zeigt dass, dass die Familie dahinter ist und vorhat, ihn zu einem produktiven Mitglied unserer Gesellschaft zu erziehen.

Ein einzelner positiver Ausreißer kann jedoch keine Statistik widerlegen, im Gegenteil bestätigt die Ausnahme die Regel. Deswegen braucht es zuverlässige Kriterien, die VOR der Einreise erfüllt sein müssen.

Selbst wenn Hopfen und Malz bei den Anderen nicht verloren sein sollten, rechnet es sich einfach nicht, Milliarden in Integrationsmaßnahmen und für die Folgekosten gescheiterter Integration (Ordnungsdienste, Vandalismus, Justizsystem,...) aufzuwenden, nur damit einige wenige sich dann tatsächlich integrieren, arbeiten und in die Sozialversicherung einzahlen.
Wenn man den Familiennachzug stoppt und mit dem selben Geld die Mittelschichtfamilien steuerlich entlastet, bekommt man dafür optimal ausgebildeten Nachwuchs, der schon zu Hause (und nicht erst mit gesellschaftlicher Therapie auf Kosten der Allgemeinheit) so erzogen wird, dass er in der Schule brav lernt. Diese neuen Staatsbürger sind dann tatsächlich in der Lage und Bereit dazu, das Pensionssystem zu stützen, weil die Pensionsbezieher auch mit ihnen Verwandt sind.

Gernot
05.09.2010  17:46

@Roman Filz: Da machen Sie in Ihren Kommentaren einen guten Punkt…In Deutschland fragt sich so mancher: Ja, wo soll ich mich denn “integrieren”... Die abgeschotteten Ghettos gibt es tatsächlich auch in den bürgerlichen Milieus… Richtige Offenheit, gar aufrichtiges Interesse an Menschen aus fremden Milieus ist da nicht wirklich vorhanden…

Kai Rogusch
05.09.2010  23:13

@Gernot
meiner Ansicht nach wird Sprache nicht über, sondern unterschätzt. Wobei ich anmerken muss, dass diese für mich sicher nur einen Teil der kommunikativen Möglichkeiten darstellt. Ich habe bei ihrem eingangs formulierten Satz eine Aussage Martin Bernhards im Kopf: Alles, was uns umgibt ist Schrift, der Mensch muss nur lernen, sie zu lesen. Wir bewegen uns seit zu langer Zeit in sehr superlativischen “Arten” des (nicht nur) Redens (Kommunizierens im allgemeinen), mit, nach meinem Dafürhalten, nicht unerheblichen, teils jedoch un- bzw. sehr schwer bemerkten Folgen. Es wird teils maßlos übertrieben, völlig überzogene Erwartungen geweckt, die dann, bei Nichterfüllung, fallen als schneide jemand am Hang das Seil durch. Diese Form, jemanden emotional zu erreichen, errinnert mich dann an Versuche, eine Aufforderung mit sechs Ausrufezeichen ‘Auffordernder’ zu “machen”. Dieses permanente Hochhalten einer emotionalen An- und Überspannung führt dazu, sich dem nicht selten notwendigen weitsichtigen Blicken zu entziehen. Für mich eine wenig schöne Veränderung mit komplexen Strukturen, Inhalten umzugehen. Und diese Überforderung, so frage ich mich, mündet in dem Versuch, das Denken auf Stastiken herunterzubrechen und zu vereinfachen, teils mit katastrophalen Lesefehlern dieser? Es wird “nur” mal kurz auf etwas geschaut, anstatt die Dinge genau zu betrachten.
Und jeder, der sich ein Zeugnis vom Arbeitgeber ausstellen lassen muss, weiß, welche Bedeutung Sprache hat/haben kann. Ich finde es persönlich sehr peinlich, dass meine Referenzen über eine derart übertriebene und teils fehlerhafte Sprachkonstruktion vermittelt werden, ich jedoch gleichzeitig in Ausschreibungen lesen muss, dass einwandfreie Deutschkenntnisse unabdingbare Voraussetzung für diese oder jene Stelle/Position sind. Wir leben, so behaupte ich, in und mit dieser sprachlichen und damit teils auch geistigen Maßlosigkeit. Das verändert. In all dem Behaupteten, schaftten es sogar einige, sich damit zu etablieren,  es gäbe so etwas wie eine gewaltfreie Kommunikation. Eine derartige Form ist mir nicht bekannt. Keine Form der Kommunikation ist frei davon. Doch schaut man auf die Folgen/Auswirkungen eines solchen Verständnisses:: “hinfort”-gebildete Polizisten, Umgang in z.B. Familiengerichten, selbst im Personalmanagement. Es ist, als will man dann am Inhalt (-lichen) vorbeilaufen.
Deutschland streitet augenblicklich über Herrn S.. Einen großen Teil der Aussagen von Bürgermeister Buschkowski finde ich nicht weniger abfällig. Das gilt auch für eine der zwei grün, lautstark gackernden Alpha-Hennen, Frau Künast, die den Islam gerne “Eindeutschen” möchte (“Wir müssen den Islam einbürgern” - Der Islamunterricht muss raus aus den Hinterhöfen, sagt die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast im Interview. Nur so könne Integration gelingen.; Wir Grüne kümmern uns darum seit vielen Jahren. Wir haben als erste Partei ein Integrationskonzept vorgelegt, in dem wir systematisch darlegen, was die aufnehmende Gesellschaft und was die Migranten tun müssen. Wir sind durchaus der Meinung, dass mehr freundlicher Druck (Was bedeutet freundlicher Druck? Von nun an benutzen wir bunte Peitschen?) notwendig ist…, siehe Interview in der Zeit [http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-09/kuenast-sarrazin-integration]).
Für mich ist Sprache deshalb nicht überbewertet, weil im Umgang mit dieser und meiner Sicht, dass in diesem Land agiert wird, als leide es unter einem Minderwertigkeitkomplex, es zu einer “falschen” Arroganz führt, die den Blick verstellt und nicht unerheblich einengt. Eine Arrognaz, die sich darin zur Schau stellt, nicht wie gern im Sinne von “Made in Germany” (stand einst für Qualität, neuerdings nicht selten in der Werbung wiederzufinden… Warum wohl? Weil wirklich vorhanden oder als Schmuckwerk?) wirklich besser zu sein, sondern an den eigenen Grenzen zu scheitern (wenn auch etwas übertrieben gesehen und formuliert), unvollständiges und unzureichendes Wissen (siehe auch Umgang/Reduktion auf statistische Aussagen) als vollständig zu verkaufen/darzustellen, mit einer für mich zudem daraus resultierenden Haltung einer viel zu geringen wirklichen Lernbereitschaft und demnach dem so häufig geäußerten Wunsch, etwas zu verändern…
Ich finde an dieser Stelle die Übersetzung aus Wallace “Unendlicher Spaß” durchaus zutreffend: Ich bitte um Hintergrundinformationen, nicht um Expertentum. So gesehen findet sich dann die Bedeutung von Sprache soeben nicht dann auch in diesem wirklich guten Artikel in der aktuellen Novo zum Thema der NGOs wieder?
Diese Arroganz lebt jedoch nicht einseitig. Sie wird aufgegriffen und “zurückgelebt”. Für mich liegt die Bedeutung nicht in dem Blick, was von einem “Zuwanderer” zu erwarten sei…

Roman Filz
06.09.2010  11:52

Mir fällt noch zu meinem gegenwärtigen “gefühlten Blick” auf Deutschland eine Aussage Herrn Kuttners ein, welche er kürzlich auf Radio eins zu seinem neuen Theaterstück tätigte. Möglich, dass dies als ‘Nichtthemenrelevant’ eingeordnet wird. Ein Stück in und um die DDR. Er sagte in etwa von damals zu heute: ...vom Gefängnis in die Irrenanstalt… Ich habe keine Ahnung, was besser ist, wenn überhaupt. Doch bei der Irrenanstalt muss ich unweigerlich an “Einer flog über das Kuckucksnest” bzw. “Awakenings” denken. Wie viele Gesichter Drogen wohl haben mögen: Öko-Droge, Energie oder Atom-Droge, Bildungs-Droge…?

Roman Filz
06.09.2010  12:09

Ich bin immer wieder überrascht, wie leichtfertig der Einfluß genetischer Faktoren auf den Menschen und seine Persönlichkeitsmerkmale verworfen wird. Da wird dann selbst bei reinen Befunden und Feststellungen schnell von „Eugenik“ gefaselt und zur Sicherheit noch irgendwas mit „Auschwitz“ hinterhergeworfen. Die Vererbbarkeit von Intelligenz und wie weit diese reicht - oder eben auch nicht - ist aber gut erforscht und belegt. Man sollte nicht vergessen, daß es sich um eine rein empirische (und sogar rein naturwissenschaftliche) Frage handelt; zuständig ist in erster Linie die Biologie. Die Stellungnahme des VBIO jedoch überzeugt überhaupt nicht. Allein schon die Behauptung daß „jede Volksgruppe, die einen Intelligenztest auf der Basis ihrer eigenen Kultur entwickeln würde, [feststellen würde], dass die meisten anderen Kulturen durchschnittlich schlechtere Leistungen zeigen als die Mitglieder des eigenen Kulturkreises“ ist doch offensichtlich völlig falsch. Etwas mehr darf man den auf diesem Gebiet tätigen Forschen schon zutrauen. Das Beispiel mit dem Enkel und der Großmutter ist so dumm, daß man von einer groben wissenschaftlichen Fehlleistung sprechen muß. Intelligenzforschung findet sicherlich nicht zufällig primär außerhalb Deutschlands statt. Einen Überblick über den Stand der Forschung zum Thema Vererbbarkeit findet sich hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Heritability_of_IQ/
Zum Thema Mensch und Gene noch ein Buchtipp: http://www.amazon.de/dp/3827005094/

Carsten
06.09.2010  14:34

Ich will mich hier nicht auf das verminte Gelände einer Gendebatte begeben, sondern die Feststellung treffen, dass wir es auf dem Globus mit unterschiedlich entwickelten Zivilisationen zu tun haben (siehe Siegfried Kohlhammer). Der Entwicklungsgrad, also das durch Anpassungsdruck an die ökonomischen Bedingungen und den selbst gestellten Erwartungen Geschaffene, ist in Europa anders als im Orient. Auch in Asien sind Indien, China, Japan, Vietnam und Südkorea anders zu bewerten als Indonesien und Malaysia (islamisch geprägt). Alle islamisch dominierten Staaten repräsentieren rund 20% der Weltbevölkerung (mit wachsender Tendenz). Ihr Anteil an der weltweit jährlichen Wirtschaftsleistung beträgt aber nur magere 6% (die Ölförderung ist dabei ein Hauptfaktor). Ausdrücklich ausnehmen aus dieser Betrachtung will ich den Iran. Wäre er nicht unter der schiitischen Knute, könnte dies Land ein Wohlstandsland sein, denn die Perser sind aus einem ganz anderen Holz (die hier lebenden Iraner machen keinen Alarm, sondern sind bestens integriert).

Also, was spricht denn dagegen, dass Menschen, die in einer Gesellschaft mit hohen zivilisatorischen Standards geboren werden und aufwachsen, auch einen ganz anderen Zugang zu Bildung und Ausbildung haben. Und das sich dies auch über Generationen hinweg in der Muttermilch manifestiert (mein Zauberwort statt Gene; geht da eine Mine hoch?).

Einen weiteren Zünder will ich noch legen:
Im 20. Jahrhundert betrug der Anteil jüdischer Mitmenschen rund 1% an der Weltbevölkerung. In diesem Jahrhundert haben Mitglieder aus dieser Mini-Minderheit rund 30% aller Nobelpreise in den naturwissenschaftlichen Disziplinen abgeräumt. Aber das hat ja wohl mit möglicherweise vererbbarer Intelligenz nix zu tun (wahrscheinlich gekauft). Völlig vernachlässigt wird in dieser Debatte die Neurowissenschaft. Prof. Spitzer hat doch nachgewiesen, dass die ersten zwei, drei Lebensjahre eines Kindes entscheidend sind für die neuronalen Verknüpfungen im Gehirn. In dieser frühkindlichen Zeitspanne werden die Weichen gestellt für die kognitiven und motorischen Fähigkeiten Kurt Tucholsky meinte in seiner satirisch-philosophischen Betrachtung über das LOCH wohl primär, das materielle Schicksal eines Menschen hänge davon ab, aus welchem er gekrochen sei. Es ist aber auch für den Bildungserfolg im Leben schon wichtig.

Nachtrag:

Gunnar Heinsohn ist weder nur Soziologe noch Statistiker. Er fasst in Bewertungen zusammen, was empirisch signifikant ist. Er ist einer der letzten Gelehrten, die noch universell denken (zwischen Geld und Kredit und Söhne und Weltmacht).

Carl Meinen
06.09.2010  21:31

@Carl Meinen: Ich stimme Ihnen völlig zu. Es ist überhaupt nicht nötig, zur Erklärung der bestehenden Integrationsprobleme auf die Genetik zurückzugreifen. Sarrazin macht das ja auch gar nicht. Das ändert aber leider nichts daran, daß ihm das a) immer fälschlich vorgeworfen wird, und daß b) seine Aussagen dazu - auch wenn sie für das Thema Integration nicht von Bedeutung sind - nicht annähernd so abwegig sind wie ständig behauptet wird.

Ich weiß nicht, ob der sehr lesenswerte Text von Kohlhammer hier jedem bekannt ist, er ist jedoch online: http://www.eurozine.com/articles/2006-11-02-kohlhammer-de.html

Carsten
06.09.2010  21:57

@ Carsten

Ich war auch irritiert, auf NOVO den PC-Virus zu lokalisieren (Sarrazin, Rassist!). Ich schätze diese Initiative für den Fortschritt (es gibt nur wenige in unserem Land), aber dieser Beitrag hat mich schon nachdenklich gemacht.

Danke für den Link zu Kohlhammer, hatte ihn nicht parat.

Carl Meinen
06.09.2010  22:34

Zur Verteidigung des Fortschritts gehört ein universalistisches Menschenbild. Wer die Menschen in Kulturen gefangen sieht und so wenig Vertrauen in universalistische Werte und die Integrationskraft des Fortschritts hat, dass er das Heil in der passiven Abschottung vor Überfremdung sucht, kann sich der wirklich für Fortschritt einsetzen?

Thilo Spahl
07.09.2010  11:07

Eine Sache finde ich an der aktuellen Debatte auffällig. Ich möchte es das Phänomen des „Man wird es ja wohl mal sagen dürfen-Liberalismus“ nennen. Das erste Mal begann ich im Zuge der Debatte um Westerwelles Dekadenzbemerkungen darüber nachzudenken. Man erinnert sich vielleicht noch, wie empört viele freiheitlich gesinnte Geister darüber waren, als Westwelles Bemerkungen von nicht wenigen als genau das kritisiert wurden, was sie de facto auch waren: Nämlich als abstoßende und ziemlich menschenverachtende Ressentiments. In einem gewissen Sinn ist die Sarrazin-Debatte eine Steigerung der Westerwelle-Debatte. Wieder erhebt sich in der Mitte der Gesellschaft ein lauter Chor derer, die entrüstet ausrufen: „Man wird es ja wohl mal sagen dürfen!“  Wie Thilo Spahl es richtig auf den Punkt gebracht hat: Selbstverständlich sollte in diesem Land jeder (also auch Rassisten) öffentlich sagen dürfen, was sie wollen. Bedenklich wird es eben nur, wenn sich der aufrechte Liberale sich solch rückwärtsgewandte Menschenfeindlichkeit selbst zu Eigen macht und dabei auch noch denkt, er handle verdienstvoll – quasi in einem Akt notwendigem zivilen Ungehorsams gegen eine angebliche „linke“ Political-Correctness-Diktatur. Selbstverständlich gibt es bestimmte Mechanismen und Reflexe, sowohl in Medien und Politik, die darauf angelegt sind nicht opportunen Meinungen mit Todschlagargumenten das Wasser abzugraben – das konnte man auch bei der Sarrazin-Debatte beobachten und das sollte auch kritisiert werden. Aber:  Mir kommt es dennoch so vor als hätten viele der hiesigen Liberalen außer dem beharren darauf, auch noch das abgeschmackteste Ressentiments gegen die ohnehin bereits Schwachen und Abgehängten -  sofern es nur elaboriert genug und vor allem statistisch unterfüttert ist – öffentlich vortragen zu dürfen, nur noch wenig an Substanz zu bieten. Wieso hört man von den Leuten, die immer ganz vorne mit dabei sind, wenn es um die Forderung nach mehr Eigenverantwortung, Deregulierung und individueller Freiheit geht, eigentlich nie eine ebenso emphatische Verteidigung des menschlichen Potenzials, den eigenen Verstand zu benutzen und etwas aus seinem Leben zu machen – also: aus sozialen Verhältnissen, biologischen Beschränkungen und kulturellen Prägungen ausbrechen zu können (wenn die Gesellschaft eben hierfür materielle und kulturelle Voraussetzungen schafft)? Wo bleibt hier eigentlich die auch unter dem Namen Humanismus bekannte Wertschätzung für den Menschen? Ist es um den hiesigen Liberalismus wirklich so schlecht bestellt, dass ganze Bevölkerungsschichten inzwischen einfach als nicht Entwicklungsfähig abgeschrieben werden sollen?

Johannes Richardt
07.09.2010  12:40

Wenn man ein bestimmtes Menschenbild verstritt, dann sollte die erste Frage sein, ob es realistisch ist. Denn was für Vorteile sollte die Leugnung oder Ignorierung von biologischen und kulturellen Tatsachen haben? Daß Menschen in gewisser Weise (nicht alle, nicht ewig, alles zugestanden) in ihrer Kultur gefangen sind, wird man kaum leugnen können, denn wie sonst könnte man die sehr unterschiedlichen Integrationserfolge unterschiedlicher kultureller Gruppen erklären? Ich weiß nicht, was an einer solchen Feststellung fortschrittsfeindlich seinen soll. Fortschrittsfeindlich sind doch wohl eher die mit den Immigranten bestimmter Gruppen importierten archaischen Weltanschauungen. Darin besteht ja gerade das Problem. Man kann jetzt natürlich hoffen, daß dich das Problem in Luft auflöst, sozusagen automatisch durch den „Fortschritt“. Aber was für Argumente sprechen denn dafür? Wo hat das (mit den erwähnten problematischen, fortschrittsfeindlichen Gruppen) funktioniert?

Carsten
07.09.2010  12:44

@ Thilo Spahl

Nein, sie sind nicht in einer Kultur gefangen (also ohne Potential zu einer fortschrittlichen Entwicklung).

Sie sind die Geiseln einer totalitären Ideologie.

Carl Meinen
07.09.2010  14:06

Die zentrale Frage, die leider zu selten gestellt wurde:
Wie schafft es ein Vorstandsmitglied einer öffentlichen Institution, der sein Gehalt analog zu Hartz IV-Empfängern sein Leben lang aus Steuermitteln bezog und nie wirklich unternehmerisch tätig war (http://www.wiwo.de/unternehmen-maerkte/koepfe-der-wirtschaft/thilo-sarrazin-729/biografie/), nebenher ein 450-seitiges Buch zu schreiben?
Ist davon auszugehen, dass er es in seiner Arbeitszeit getan hat, so ist dieses Werk also subventioniert worden.
Frage 2: Warum brauchen wir eine Bundesbank mit 10.000 Angestellten, die kaum eine Tätigkeit ohne Kooperation mit der EZB vornimmt?

peeka
21.09.2010  12:23

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