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Rauchfreier Bahnhof?
Von Matthias Heitmann
Samstagnachmittag, 17.30 Uhr, Köln Hauptbahnhof, Gleis 6. Nach einem anstrengenden Arbeitstag warte ich ausgelaugt und verschwitzt auf meinen Zug nach Hause. Neben mir auf den Schienen dampft und qualmt eine alte historische Dampflok vor sich hin – Baureihe und Baujahr habe ich mir nicht gemerkt, ich konnte ja nicht ahnen, hierüber später etwas zu schreiben. Tut auch nichts zur Sache. Unter lautem Geschnaube und deutlich riechbar war das Ungetüm kurz zuvor in die zu beiden Seiten offene Bahnhofshalle eingefahren und hatte sie unter Dampf gesetzt. Und nun steht es neben mir und qualmt mich freundlich an.
„Na gut, ich rauche eine mit“, sage ich in Gedanken zu dem Oldtimer, ziehe eine Zigarette aus der Tasche und zünde sie an. Wir verbringen drei gemütliche Minuten miteinander, schweigend, schwitzend und rauchend. Bis ein Bahnmitarbeiter auf mich zukommt. „Sie stehen nicht in der Raucherzone. Würden Sie bitte die Zigarette ausmachen?“ Ob die Lok ebenfalls die 15 Meter mit nach vorne in das Raucherghetto auf dem Bahnsteig kommen solle, lautet die Frage, die mir auf der Zunge liegt, aber ich bin zu perplex, um sie in die Freiheit zu entlassen. Stattdessen formuliere ich weniger anstößig, ob denn mein bisschen Zigarettenqualm neben dieser historisch-stinkenden Lok ins Gewicht falle.
Rauchen sei verboten und zudem ungesund, lautet die Antwort des Herrn. Ich nehme einen aktiven tiefen Zug passiven Lokomotivenqualm, registriere den öligen Nachgeschmack und mache ich auf den Weg in das gelb markierte Rechteck, in das ich hingehöre. Und für einen kurzen Moment beneide ich die alte Lok, die ihre guten und unbeschwerten Tage in Zeiten verlebte, in denen Zigarettenrauch als angenehm galt, da er andere üble Gerüchte, die aus allen Ecken der Welt drangen, für Sekundenbruchteile zu überdecken im Stande war. Heute wäre die alte Dame Schuld am Klimawandel.
Es ist schön, dass heute der Himmel über den Städten tatsächlich blau ist, wenn die Sonne scheint. Aber es ist stinkt zu eben diesem Himmel, dies nicht angemessen genießen zu dürfen.
Matthias Heitmann ist Chefredakteur Online von NovoArgumente.
In der aktuellen Ausgabe von NovoArgumente (Nr. 106, 5 – 6 2010) erklärt Michael Fitzpatrick in seinem Artikel „Passivrauch-Panik: McCarthyismus in der Wissenschaft“, wie die Epidemiologie als Waffe im Krieg gegen das Rauchen benutzt wird.
Lesen und diskutieren Sie alle Artikel der aktuellen Ausgabe. Die komplette Inhaltsangabe finden Sie hier: Inhalt. Ein Jahresabonnement kostet nur 37,80 Euro (Studenten 28,50 Euro). Zögern Sie nicht und bestellen Sie noch heute in unserem Shop. Damit bleiben Sie am Ball und sichern die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts.
Zahlreiche weitere Artikel zum Thema finden sich im Novo-Dossier „Rauchverbot"
28.06.2010 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Umwelt und Gesundheit | Rauchverbot
Aber, aber - es ist doch allgemein bekannt, daß die Bahnhöfe nicht wegen des Rauches oder des Rauchens rauchfrei gemacht wurden, sondern wegen der Einsparungen bei der Säuberung von Bahnsteigen und Gleisbetten. Siehe z.B. unter http://is.gd/d98T7 Und da eine Dampflok keine Kippen ins Gleisbett schnippst, darf sie qualmen, während Raucher in ihr gelbes Rechteck latschen müssen… ;-)
@Hans-Jörg
Eben eben… hinzukommt die nicht zu unterschätzende Imagepflege gegenüber den Nichtrauchern, die in der Überzahl sind… (Wo sind die Lobeshymnen auf entstehende Produktivitätssteigerungen? ;))
Wie dem auch sei, ich habe eigentlich kein Problem damit mich in den Raucherbereich zu stellen oder an den Rand der Bedachung zu gehen. (Und dass es wirklich unangenehmer als eine historische Dampflokomotive stinkt, merkt man, wenn man sich 2 Tage am Stück Nikotinrauch-frei umgibt…)
Wirklich lächerlich finde ich dieses Verbot eigentlich nur auf den Bahnhöfen, die kaum mehr hermachen als eine Bushaltestelle…
@Roman Filz
Vielleicht sollten sie mehr in Möglichkeiten, als in Unmöglichkeiten denken, dann würden diese Einschränkungen bzgl. der Rücksichtnahme auf die Interessen der lieben Mitmenschen sie wahrscheinlich nicht so tief treffen.
Denke außerdem, dass zwischen Polizisten und Bahnmitarbeitern Welten liegen. Erstere haben oft wirklich besseres zu tun, als sich hinter einem Baum zu verstecken und Leute beim Rot-über-die-Ampel gehen zu schnappen, letztere nicht.




Hübsche Vorstellung, sich, mit dem Blick auf diese noch fahrende Gümtlichkeit, einer anteilnehmenden Zigarette zu widmen. Ich hoffte, sie hätte just in dem Moment dieser mechanisiert und schon festplattenartig reduzierten, wenn auch nachzuvollziehenden (“Es ist “nur” mein Job, mein Job… Es ist “nur” mein Job”, und ich gebe zu, öfter den Eindruck zu erhalten, es gibt eine Klausel - ich überlas diese wohl bisher, oder es ist das Kleine vom Kleingedruckten, die besagt, das Gehirn, den Verstand, das eigene “Ich” vor der Tür abzustellen) Art und Weise, tief und kräftig pustend und schnaubend auf sich aufmerksam gemacht, wohlmöglich unterstützt noch durch dieses Trommelfell zerstörende Pfeifen…
Aufgrund einiger persönlicher Erlebnisse in letzter Zeit mit “unserer” teilweise machtbornierten (“Die Geilheit der Uniform”) und Robocobmanier (jedenfalls sind meine Erlebnisse in letzter Zeit die eines immer auftretenden Doppelpacks, wovon einer genau dieser mechanisierten, Areale des Hirn und der Kommunikation in die Oberarme verteilten und Haltung im allgmeinen “Yes, i can” Vorstellung entspricht; ich finde das sehr witzig in der Beobachtung) kommunizierenden Polizei, während einer oder dieser routineartigen Verkehrskontrolle…
Ich warte, mit dem Blick auf so einiges, was sich in diesem Land so alles “bewegt” u. a. auf den Tag, an dem ich angehallten und gefragt werde, wie viele Kilometer denn mein Weg zum Zielort noch betrüge, um dann darauf hingewiesen zu werden (in fragender Form versteht sich wie das Pusten; was geschieht eigentlich bei Verweigerung?), den Rest des Weges aus umweltpolitischen Gründen, Rücksicht auf die Mitmenschen etc. zu Fuss zu absolvieren.
Das hat auf dem ersten Blick, hiermit nichts zu tun. An anderer Stelle des Blogs, wenn gleich auch mit einem anderen Thema, nennt es jemand das zweite paar Schuhe. Für mich sind es, reduziert um alles, am Ende einfach nur Schuhe. Mich erinnert das bei so vieles an einen Satz, den Bonhoeffer gesagt haben soll (sinngemäß): Nur die Ansicht von Idioten und Polizisten ist unumstößlich.
Tja, wir sind mit dem Blick auf den Zug wohl doch an vielen Stellen schon ganz schön “blind” geworden…
Roman Filz
29.06.2010 14:41