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Glatzen und Homosexualität durch Gentechnik?
Von Thomas Deichmann
Die Menschheit hat schon viele Gründe dafür gehört, warum der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen angeblich gefährlich sein soll. Die Realität sind zwar anders aus – die Technologie ist erprobt und gilt nach wissenschaftlichen Kriterien als sicher. Aber wen stört das schon, zumal mit Antihaltungen leichter denn je moralische Pluspunkte eingesammelt werden können. Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) hat vergangenes Jahr den Anbau von Bt-Mais verboten – zum vermeintlichen Wohle von Käferchen auf der deutschen Ackerscholle. Ihr Amtskollege aus Meck-Pomm Till Backhaus (SPD) scheiterte kürzlich nur knapp mit seinem Vorstoß, auch die Aussaat der gerade erst zugelassen GV-Kartoffel Amflora zu verhindern. Andere europäische „Experten“ warnen derweil mit Blick auf abenteuerliche Interpretationen von Fütterungsstudien mit Ratten, deutsche Männer könnten impotent werden. Und ein straffällig gewordener Landwirt aus Hessen rennt seit Jahr und Tag durchs Land und behauptet, einige seiner Kühe seien einst wegen GV-Futter verendet (statt miserabler Hygiene im Kuhstall, was Behörden nahelegten). Kollegen aus Asien oder Kollegen aus Europa, die „Experten“ in Asien kennen, legen nach und berichten darüber, dass indischen Rindviechern gleich die kompletten Hufe abgefault seien, nachdem sie über ein Feld mit GV-Baumwolle marschiert waren. Und dass indische Landwirte den Massensuizid wählen, weil die Gentechnik sie schnurstracks ins Verderben führt.
Treu-deutsche Imker schüren Panik, dass ihre Bienchen vergiftet und Honig kontaminiert wird. Und ein vom Obersten Kanadischen Gerichtshof wegen der Verletzung von Patentrechten letztinstanzlich verurteilter Großbauer ist zur europäischen Kultfigur aufgestiegen, nur weil er lange genug lamentierte, er sei von den bösen Agrobuben aus dem bösen Amerika über den Tisch gezogen worden. Letzte Woche wurde auch dieser Straftäter besonders geehrt: Die Meck-Pomm-Landeshauptstadt Schwerin würdigte den Einsatz des Kanadiers für die „Altenvielfalt“ – weshalb jedem auch nur halbwegs Sachkundigen die Kinnlade nach unten klappen dürfte. Der Vize-Oberbürgermeister Wolfram Friedersdorff (Die Linke) ließ es sich nicht nehmen, beim Eintrag ins Gästebuch der Landeshauptstadt dem Gast die Hand zu reichen. „Experten“ vom Schlage Glöckner, Grolm, Andrioli, Schmeiser, Hofstetter oder Then haben Hochkonjunktur.
Wen wundert es da, dass der bolivianische Präsident Evo Morales in die gleiche, so erfolgreiche Kerbe zu schlagen versucht. Allen Ernstes sprach er kürzlich in ein öffentliches Mikrofon, die Existenz von Kahlköpfigkeit in Europa und von Homosexualität in der ganzen Welt sei das Ergebnis des Verzehrs gentechnisch veränderter Pflanzen: “Kahlköpfigkeit scheint normal – in Europa sind fast alle kahl, und das ist eine Krankheit und beruht auf dem, was sie essen…”. Damit lag er gar nicht so weit weg von den Äußerungen seiner deutschen Expertenkollegen. Ergo: Bitte jetzt nicht schon wieder über Morales schimpfen, sondern besser vor der eigenen Haustür kehren.
Thomas Deichmann ist Chefredakteur von NovoArgumente
Mit der Verklärung der Natur befasst sich in der aktuelle Ausgabe NovoArgumente Nr. 105 (3-4 2010) der Evolutionsbiologe Prof. Dr. Josef Reichholf. Dass die Sicherung der Welternährung ohne Grüne Gentechnik schwerlich vorstellbar ist, erläutert Prof. Gerhard Flachowsky von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. NovoArgumente Nr. 105 (3-4 2010) gibt es hier
Mehr zum Thema finden Sie im Dossier Grüne NGOs.
23.04.2010 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Umwelt und Gesundheit | Wissenschaft und Technik
Also wenn Gentechnik Homosexualität fördert ... Wir sollten angesichts dieser Mythos-Matsche eher optimistisch gestimmt sein. Wieso das denn? Naja, Gentechnik wird sich zunehmender Beliebtheit erfreuen ;-)
Recht so Herr Deichmann!
Da wir kein Welthungerproblem haben, ist es ja auch gar nicht notwendig an das Morgen zu denken, wenn über 10 Milliarden Menschen ernährt werden wollen. Das Vorsorgeprinzip und die Null-Risiko-Träumerei ist stärker als jedes Hungergefühl und der Schutz der Sonderstellung der Bio-Branche ein gesamtgesellschaftliches Erfordernis ersten Ranges. Die “Kampagnen-Terroristen” werden schon für die notwendige Verunsicherung sorgen. Mit etwas Mühe läßt sich ständig eine kleine Unsicherheit finden und gebiert eine Vielzahl von “Könnte es” und “Wenn’s”. Geht es um den Teller, laufen erstaunlicherweise alle politischen Strömungen und Lebenshaltungen brav am Nasenring der Super-Experten.
Ach du heiles, ökobeseeltes Europaglück, bleibe nur in dem Glauben den heraufbeschworenen Gefahren der Grünen Gentechnik entrinnen zu können. Andere sind da aufgeklärter. Da findet man einen Schatz und hält den Deckel der Truhe ganz fest zu, da noch nicht entgültig geklärt ist, ob Schätze unglücklich machen könnten. Es könnte ja auch Gefahren geben, von denen wir heute noch nichts ahnen…
Schlimmstenfalls muß sich eben die Größe der Weltbevölkerung dem Nahrungsangebot anpassen. Die Satten betrifft das ja nicht.
Werfen wir doch mal einen Blick auf ein aktuelles Beispiel, daß im Kern eine durchaus diskutable Problematik beinhaltet
Monsanto will Patent auf Schinken und Schnitzel
Fakt ist, Monsanto hat bei der Weltpatentbehörde in Genf ein Patent eingereicht, für Fleisch von Schweinen, die mit gentechnisch veränderten Produkten der Firma gefüttert wurden und dementsprechend bessere Eigenschaften aufweisen sollen.
Außer acht gelassen wird aber hierbei, so umstritten die Praxis der Patentierung von Tieren und Pflanzen ist, daß die Weltpatentbehörde PCT (nach dem engl. Patent Cooperation Treaty) nur eine Hilfsorganisation ist, die überprüft, ob es sich um eine Neuigkeit handelt und die Anmeldung als Patent bei den zuständigen nationalen Gremien übernimmt. Erst diese entscheiden dann über die Zulassung als Patent. Es dürfte also für Monsanto ein schwieriger und vermutlich auch erfolgloser Weg sein, das Patent für dieses Fleisch auch durchzubringen. Die Weltpatentbehörde erteilt also selbst keine Patente.
Für Greenpeace aber kein Hindernis das ganze als Top-Schlagzeile zu verkaufen und so eine Meinung zu erzeugen und politischen Druck auszuüben. Ganz nach der Devise Herrschaft braucht Angst.
Den Schaden trägt die Grüne Gentechnik dann doppelt. Einmal durch die umstrittene Praxis von Monsanto und zum Anderen durch die Kampagne von Greenpeace. Solange die Grüne Gentechnik mit verdächtigen Konzernpraktiken in Zusammenhang gebracht werden kann, wird sie es schwer haben, in eine vernünftige Diskussion zu gelangen. Aber staatliche Forschung auf diesem Gebiet wird angeblich mehrheitlich in Deutschland abgelehnt. Daß dann Profit vor wissenschaftlicher Neutralität steht verwundert nicht.




Pünktlich zum obigen Kommentar erreicht mich die Meldung: “SPD will Amfloraanbau sofort stoppen” (http://www.topagrar.com/index.php?option=com_content&task=view&id=17909&Itemid=519), wozu mir ein umsichtiger Kollege aus Bayern schreibt: “Die SPD sollte vorsichtig sein, wenn sie mir “geringer Akzeptanz in der Bevölkerung” argumentiert: In Bayern müsste sie nämlich demnach schon lange abgeschafft sein… ;-))” Man wird sehen…
Thomas Deichmann (Chefred. NovoArgumente)
23.04.2010 11:50