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Die sympathische Katastrophe
Von Thilo Spahl
Wir erleben einen Vulkanausbruch mit nie da gewesenen Folgen. Aber keiner nimmt es dem Eyjafjallajökull so richtig übel. Immerhin, es sind keine Menschen zu Schaden gekommen. Da ist man dankbar. Zieht man den Vergleich zum Erdbeben in China oder gar jenem in Haiti vor wenigen Monaten, so ist schon verständlich, dass die meisten Menschen doch recht erleichtert sind über die Art und Weise, wie der Vulkan seine Wirkung entfaltet. Man sieht die Naturgewalt mit einer gewissen Sympathie, da Kräfte freiwerden, die in Gestalt der „Wolke“ auch immense Auswirkungen haben, aber eben niemandem an Leib und Leben gefährden.
Wäre es nur diese Mischung aus Faszination und Erleichterung, aus der sich die dem Vulkan entgegengebrachte Sympathie nährte, bräuchte ich keinen Kommentar schreiben. Ich beobachte aber noch mehr. Ich sehe ein anerkennendes Schulterklopfen, ein Lob des Vulkans für sein Werk der temporären „Entschleunigung Europas“, wie es die Berliner Zeitung formulierte. Hier kommt die verbreitete Überzeugung der Wachstumsskeptiker zum Ausdruck, die im dichten Flugverkehr zumindest Hybris wenn nicht schon manifestes Zerstörungswerk an Mutter Erde zu erkennen glaubt. Das Treiben des Vulkans wurde demnach als durch natürlichen Ursprung geadelte Mahnung interpretiert.
So wie es aussieht, konnte allerdings Eyjafjallajökull den europäischen Luftraum nur deshalb von Flugzeugen leer räumen, weil zwei menschengemachte Phänomene ihm zur Hilfe kamen: zum einen die von Frank Schirrmacher in der F.A.Z. vom 19. April beklagte Verantwortungsdelegation an Computersimulationen, und zum zweiten die kaum mehr eingeschränkte Herrschaft des Vorsorgeprinzips, das uns zwingt, immer die Entscheidung zu treffen, die uns von einer wirklichen Entscheidung entbindet und verlangt, durch unser Verhalten zu demonstrieren, dass wir gewillt sind, ein je gerade in den Raum gestelltes Risiko zu vermeiden.
Der Faszination von Naturgewalten müssen wir uns nicht verschließen, aber den Glauben, der Mensch könne es mit dieser Natur nicht aufnehmen und sollte sich der ihm gesteckten Grenzen erinnern, müssen wir zurückdrängen.
Thilo Spahl ist Novo-Ressortleiter Wissenschaft und Technik. Zuletzt erschien von ihm, Detlev Ganten und Thomas Deichmann das Buch „Die Steinzeit steckt uns in den Knochen. Gesundheit als Erbe der Evolution“ (Piper 2009).
19.04.2010 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Kultur und Gesellschaft
@ Herr Petrarca, eine gute Frage: Ich würde sagen, die Unterwürfigkeit gegenüber “der Natur” ist eine logische Konsequenz der Geringschätzung des Menschen und seiner Fähigkeiten, mithin Ausdruck eines deutlichen Antihumanismus. Siehe hierzu mein soben geposteter Beitrag „Katastrophaler Umgang“
Die Vergöttlichung der Natur ist, geschichtlich gesehen, nichts Neues. Man lese Goethe, die Romantiker sowie die Neoromantiker jeder Coleur der folgenden Zeitalter. Es handelt sich schlichtweg um eine “systemisch” bedingte Verwirrung der Hierarchien von Werten vor. Das dies auch zu einem Antihumanismus ausartet, ist letztlich eine logische Konsequenz.




Das Lied , der natur die uns wieder die Grenzen aufzeigt, wird wieder in den Medien gespielt , sehr richtig. Witzige Anekdote an dem Rande: Eva Herman bläst im obskuren Kopp Verlag ins exakt selbe Mutter Natur Horn. Lässt tief blicken über unseren Medienzirkus.
Was aber, auf vermutlich biologischer Seite, interessant ist, woher dieses unterwürfige gegenüber “der” Natur kommt, dieses Humanisieren der Mittel, was die Natur nunmal ist. Auf irgendeine Gegenliebe stößt dies ja nicht. Also woher kommt dies?
Francesco Petrarca
20.04.2010 15:34